Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark
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Jörg Haider
DIE ERFOLGSMASCHE EINES NATIONALBEWUSSTEN ÖSTERREICHERS
Jörg Haider, der schicke und "populistische" österreichische FPÖ-
Chef, hat sein Markenzeichen, den "langen blitzblauen Schal"
(Spiegel), erst mal abgelegt und ist in die angesehene Rolle des
Landeshauptmanns von Kärnten geschlüpft. Angetreten, in Öster-
reichs Politik "die Karten neu zu mischen" und die "Altparteien"
das Fürchten zu lehren, hat das politische Wunderkind aus dem
Nachbarland einen neuen Erfolg vorzuzeigen: Durch "ungustiöse
Packelei" (österreichisch für: geschmackloser Zusammenschluß) mit
der ÖVP, was er bislang heftigst kritisierte, darf er nun an der
Spitze eines Bundeslandes echte Politik machen und nicht immer
nur kritisieren und laute Töne anschlagen - womit er seine Kar-
riere begründet hat.
In der Bundesrepublik hat der "blaue Jörg" (noch) ein schlechtes
Image, auch wenn ihm die Bonner FDP-Führung schon ihre Reverenz
erwiesen und ihn zu sich eingeladen hat. Unsere Presseorgane ent-
decken an ihm einen "Hang zu radikalen Sprüchen" oder "politische
Kraftmeierei", wie z.B., daß er 1986 die Führung der FPÖ "an sich
riß" und überhaupt nicht zimperlich mit innerparteilichen Konkur-
renten umgeht. Außerdem soll ihm die im Kapitalismus ansonsten
honorige Tatsache, "dank eines Erbonkels finanziell unabhängig"
zu sein, zum Nachteil gereichen. Besonders verdächtig: Der
"Populist" Haider "spricht ebenso Jungwähler an wie ältere
Frauen". Daß es sich hier alles in allem um genuin demokratische
Eigenschaften eines "Vollblutpolitikers" handelt, bleibt journa-
listischen Begutachtern der politischen Szene im Nachbarland an-
dererseits auch nicht verborgen. Immerhin konnte z.B. der
"Spiegel" schon 1986 seine Bewunderung für den Politiker Haider
nicht verhehlen:
"Wohl am ehesten läßt sich Haider als hochqualifizierte Neuer-
scheinung des Politikers der alten Art begreifen - ein Volksred-
ner und Sprücheklopfer, ein bedenkenloser Opportunist, schneller
Denker und wendiger Taktiker." (Spiegel, 49/86)
Erfolg Nr. 1:
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Parteiführung erobert und den Altparteien Zunder gegeben
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Jahrzehntelang war der österreichischen FPÖ die demokratische Eh-
renrolle des Mehrheitsbeschaffers und "Züngleins an der Waage"
verwehrt. Gegründet worden war sie ursprünglich als Protestverein
gegen den Ungerechtigkeitsskandal, daß bewährten Nationalsoziali-
sten und Österreichern nicht gleich wieder Zugang zu den Staats-
stellen der jungen Demokratie gewährt worden war. Behaftet mit
dem Ruch der "Ewiggestrigen" hat diese Partei bis zu dem Zeit-
punkt ein politisches und parlamentarisches Mickerdasein geführt,
als die regierenden Sozialdemokraten auf einen Koalitionspartner
angewiesen waren. In die Regierung eingetreten, waren die FPÖ'ler
nun auch nichts anderes als e i n Part in dem österreichischen
Nationalspiel Proporz, d.h. der einvernehmlichen Machtverteilung
zwischen SPÖ und ÖVP im ganzen Lande, an dem sich auch nichts ge-
ändert hatte, als die ÖVP 1970 die oberste Macht in Wien an die
österreichische Brandt-Ausgabe Kreisky abgeben mußte.
