Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark
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Was man lieber bleiben läßt:
BETROFFENEN-DEMO
Mit der Demo vom 24.10. sollte der "entsolidarisierenden Politik
das solidarische Handeln aller Betroffenen entgegegestellt" wer-
den.
Das halten wir für grundverkehrt.
Denn wer als
Betroffener
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solidarisch zum Ballhausplatz marschiert, will seine Schädiger
nicht bekämpfen, sondern als Geschädigter - ausgerechnet! - bei
ihnen um Gehör und Rücksichtnahme betteln.
Wer als "Betroffener" bei seiner Obrigkeit als solidarisches WIR
vorstellig wird, gibt sich nicht mit der Vorstellung zufrieden,
daß einer betroffen ist, wenn es ihn erwischt hat. Solche in ih-
rer Betroffenheit solidarische Menschen finden es matt, bloß die
S c h ä d i g u n g zu bezeichnen, geschweige denn sich ihren
Grund klar zu machen, die der Staat an ihnen vollzieht. In dem
Ehrentitel "Betroffene" legen sie viel mehr hinein: das Passivum
und die Vergangenheit sollen zu ihrem Recht kommen: Es ist pas-
siert, wir sind die L e i d t r a g e n d e n und stehen schön
blöd da. Das ist die Eigenschaft von "Betroffenen" wenn sie sich
k l a g e n d w u n d e r n über die Ungerechtigkeiten, die ih-
nen angetan werden.
Was das Spiel mit dieser Bedeutung des Wortes in der politischen
Diskussion zu suchen hat, weiß ein jeder: Wer sich a l s
O p f e r p r ä s e n t i e r t, dem gebührt Rede- und Klage-
recht. Wenn sich alle Betroffenen versammeln, dann bleibt kein'
Auge trocken. Denn ein anständiger Österreicher kritisiert nicht
einfach, sondern nur vom S t a n d p u n k t d e s
O p f e r s. Die e n t t ä u s c h t e U n s c h u l d, das
zur Schau gestellte Gefühl, ganz passiv herumzustehen und für die
erlittenen Wunden selbst gar nichts zu können, kommt zu Wort,
wenn in der hiesigen Szene "Betroffene" a k t i v werden.
Da geht es gesamtösterreichisch kämpferisch zu - und es macht gar
nichts, wenn sich die "Kritik" darin erschöpft, daß Belege vorge-
zeigt werden, wie betroffen man/frau ist. V o r g e f ü h r t e
Schädigung, die Demonstration des Selbstbewußtseins, das keinen
anderen Inhalt hat als "Ich = Leidtragender", ist nämlich keine
Kritik und auch nicht der Auftakt zu ihr.
Dergleichen Veranstaltungen reduzieren sich auf den untertänigen
Beweis, daß einem das R e c h t a u f G e h ö r zustehe. In
der Pose des Übergangenwerdens treten erwachsene Menschen an, nur
um zu zeigen, daß sie nichts Unanständiges wollen und kreuzbrav
um B e r ü c k s i c h t i g u n g bitten, die sie sich durch
ihre Betroffenheit verdient haben. Bei wem, ist nicht schwer zu
erraten. Bei den
Betreffenden
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Das sind zwar die, die für die erfolgte Schädigung zuständig
sind. Aber das hindert sie keineswegs daran, auch noch für die
B e t r e u u n g derer V e r a n t w o r t u n g zu tragen,
die darum betteln. Für "Betroffene" haben sie allemal Verständ-
nis, ihre Vertretung läßt sich prima versprechen und abwickeln,
denn solche Untertanen ermächtigen jeden, der ihre
"Betroffenheit" honoriert.
Die ganze Bettelei um Verschonung treuer Bürger mündet sehr fol-
gerichtig in den Aberwitz,
die Politik als eigentlich Betroffenen
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hinzustellen und in i h r e m Namen an sie zu appellieren.
Irgendwie scheinen die Organisatoren der Demo nicht mitgekriegt
zu haben, daß die Macher der demokratisch verwalteten Marktwirt-
schaft "Arbeitslosigkeit, Sozialabbau und Bildungsstop" zum
G e d e i h e n ihres feinen Systems für unbedingt notwendig er-
achten.
