Quelle: Archiv MG - EUROPA AUSTRIA - Unsere neutrale Ostmark
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Ein Wiener Volksstück
"WIR WÄHLEN EINEN PRÄSIDENTEN"
Eines muß man sämtlichen Mitspielern lassen: Sie haben es ver-
standen, aus einem matten, spannungsarmen Stück mit bekanntem
Ausgang eine skandalumwitterte Aufführung zu machen, unter leb-
hafter Beteiligung des Publikums.
Eigentlich ging es ja nur um die Rollenbesetzung für das Amt des
österreichischen Bundespräsidenten. Für die standen zwei Bewerber
zur Wahl, die sich ihrer Verantwortung voll bewußt waren. Beide,
Kurt Waldheim und Kurt Steyrer, wollten und wollen alle Österrei-
cher repräsentieren, damit die bei allem, was ihre Politiker ih-
nen abverlangen, auch wissen, daß sie im Dienst an den Aufgaben
der Nation ihre überparteiliche Heimat haben.
Von möglicher Fehlbesetzung keine Spur: Beide versprachen, in ih-
rem künftigen Amt glaubwürdig dafür einzustehen, daß sich im
Dienst am Staat ("Volkskörper") schnöde Vorteilsrechnungen ver-
bieten, weil die menschliche Staatsnatur in der Hingabe an die
große Sache ihre Erfüllung findet. Und die Österreicher hatten
die Gewißheit, daß dies ihnen nach der Wahl auf alle Fälle ein
"Kurtl" sagen darf.
So kam es nur noch auf das Naturell und die überzeugende Aus-
strahlung der Kandidaten an. Der eine mit dem SPÖ-Parteibuch re-
zitierte: "Ich glaube an unser Österreich" (Steyrer) und ver-
sprach dem Publikum, Österreicher in Österreich sein zu dürfen.
Das fand der andere zu sehr Lokalposse, wies darauf hin, daß er
schon in Amerika weltweit agitiert hätte ("Ein Österreicher, dem
die Welt vertraut", Waldheim) und daß die Ansprüche einer öster-
reichischen Volkseinheit im Staat allemal über die Landesgrenzen
hinausreichen.
Jetzt bekam der farblose Wettstreit Farbe. Zaungäste wie die ju-
goslawische Regierung und der Jüdische Weltkongreß mischten sich
ein und wiesen darauf hin, daß Österreichs Militär schon einmal
grenzüberschreitendes Vertrauen gestiftet hätte und daß ein Offi-
zier Waldheim seinen Teil dazu beigetragen hätte. Über so ein
böswilliges Mißverständnis des Bühnenstücks - Waldheim als SA-Of-
fizier, der jugoslawische Partisanen erschießen ließ und mögli-
cherweise von Judendeportationen gewußt hat - erhob sich auf der
Bühne und im Parterre ein Pfeifkonzert. Hier wurde vom Ausland in
die souveräne Gestaltung eines Stücks von Österreichern für
Österreicher eingegriffen; noch dazu von Juden, die - rein
sprachlich betrachtet, ganz ohne antisemitische Ressentiments ge-
sagt - den Wiener "Schmäh" nicht beherrschen. Diese "unehrenhafte
Verleumdungskampagne" zieht das Stück und seine Bewunderer in den
Schmutz! Erstens hat Österreich keine "Vergangenheitsbewältigung"
nötig; schließlich ist es von den Alliierten als erstes "Opfer"
Hitlers befreit worden. Was man auch daran sieht, daß sich alle
alten Nazis voll hinter die Demokratie stellen und in der FPÖ an
der Regierung beteiligt sind. Zweitens kann, österreichischer
Heeresoffizier gewesen zu sein, kein Verbrechen sein. Es ehrt
"unseren" Waldi, daß er schon damals seiner staatlichen Pflicht
voll und ganz nachgekommen ist; das verspricht, daß er auch sei-
ner heutigen Rolle glänzend gerecht wird. Drittens dient diese
ausländische Hetze nur dazu, einem latenten Antisemitismus, den
es bei uns gar nicht gibt, Material zu liefern.
Bei so viel Pluspunkten für den einen Bewerber ("Jetzt erst recht
- Waldheim" bzw. "Wir Österreicher wählen, wen wir wollen!") tut
sich der andere Kandidat hart. Er versucht, seine Wahlchancen zu
verbessern, indem er beteuert, ihm als sensiblen Österreicher
wäre ein solcher Schlag unter die Gürtellinie niemals eingefallen
und daß jetzt umso mehr alle Österreicher wie ein Mann zusammen-
stehen müßten. Das soll wieder für ihn sprechen.
