Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark


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DER ANSCHLUSS, IDEOLOGIE UND WIRKLICHKEIT

Daß die größten Siege eines Österreichers in diesem jahrhundert in ausländischen Diensten stattgefunden haben und die 7-jährige Ausschaltung der alten Heimat miteinschlossen, können Österreichs Politiker und Intellektuelle Hitler nicht verzeihen. Ebensowenig den Führern der ersten Republik, daß sie die Heimat vergeigt haben; und auch die Väter- und Großvätergeneration steht gar nicht gut da, weil sie ihr Bestes, die staatsbürgerliche Pflichterfüllung, für etliche Jahre an die falschen Herren ver- mietet hat. Das würde natürlich alles genau andersherum gesehen, wenn Hitlers Weltherrschaftsanspruch nicht in einer endgültigen Niederlage geendet hätte. So aber wittern österreichische Vergangenheitsbe- wältiger bei den ehemaligen Politikern Vaterlandsverrat. Und bei der Masse der Staatsbürger hochgradige Bestechlichkeit. Weil sie sich zu Hitler genauso verhalten haben, wie sie es in der 1. Re- publik gelernt hatten und in der 2. munter beibehalten: den Staat als Lebensmittel betrachten, sich seiner Erfolge erfreuen und zünftig an dem teilhaben, was dabei für sie abfällt. Viel ist das nicht. I. Der Anschlußwille einer Nation an einen größeren Staat(enverband) ist kein V e r r a t am Nationalismus, sondern dessen F o r t s e t z u n g. Auf Anschluß verfallen Politiker, weil sie in ihrer staatlichen Verfügung über Personen und Reichtum das entscheidende Mittel zur Durchsetzung gegen staatliche Konkurren- ten vermissen. Als nationalistischer Widerspruch wird solche Po- litik empfunden, wenn der Anschluß nicht klappt und man sich da- her in seinem Traditionsbewußtsein auf die Heimat vor dem An- schluß positiv bezieht. 1918 hat sich "L'Autriche, c'est le reste" (Clemenceau) als Deutschösterreich ausgerufen und mit seiner Anschlußwilligkeit den Anspruch auf Revision der Kriegsniederlage angemeldet. Das "Friedensdiktat" von Saint-Germain, die Zurückweisung des öster- reichischen Gebietsanspruchs auf Südtirol und der geforderten Grenzkorrekturen gegenüber Jugoslawien, der Tschechoslowakei und Ungarn hat bei den österreichischen Politikern die "Lehre" reifen lassen, für die eigenen politischen Ambitionen zu schwach zu sein. Abstand nehmen wollte deswegen weder der sozialistische Bundeskanzler Renner noch sein christlich-sozialer Widerpart und Nachfolger Seipel. Im Unterschied zu WK II, wo das eindeutige Re- sultat den Verlierernationen Wiederaufbau und Wiederaufstieg nur als souveräne Vasallen des 'amerikanischen Friedens' realistisch erscheinen ließ, wollte nach dem 1. Weltkrieg weder Deutschland noch Restösterreich schamhaft die Vergangenheit 'bewältigen', sondern die unbefriedigende Gegenwart umgestalten. Unter den konkurrierenden Bündniskonzepten: Donaukonföderation, Zollunion Österreich-Tschechei, Zollunion mit Deutschland, Schutzbündnis mit Mussolinis Italien, erwies sich der Anschluß an Deutschland sehr rasch als die zukunftsweisende Option. Schließ- lich war die Weimarer Republik schon vor Hitler in ihrem Bestre- ben, die Mittel zur Revision des Versailler "Schandfriedens" an- zuschaffen, der interessanteste Anschlußpartner, um die Karten zur Aufteilung Europas neu zu mischen. Daß sich die sozialistische Führung, mit Ausnahme Renners, durch die Hitlersche Machtergreifung in ihrem