Quelle: Archiv MG - EUROPA ALLGEMEIN - Ein Zentrum des Friedens


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EUROPA - EIN KUHHANDEL? - WENN'S BLOSS DAS WÄRE!

Worum es geht, wenn europäische Herrscherfiguren einen "Gipfel" nach dem andern veranstalten und sich dann dort in die Haare kriegen, braucht ein Normalmensch hierzulande nicht zu wissen. Aufklärungen dieser Art hatte "unsere" freie Presse in den letz- ten Wochen jedenfalls nicht zu bieten. Statt dessen gab's jede Menge "Enthüllungen" über ein so interes- santes Thema wie die Länge von Nachtsitzungen und vor allem über "schlechtes und gutes Benehmen" von Politikern (habgierig, engstirnig, beschränkt nationalistisch: Maggie Thatcher- großzü- gig, geduldig, auf Ausgleich bedacht, europäisch: Helmut Kohl). Es ging um die Pflege des aktuellen Volksmärchens: "Die Völker wollen Europa!" --------------------------- Verhindert wird dieser "Menschheitstraum" angeblich ständig durch die Krämerseelen der (englischen...) Politiker: "Die Völker erwarten freien Handel,... einen gemeinsamen Europa- paß, gemeinsame... europäische Politik, eine europäische Währung - und was tun die Politiker?" (Klaus Besser in der Bild am Sonn- tag) Mal im Ernst, haben Sie schon einmal Europa gewollt? - Freien Handel? - Warum sollten Leute, die ihr Lebtag garantiert nicht in die Verlegenheit kommen, lohnende Ex- und Importge- schäfte zu betreiben, ein unabweisbares Bedürfnis nach "grenzenlosem Handel" entwickeln? Ausgerechnet diejenigen, die sich um das Gütesiegel, "made in Germany", mit immer mehr Lei- stung für immer weniger Lohn verdient machen dürfen, sollen keine anderen Sorgen haben, als daß das Zeug mit diesem Etikett auch noch die Läden in den hinterletzten Gegenden Siziliens und Grie- chenlands füllt? Und daß es ein dickes Geschäft ist, wenn man hierzulande als Arbeiter die vielversprechende Auswahl hat, ent- weder auf einen VW oder auf einen Fiat oder Renault zu sparen, wird ja wohl auch niemand behaupten. - Einen gemeinsamen europäischen Paß? - Hatten Sie schon gewußt, daß das zu Ihren sehnlichsten Wünschen gehört: haargenau den gleichen, garantiert fälschungssicheren Paß zu besitzen, wie der südlichste griechische Olivenbauer und der nördlichste schotti- sche Schafzüchter? - Eine gemeinsame europäische Politik? - Das soll einem gerade noch gefehlt haben: ein extra Europaparlament mit allem Drum und Dran, einschließlich Wahl, und ein Heer von hochbezahlten Euro- pafachleuten, die in zig Ausschüssen zugange sind, deren Namen der berühmte "kleine Mann von der (europäischen) Straße" meist noch nicht einmal vorn Hörensagen kennt? An der Spitze des Ganzen womöglich ein "Staatsmann von europäischem Geist", wie "unser" Kohl, der gleich bis Sizilien durchregieren kann? Bei welcher Gelegenheit soll das den "Bürgern Europas" bloß ein- gefallen sein? Etwa irgendwann bei der täglichen Schichtarbeit, auf dem Weg zum Arbeitsamt oder bei der Suche nach Sonderangeboten? Das glauben Schreiberlinge wie ein Besser zwar selber nicht, aber ihre Leser- schaft halten sie offensichtlich für blöd genug, daß man ihnen jeden bundesdeutschen Großmachtanspruch als ihr ureigenstes An- liegen verkaufen kann. Genauso wie folgendes "Bürgeranliegen": - Eine europäische Währung? - Hatten Sie schon einmal den Wunsch, den Lohn statt in DM in der europäischen Verrechnungseinheit ECU ausgezahlt zu bekommen? Nein? Das wäre für Sie auch ziemlich wurscht, weder der Lohn würde dadurch höher noch das, was man sich dafür kaufen muß, billiger. Es sind ganz andere Leute, die "Europa" wollen - und die kalku- lieren dabei ihre Interessen sehr genau. Die Herrschaften näm- lich, die die "Bürger Europas" regieren: die Macher Europas, ohne deren nationalistische Berechnungen ein Gebilde wie die EG keinen einzigen Tag existiert hätte. Ausgerechnet diesen Leuten mit dem Vorwurf zu kommen, sie wären der "eigentliche Hemmschuh der euro- päischen Idee", ist mehr als albern. Traumtänzer und Idealisten, die sich in einen gemeinsamen europäischen Paß verliebt haben, sind diese Figuren nämlich nicht. Sie machen Politik - und was für eine! Seit sie einen g e m e i n s a m e n M a r k t für ihre natio- nalen Wirtschaften geschaffen haben, streiten Europapolitiker sich um möglichst günstige Bedingungen für die jeweils eigene na- tionale Wirtschaft. Ein Wunder ist das nicht und schon gleich nicht ein Gegensatz zwischen "Krämergeist und gemeinsamen Anlie- gen". Denn schließlich kommt es nicht auf die Gemeinsamkeit, sondern auf den M a r k t an. Der kann für kapitalistische Unternehmen bekanntlich gar nicht groß genug sein - am