Es wäre ja auch zu komisch, wenn ein überzeugter Nationalist, der
seinen Politikern vertraut, weil es "seine" sind, "Ausland" nicht
von vornherein mit "Feind" gleichsetzen würde, wenn es Ärger
macht - "seinen" Politikern nämlich. Genauso erstaunlich wäre es,
wenn die Taten einer staatlichen Gewalt jemals deren Urheber als
Verbrecher diskriminieren könnten - das gilt allenfalls für Staa-
ten nach Kriegsniederlagen. Eine Kritik an dem guten Recht jeder
nationalen Staatsgewalt, mit ihrem Volk und gegen andere Staaten
mit den ungemütlichen Mitteln staatlicher Hoheit frei umzusprin-
gen, hatten die ungebetenen Kritiker auch nicht beabsichtigt. Um-
gekehrt: So meldeten sie ihren Anspruch an, über die eigenen
Grenzen hinaus einem andere Staat Rücksichtnahme auf die USA, Is-
rael und Jugoslawien abzuverlangen. Darin kennen sich freilich
auch österreichische Politiker aus und hatten es leicht, die mo-
ralische Heuchelei dieses Anspruchs zu entlarven.
Zur Verbesserung des Manuskripts haben die unwillkommenen Mitau-
toren dennoch beigetragen. Die SPÖ-Mannschaft arbeitete die
Neufassung in den Text ein und stellte die "Glaubwürdigkeit" als
Leitmotiv in den Vordergrund. Kann man einem künftigen Präsiden-
ten wirklich durchgehen lassen, daß er über so wichtige Daten der
österreichischen Geschichte wie die Vernichtung der Juden und
Partisanen in Griechenland und Jugoslawien und über die eigene
Beteiligung daran Gedächtnislücken hat? Was soll man so einem
Menschen noch glauben, wenn er sich zu seiner damaligen
Pflichterfüllung nicht bekennen mag und damit schon vor seinem
Amtsantritt mit seiner Person die Glaubwürdigkeit des Amtes un-
tergräbt?
"Ich werfe niemandem vor, wenn er in dieser Zeit einer NS-Organi-
sation angehörte. Nur bekennen soll man sich dazu. Denn wer ge-
schichtslos ist, ist gesichtslos." (Zilk, SPÖ)
Schlimmer noch: Wenn er sich wirklich gedrückt hat, von Judende-
portationen nichts wissen wollte, also kein echter "Nazi" war,
welches Licht wirft dieser Mensch auf den österreichischen Bun-
despräsidenten, dem wir alle vertrauen können wollen?
"Ich stelle fest, daß Kurt Waldheim nie bei der SA war, sondern
nur sein Pferd. So wie er jetzt nicht bei der ÖVP ist. Herr Wald-
heim ist nirgends dabei." (Kanzler Sinowatz)
Ein opportunistischer Karrierist, der nicht voll hinter seiner
Pflichterfüllung steht, andere auf die Dienste, die der jeweilige
österreichische Staat von ihnen verlangt, zu verpflichten, ist
eine menschliche Fehlbesetzung der Präsidentenrolle.
Dem gehobenen Geschmacksanspruch ans Lehrstück mochte sich auch
das Publikum nicht verweigern. Die Literaturkritik der Presse
blieb dabei ihrer kritischen Haltung treu. Was österreichische
Leitartikler nicht leiden können, ist der Verdacht, Waldheim
wolle ausgerechnet einen Sachverhalt vor ihnen vertuschen, für
den sie, so er zuträfe, schon im vorhinein vor Verständnis trie-
fen. Hat Waldheim am Ende kein Vertrauen in ihr Vertrauen zu ihm?
D a s würde bei ihnen schwerste Bedenken hervorrufen: Ein Prä-
sidentschaftskandidat, der nicht zu seiner Nazi-Vergangenheit
steht, weil er meint, das würde das ihm entgegengebrachte Ver-
trauen schmälern - so einer hätte bei ihnen jedes Vertrauen ver-
spielt. Etwas einfacher war die Sicht auf den Stehplätzen fürs
Volk: Daß wir ihm glaube können, sieht man schon daran, wer alles
"unseren" Waldheim in den Schmutz ziehen will.
Dieses gemeinsame Verständnis für die Glaubwürdigkeit des Amtes
wie seiner Bewerber brauchte Alt-Präsident Kirchschläger nur noch
zusammenzufassen. Der Glaubwürdigkeit des Stückes und der Bega-
bung der Akteure habe vor allem die Diskussion um diese Glaubwür-
digkeit geschadet; deshalb: "Rückkehr zu einem fairen Wahlkampf!"
Fair ist erst einmal, daß wir Österreicher uns nichts vom Ausland
sagen lassen müssen. Zur Versachlichung der vergifteten Atmo-
sphäre tragen ansonsten die unterschiedlichen Auslegungen der
höchst offiziellen Interpretation bei: "Mit dieser Klarstellung
Kirchschlägers ist die Verleumdungskampagne gegen Waldheim zusam-
mengebrochen" (ÖVP) - "Kirchschläger bescheinigt Waldheim man-
gelnde Glaubwürdigkeit" (SPÖ).