Anschlußwillen gestört sah, liegt nicht an etwaigen Zweifeln bezüglich ihrer Großmachts- bestrebungen, sondern ausschließlich an dem Umstand, daß Hitler im Umgang mit der deutschen Schwesterpartei jede Hoffnung auf Parteienpluralismus, Anerkennung und Mitregentschaft erstickt hatte. Hitlers Idee, daß sich die Volksgemeinschaft in einer Ein- heitspartei vergegenständlichen soll, schloß konkurrierende Staatsparteien radikal aus. Der Austrofaschist Schuschnigg hatte gegenüber einem Anschluß an Deutschland wesentlich größere Vorbehalte. Er huldigte gemäß sei- ner Weltanschauung, wonach die "Österreicher die besseren Deut- schen" seien, dem imperialistischen Idealismus, die politische Vereinigung mit der deutschen Nation für die Aufwertung Öster- reichs "im Konzert der deutschen Völker" benutzen zu können. In seiner Regierungszeit brachte ihm Hitler die politische Wahrheit mit unzähligen Ultimaten bei, daß Anschluß an eine stärkere poli- tische Gewalt bedingungslose Liquidierung der schwächeren Nation und nicht Aufwertung bedeutet. Schuschnigg hat, entgegen heutiger Vorwürfe, bis zum Schluß für sein blödes Ideal eines "gefestigten", "starken", von allen "Fremdeinflüssen befreites Deutschösterreich im deutschen Staatenverband" gekämpft. Als Hit- ler endgültig die Gewaltfrage stellte, entschied sich der letzte österreichische Bundeskanzler sehr konsequent dafür, seinem Volk eine schmachvolle Niederlage zugunsten einer größeren deutschen Heimat ohne österreichische Besonderheiten zu ersparen. II. Die Parteien der 1. Republik sollen ihre Parteiinteressen vor die Staatsverantwortung gestellt haben. Als Standesparteien hätten sie sich von den jeweiligen Partialinteressen ihrer Wähler zu ab- hängig gemacht. Der darüber initiierte Parteienstreit hätte die Einheit der Nation in Frage gestellt und Hitler ein krisenge- schütteltes, tief gespaltenes Österreich in die Hände gespielt. Die offizielle Verurteilung der damaligen Parteienlandschaft kon- statiert einen Streit, ohne auch nur im geringsten wissen zu wol- len, warum und worüber die Parteien miteinander ins Gericht ge- gangen sind. Alles, was an "historischen Fakten" in die Diskus- sion eingebracht wird, dient nur als Beleg dafür, daß gestritten wurde. Weil die Stärke und Konsolidiertheit der Nation das ein- zige Qualitätskriterium ist, wird ein Plädoyer für einen Ein- heitspatriotismus losgelassen. Die damalige Demokratie, bezie- hungsweise ihre austrofaschistische Weiterentwicklung wird vom Standpunkt der faschistischen Ansprüche an eine starke Herrschaft gemessen und für zu leicht befunden. Diese Lehre wird heute nicht von Faschisten gezogen, sondern von demokratischen Vergangen- heitsbewältigern, die offensichtlich an ihrem Dreiparteiensystem mit grüner Fußnote das demokratische Ideal eines gefestigten, gleichgeschalteten Nationalismus schätzen, der einem Hitler von vornherein keine Chance ließe. Dabei scheint es niemand zu stö- ren, daß diese Betrachtungsweise den Erfolg Hitlers aus dem Feh- len von Umständen erklärt, die heutzutage eine gut funktionie- rende Demokratie a u s m a c h e n. Daß die 1. Republik an ihrer "Uneinigkeit" zugrundegegangen ist, ist ein Unsinn, der nur jemand einleuchtet, der noch bei jedem Streit sein Ideal eines Einheitspatriotismus hochhält. Der Streit zwischen den Sozialisten und den Christlichsozialen der 1. Republik war weder Ausdruck ihrer "Abhängigkeit vom