Quelle: Archiv MG - EUROPA ALLGEMEIN - Ein Zentrum des Friedens


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       Warum die Bonner Wiedervereiniger Neutralität überhaupt nicht mö-
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JE MÄCHTIGER GROSSDEUTSCHLAND - DESTO STABILER DAS DEUTSCHE EUROPA

Da sind sich die Herrschaften der Bundesrepublik und der gesamten NATO einig: Eine deutsche Wiedervereinigung mit dem Status der Neutralität Deutschlands kommt auf keinen Fall in die Tüte. Warum eigentlich nicht? Was als völkerrechtliche Anormalität, als deutsche Tragik seit eh und je beklagt wurde: die "unnatürliche" Grenze mitten durch Deutschland; das Leben unserer "Brüder und Schwestern" in einem "Völkergefängnis"; die Trennung der Deutschen von Deutschen, de- ren Zusammenleben in einem Staat sich gehöre - all diese Leiden der deutschen Nation wären doch mit einem vereinigten n e u t r a l e n Deutschland aus der Welt. Offenbar gehört die Losung, daß man nicht trennen kann, was zusammengehört, zu den politischen Sonntagsreden, wenn ein gemeinsames staatliches Dach mit neutraler Verfassung für unmöglich erklärt wird. "Ein freischwebendes neutrales Deutschland kann angesichts seiner geostrategischen Lage und seines politischen, wirtschaftlichen und militärischen Machtpotentials aus der Sicht aller Bünd- nispartner ebenso wie auch im wohlverstandenen Eigeninteresse der Sowjetunion keine Lösung sein." (NATO-Generalsekretär Wörner) Wünschen sich etwa die Deutschen selbst an die Kette des Bündnis- ses, weil sie Angst vor ihrer eigenen Macht hätten, wenn die "frei schwebt"? Neigt etwa eine Mittelmacht m i t t e n in Eu- ropa besonders zu unkontrollierten Abenteuern? Und warum soll die Sowjetunion an einem vereinigten Deutschland in der NATO interes- siert sein, dieselbe Sowjetunion, die immer noch erklärt, daß ihr ein neutralisiertes Deutschland mehr Sicherheit bieten würde? Al- les ziemlicher Unsinn bzw. die diplomatische Art und Weise, das Interesse der NATO und der Bundesrepublik vorzutragen. Nämlich so, als ginge es nur darum, allen anderen Staaten - und vor allem der Sowjetunion - etwas Gutes zu tun. Dabei ist viel von der "Stabilität Europas" die Rede. Wieso gefährdet eigentlich ein neutrales Deutschland, das gegen niemanden Forderungen erhebt, die S t a b i l i t ä t E u r o p a s? Wäre das nicht ein ent- scheidender Schritt bei der "Auflösung der Blockkonfrontation", an der allen NATO-Politikern angeblich so gelegen ist? Umgekehrt: Was wird eigentlich s t a b i l, wenn ein vereintes Deutsch- land, so wie bisher die BRD, mit der NATO gemeinsame Sache macht und rüstet? Darf man mal fragen, gegen w e n da gerüstet wird? Bei allem Gequatsche über eine neue europäische Friedensordnung kommt eben immer nur heraus, was die verbündeten westlichen Mili- tärmächte w o l l e n: Die NATO muß natürlich bleiben, sie muß immer stärker bleiben als die Sowjetunion, und Deutschland muß drin bleiben, weil die NATO Deutschland und Deutschland der NATO nützt. Sicherheit - für die imperialistischen Erfolge des Westens Deutsche Wiedervereinigung, das ist eben mehr als ein Stück Er- füllung des Traums eines deutschen Nationalisten, der befriedigt die europäische Landkarte anschaut. Warum sonst wirft die sich abzeichnende Lösung der "deutschen Frage" neue Sicherheitspro- bleme für Europa auf? Die deutsche Wiedervereinigung beinhaltet einen doppelten außenpolitischen Erfolg des Westens - für die NATO im allgemeinen und die Deutschen im besonderen. Die Sowjetunion hat ihre ehemaligen Satelliten in Osteuropa öko- nomisch und politisch in die Unabhängigkeit entlassen. Sie dürfen - so erklärt die Supermacht im Osten - ihre eigenen Wege gehen. Militärpolitisch gesehen macht das die osteuropäischen Mitglieder des Warschauer Pakts zu unsicheren Kantonisten. Darüber hinaus zieht die Sowjetunion ihre eigene Militärmacht aus dem westlichen