besten umfaßt er gleich die ganze Welt. Als "Ausgangsbasis" für die Eroberung des Weltmarkts läßt sich eine "Freihandelszone Europa" um so besser nutzen, je wuchtiger die heimische Wirtschaftskraft ist. Und wie groß dieser Nutzen für die "großen Industrienationen", in vorder- ster Front die BRD, ist, kann man schon daran ermessen, daß sie sich als A n h ä n g s e l dieses Geschäfts den viel bequatsch- ten und bejammerten e u r o p ä i s c h e n A g r a r m a r k t leisten. Die Milliarden, die dabei von der BRD in den Milchsee gebuttert werden, sind nur die Spesen des eigentlichen großen Ge- schäfts. Wo es um nichts anderes geht, als mit Europa den Reichtum und die Macht der eigenen Nation zu vergrößern, erstrahlen deutsche Bun- deskanzler seit eh und je als "Männer von wahrem europäischem Geist". Denn wenn die eigenen nationalen Interessen mit Europa am besten durchgesetzt werden, tut man sich leicht, gegen den Natio- nalismus der anderen zu wettern. Dieses gemeinsame Europa ist kein schöner Wunschtraum, sondern harte Realität. Was die "Bürger Europas" davon haben, ------------------------------------- sieht entsprechend aus. "Näher gekommen" sind sie sich tatsäch- lich. Die Kapitale, die den "gemeinsamen Markt" als ihre profit- bringende Anlagesphäre begutachten, haben nämlich gründlich mit "überkommenen nationalen Besonderheiten" bei der Benutzung des europäischen Arbeitermaterials aufgeräumt. Lohnarbeiter, ganz egal, ob sie in Irland, der BRD oder Süditalien zu Hause sind, werden an ihren Arbeitsplätzen längst nach denselben Maßstäben benutzt und verglichen. Diese Maßstäbe von Lohn und Leistung set- zen die Kapitale jetzt in ihrer gesamteuropäischen Konkurrenz durch. So sorgen sie dafür, daß das Leistungsniveau in den euro- päischen Fabriken überall ständig auf den "neuesten Stand" ge- bracht wird. Daneben haben die schönen Regelungen des gemeinsamen Agrarmarkts dafür gesorgt, daß italienische Südfrüchte, Allgäuer Milchprodukte und französischer Wein f ü r a l l e E u r o- p ä e r g l e i c h t e u e r sind. Vor kurzem durften die Griechen diese europäische Erfahrung ma- chen - heimische Lebensmittel wurden mit dem EG-Beitritt schlag- artig um mehr als 100% teurer. Europäische Macher, wie Helmut Kohl und Konsorten, bestimmen eben schon lange nicht mehr "nur" über die Lebensbedingungen ihrer eigenen Untertanen. Auf ihren "Gipfeln" regeln sie auch ganz nebenbei die Verelendung von zig tausend Spaniern und Portugiesen, die demnächst zu "vollwertigen Europäern" gemacht werden. Genau diese Herrschaften - und nicht die "enttäuschten" Völker - haben nach ihrem letzten Gipfel die Parole ausgegeben: Der Markt, auf den sie doch so viel Wert legen, wäre "bloßes Krämertum"; es würde Zeit, die "große Idee der europäischen Einheit" in den Mit- telpunkt zu stellen. Sehr unzufrieden mit ihrem Werk geben sich die Macher Europas. Offenbar sind mit ihren E r f o l g e n auch ihre M a ß s t ä b e immer anspruchsvoller geworden: Unter einer Weltmacht Europa ---------------- tun sie es nicht mehr. Der möchte jeder von ihnen gerne vorste- hen. An diesem Maßstab entzündet sich jetzt der Streit der Regie- rungschefs. Um die Wichtigkeit der einzelnen Nationen in einem Bündnis geht es ihnen, das politisch und militärisch genauso machtvoll sein will, wie seine Wirtschaftskraft. Deswegen strei- ten sie sich gerade an den "kleinlichen" Geldfragen immer auch ums Prinzip: Wer der tonangebende M a c h e r einer G r o ß- m a c h t E u r o p a ist und wer nicht. Und ausgerechnet an der Tatsache, d a ß diese Figuren sich streiten, sollen Leute, die von vornherein als Macht m i t t e l vorgesehen sind, besorgt Anteil nehmen! Man sollte sich lieber klarmachen, was es heißt, wenn unser Bun- deskanzler seit neuestem mit Vorliebe von den "Vereinigten Staa- ten von Europa" träumt. (Mit einem gewissen Helmut Kohl als Mi- ster President, versteht sich!) Die Macht, über die er als Chef der Bundesrepublik verfügt, genügt ihm offensichtlich nicht. Ein "Modell Europa", das den USA in jeder Beziehung gleichrangig ist, das ist es, was diesem Menschen vorschwebt. Und was dazu noch alles nötig ist, kann man auch schon jeden Tag in den Zeitungen nachlesen: neben den europäischen Atomraketen noch ganz viel konventionelles Kriegsgerät für die europäische Front. "Zukunftsweisende Europapolitik", das heißt heutzutage, alles da- für zu tun, als müßte man alleine von Westeuropa aus einen Welt- krieg kalkulieren und siegreich beenden können! Die "Völker Europas" mögen sich einbilden, was sie wollen, das ist es, was sie von ihrer Obrigkeit eingebrockt kriegen. zurück