Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK UMWELTPOLITIK - Smog und Molke - alles im Griff!
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d'Alleux / Kühling: "Umweltgüteplanung"
KAPITALISMUS ALS RAUMGESTALTUNG
Vorneweg drei Beispiele s t a a t l i c h e r Raum- bzw. Um-
weltplanung aus nächster Umgebung:
- Der Staat befördert den Dreck in der Landschaft: Bei der Ein-
weihung des Kohlekraftwerks Ibbenbüren stand auch der Staat in
Form des Ministerpräsidenten Rau in der vordersten Reihe, um die-
ser "Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme" gutes Gelingen zu wün-
schen. Und dieses ist nur zu haben, wenn die Kosten für Filter
und sonstiger, sauberer Luft zuträglicher Einrichtungen nicht zu
hoch sind. Da "man" also profitliche Stinker will, kommt "man"
nicht umhin, Schwefeldioxid und Stickoxide in die Luft zu entlas-
sen.
- Der Staat hält den Dreck in "Grenzwerten": Ist der Giftgehalt
in Luft und Wasser so hoch, daß es z.B. zu Atemnotfällen durch
Schleimhautschwellungen ("Pseudo-Krupp") kommt, dann erläßt der
Staat "Grenzwerte". Diese sind allerdings nicht dazu da, die ver-
saute Umwelt einer Säuberung zuzuführen (wie sonst könnte es
sein, daß der Überwacher "unserer Volksgesundheit" nur bei einer
besonders auffällig hohen Zahl von Opfern einschreitet und wie
sonst gäbe es 1000 "Ausnahmen" und "Lockerungen"), sondern sorgen
für einen geregelten Ablauf der gewinnträchtigen und deswegen so
gesundheitsschädlichen Produktion: über der von allen politischen
Instanzen tatkräftig geförderten Ausbeutung von Land und Leuten
soll die Brauchbarkeit des Volkes für die herrschenden staatli-
chen und wirtschaftlichen Interesssen nicht verlorengehen - ein
Standpunkt, der mit einer erklecklichen Anzahl von Kranken und
Toten k a l k u l i e r t, wenn er festlegt, was "zuviel" ist.
- Der Staat entdeckt viele Jahre später "Altlasten": z.B. in
Dorstfeld-Süd, wo Cadmium, Blei, Arsen und Quecksilber den Boden
verseuchen. Da es sich um "Altlasten" handelt, ist auch schon
klar, wo der Schuldige zu suchen ist: auf jeden Fall in der Ver-
gangenheit. Wohingegen die Unschuld der neuzeitlichen Politiker
zeigt, wer prädestiniert dafür ist, diese Probleme zu lösen. Und
dies geht so: Erstmal wird beschwichtigt ("So schlimm wird's
schon nicht sein!"); und falls es ohne eine Beseitigung der
"Sünden der Vergangenheit" nicht geht, will auch diese kostengün-
stig betrieben sein. Soll bloß niemand meinen wie etwa die Dorst-
felder Bürger -, er könnte materielle Ansprüche wegen der rui-
nösen Folgen der Politik einklagen - Dankbarkeit ist gefragt, und
zwar dafür, daß Politiker sich um die gesundheitsschädlichen Le-
bensbedingungen besorgt zeigen, die sie selber geschaffen haben.
Nicht nur solche aktuellen Beispiele aus der Umweltpolitik legen
Zeugnis davon ab, nach welchen Kriterien gehandelt wird, wenn es
darum geht, darüber zu befinden, welches Interesse sich mit wel-
chen Mitteln auf dem Hoheitsgebiet unseres Staates betätigen
darf. Jede Entscheidung - sei es nun über die Genehmigung einer
Industrieansiedlung, die Planung des Verkehrs oder die Errichtung
von Naturerholungsparks erfolgt nach einer Kosten-Nutzen-Analyse,
die ihren Maßstab in den politischen Bedürfnissen eines von der
Akkumulation des Kapitals lebenden Staates hat. Deswegen ist jede
Industrieanlage für Stadt und Land prinzipiell erstmal ein
"Gewinn" - um die dann auch kräftig geworben wird, für die etli-
che politische Unterstützung bereit steht und gegen die es eine
Klage über schädliche "Nebenwirkungen" immer schwer hat. Deswegen
ist jede "Wohnumfeldsanierung" für die gleichen politischen In-
stanzen prinzipell erstmal eine Frage der "Kosten" - so daß über
die "Unverzichtbarkeit" solcher Maßnahmen dann auch gar nicht
lange genug nachgedacht werden kann. Schließlich hat nicht nur
manche Beschwerde über Fluglärm und Flurschäden erfahren müssen,
daß es da außerdem noch staatliche Interessen an "Raumnutzung"
gibt, für deren Durchsetzung kein Preis zu hoch ist.