Vorfeld zurück: Der Abzug der russischen Truppen aus der CSSR und aus Ungarn ist beschlossene Sache. Mit Polen wird darüber verhan- delt. Die sowjetischen Truppen in der DDR stehen dann isoliert in einem fremden Land! Mit diesem Rückzug der Russen hat die NATO einen Sieg errungen, der weit über das Ziel, die Sowjetunion von einer Expansion ihrer Macht abzuschrecken, hinausgeht. Ohne daß ein Leopard hat mar- schieren müssen, ist im Grunde die militärische Front bis an die Grenze Rußlands vorgeschoben und Europa "befreit" worden. Deswegen erklärt sich die NATO noch lange nicht für arbeitslos. Immer hat die NATO aus der Bedrohung durch die Sowjetunion und ihren Warschauer Pakt ihr Existenzrecht abgeleitet. Jetzt geben die Herren des westlichen Bündnisses sogar zu, daß die So- wjetunion zu einem Überraschungsangriff gar nicht mehr fähig ist, daß Verbündete im Warschauer Pakt "im militärischen Sinn nicht mehr als Verbündete funktionieren" und daß das "Aufmarschfeld" der Roten Armee problematisch geworden ist. Das soll aber an der Wachsamkeit, also an der Notwendigkeit des westlichen Paktes im Grunde nichts ändern. "Es wäre ein schwerwiegender strategischer Irrtum, für den Fall einer zunehmenden Erosion des Warschauer Pakts quasi im Gegenzug die NATO zur Disposition zu stellen." (Verteidigungsminister Stoltenberg) Jetzt sind es also sowjetische Streitmächte, denen niemand von den hiesigen Strategen mehr einen Angriff zutraut, vor denen die NATO mit immer überlegeneren Kräften auf der Hut sein muß. Jetzt muß sich die NATO mit aller Gewalt vor der Möglichkeit unbere- chenbarer politischer Entwicklungen in der Sowjetunion vorsehen. Jetzt muß die NATO stark sein, um den Prozeß der Erneuerung und Demokratisierung in Osteuropa, also den Fortschritt der westli- chen Einflußnahme auf diese Länder zu garantieren und zu kontrollieren. Die Herrschaften der NATO geben praktisch zu, daß ihr Militärbündnis zu mehr da ist als zur Verhinderung eines An- griffs aus dem Osten. Es geht ihnen um die Erledigung der SU als konkurrierende Weltmacht: Für die Durchsetzung westlicher Inter- essen allüberall, für Einfluß und Kontrolle auf dem gesamten Glo- bus, für dieses anspruchsvolle imperialistische Programm wird ein Machtmonopol für unerläßlich gehalten. Am "kollektiven Sicher- heitssystem" der NATO wird man also weiterhin seine Freude haben können. Was nicht heißt, daß sich die NATO nicht auf den Rückzug der Russen einstellt. Nur, ob die Ausrufung einer mehr "politischen Funktion" an der Sache groß was ändert? "Der Minister unterstrich, daß auch ein politisches NATO-Bündnis weiter Sicherungsaufgaben wahrnehmen müsse. In einem neuen euro- päischen Sicherheitssystem blieben die NATO und die amerikanische Präsenz wichtige Grundpfeiler. Allerdings rücke im Prozeß der eu- ropäischen Umgestaltung die Frage der 'Verantwortungsteilung' zu- nehmend in den Vordergrund. Westeuropa müsse 'verstärkt poli- tische und sicherheitspolitische Verantwortung auf unserem Konti- nent und darüber hinaus übernehmen', sagte Stoltenberg." (Süddeutsche Zeitung, 5.2.) Sicherheit - für großdeutsche Ansprüche --------------------------------------- Womit wir schon wieder bei Deutschland wären, das sich ja bald seiner Wiedervereinigung erfreuen darf. Komisch ist nur, warum es da ein Sicherheitsproblem gibt, wo doch nur so etwas Unschuldiges wie die Selbstbestimmung des deutschen Volkes zu ihrem Recht kommt. Gar nicht komisch! Denn die deutschen Politiker, die da über "Zusammenwachsen", "einig Vaterland" und das "Recht aller Deutschen" schön daherreden, denken an nichts anderes und spech- ten auf den Machtgewinn, den ihnen der Zuwachs an Territorium und Volk beschert. Die Potenz der deutschen Nation nimmt zu, und das übersetzt ein anständiger deutscher Politiker selbstverständlich - und so, wie die Welt als Konkurrenzstall von Staaten ein- gerichtet ist, auch zu Recht - in größere