Quelle: Archiv MG - EUROPA ALLGEMEIN - Ein Zentrum des Friedens


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       Strauß, Kohl  und  Genscher  entdecken  ihre  'Abhängigkeit'  von
       'unseren amerikanischen Freunden'
       

DER OFFIZIELLE ANTIAMERIKANISMUS ODER "EUROPA ERWACHE!"

"GENSCHER: Wir wollen gern, daß der europäische Pfeiler im west- lichen Bündnis die Stärke gewinnt, die ihm zukommt. Wir haben in der Europäischen Gemeinschaft mehr Bürger, als die Vereinigten Staaten Einwohner haben. Aber kann man heute sagen, daß Westeu- ropa, daß die Staaten der Europäischen Gemeinschaft politisch und wirtschaftlich so stark sind wie die Vereinigten Staaten?" (SPIEGEL) Es ist nicht lange her, da war Kritik an den Amerikanern und ih- rer Führungsrolle im NATO-Kriegsbündnis hierzulande so ziemlich das schlimmste Verbrechen. Im vergangenen "Raketenherbst" noch galten die alternativ-nationalen Parolen der Friedensbewegung für mehr Eigenständigkeit Europas als Verstoß gegen unsere Sicherheit und als Zeugnis kommunistisch gesteuerter Spaltungsmanöver. Da war kein Zweifel erlaubt: Wir brauchen die "Nachrüstung" mit den modernsten Atomraketen, um von Europa aus die Russen das Fürchten zu lehren und das strategische Potential der USA für die "Verteidigung" dieses unseres geliebten Frontstaats "anzukop- peln". Und jetzt? Kaum sind die ersten Batterien Pershing II und Cruise Missile scharf gemacht, da kommen ganz neue Töne auf in diesem unserem Lande - und zwar aus dem Munde derer, die soeben noch die "deutsch-amerikanische Freundschaft" als erste Bürgerpflicht ver- ordnet haben. Da vergeht seit zwei Wochen kein Tag mehr, an dem nicht mindestens ein maßgeblicher Führer der Bundesrepublik Deutschland laut und deutlich eine sehr prinzipielle U n z u f r i e d e n h e i t mit der existierenden Rollen- und Machtverteilung im NATO-Bündnis und in der Welt hinausposaunt. * Da plädiert Außenminister Genscher: "Europa müsse aus der Rolle des Kostgängers amerikanischer Stärke heraustreten und seine ei- gene Sicherheit stärker durch eigene Anstrengungen garantieren... Es gelte nun, diesen Zusammenchluß zur gemeinsamen Verteidigung (die westeuropäische Union) wieder zu beleben." (Süddeutsche Zei- tung, 11.4.) * Da verkündet Kanzler Kohl in britischen Zeitungen, das Welt- raumprojekt der USA zur Abwehr von Interkontinentalraketen sei nicht akzeptabel, sofern es die Sicherheit der Amerikaner auf Ko- sten derer der europäischen NATO-Verbündeten erhöhe und die per "Nachrüstung" erfolgte "Ankopplung" der europäischen Verteidigung zunichte macht. Er kündigt eine diplomatische Offensive dagegen für den kommenden Herbst an und "droht" den USA für den Fall der Uneinsichtigkeit die Entwicklung eines eigenständigen europäi- schen Verteidigungssystems an - das er zwecks "Stärkung des euro- päischen NATO-Pfeilers" ohnehin plane. (TAZ, 12.4) * Da weist und fordert CSU-Chef Strauß die Zukunftsperspektive einer den USA ebenbürtigen militärischen Großmacht Europa, ganz unabhängig von speziellen Ärgernissen - als staatsnatürliche Not- wendigkeit: "Unser Selbstbestimmungsrecht darf nicht allein von Washington garantiert werden. Das ist auf Dauer mit dem seelischen (!) Gleichgewicht (!) von 300 Millionen Europäern unvereinbar." Zur Herstellung der seelischen Ruhe all der Europäer fordert Strauß "die politische Einigung" Europas mit dem Höhepunkt einer "Integration" der nationalen Armeen, die ein "kriegsverhinderndes Potential mit weitgehender Unabhängigkeit von den USA" bilden könnten, was zur Etablierung Europas als wirklich "gleichwertiger (!) Säule" mit den USA unabdingbar sei. (Frankfurter Rundschau, 9.4.) Das sind neue Töne. Und neue Ansprüche, die Kohl, Genscher und Strauß auf die politische