Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK WERFTEN - Krisen beim Rüstungskapital
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STREIT UM AKKORDSENKUNG BEIGELEGT:
Der jetzt beendete Streit um Lohn hat damit angefangen, daß die
Werft einfach ihre Produktion begutachtet hat und zu der Fest-
stellung gekommen ist, daß die gewohnte Arbeit, wie sie bislang
von ihr organisiert und von den Arbeitern gemacht wurde, es nicht
mehr gebracht hat. Einfach zu teuer.
Von wegen: man geht bloß arbeiten. Wenn die Werft Arbeit eink-
auft, dann meint sie l o h n e n d e Arbeit, also soll sie auch
das bringen, sonst taugt sie nicht.
Und sie sollte eben mehr bringen. Das war der Ausgangspunkt für
eine Investition, die unter dem Titel 'Modernisierungs- und Ra-
tionalisierungsmaßnahme' kundgetan hat, worauf es ankommt: die
gesamte Arbeit auf der Werft soll so umgekrempelt werden, daß die
Produktionszeit pro Schiff gesenkt wird. An dem Maßstab gemessen
sind der Werft lauter Arbeiten aufgefallen, die für sie nichts
als Verschwendung kostbarer Arbeitszeit darstellen: lange Wege,
unnötige Wartezeiten, Materialstockungen, veraltete Maschinen.
Also soll alles neuorganisiert werden: an einem einzigen zentra-
len Ort, wo alle auf- und miteinander zu arbeiten haben, mit
neuen Verfahren und neuen Maschinen. Das spart Zeit, so daß jedes
Schiff schneller ausgerüstet werden kann. Termine sind schließ-
lich ein Konkurrenzmittel im Werftgeschäft, weshalb sich die Aus-
gabe der Investionen für die Beschleunigung der Fertigung sich
immer lohnen.
So wird die Arbeit der Werftler produktiver gemacht: insgesamt
kommt mehr Produkt pro Tag raus, was noch lange nicht heißt, daß
dadurch die Arbeit leichter wird und was auf jeden Fall heißt,
daß sie nicht kürzer wird. Der Betrieb rechnet es sich nämlich
als seine Leistung, die er durch sein Kapitaleinsatz in die Welt
gesetzt hat, daß es aus der Arbeit mehr rauszuholen geht. Also
hat sie dem Arbeiter genausowenig anzugehen wie die Frage was aus
dem gewachsenen und im Geld bezifferten Reichtum wird. Eine Lohn-
frage, die so ziemlich grundsätzlich über die Verfügungsgewalt
darin entschieden ist, daß der produzierte Reichtum nicht zum
Vorteil der Leuten gerät, die ihn schaffen.
Eher umgekehrt. Daß die Arbeit effektiver geworden ist heißt für
den Betrieb automatisch, daß sie relativ billiger wird. Was die
Arbeit ihm kostet ist nämlich eine von der Leistung getrennte
Frage. Die Lohnsumme steht auch fest, genau so viel wie er bisher
bezahlt hat. Also wird das Mehr an Arbeitsprodukte billiger. Das
Verfahren ist bei Zeitlöhner gang und gäbe und es wäre ja ge-
lacht, wenn es nicht auch auf einer Werft anzuwenden ginge.
Also stellt sich der Betrieb einfach auf dem Standpunkt, daß das
was er sich an Produktivitätssteigerung ausgerechnet hat - 15 bis
20% - so ungefähr auch die Marke für eine Senkung der Vorgabezei-
ten ist.
Von wegen: wenn man mehr schweißen kann, kriegt man mehr Lohn.
Wenn die Werft Lohn sagt, dann meint sie l o h n e n d e
K o s t und zwar für sie.
Das ist der billige Trick des Akkordlohns, die Leistung zuerst
ganz unabhängig vom Lohn festzulegen. Die Arbeitsplätze werden
eingerichtet und verändert, je nach Bedarf: die Leistung muß da-
mit erbracht werden. Dann wird der Lohn festgelegt: wieviele
Pfennige ist das gewünschte Pensum dem Betrieb wert? Höchstens
soviel wie früher, also pro Teilarbeit prozentual weniger und auf
jeden Fall so, daß durch die Umrechnung in Vorgabezeiten der
Zwang zur Erbringung der verlangten Leistung, für die Arbeiter
die einzige Chance ist, an den Lohn zu kommen. Schöner kann man
es nicht sagen, daß der Lohn nicht das Mittel des Arbeiters ist
über mehr Leistung, mehr Geld zu verdienen, sondern das Mittel
der Werft für mehr Leistung immer weniger zu zahlen. Dieses In-
teresse ganz ungeschminkt ausgedruckt ist die Forderung der Werft
nach globaler Vorgabezeitkürzung für alle Gewerke. So hätte sie
es am liebsten gehabt, weil am einfachsten. Ohne groß nach Ar-
beitsplätze oder gar nach den Leuten unterscheiden zu wollen und
auch ohne umständliche Zeitaufnahmen. Für alle gleich soundsoviel
runter mit dem Akkord.