Wäh- ler" - auch das ein bezeichnender Vorwurf für Parteigänger der Volksherrschaft! -, noch handelte es sich um Klassenkampf. Es war ein Streit um die Interpretation, was alles zu einer ordent- lichen, funktionsfähigen Demokratie gehört. Die S o z i a l i s t e n vertraten die Auffassung, daß Arbei- terinteressen und Staatsinteresse miteinander vereinbar seien. Mehr noch: Als Fanatiker der Arbeit leiteten sie nicht nur ein Recht des produktivsten Teils des Volksganzen auf politische An- erkennung und Verantwortung im Staate ab. An der Tatsache, daß die politische Macht unter den bürgerlichen Parteien aufgeteilt wurde, sowie aus dem Umstand, daß sich wenige "erfolgreiche Kapi- talisten" ("Großkapitalisten", "ausländisches Geldkapital") das Privateigentum an den Produktion aufteilten, entdeckten sie eine schädliche Abhängigkeit der Nation und ihrer fleißigen Hände von Privatinteressen. Ihr Anspruch auf politische Mitverantwortung und ihre wirtschaftspolitischen Vorschläge zur Verstaatlichung und Einführung des Genossenschaftswesens dienten der "1918 begon- nen nationalen Revolution". Soll heißen: dem Ideal, daß sich Österreich endlich aus dem Würgegriff privater Geschäftemacher befreien, zu seiner wahren Größe gesunden und als eine wirklich ganz souveräne Staatsgewalt den Bürgern Rechte und Pflichten ge- mäß ihrem Beitrag zum Staatsganzen zukommen lassen sollte. Mit einem Programm zur Abschaffung des Kapitalismus ist das nicht zu verwechseln. Das bewiesen sie mit ihren sozialstaatlichen Ambi- tionen, die erklärtermaßen die B e f r i e d u n g der Arbeiter zum Zweck hatten und ihre staatliche Betreuung als n ü t z- l i c h e K l a s s e festschreiben wollten. Die Sozialisten wollten mit der Eingliederung der Arbeiterklasse in den Staat die Nation groß machen, mit der sie außenpolitisch einiges vorhatten. Deswegen mutete Otto Bauer den von ihm zu Be- freienden ohne weiteres zu, sich zur Herstellung eines "revolutionären" Großdeutschlands in die sozialistische Pflicht nehmen zu lassen. Die Christlich-Sozialen und späteren Austrofaschisten haben gegen die sozialistische Konkurrenz daran festgehalten, daß Arbeiterin- teressen einen Gegensatz zu Staats- und Wirtschaftswohl bilden. Weil sie auch eingesehen haben, daß ein benutzbarer Prolet ein Dach über dem Kopf haben muß, haben sie den Austromarxisten in ihren Sozialstaatsambitionen prinzipiell recht gegeben beim Streit um die Kosten waren sie freilich schon viel weniger groß- zügig. Für eine endgültige politische Gleichstellung und Machtaufteilung gemäß den Spielregeln demokratischer Parteienkonkurrenz sahen sie bei all diesen nützlichen Dienstleistungen keinen Grund. Daß das kapitalistische Privateigentum durch die Ausschaltung der Pri- vateigentümer und die Verstaatlichung wichtiger Geschäftszweige erst seine segensreiche Wirkung für den Reichtum der Nation ent- falten sollte, leuchtete ihnen ebensowenig ein. Während ihre sozialistischen Gegner vor allem in der Raffgier des Großkapitals die Gefährdung der Nation sahen, hielten die Austro- faschisten vor allem die politische Opposition durch die Arbei- terpartei und deren agitatorische Benutzung der "sozialen Frage" für die wesentliche Störung der Einheit der Nation. Daher verbo- ten sie diese Sorte Opposition, ließen auf Arbeiter schießen und kriminalisierten ihre Führer. Letztere wollten durch betontes Stillhalten den politischen