Ein zu allem, d.h. zur Macht, entschlossener "Nachwuchspolitiker"
wie Haider entdeckte darin seine Chance: Erst profilierte er sich
innerhalb der Partei gegen diese unwürdige Verfilzung mit den Re-
gierungsträgern, bis zur Übernahme der Parteispitze eben und der
Entfernung politisch "Andersdenkender". Schon damit ausgewiesen
als demokratischen Erfolgstyp, konnte er so richtig loslegen, als
die SPÖ auf nationaler Ebene eine große Koalition mit der ÖVP
einging. Haider besetzte eine Rolle, die in der österreichischen
Politik noch nicht vergeben war: die des unverbrauchten opposi-
tionellen Saubermanns, der aufrecht gegen die Skandalrepublik der
Altparteien antritt. Worüber sich 40 Jahre lang keiner so recht
aufregen wollte, weil so die demokratisch legitimierte Macht kon-
struiert war, kommt nun Haider zugute, weil er als schonungsloser
Ankläger auftritt. Und da er bzw. seine FPÖ nie so recht betei-
ligt waren und SPÖ/ÖVP selber nationale Verzichtskampagnen für
das österreichische Volk in Umlauf gebracht haben - "nur so"
könne sich die rotweißrote Ökonomie in einem von der EG dominier-
ten Europa behaupten -, ist dieser "Populist" nun in der glückli-
chen Lage, die nicht von ihm in die Welt gesetzten Standards von
persönlichem Verzicht und nationaler Größe als seine Maßstäbe er-
folgreich an den Mann zu bringen.
Warum das so glatt geht?
"Es gibt halt Österreicher, die ein gutes Gespür haben für das,
was in der Politik nicht nur erfolgreich ist, sondern auch an-
ständig." (Haider, Spiegel-Interview, 10/89)
Erfolg Nr. 2: Nationaler Guru zur rechten Zeit
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Gesellschaftskritik im Namen eines
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gebeutelten Staatsbürgermaterialismus
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Was "traut" er sich denn nun wirklich, der Jörg? Haider leiht
seine Stimme der überwiegenden Mehrheit der Bürger, die mit den
Einkommensresultaten ihrer Arbeit unzufrieden sind. Als Grund
dieses Mißstandes weiß er folgendes anzugeben:
"Auch ist die Sozialpartnerschaft gar nicht so sozial, wie sie
vom Namen her sein sollte, denn wenn die Sozialpartnerschaft ir-
gendwo versagt hat, dann sicherlich in der Lohn- und Steuerpoli-
tik, denn die Chancen einer echten Steuerreform für die Arbeit-
nehmer wurden nicht ergriffen, den Tüchtigen bestraft man..."
(Haider)
"Leistung wird heute diskriminiert." (Haider, Villacher Partei-
tag)
So unsinnig diese Erklärung des ökonomischen Schadens der Bürger
ist, so hilfreich ist sie zur Gewinnung der politischen Perspek-
tive, niedrige Lohnrunden und hohe Steuervorschreibungen ausge-
rechnet für die Fortsetzung von Lohn- und Steuerpolitik unter der
Ägide des freiheitlichen Dynamos sprechen zu lassen. Daß der Le-
bensunterhalt Lohnabhängiger als möglichst gering zu haltende
Kost des Betriebs bilanziert wird und das Finanzamt auch noch die
Kosten der Herrschaft von ihnen einfordert - diese Gründe für die
ungemütlichen Reproduktionsbedingungen verfabelt Haider in das
Angebot an alle Fleißigen, Tüchtigen und Leistungswilligen: Die
Interessen von Unternehmen, Finanzbehörde und Lohnabhängigen lie-
ßen sich wunderbar vereinbaren, wenn nicht die Sozialpartner
ständig Ungerechtigkeiten ausmauschelten.
Als gestandener Oppositionspolitiker benutzt Haider die Resultate
demokratischer Herrschaft für seine Wahlerfolge, indem er die
Hoffnung aller unzufriedenen Staatsbürger bestätigt, wonach die
Klassengesellschaft unter einer verantwortungsvollen Führung für
jeden anständigen Bürger letztlich doch eine lohnende Angelegen-
heit wäre.