Davon hält ein Betriebsrat nichts. Gleichmacherei ist nicht sein
Metier. Und bei allem Verständnis für die Notwendigkeit einer
neuen Zuordnung von Vorgabezeiten zu den geänderten Arbeitsab-
läufe, hat er allemal nichts für willkürliche Festlegung übrig.
Und er ahnt schlimmeres: daß bei einigen die Arbeit verdichtet
wird und manchanderer nicht auf seinen alten Lohn kommt.
Und wenn der Betriebsrat Lohn sagt, dann meint er
G e r e c h t i g k e i t.
Daß alle über einen Kamm geschert werden, kann nicht angehen,
denn dann wäre überhaupt nicht berücksichtigt, was einer kann,
wie er sich die Arbeit einteilt und unter welchen Bedingungen er
seine Leistung bringt. Alle diese Gesichtspunkte will er ins
Spiel bringen, wenn es an die Umrechnung des Pensum in Vorgabe-
zeit geht. Der Betriebsrat hält die alte Lüge des Akkords, daß
der Lohn sich aus dem begründet, was einer am Arbeitsplatz lei-
stet, für brauchbar und im Interesse der Arbeiter benutzbar. Na-
türlich nicht in den übertriebenen Sinn, daß bei einer stattge-
fundenen Produktivitätssteigerung von 20% mindestenst 15% Lohner-
höhung drin wären. Nein! Eher in dem Sinne brauchbar, daß die
Verknüpfung vom Lohn an der Leistung den Betrieb dazu zwingt an
der Arbeit, die einer verrichtet, den objektiven Beweis zu er-
bringen, daß sie wirklich weniger wert ist. Daß es um Objektivi-
tät nirgendswo geht gibt er damit zu, daß seine Anwesenheit dazu
unbedingt erforderlich ist, also doch bloß ums Interesse geht,
aber pflegen möchte er den Schein schon, sonst müßte er glatt
aufs Geld bestehen, egal wie die Leistung aussieht. Also meint
er, daß er auf dem Gebiet der Festlegung von Lohn und Leistung
die Werft mit ihren eigenen Mittel schlagen kann: ganz individu-
ell, durch eigene Zeitmessungen, eine andere Beurteilung und was
er sonst noch kennt. Was dabei rauskommt, ist das was halt dabei
rauskommt. Je nach dem auf welche Objektivität sich die Kontra-
henten nach müseligen Streit geeinigt haben. Auch der schönste
Betriebsrat kann nämlich niemanden erklären, warum 1 Meter
Schweißnaht ausgerechnet 3,50 DM wert sein soll und nicht 120,-
DM, noch warum dafür unbedingt 2 1/2 Minuten veranschlagt sein
sollen, und dies alle Tage gleich. Das Resultat ist allemal eine
Frage des Kräfteverhältnisses, ob man sich dazu stellt oder nicht
und keine Frage der Einigung. Einigen kann man sich über Skatre-
gel und nicht über das Geld was man zum Leben braucht, wenn die
andere Seite sagt, daß es ihr gar nicht darauf ankommt. Die Ant-
wort auf die Frage: wieviel trägt man demnachst für welche Lei-
stung nach Hause, heißt dementsprechend schlicht und einfach:
130%, im Durchschnitt und bei angemessener Leistung. Und das ist
was anders als 3000,- bar auf die Hand, ohne daß man dran kaputt
geht. Es heißt nämlich: soviel in Vorgabezeiten bemessene Lei-
stung muß mindestens erbracht werden, um auf eine Berechnungs-
weise des Lohns zu kommen, die je nach Arbeitsplatz und Lohn-
gruppe die Summe abgibt, mit der man zurechtkommen muß. Für den
einen 1900,-, für den anderen 2600,- DM, je nachdem. Ob es sich
dabei um einen 'angemessenen' Lohn handelt steht genauso wenig
zur Debatte, wie die Frage, ob man mit der 'angemessenen Lei-
stung' einverstanden ist, die man auf jeden Fall erbringen muß.
Wer es nicht schafft, kann sich immerhin beschweren. Schließlich
behauptet der Betriebsrat, daß es durch seine Mitwirkung gehen
müßte. Wem es nicht paßt, muß die Beschwerde in die einzig er-
laubte Form anbringen und seinerseits beweisen, daß es wirklich
nicht geht oder die Schnauze halten. Denn es ist alles korrekt
und in eigener Regie gelaufen, ohne einseitige Festlegung und
ohne fremde Zeitnehmer. Mit Betriebsrat eben.
Alles beim alten auf der Werft? Im Prinzip ja. Man verdient immer
den Lohn, den man kriegt, wenn man die Leistung schafft, die man
zu schaffen hat. Wes beschied?
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