Ansprüche international und mehr Rechte auf deutschen Einfluß auf dem Globus. Das kriegen natürlich die befreundeten Konkurrenten im Westen mit, daß da so etwas im Busch ist, und der Feind im Osten, der mit seinen Trup- pen noch in der DDR steht, schon gleich. Und so beginnt dann eine einzige Reise- und Verhandlungstätigkeit höchster deutscher Po- litiker: erst nach USA, dann nach Moskau, dann Paris, London ..., in Ottawa zur NATO usw. Überall wollen sich Kanzler, Außenmini- ster und andere Diener des Volkes ihr Recht auf ein größeres Deutschland abholen. Dabei bedienen sie sich der deutschen Hin- terfotzigkeit, die sie in 40 Jahren BRD gelernt haben. Den west- lichen Verbündeten geben die Herren aus Bonn zu verstehen, daß sie mit ihrer Wiedervereinigung nur der Sache der NATO, nämlich dem Aufrollen des Ostblocks dienen. Und die Gefahr eines deut- schen Sonderweges bestehe nicht, da man ja weiter treues Mitglied der NATO und der westlichen Wertegemeinschaft bleibe. Dem Feind in Moskau erklärt der Kanzler, mit der NATO im Rücken, daß die Zeichen der Zeit sowieso auf europäische Häuser und Frie- densordnungen stünden und "von deutschem Boden nur mehr Frieden ausgehen" werde. Wenn Gorbatschow von "Realitäten" spricht, an denen man nicht vorbeigehen könne, nickt der Kanzler; Neutrali- sierungsvorschläge der Russen weist er zurück mit dem Argument, daß die Bundesrepublik Mitglied der NATO sei. So kommen dann aus dem Erfindergeist von NATO-Programm und deut- schem Großmachtinteresse ausgewogene Kompromißvorschläge an die Adresse Moskaus zustande: Vereinigung der beiden deutschen Staa- ten bei Fortbestehen der NATO-Mitgliedschaft dieses neuen großen Deutschlands, ohne daß aber die militärische Präsenz der NATO auf das Territorium der (ehemaligen) DDR ausgedehnt werden soll. Ganz witzige deutsche Politiker können sich sogar vorstellen, daß eine zeitlang noch russische Truppen auf DDR-Gebiet stationiert sind, während der deutsche Bundeskanzler schon die souveräne Hoheit über dieses Territorium innehat. Genscher verspricht den Russen mit treuem Augenaufschlag, daß durch die Wiedervereinigung das NATO-Gebiet nicht näher an die sowjetische Grenze heranrücken soll. Das wiederum kann sich der deutsche Verteidigungsminister Stoltenberg überhaupt nicht vorstellen: Soll er denn in Zukunft mit der einen Hand eine NATO-Armee und mit der anderen Hand ein neutrales Sachsen-Heer kommandieren? So etwas denkt sich natür- lich auch kein freier Demokrat im Ernst. Aber solche Modelle müs- sen sein; schließlich müssen die Russen dem Erfolg von NATO und Deutschland erst noch zustimmen und ihre Truppen aus Ostdeutsch- land abziehen. Ein demokratischer Koalitionsstreit ist da gerade das richtige Mittel im neuen Bonner Strategiespiel: Wie tricksen wir die Russen aus? Im Klartext heißt das, die Bundesrepublik setzt auf die militäri- schen Rückzugsgefechte der Sowjetunion, sie rechnet damit, daß die Großmacht im Osten nach dem Recht des deutschen Volkes auf Selbstvereinigung auch das Recht des deutschen Volkes auf Selbst- verteidigung anerkennt. Der westdeutsche Verteidigungsminister hat schon vor den schwierigen Verhandlungen der Siegermächte des zweiten Weltkrieges und der beiden deutschen Staaten vorweggenom- men, was nach seiner Ansicht nur herauskommen kann. Er schafft es dabei sogar, der NATO-Strategie treu zu bleiben, wenn er auf das deutsche Recht auf militärische Souveränität pocht. "Der Verteidigungsminister sagte, das Prinzip der Vorneverteidi- gung beinhalte 'das Recht jeden Staates, sein eigenes Territorium an den Grenzen zu schützen'. ... Außerdem sagte der Minister, wenn die Bundesrepublik weiterhin der NATO angehöre, halte er es 'nicht für nötig', daß die westlichen Verbündeten Truppen auf DDR-Gebiet stationierten." So kommt als Friedensangebot an die Russen daher, daß "wir" auf DDR-Territorium keine ausländischen Truppen brauchen. zurück