Ein Bekenntnis zur Klassengesellschaft im Namen der Geschädigten:
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"Leistung soll sich wieder lohnen"
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Insofern macht sich Haider für die I d e o l o g i e der Klas-
sengesellschaft stark, die sich selbst gerne
"Leistungsgesellschaft" tituliert. Die Dienstleistung für Wirt-
schaft und Nation soll sich demnach
"für den Staatsbürger, für den normalen Arbeiter, für den norma-
len Angestellten, der brav seine Steuer zahlt und tagtäglich sei-
ner Pflicht nachgeht" ( Villacher Parteitag),
auszahlen. Gegen diese Abhängigkeit hat Haider gar nichts einzu-
wenden. Vielmehr beruft er sich mit seinem Lob des anständigen
Bürgers darauf, um aus dem D i e n s t für Wirtschaft und Na-
tion ein R e c h t a u f V e r d i e n s t abzuleiten. Er
sieht sich als Anwalt der arbeitenden Bevölkerung, jener
"fleißigen, tüchtigen und anständige Bürger in diesem Land, die
sich anstrengen, die nicht ständig die Hand beim Staat aufhalten,
die nicht alle Sozialleistungen haben wollen, aber die jedenfalls
für ihre Leistungen und für ihren Einsatz eine entsprechende An-
erkennung haben wollen." (Villacher Parteitag)
Haiders Vorschlag lautet nicht, die fleißigen Produzenten sollten
den von ihnen erarbeiteten gesellschaftlichen Reichtum künftig
auch in vollen Zügen genießen dürfen; dafür bräuchte es wirklich
keinen Bundeskanzler Haider, der den "Einsatz" mit einer
"entsprechenden Anerkennung" zu vergelten verspricht. Vielmehr
soll die souveräne Staatsgewalt die per Gesetz und Schutz des
Privateigentums die besitzlose Bürger auf den Dienst für "unsere"
Wirtschaft verpflichtet, sich zudem dem noblen Zweck verschrei-
ben, die willigen Untertanen für ihre Dienst zu loben sowie da-
für, daß sie der Sozialstaat so wenig auf der Tasche liegen. Hai-
der entwirft eine Hierarchie der Leistungsbereitschaft, wobei mit
dem Grad des nationalen Dienstes das Recht auf Entschädigung
steigen sollte.
"Die Familienbesteuerung hat man überhaupt ausgeklammert, und es
ist noch heute so, daß ein Familienvater, der 15.000 Schilling im
Monat verdient, mehr Steuern bezahlt als ein lediges Paar, das
zusammen 15.000 Schilling verdient. Das ist doch ein Skandal in
einem Land, wo jemand in seiner Familie Verantwortung bereit ist
zu übernehmen, hier bedarf es einer wirklichen Veränderung."
(Villacher Parteitag)
Gleichgültig, ob Haider aus diesem Vergleich den Schluß zieht,
dem Familienvater künftig ein paar Hunderter Steuern zu erlassen,
oder ob der Gerechtigkeit dadurch Genüge getan wird, daß das Pär-
chen künftig mehr Steuern berappen muß - die anvisierte
"Veränderung" soll gar nicht der Aufhebung der ungemütlichen fa-
miliären Armut, sondern ihrer Belohnung dienen. Dem geplagten Fa-
milienvater widerfährt Gerechtigkeit, indem die anderen minde-
stens genauso wie er bluten müssen oder vielleicht noch mehr.
Von wegen, Haider verspreche den Wählern "das Blaue vom Himmel"!
Er (v)erklärt Familienväter, Bauern, Arbeiter, Unternehmer zu
lauter leistungsgeilen Verantwortungsträgern und Erfolgstypen -
deren Initiativen nur leider nicht entsprechend belohnt und deren
berechtigte Erfolge durch staatliche Machenschaften be- und ver-
hindert werden. So bestätigt er jedem zu kurz gekommenen Inter-
esse, daß es mit seinen Bemühungen goldrichtig liegt - und gibt
ihm in seiner Unzufriedenheit gleich noch einmal darin recht, daß
seine Anstrengungen e i g e n t l i c h einen besseren Lohn
verdienten. Bloß so Haiders Diagnose: Die derzeitigen Inhaber der
Staatsmacht v e r f ä l s c h e n, fahrlässig oder gar vorsätz-
lich, stets die an sich rundum zufriedenstellenden - weil gerech-
ten - Resultate der einschlägigen Privatinitiativen. Ein Jörg
Haider an der Spitze der Politik hingegen - und das ist schon das
ganze "Versprechen"! würde seine ganze Macht darauf verwenden,
dem quasi n a t ü r l i c h e n Verhältnis von Einsatz und Er-
trag endlich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Insofern besteht Haiders "Volksverführung" in einem sehr ideellen
Lohn: Haider widmet sein ganzes oppositionelles Engagement dem
Aufdecken von Bonzenwirtschaft und Parasitentum und verspricht
dem "fleißigen, anständigen Bürger" vor allem eines: Sein Dienst
für Wirtschaft und Nation verdient sich eine politische Ordnung
von mindestens ebensolcher Anständigkeit.