Beweis antreten, daß bei ihnen jeden- falls nicht die Schuld zu suchen ist, wenn "die Demokratie zu Grabe getragen" wird (Renner). Dafür nahmen sie auch in Kauf, daß sich ihre Parteigänger großteils unbewaffnet der austrofaschisti- schen Militanz ausgeliefert sahen. Diesen Vereinen 50 Jahre danach vorzuwerfen, sie hätten damals nicht genug patriotische Einheit bewiesen, ist nicht aus der leidvollen Erfahrung des Faschismus geboren. Sondern aus der haltlosen Begeisterung für gefestigte demokratische Herrschafts- verhältnisse, wo jede politische Leistung nur mehr daraufhin be- gutachtet wird, wie sehr sie die Einheit der Regenten beim Umgang mit den jeweiligen wirtschaftlichen und politischen "Sachzwängen" widerspiegelt. Und wo 200.000 Arbeitslose zur koketten Sorge an- regen, ob sie über ihrem materiellen Schaden nicht ihren "Lebenssinn", vor allem aber den "Glauben" an die Demokratie ver- lieren könnten. Den Beweis ihrer "Kooperationsfähigkeit" haben Sozialisten und Christen 10 Jahre später angetreten, indem sie gemeinsam "die Verstaatlichte" zur Grundlage des Österreichischen Kapitalismus gemacht haben; und am Faschismus, aber auch ohne ihn, "gelernt" haben, daß alles Denken und Tun sein Recht daraus bezieht, inwie- fern es Ö s t e r r e i c h befördert und ehrt. Klar, daß in solcher geistigen Atmosphäre die wirklichen Leistun- gen der beiden Parteien völlig untergehen, mit denen sie sich un- gewollt zu "Steigbügelhaltern" Hitlers gemacht haben. Schließlich waren es Renner, Dollfuß und Schuschnigg, die den pa- triotischen Grundkonsens durchgesetzt haben, daß Wirtschafts- krise, Arbeitslosigkeit und Armut eine S t ä r k u n g der Na- tion verlangen, die Bekämpfung in- und ausländischer Parasiten notwendig machen und jede oppositionelle Regung zum Vaterlands- verrat stempeln, sofern sie nicht zur Stärkung der Nation an- tritt. Die Sozialisten können sich das Verdienst auf ihre Fahnen schrei- ben, die Politisierung der Arbeiter in der Hauptsache vorange- trieben zu haben, ohne die das Hitlersche Staatsprogramm auf ziemliches Unverständnis gestoßen wäre. Man muß als ausgebeutete Klasse den Staat schon sehr gründlich mit einer Instanz verwechseln, die für das Recht auf Arbeit und Auskommen sorgt, um in der Schwäche der Nation den Grund des ei- genen Schadens zu entdecken. D a n n allerdings hat man ein of- fenes Ohr für das Programm, daß diesem Staat auch jedes Recht und jeder Erfolg zusteht und jedes Opfer dafür ein Ehrendienst ist. III. 1938 sollen österreichische Staatsbürger einen unverzeihlichen, wenn auch verständlichen Fehler begangen haben. Sie sollen sich durch Hitlers materielle Bestechung mit Arbeit, Brot und Autobah- nen von ihrer Heimat Österreich abwerben haben lassen. Damit wird Hitler ein ebenso falsches wie dickes Kompliment aus- gesprochen. Dem Führer wird eine Beförderung des Materialismus der Untertanen zugesprochen und ihm damit 1988 noch nachträglich bestätigt, daß er mit seinem nationalen Schulterschluß, die Na- tion durch Arbeitsprogramme zu stärken und den Millionen Arbeits- losen durch staatlich angekurbelte Produktion wieder Arbeit und Brot zu geben, irgendwie richtig gelegen ist. Das Kompliment geht inzwischen soweit, daß den Schuschniggs vorgeworfen wird, sie hätten Staatskredit und Wirtschaftshoheit im Vergleich zu Hitlers Großtaten zuwenig effektiv zur Stärkung der Nation benutzt. Falsch ist daran, daß