Tagesordnung westdeutscher Außenpolitik gesetzt haben. Sehr unbescheidene Gewaltansprüche, die gar nicht klammheimlich daherkommen, sondern ganz offen und im Bewußtsein der bereits akkumulierten Macht(mittel) angemeldet werden. Erfolg macht unzufrieden ------------------------ Daß diese bundesrepublikanische Herrschaft für die weltweite Durchsetzung ihrer gar nicht friedlichen politischen und ökonomi- schen Interessen die geballte Wucht des amerikanischen Waffenar- senals zu ihrem "Schutz" gebraucht hat war ihre Geschäftsgrund- lage. Und der mit dieser "Abhängigkeit" erreichte Erfolg begrün- dete die mustergültige Treue des "Juniorpartners" zu seiner "Schutzmacht". Daß das mittlerweile sehr erfolgreich agierende Imperialismusmodell Marke BRD mitsamt seiner europäischen Haus- macht die amerikanische "Sicherheitsgarantie" i m m e r n o c h b r a u c h t, wird nun plötzlich ganz offiziell als schwerwie- gender Mangel diagnostiziert, mit dem sich abzufinden laut Strauß geradezu widernatürlich wäre. Können "wir" uns eine einseitige strategische Abhängigkeit von der amerikanischen "Abschreckungs"- Maschinerie eigentlich auf Dauer noch leisten, die den USA die ausschlaggebende "Entscheidungsfähigkeit" über Mittel und Wege zum Endsieg über den gemeinsamen Hauptfeind überläßt? - lautet ab jetzt die Frage. Das I d e a l eines gleichwertigen europäischen NATO-Pfeilers visiert die W e l t m a c h t USA als Maßstab an, an dem Europa sich nunmehr selber zu messen gedenkt. Kein Wunder, daß vor die- sem absoluten Maßstab - der maßlosen, auf eigene ökonomische und militärische Potenzen gegründeten Machtvollkommenheit - das g e g e n w ä r t i g e Deutsch-Europa verblaßt und prompt Ge- genstand einer schonungslosen (Selbst-)Kritik seitens seiner maß- geblichen Gestalter wird. Der sog. machtpolitische "Realismus" dieser Selbstkritik - "Es sind nicht die Amerikaner, die uns ein größeres Gewicht im Bündnis verweigern, es ist Europa, das aus Schwäche und Mangel an Entscheidungsfähigkeit den Amerikanern freiwillig (aus Mangel an Macht freiwillig! d.V.) den Vortritt läßt." (Genscher in der FR, 11.4.) - ist deshalb auch nicht mißzuverstehen als resignative Abkehr vom politischen Programm der Schaffung einer westeuropäischen Weltmacht, deren "Selbstbestimmungsrecht" nicht mehr durch die Gewaltmittel einer "fremden" Nation garantiert werden "muß". Im Gegenteil. Diese Sorte Realismus verdankt sich ja der Anwendung der euronationalen Sichtweise und bekräftigt den staatlichen W i l l e n der verantwortlichen Machthaber, die diagnostizier- ten Hindernisse und Mängel nach Kräften aus der Welt zu schaffen. Von dieser Entschlossenheit der nationalen Führer der BRD zeugt nicht zuletzt die skrupellose Berufung eines Strauß und Genscher auf die 300 Millionen (will sagen: "Wir" haben sogar mehr als die Amis!) "Seelen", die angeblich nichts dringlicher wünschen und brauchen als die Vervollkommnung ihrer Einzelobrigkeiten zu einer autonomen europäischen Supermacht. Eine Berufung - darin jeden- falls darf man sich sicher sein -, die e i n Versprechen bein- haltet: Daß die dergestalt einvernahmten, im Geiste bereits unter einer Herrschaft vereinigten europäischen Untertanen als Manö- vriermasse für den geplanten Zuwachs an Reichtum, Macht und Herr- lichkeit der Gewalt fest eingeplant sind, also zu bezahlen haben. PS: Es ist, als ob unsere gewählten Volksvertreter ihren (ehemaligen) Kritikern aus der Friedensbewegung demonstrieren wollten, w a s es bedeutet, wenn mit der Idee einer "e u r o p ä i s c h e n F r i e d e n s m a c h t" ernstge- macht wird, die sich von der Vorherrschaft der USA "befreien" will, daß sich also keiner etwas anderes davon versprechen kann und darf als einen gewaltigen Imperialismus! zurück