Wodurch sich Leistung wieder lohnen soll:
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Schuldsprüche gegen Bonzen, Nehmer und Parasiten
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Haider will ausgemacht haben, warum die Gleichung von Dienst und
Verdienst für die Betroffenen nie aufgeht. Da gibt es jede Menge
"Bonzenwirtschaft", eine "Nehmer" statt einer "Arbeitnehmer-
partei" und
"Sozialversicherungen... mit einer Sauna für jedes Vorstandsbüro,
damit die Direktoren irgendwann einmal in ihrem Leben ins Schwit-
zen kommen, wenn sie schon beim Arbeiten keine Schweißausbrüche
haben" (Wahlkampfrede).
Nicht die Ämter stören den freiheitlichen Sittenwächter, sondern
ihr Mißbrauch das eingebildete und wirkliche high-life der Funk-
tionäre trägt die Schuld an den miesen Einkommens- und Lebensver-
hältnissen der Leute, nicht etwa die Zwänge von Kapital und sozi-
alstaatlicher Verwaltung der Armut. Andrerseits will Haider nicht
einfach versprechen, daß es einem mit garantiert sauberen Politi-
kern und bienenfleißigen Sozialstaatsfunktionären besser ginge..
"Denn in der Regel muß ein Arbeitnehmer lange Zeit hart arbeiten,
damit es ihm eine kurze Zeit gutgeht. Die Sozialstaatsfunktio-
näre, denen geht es immer gut, auch wenn sie ihr Leben lang nie
arbeiten müssen, und ich meine, daß die Umkehr der Werte in die
falsche Richtung geführt hat." (Villacher Parteitag)
Also lautet die Haidersche Kampfansage gegen die Werteumkehr: Dem
Arbeitnehmer sollen die Härten seiner Existenz durch ebenso flei-
ßige Funktionäre versüßt werden, die keine unnützen Ausgaben tä-
tigen und sich nicht arrogant aufführen. Demütige statt übermü-
tige Politiker, die in der Abwicklung der Herrschaft ihren Bür-
gern die Würde und Anerkennung entgegenbringen, die sie sich in
ihrem aufopfernden Einsatz verdient haben - so brav sind die Ver-
sprechen des "frechen Opportunisten", die im Grunde nur einen In-
halt haben: Haider verspricht den Bürgern Politiker, die sich so
verhalten, daß man ungeachtet der Kosten demokratischer Herr-
schaft nie den Glauben in sie verlieren muß.
Auch an der Basis hat Haider Schädlinge ausfindig gemacht. Wenn
der FPÖ-Frontmann die Parole ausgibt:
"Alles für die sozial Schwachen, nichts für die Sozialschmarot-
zer! Alle Hilfe für die Pechvögel, nichts für die unsolidarischen
Zugvögel! Alles für fleißige Arbeitnehmer, nichts für faule Ar-
beitsverweigerer! Alles für unverschuldet Arbeitslose, nichts für
bewußt Arbeitsunwillige." (Villacher Parteitag),
dann "entlarvt" er sich allerdings mitnichten als "Feind des So-
zialstaates". Vielmehr bekennt er sich zu genau dem Grundsatz,
wie mit dem von "unserer" Wirtschaft überflüssig gemachten Men-
schenmaterial sozialstaatlich umgesprungen wird. Den Sozialpoli-
tiker hat es noch nicht gegeben, der sich für die Finanzierung
von "Sozialschmarotzern" und "faulen Arbeitsverweigerern" ausge-
sprochen hätte.