Hitler überhaupt nie den M a t e r i a- l i s m u s der Leute angesprochen hat, sondern ausschließlich ihren S t a a t s i d e a l i s m u s. Als F a n a t i k e r d e r A r b e i t als Reichtumsquelle der Nation hat er in kürzester Zeit die Arbeitslosen, die die freie Marktwirtschaft unter demokratischer Regie angeschafft hatte, von der Straße geholt. Gegen den Kapitalismus als Geschäftsgrundlage der Nation hat er natürlich nichts gehabt. Aber dagegen, daß für die Profitkalkulation "Millionendeutsche Arbeitsstunden" brachgelegt wurden. Insofern hat er die Gleichung Arbeit = Dienst an der Nation dahingehend ernst genommen, daß er die vom Geschäft Aus- sortierten in den "Arbeitsdienst" für die Nation nahm. Demokratische Vergangenheitsbewältiger können diese Leistungen Hitlers nicht kritisieren. Im Gegenteil: Wo Hitler die Forderung "Arbeit und Brot!" in ihrer nacktesten antimaterialistischen Wahrheit eingelöst hat, ereilt ihn der Ruf eines großzügigen Ar- beitsplatzspenders und Armutsbekämpfers. So sehr Demokraten die Parteigängerschaft mit Hitler als ein Hereinfallen auf materielle Verlockungen geißeln, so sehr verwechseln sie Ausbeutung mit Ma- terialismus. Insofern vollziehen sie 1988 theoretisch nach, was ihre Väter und Großväter zu Parteigängern Hitlers werden ließ. "Natürlich" ist der Übergang von der spürbaren Not des "Ausgesteuerten", ohne Geld leben zu müssen, zum untertänigen Dank für das Glück, überhaupt arbeiten zu dürfen, ganz und gar nicht. Und angesichts des kärglichen Lebensunterhalts durch die Hitlersche "Wohlfahrt", ist eine Verwechslung mit Materialismus auszuschließen. Daß sich Österreicher 1938 zum Mitmachen bei Hit- ler entschieden haben, das basiert, auf demselben nationalen Fehlschluß, mit dem sie zuvor der ersten Republik als emsige Un- tertanen gedient hatten. Patrioten erklären sich ihre n i c h t b e n u t z t e D i e n s t b a r k e i t, wie auch alle anderen entdeckten Män- gel in einer Nation, mit einer S c h w ä c h e ebendieser. Das hat bei der Mehrheit der österreicher bis zum Anschluß den Wunsch nach einem starken österreichischen Staat keimen lassen. Als Hit- ler einmarschiert war und damit das Volk von seiner Pflicht ge- genüber den alten Herren entbunden. Da hat den nunmehrigen Ost- märkern sehr rasch und ohne jegliche Umerziehung die machtvolle Ordnung der neuen Heimat imponiert. *** Imperialistische Ansprüche des ersten Austromarxisten ----------------------------------------------------- ... "so daß uns fast nichts bleibt als das felsige, unfruchtbare Gebirgsmassiv der Alpen und die Hauptstadt Wien, deren Existenz- basis durch den Zerfall der österreichisch-ungarischen Monarchie zerstört ist. So wird Deutschösterreich zu einem wirtschaftlich schlechthin unmöglichen Gebilde. Die Zweimillionenstadt, deren Dasein auf ein Wirtschaftsgebiet von fünfzig Millionen Menschen gegründet war, kann in dem kleinen, unfruchtbaren Sechsmillionen- staat nicht bestehen, das arme Gebirgsland der Alpen kann die Riesenlast, die das Erbe der Großmachtpolitik eines Fünfzigmil- lionenreiches ist, nicht tragen. Auf uns selbstgestellt, lebens- unfähig, können wir nur in einem größeren Verbands die Möglich- keit erlangen, uns allmählich wieder emporzuarbeiten. Darum er- streben wir den Zusammenschluß mit dem großen deutschen Mutter- land, von dem uns vor einem halben Jahrhundert Preußens Streben nach der Vorherrschaft