Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK UMWELTPOLITIK - Smog und Molke - alles im Griff!
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Basel ist nicht Tschernobyl
ALLES UNTER KONTROLLE
Der Fall
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Eine Giftwolke trieb zwischen Elsaß und Baden. Tonnenweise gif-
tigste Chemikalien wurden 'beim Löschen' in den Rhein geschwemmt
und fließen gemächlich stromab, nur allmählich mit dem sonstigen
Dreck verdünnt. Das Trinkwasser bekommt seinen Teil ab. Quecksil-
ber gelangt todsicher in den Nahrungsmittelkreislauf und wird an-
gereichert. Und das alles nur, weil ein gewöhnlicher Lagerhallen-
brand auf gewöhnliche Weise gelöscht wurde.
Alles gar kein Zufall. Chemiefirmen arbeiten mit Zutaten, die es
auch im Endprodukt noch in sich haben. Die werden kostengünstig
gelagert, also ohne 'übertriebenes Risikobewußtsein' und entspre-
chende Sicherheitsvorkehrungen. Bei Sandoz unmittelbar neben ei-
ner Lagerhalle für Phosgen, das im Ersten Weltkrieg als Giftgas
eingesetzt wurde. Die Anlagen liegen zweckmäßigerweise am Wasser;
schließlich braucht der Normalbetrieb einen natürlichen Abwasser-
kanal, der das überflüssige Zeug umsonst verflüssigt und verteilt
- BASF und Hoechst lassen grüßen. Man rechnet mit Schadstoffkon-
zentration pro Kubikmeter, mit Kostenoptimierung für sicheren Be-
trieb und Lagerung, weil die Gewinnspannen den Bach runtergehen
würden, wäre man zimperlich. Man braucht es ja auch nicht. Die
Politiker achten nämlich ihrerseits auf die Konkurrenzfähigkeit
der Firmen, die keine überflüssigen Ausgaben und Auflagen vertra-
gen. Damit stimmen sie das Interesse an einem brauchbaren Volk
und einer nutzbaren Natur ab und muten Land und Leuten deswegen
einiges an Risiken und sicherer Schädigung, den Betrieben aber
wenig an Rücksichten auf Land und Leute zu. So ein Unfall ist
deswegen unvermeidlich, andererseits nur das i-Tüpfelchen auf dem
reibungslosen, tagtäglichen Betrieb.
Die Bewältigung
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läuft entsprechend reibungslos. 'Erst einmal politisch einschät-
zen, sich absprechen und handeln, dann gezielt informieren!' -
heißt die Devise, so daß die Nachrichten so spärlich flossen wie
das Gift reichlich. Erst war da bloß ein bißchen Stoff in der
Luft - Fenster zu und Luft anhalten. Dann gab's ein bißchen toten
Fisch - komisch, komisch; dann sind rheinabwärts die Aale einge-
gangen - die sind aber auch zu empfindlich; jetzt schwimmt alles
kieloben, was Flossen hat - man darf über das gestörte ökologi-
sche System spekulieren. Genauere Meßwerte und Giftauskünfte sind
nicht zu erfahren, Verstöße nicht festzustellen; die politischen
Stellen haben alles im Griff: Der Brand ist so ziemlich gelöscht,
das betroffene Trinkwasser abgeschaltet, der Rhein unter Beobach-
tung, das Quecksilber wird schon wieder auftauchen - später. Der
Rest geht niemanden was an.
Und wo bleibt der empörte Aufschrei einer aufklärungsbewußten Öf-
fentlichkeit? Das bißchen Kritik und das Versprechen, sich um
noch mehr politische Betreuung zu kümmern, wird gleich von oben
miterledigt. Sandoz verspricht, seine Lagerhaltung zu überprüfen
- natürlich im Rahmen der unternehmerischen Freiheit und entspre-
chenden Kostenrechnung. Die Behörden diskutieren die Verbesserung
des Katastrophenschutzes, also ihren Umgang mit Unfällen, mit
denen wie das Amen in der Kirche gerechnet wird. Wallmann will
sich um mehr Meßstationen und um neue Alarmpläne kümmern. Die Öf-
fentlichkeit beschäftigt sich mit Fischezählen. Also alles in
Ordnung! Der Staat wacht darüber, daß keine unnötigen Risiken in
Kauf genommen, die notwendigen aber sicher kalkuliert und ge-
schluckt werden.
Nach Tschernobyl
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hatte es geheißen: Das Umweltbewußtsein einer freien Bevölkerung,
die Wachsamkeit einer kritischen Öffentlichkeit und das Verant-
wortungsbewußtsein demokratischer Politiker wären eine eine erst-
klassige Versicherung gegen Unfälle der größeren Art. Wenn dann
doch etwas passiert, hat das Schicksal zugeschlagen und die Kon-
sequenz heißt: Mit Katastrophen muß man immer rechnen; also alles
halb so schlimm, wenn nicht gleich ein Atommeiler explodiert.
Kernenergie ist auch nicht so schlimm, weil die Chemie ganz schön
giftig ist. Und gegenüber den Unfällen nimmt sich jeder Normalbe-
trieb vergleichsweise harmlos aus. Mehr wollten Politik und Öf-
fentlichkeit in diesem Fall den Betroffenen nicht aufschwätzen.
Man soll sich im Unterschied zum Fall in der Ukraine beruhigen:
In unserem System kann sowas nicht passieren; was passiert, ist
also von Haus aus etwas anderes. Daran stimmt immerhin das Eine:
Gegen soviel geschäftliche Unverfrorenheit, Freiheiten der Poli-
tiker und öffentliche Verarschung sind die Russen wirklich Wai-
senknaben.
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