Die Haidersche Sozialstaatskritik besteht einfach darin, daß er
das sozialstaatliche Sortierungsprinzip aufnimmt und daran die
Sozialstaatspraxis als unzureichend blamiert. Glaubwürdigkeit
wird seiner Position durch die Regierungsparteien verliehen, die
ihre jeweiligen Sozialstaatskürzungen selber als Kampf gegen
falsche Nutznießer des "sozialen Netzes" verkaufen. Der solcher-
art ausgegebene prinzipielle Verdacht gegen Arbeitslose als unge-
rechtfertigte "Nehmer" wird von den Bürgern immer auch gegen die
Zuständigen in Anschlag gebracht, die solche ungerechtfertgten
Nutznießer überhaupt erst ermöglichten. Insofern ist Haiders Er-
folg mit seiner Kampfansage gegen "Sozialschmarotzer" ein Produkt
der Sozialstaatslogik. In der Demokratie feiert das faschistische
Urteil: "Nur wer arbeitet, soll auch zu essen haben" muntere Kon-
junktur. Wenn ohnehin allerorts über den untragbaren Anstieg der
"Soziallasten" geklagt wird, dann fordert ein Staatsbürger von
seiner Herrschaft ein radikaleres Durchgreifen, wobei den
"unschuldigen Pechvögeln" daraus garantiert mehr Schaden er-
wächst, als ihnen ein "Sozialparasit" je anzutun vermag.
Wie deutsch darf ein Österreicher sein?
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Jörg Haider verfügt über ein politisches Markenzeichen, das die
FPÖ von allen anderen Parteien unterscheidet und ihrem Obmann den
Faschismusverdacht eingetragen hat: Haider beansprucht das Recht,
sich als Deutschösterreicher zu deklarieren.
Dieses Bedürfnis ist keineswegs außergewöhnlich. Kein Patriot be-
gnügt sich damit, per Gehurtsurkunde und Staatsbürgerschaftsnach-
weis einer Staatsgewalt anzugehören, sich ihren Gesetzen zu un-
terwerfen und danach zu handeln. Der jeweilige politische Bezirk,
die Landsmannschaft, Sprache, Tradition und Kultur - alles wird
zu der Staatsgewalt übergeordneten Identitäten (v)erklärt und die
politische Herrschaft mit dem Auftrag versehen, diesen völ-
kischen, kulturellen, auf jeden Fall zutiefst n a t ü r l i-
c h e n Gemeinsamkeiten zu ihrem s t a a t l i c h e n Dasein
zu verhelfen. Patriotismus ist das Verlangen, sich die Zugehö-
rigkeit zur staatlichen Zwangsgemeinschaft getrennt von allen
ökonomischen und staatlichen Zwecken als eine unabdingbare
Notwendigkeit vorzustellen, die sich aus der Natur der
Unterworfenen herleiten soll. So wird, angefangen von der
Wohngegend über die diversen politischen Verwaltungseinheiten,
aus der Staatsbürgerschaft eine vollständige Identität gestrickt.
Genau an diesem durchgesetzten Heimatgefühl knüpft Haider mit
Seinem Bekenntnis zur "deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft"
an.
"Es muß doch möglich sein, daß man ein guter Österreicher ist,
wenn man sich gleichzeitig zu seiner deutschen Volks- und Kultur-
gemeinschaft bekennt. Das darf doch nicht verboten sein."
(Villacher Parteitag)
Ist es auch nicht. In Österreich denken wahrscheinlich dreimal
soviel als die, die Haider wählen, daß sie etwas Deutsches an
sich haben. Andererseits sind sie jetzt aber Österreicher, die
als solche auch manche unangenehme Erfahrung mit dem wirklichen
Deutschland machen. Die Bewertung geschichtlichen Rechts bzw. Un-
rechts in Sachen Anschluß bzw. Mitwirkung am Faschismus bringt
die Konstruktion eines österreichischen Selbstbewußtseins noch
mehr durcheinander. Zumal unter Heranziehung der Donaumonarchie
die Sache noch komplexer wird. Auf diesem Feld der nationalen
Ehre kommt Haider seinen Österreichern mit neuen Ordnungsvor-
schlägen. Ihr Fazit: Es geht, österreichischer Nationalist zu
sein, vorausgesetzt, man sucht sich die Momente der nationalen
Identität zusammen, so wie er.
Was hat man davon? Man braucht sich nicht mehr zu schämen, kommt
sich saumutig vor, stiehlt sich nicht aus der Geschichte - und
wählt Haider.