Am 4. Mai findet die Aufführung statt. Dann haben die österrei-
chischen Wald-Steyrer-Buben das, was sie wollen: Einen Kurt, hin-
ter dem sie wie ein Mann stehen. Das hängt nämlich gar nicht da-
von ab, wie dieser Kurt dann heißt, sondern nur davon, daß das
ganze Hick-Hack um diese Staatsaufführung allein vom Willen lebt,
den Taten der Politiker abgrundtiefen Respekt zu zollen. Andere
Sorgen als die, ob die Wahlkampfkonkurrenz der Würde des Staates
und seines obersten Repräsentanten abträglich sein könnte, sind
unter den Beteiligten erst gar nicht aufgetaucht.
Wir in der Bundesrepublik können uns über diese Provinzfarce mit
Skandalhintergrund natürlich nur wundern. Bei uns ist - weder ein
Lübke wegen seiner KZ-Bauzeichnungen noch ein Carstens wegen sei-
ner offen bekannten SA-Mitgliedschaft je in abträgliches Gerede
gekommen. Philosemitisch sind wir von der Stunde Null an, und
seit Aufrüstung eines schlagkräftigen Staates Israel durch unsere
Wiedergutmachungsgelder haben wir es nicht nötig, uns Antisemi-
tismus vorwerfen zu lassen. Israel hat auf die BRD zu hören und
hat deshalb unsere Freundschaft verdient.
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Die besten Argumente für und gegen Waldheim
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Eindeutig für Waldheim spricht:
Er hat selbst unter Hitler vorbildlich seine Pflicht getan!
Die erste Tugend jedes Demokraten, seiner Herrschaft zu dienen,
hat sich durch die damals etwas anders geartete Herrschaftsform
nicht irre machen lassen. Bravo!
Er hat im Krieg nur seine Pflicht getan! Mehr hat ja auch der Fa-
schismus von seinen Staatsbürgern nicht verlangt. Übrigens auch
dann nicht, wenn es sie pflichtgemäß auf eine KZ-Aufseher-Plan-
stelle verschlagen hat.
Das Ausland soll die Schnauze halten!
Um das zu sagen, darf und muß jeder Inländer die seine einmal
aufreißen. Über unsere feinen Herrschaften darf nur der meckern,
der ihnen brav gehorcht. In dieses patriotische Verhältnis lassen
wir Österreicher uns nicht hineinpfuschen!
Die Juden werden wieder frech!
Das können wir gar nicht leiden. Das ruft nämlich bei uns nur
allzu leicht antisemitische Gefühle hervor, die uns als anstän-
dige Demokraten völlig fremd sind. So etwas brauchen wir uns von
denen nicht bieten zu lassen. Wir Österreicher wählen, wen wir
wollen!
Die versuchen, seine Glaubwürdigkeit in den Schmutz zu ziehen!
So etwas darf man nicht machen. Weil was ist, wenn er gewählt
wird? Dann beschmutzt der Schmutz, mit dem er verleumderisch
übergossen wird, glatt das Amt, das wir alle respektieren und
verehren. Dagegen müssen wir uns wehren und Waldheim wählen.
Enorm gegen Waldheim spricht:
Er war schon unter Hitler nirgends so richtig dabei!
Vorsicht! Ein berechnendes Verhältnis zur Herrschaft deutet auf
einen "opportunistischen Charakter". Die Demokratie braucht keine
Mitläufer, sondern freie Bürger, die sich mit Haut und Haaren ih-
rem Staat verschreiben.
Er gibt nicht damit an, was seine Kriegspflicht war, sondern im-
mer erst alles zu, nachdem es ihm nachgewiesen worden ist!
Warum hat er uns nicht gleich alle Höhepunkte seines österreichi-
schen Soldatenlebens in deutscher Uniform anvertraut? Dann würden
uns jetzt keine Zweifel über seine Glaubwürdigkeit quälen.
Er gefährdet das Ansehen Österreichs im Ausland!
Die weltweite Ehre unseres Staates ist uns das Teuerste. Leider
sind wir - Kleinstaat! - nicht in der glücklichen Lage, auf Aus-
länder keinerlei Rücksicht nehmen zu müssen. Außerdem: Amerika!!!
Von wegen "Ausland": Führungsmacht auch unserer Freiheit!
Er gibt den Juden einen Vorwand, wieder frech zu werden!
Das können wir gar nicht leiden. Einen Präsidenten, der jüdischen
Angriffen ausgesetzt ist, die notgedrungen Gefühle bei uns wach-
rufen, deren wir eigentlich gar nicht fähig sind: so was ist
nicht zu gebrauchen. Am Ende wollen wir ihn noch deswegen wählen!
Kommt nicht in Frage.
Der Mann ist unglaubwürdig!
So etwas geht nicht. Einem österreichischen Präsidenten müssen
alle alles glauben. Also dürfen wir Waldheim nicht wählen, weil
wenn wir ihn wählen täten, könnten wir vielleicht kein Vertrauen
zu ihm haben. Das wäre dann aber nicht das Richtige, weil: einem
österreichischen...
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