Sonst käme man als "Betroffener" dieses Systems kaum auf den ab-
wegigen Einfall, es selbst vor den Folgen seiner Maßnahmen retten
zu wollen. Mit einer Widerstandserklärung ist folgender Motiven-
bericht zum Demobeschluß jedenfalls nicht zu verwechseln:
"Weil wir mehr und mehr Grund zur Annahme haben, daß die gegen-
wärtige Wirtschafts- und Sozialpolitik Österreich ökonomisch, so-
zial und politisch auf das Abhängigkeitsniveau eines sogenannten
Schwellenlandes herabdrücken wird"
- aufgrund dieses herben Verdachtes wird sich hier solidarisch
versammelt. Da verwechselt einer sehr zielstrebig die eigene oder
bei anderen festgestellte Verarmung mit einem A r m u t s-
z e u g n i s f ü r d i e N a t i o n, deren Erfolg in der
Konkurrenz der Staaten ihm sehr am Herzen liegt. Da will ein
geprügelter Knecht seinen Herrn pflichtbewußt darauf aufmerksam
machen, daß seine Prügel der Herrschaft nicht bekommen, und
bezieht aus dieser Untertanengesinnung sein ganzes Selbstbe-
wußtsein für die B e r e c h t i g u n g, d a s einmal zu
demonstrieren.
Für diesen guten Zweck scheut der Wille, amtlich in Umlauf ge-
setzte Phrasen, und offizielle Ehrentitel der Nation für das ei-
gene Anliegen zu reklamieren - k r i t i s i e r en w i l l
s o e i n "B e t r o f f e n e r" d i e n i c h t -, keinen
Widerspruch:
"Wir rufen auf, gegen diese Wirtschafts-, Sozial- und Bildungspo-
litik der Koalitionsregierung aufzustehen, die sich an Vorbildern
wie Thatcher, Reagan und Kohl orientiert!"
Was denn nun? Die drei Führungsmächte des Imperialismus in Ge-
fahr, auf das "Niveau eines Schwellenlandes herabgedrückt" zu
werden? Österreich auf Kohlschem Erfolgskurs - ein Unglück für
die Nation? Oder einfach der nationalistische Unwille, zwischen
dem Erfolg der Nation und den Kosten, die die "Betroffenen" zu
bestreiten haben, einen Gegensatz gelten zu lassen?!
Offenbar ist die Staatsbürgergleichung: 'Wenn es dem Staat gut
geht, geht es mir gut; umgekehrt - umgekehrt', der fixe Ausgangs-
punkt dieser Sorte Widerstands; und der wird immer dann besonders
heftig, wenn der Staat die Lüge dieser Gleichung wieder einmal
praktisch zum Schaden der "Betroffenen" beweist.
Das ist trostlos, weil mitmacherisch bis zum Gehtnichtmehr. Wer
gegen die "entsolidarisierende Politik" eine Demo aufzieht, die
eine unbedingte Einheit aller Bürger zum Inhalt hat, der hält al-
len Ernstes die verschärfte Sortierung des Staatsbürgermaterials
für eine fahrlässige Spaltung aller Österreicher guten Willens.
Der widerlegt im nächsten Schritt diese "Befürchtung" mit der
Demo, daß sich solidarische Österreicher von ihrer Regierung un-
ter keinen Umständen spalten lassen.
Der will keinen Gegensatz zur herrschenden Politik geltend ma-
chen, sondern wider jede Erfahrung einen gemeinsamen Fahrplan zum
Wohle aller - der Regierenden und der Regierten, der Betreffenden
und der von ihnen Betroffenen - einklagen.
Die MARXISTISCHE GRUPPE will das nicht. Sie ist strikt unsolida-
risch und will diese falsche Gemeinsamkeit nationalistischer Har-
monieduselei spalten. Sie macht den amtierenden Regenten nicht
den Vorwurf, sie würde ein einig Volk entzweien. Die MG kriti-
siert lieber die K l a s s e n g e s e l l s c h a f t u n d
i h r e p o l i t i s c h e G e w a l t und sagt d e r e n
N o t w e n d i g k e i t e n den politischen Kampf an, anstatt
sich in die Masse der "Kritiker" einzureihen, die den Erfolg der
Nation zum Maßstab ihres "Betroffenseins" erkoren haben.
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