Quelle: Archiv MG - EUROPA ALLGEMEIN - Ein Zentrum des Friedens


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       Wochenschau
       

DREI DEMOKRATISCHE EXEMPEL UND EINE AUSNAHME

"Die Leistung des demokratischen Zirkus besteht also durchaus nicht darin, daß sich der Staat durch Wahlen vom Willen seiner Bürger abhängig macht. ... Er regelt die Willenskundgabe so, daß seine Untertanen keine andere Wahl haben, als ihre Unterwerfung unter den Staatswillen zu bekunden." (MG, Der bürgerliche Staat, Paragr. 9b) In Ö s t e r r e i c h haben die Parteien im Wahlkampf das Stimmvolk mit der Frage konfrontiert, ob sie sich Österreich ohne Kreisky vorstellen könnten. Die Opposition, verständlicherweise, konnte, die regierende SPÖ und Kreisky selbst, wie nicht anders zu erwarten, nicht. Das, und sonst rein gar nichts, erregte die Gemüter. Daß "wir alle" kürzertreten müssen, eh klar, von wegen "schwere Zeiten" weltweit. Die "Sachfragen" zur Garnitur der Per- sonalia, die noch in die Wahlpropaganda gelangten, kennt man in der BRD eher aus der Kommunalpolitik (Bau eines Konferenzzentrums in Wien z.B.). Jetzt, nachdem die SPÖ mit Kreisky vergeigt hat, packt sie es ohne ihn, indem sie mit der FPÖ "packeln" wird. Wenn der designierte Nachfolger Sinowatz erst Kanzler ist, wird er schon bald ein Staatsmann von Format werden. Ob vielleicht der Dr. Mock von der Volkspartei nicht doch besser wäre beim Regie- ren, dies wird weiterhin kontrovers bleiben. In P o r t u g a l wurde mit derselben Veranstaltung dem Wähler eine noch größere Leistung abverlangt. Schließlich sollte er zwi- schen Staatsmännern entscheiden in einem Land, in dem die Herr- schaft das Massenelend verwaltet und jede Regierungsmaßnahme zur Mehrung des Reichtums der N a t i o n eine Mehrzahl der Bürger gleich unters Existenzminimum drückt. Aber auch da ist das Wählen offenbar keine unüberwindliche Schwierigkeit für ein zivilisier- tes Volk, das Wählen als ein Recht begrüßt, welches automatisch die Pflicht zu seiner staatsgenehmen Wahrnehmung einschließt. 9 Jahre nach der "Revolution der Nelken" hat eine relative Mehrheit auf den Dr. Mario Soares und seine Sozialisten gesetzt, die ihr vorgerechnet hatten, daß es den Leuten unter der bislang amtie- renden Rechtskoalition n o c h s c h l e c h t e r ging als unter der ersten PS-Regierung. Was nicht hieß, daß i h n e n eine bessere Zukunft versprochen wurde, sondern dem L a n d P o r t u g a l. Für die in so wenigen Jahren erreichte "demokratische Reife" der Portugiesen spricht, daß sie sich nach einem "emotionslos verlaufenen" Wahlampf "für das kleinere Übel" entschieden haben. In I t a l i e n hat die sozialistische Partei eine "Regie- rungskrise" beschlossen, ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, wo die von ihr gemeinsam mit den Christdemokraten beschlossenen Sparmaßnahmen "zu greifen beginnen", wie die hiesige Presse ver- merkt! Der sozialistische Parteichef Craxi hat die demokratische Meisterleistung fertiggebracht, seine Parlamentsfraktion inner- halb von zwei Wochen neunmal in ein positives Vertrauensvotum für die Regierung Fanfani zu führen, um derselben Regierung dann in der folgenden Woche das Mißtrauen auszusprechen, um Neuwahlen herbeizuführen. Völlig daneben liegt daher die Klage des Italien- Korrespondenten der "Süddeutschen Zeitung" vom 25. April: "Dabei fehlt für diese Neuwahlen jeder triftige politische Anlaß." Der ehrwürdigste aller politischen Anlässe in der Demokratie trifft hier zu: Craxi wittert eine Stimmungslage beim Wähler, die seiner Partei bei der nach den Wahlen fälligen Neuverteilung der Macht einen Machtzuwachs in Form von "hohen und auch minderen Staatspo- sten" (SZ) beschert. Daß dies 1983 in Italien nicht mehr mit ei- ner "Sachfrage" verbunden werden muß, sondern die Kontinuität der Politik in allen wichtigen nationalen Fragen - Terrorbekämpfung, Lohnsenkung, Sozialsparmaßnahmen usw. - ungebrochen bleibt, ist ein Zeichen p o l i t i s c h e r S t a b i l i t ä t über alle Wahlen und Regierungskrisen hinweg: "Denn die Italiener sind die treuesten Wähler Europas - sie lassen selten ihre Parteien im Stich." (SZ) In der T ü r k e i hingegen ist man von einem "demokratischen Leben" noch weit entfernt. Was Parteien und Wähler hierzulande und in den oben angeführten Staaten f r e i w i l l i g besor- gen, wird hier von der Militärdiktatur mit Z w a n g v e r o r d n e t, weshalb demokratische U n t e r t a n e n über das neue türkische Parteiengesetz die Nase rümpfen. Ihmzu- folge dürfen nämlich nur "Parteien" gegründet werden, die sich nicht als Parteien betätigen. Kritik an der Regierung und An- griffe untereinander sind v e r b o t e n, die führenden Poli- tiker des Landes dürfen sich nicht betätigen und ein "Nationaler Sicherheitsrat" des Militärs entscheidet über Zulassung bzw. Wie- derauflösung der Parteien. Indes hält sich die Kritik an solcher Demokratie bei uns in Grenzen. Denn erstens ist die Türkei nicht Europa, da "der Türke" als solcher noch zu unreif ist für so ein kompliziertes System wie die parlamentarische Demokratie. Und zweitens ist die Türkei nicht Polen, sondern die Südflanke der NATO. zurück