"Die 'österreichische Nation' ist eine Geschichtslüge der Sieger-
mächte. Nur weil wir einen Krieg verloren haben, braucht man doch
nicht zu glauben, daß wir ewig nach der Pfeife der Sieger tan-
zen." (profil)
"Entscheidend ist, daß Politiker den Mut haben in diesem Land,
sich zur jahrhundertelangen Geschichte Österreichs im Rahmen der
deutschen Kulturgemeinschaft zu bekennen und sich nicht aus der
Geschichte zu stehlen, nur weil es mitunter auch düstere Perioden
gegeben hat." (Villacher Parteitag)
Der FPÖ-Obmann will keineswegs das Resultat des Zweiten Welt-
kriegs, die Trennung von Deutschland, in Frage stellen. Er er-
klärt Österreich zu einer - wohlgemerkt - "i d e o l o g i-
s c h e n Mißgeburt" und kämpft einen geistigen Abwehrkampf
gegen jene Sorte, von den "Siegermächten" vorgeschriebene "Ver-
gangenheitsbewältigung", die zwecks Distanzierung vom National-
sozialismus dem Staatsvolk einen - angeblich entscheidenden Teil
seines "patriotischen Selbstbewußtseins" vorenthält. Der wieder
selbstbewußt gewordene österreichische Nationalismus reklamiert
das Recht für sich, nicht länger ausgerechnet auf jene
"Traditionen" verzichten zu müssen, die "uns" das Gefühl vermit-
teln, "mehr" zu sein, als "wir" innerhalb der "heutigen Grenzen"
sind.
"Dieses Land ist viel zu schön und zu wertvoll, ist kulturell
mehr, als die heutigen Grenzen darstellen. Wir haben allen An-
spruch darauf, dies auch vor der geschichtlichen Wirklichkeit
darzustellen."
Die Geschichte "lehrt" eben immer nur das, was das jeweilige po-
litische Interesse in sie hineinlegt. Daß Jörg Haider aus der
"geschichtlichen Wirklichkeit" einer die engen Staatsgrenzen
übergreifenden kulturellen Identität keinen Auftrag auf Restaura-
tion einer entsprechenden politischen Großmacht "lernt", liegt an
der realistischen Einschätzung des "radikalen EG-Befürworters",
wonach die Aufwertung der eigenen Nation nicht durch Wiederverei-
nigung, sondern durch einen Beitritt zur europäischen Gemein-
schaft am aussichtsreichsten zu bewerkstelligen ist. Nicht zu-
letzt für diese "außenpolitische Jahrhundertentscheidung" will
Haider den Österreichern das "nötige Selbstbewußtsein" wiederge-
ben, weil "wir nicht als Bittsteller zur EG kommen", sondern als
ein Land, das sich "weder ökonomisch noch kulturell für seine
Leistungen schämen muß".
Jörg Haider bietet eine alternative Vergangenheitsbewältigung an.
Wo die anderen Parteien und die demokratische Öffentlichkeit die
patriotische Technik anwenden, durch "schonungsloses Aufdecken"
der "damaligen Greueltaten" und einer berechnenden Selbstanklage
sich ein umstandsloses Bekenntnis zu Österreich zu "ermöglichen"
-
"Nur wenn wir nicht darüber hinwegsehen, was es alles für Greuel
im Nationalsozialismus und leider auch unter Beteiligung von Mit-
bürgern gegeben hat, schaffen wir die Voraussetzungen für ein
Österreich, das der Schatten der Vergangenheit nicht einzuholen
vermag, ein Österreich, das wir alle wollen und zu dem man sich
ohne Vorbehalte bekennen kann."(Vranitzky, Mauthausen) -,
plädiert Haider dafür, seine Heimat ganz ohne die geheuchelte
Scham zu lieben. Wenn es ohnehin darum geht, sich zu seiner Hei-
mat zu "bekennen" und ihr als Bürger und Soldat zu dienen, dann
hält es Haider für Verlogenheit und politische Feigheit gegenüber
den "Siegermächten", wenn "die Vätergeneration" für genau diese
staatsbürgerliche Leistung sich ständig Asche aufs Haupt streuen
soll:
"Ich lehne es ab, die Vätergeneration als Kriegsverbrecher be-
schimpfen zu lassen, bloß weil sie ihr Vaterland verteidigt ha-
ben, wie es die Pflicht jedes Patrioten ist." (Haider zum "Fall