gewaltsam getrennt hat. Der Friedensent- wurf, der uns in Saint-Germain vorgelegt wurde, widerlegt die traurige Illusion derer, die in der Absonderung von dem Deutschen Reiche das Heil suchten... Stärker denn je ist heute darum in unserem Volke die Überzeugung, daß es nur im Rahmen der großen Deutschen Republik eine erträgli- che Zukunft finden kann... Die Welt wird nicht gesunden, so lange irgend einem Volke die wirtschaftlichen und die politischen Vor- aussetzungen selbständigen Daseins verweigert bleiben. Es ist heute die Sache unseres deutschen Volkes, unseres großen Volkes drüben im Reiche und seines kleinen Zweiges hier, die Sache der ganzen Menschheit... Denn tief im Wesen der menschlichen Gesell- schaft begründet ist die große Tatsache der Solidarität der In- teressen aller Völker, die Tatsache, daß, wenn eines Volkes Le- bensrecht vergewaltigt wird, schließlich alle Völker darum leiden und bluten müssen." (Otto Bauer, 1919) *** Aus dem Linzer Programm des Austromarxismus ------------------------------------------- Die wichtigsten Aussagen: - "Große Industriekonzerne... zwingen den Regierungen und Volks- vertretungen ihren Willen auf. Die Großbanken beherrschen die Produktion. Das ganze arbeitende Volk gerät so (!) unter die druckende Herrschaft einer kleinen Zahl von Kapitalmagnaten" - Je stärker die Arbeiterklasse den Kampf gegen das Großkapital fahrt, umso größer wird die Unterstützung anderer Schichten der Bevölkerung sein. - Nach der "Eroberung der Staatsmacht" sollen die Produktionsmit- tel vergesellschaftet werden. - Die Sozialdemokratie betrachtet den Anschluß Deutschösterreichs an das Deutsche Reich als notwendigen Abschluß der nationalen Re- volution von 1918..." Wer Ausbeutung als gemeinsame Abhängigkeit der Regierung und als arbeitenden Volkes von "großen Industriekonzernen" buchstabiert, der will die soziale Revolution aus demselben Grund wie den An- schluß: als Mittel, um der Nation wieder zu Recht und Stärke zu verhelfen! *** Imperialistische Idealismen eines --------------------------------- anschlußwilligen Austrofaschisten --------------------------------- SCHUSCHNIGG wörtlich: "Ich wollte beiläufig jenen Zustand anstre- ben, der hinsichtlich der mitteleuropäischen Regelung nach allem Ermessen eingetreten wäre, wenn die Mittelmächte den Krieg gewon- nen hätten. Dem deutschen Block, der ein autonomes Österreich in- begriffen hätte, würden sich meiner Meinung nach als ebenso auto- nome Staaten die anderen mit der Zeit angeschlossen haben, die seinerzeit zum Donaureich gehörten. So dachte ich damals" (gemeint: 1937) Über die Verwirklichung seines Traums schreibt SCHUSCHNIGG: "Praktisch habe ich lediglich einen Versuch gemacht, zu sondie- ren, ob an freie Hand für Österreich hinsichtlich der Staatsform zu denken wäre, wenn es seine Militärhoheit und selbständige Au- ßenpolitik zugunsten einer deutschen Reichsgewalt aufgeben würde." "Volkspolitisch dachte ich mir die Entwicklung so, daß enge wirt- schaftliche Verbindung - zunächst ohne Zoll- und Währungseinheit - angestrebt werde, bei gleichzeitigem regem Kulturaustausch. Für den Verlauf der Entwicklung schwebte mir ein alter Gedanke vor, nämlich Österreich als selbständiger Staat in staatsrechtlicher Bindung mit dem Reich, eben so, daß Außenpolitik und Militärho- heit gemeinsam in Berlin geführt und Österreich ein moderner Bun- desstaat werde." zurück