Waldheim")
Solcherart gewährt Haider der Kriegsgeneration die politische
Ehre und Anerkennung, die dieser aufgrund der Kriegsniederlage
und der nachfolgenden Ächtung der unterlegenen Konkurrenz bislang
vorenthalten wurde. Der elaborierte Nationalkult, aus demonstra-
tiver Scham zum Nationalstolz zu kommen, ist mit Ausnahme intel-
lektueller Schichten bei der Bevölkerung eher als Ärgernis und
Kniefall gegenüber den westlichen Führungszentren, allen voran
den USA, aufgenommen worden. Das hat auch die ÖVP in ihrem sei-
nerzeitigen Präsidentschaftswahlkampf benutzt, und insofern stößt
es durchaus auf Beifall, daß sich der "Jörgl" auch außenpolitisch
"etwas traut". Wenn Haider "unseren amerikanischen Freunden klar
sagt",
"daß sie uns nicht einfach zur Naziendlagerstätte machen können,
bloß weil der US-Geheimdienst sich seinerzeit der alten Nazis be-
dient hat",
dann sind es keineswegs bloß "Ewiggestrige", sondern ganz normale
Patrioten, denen es gut gefällt wenn ein österreichischer Politi-
ker gegenüber der westlichen Führungsmacht Eigenständigkeit und
eine gewisse Aufsässigkeit demonstriert, von der man sich ohnehin
in jüngster Zeit schofel behandelt fühlt.
Demokratische Haider-"Bewältigung":
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Patriotische Verdächtigungen
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Die kritische Öffentlichkeit vermag den Haiderschen Patriotismus
schon deswegen nicht zu kritisieren, weil sie sich selbst ihre
Staatszugehörigkeit als eine Teilhaftigkeit an einer
"Kulturgroßmacht" versüßt, die viel mehr sein soll als das jet-
zige Staatswesen. Am Beispiel Südtirols oder Siebenbürgens bewei-
sen gestandene Demokraten, daß ihnen der "altmodische" Patriotis-
mus keineswegs fremd ist, der aus gemeinsamer Sprache und Tradi-
tion - sprich: der ehemaligen Zugehörigkeit zur selben Staats-
macht - eine zumindest ideelle Schutzmachtfunktion Österreichs
für die Völker der Donaumonarchie ableitet. Sehr konsequent redu-
ziert sich daher die Kritik an Haider auf den Verdacht, dieser
könnte mit seinem Bekenntnis zum Deutschtum für ein
a n d e r e s Vaterland werben. Insofern hat sich der demokrati-
sche Antifaschismus dahingehend vollendet, daß er mit seinen po-
litischen Feinden darum konkurriert, wer dem anderen glaubwürdi-
ger Vaterlandsverrat vorzuwerfen vermag.
Vom BRD-Boden aus sieht die Sache auch nicht viel anders aus.
Eine Nation, die noch einige "Brüder und Schwestern" heimholen
will, hat auch kaum etwas dagegen einzuwenden, wenn jemand mit
seinem Deutschtum Politik macht. Außer vielleicht, daß man ihn
nicht bestellt hat und selber für einen "zeitgemäßen" Patriotis-
mus zuständig ist. Die demokratische Kritik gegenüber einem Poli-
tiker, der mit den normalen Maßstäben von starkem Staat und zu
verhinderndem Machtmißbrauch von einzelnen Amtsträgern, von aus-
ländischen Schuldigen und einheimischen Parasiten, Wählerstimmen
einkassiert, reduziert sich ganz ähnlich wie im Falle Schönhuber
auf den simplen Vorwurf: Der nicht! Zumindest solange man ihn
nicht für Koalitionen gebrauchen kann. Und daß Haider ein
"Vollblutpolitiker" ist, das hat er schon längst vor seinem Ein-
tritt in die praktische Politik als Landeshauptmann bewiesen. Die
"Spiegel"-Redakteure am Ende ihres Gesprächs mit Haider:
"Sie haben gezeigt, daß Sie hinreichend Machtbewußtsein für einen
erfolgreichen Politiker haben. ... Wenn Sie so locker philoso-
phieren, fragt man, warum viele den Haider als so gefährlich an-
sehen?" (Spiegel, 10/89)
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