Wir basteln einen ganz gleichgewichtigen Raum
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Einen Raumplaner an der Uni bestärken die für etliche Betroffene
so unerquicklichen Resultate staatlicher Umweltpolitik in dem Ur-
teil, hier handele es sich um Planungsfehler oder Pla-
nungs m ä n g e l (d'Alleux: "Die Summe der Eingriffe folgt kei-
nem System."), die die Kategorien seiner Vorstellung von Raumpla-
nen außer Acht läßt. Während die zuständigen Stellen in den Kom-
munen wie im Bund tagein tagaus damit beschäftigt sind, ihre po-
litischen und ökonomischen Absichten "im Raum" durchzusetzen und
der darüber seine unverwechselbare "Gestalt" erhält, haben die
Politiker in der Theorie der Raumplanung einen ganz anderen Be-
ruf: da stehen sie vor der Aufgabe, "d e n R a u m" zu gestal-
ten; da bildet man sich ein, die Stadtväter von Duisburg etwa wä-
ren über der Suche nach einer gelungenen Antwort auf die Frage
"Was machen wir nun aus Duisburg?" auf so schöne Einfälle wie
"Thyssen", "Mühlenweide" usw. gekommen. In dieser Interpretation
der Zielsetzung städtischer Kommunalpolitik ist es dann ein an
sich g r u n d l o s e r Patzer, wenn ein so wenig erfreulicher
"Raum" wie die Stadt Montan bei dieser "Planung" zustandekommt,
eben weil man sich das Stadtbild als Resultat von "zuviel" Ent-
scheidung für Stahlwerk, Raffinerie... und "zuwenig" Entscheidung
für Tierpark, Seenplatte... beim Duisburggestalten vorstellen
soll. Den Grund, den der Raumplantheoretiker für die Unannehm-
lichkeiten angibt, mit denen es die Duisburger zu tun haben, ver-
rät dann auch nur, daß er von keinem wissen will: die kommunalen
Raumplanungspraktiker vor Ort hätten eben "keine Ahnung" gehabt
von Raumplanungstheorie.
Die weiß zu berichten von den "Belastungswirkungen anthropogener
Raumnutzung" (Kühling/Wegener, S. 130 ) - und Duisburg soll da
ein schönes Beispiel sein. So wenig erhellend diese Aussage ist -
irgendwie werden schon immer Menschen zugange sein, wenn da auf
die Natur eingewirkt wird, so sehr gibt sie Auskunft darüber, wie
man sich das denken soll, wenn's stinkt, kracht und einem
schlecht wird, nämlich als Resultat von "menschlicher Raumnut-
zung". Und das macht alles gleich: sei es nun das Betreiben von
Kohlekraftwerken, Anlegen eines Vorgartens oder ein Waldspazier-
gang. Das theoretische Interesse, das einen zu solch gnadenloser
Abstraktion verleitet, ist unschwer zu ermitteln: wenn man ökono-
mische und politische Inhalte und Zwecke nicht zur Kenntnis neh-
men will, dann erscheinen sie einem als Ausfluß des Tätigwerdens
des Menschen, der ganze moderne Kapitalismus als Ausübung solch
menschennatürlicher "Grunddaseinsfunktionen wie Wohnen, Arbeiten,
Erholen und Verkehren".
Und die Betätigung dieser unverzichtbaren "Grunddaseins-
funktionen" ist es dann auch, die für "Belastung" sorgt, denn wo
"Nutzung", so die Raumplanerlogik, ist auch "Belastung". Was da
als Universalgesetz behauptet wird, ist zwar nichts anderes als
der bedingungslose Glaube an den Moralspruch von der Freude des
einen, die stets das Leid der anderen sei, aber an der Uni lernt
man sowas sogar noch beweisen: irgendein "Raum"aspekt läßt sich
noch allemal erfinden, der durch eine noch so harmlos
ausschauende "Nutzung" seine "Belastung" erfahre, im theoreti-
schen Ernstfall bringt selbst das verliebte Blümchenpflücken auf
der Wiese ganze "Naturkreislaufketten" schwer ins Schleudern.
Taugen tut diese Scharlatanerie wieder nur zu einem: auf die
Behauptung, daß es das Geschäftskalkül der Industriebetriebe ist,
das den Dreck so todsicher in die Luft jagen läßt, verfällt kein
geschulter Raumplaner mehr: er weiß es besser, nämlich: das sei
bei aller "Nutzung" immer so, daß da was abfällt...
Probleme gibt es nur dann, wenn es von beidem - "Nutzung" und
"Belastung" - zuviel gibt. "Überbenutzung" heißt die raumplaneri-
sche Zauberformel dafür. Damit hat der Uni-Raumplaner sich nun
glücklich zu der theoretischen Problemstellung vorgearbeitet, vor
der er die praktische Politik wähnt: die "Nutzung" des Raumes
müsse mit der "Belastung" des Raumes so abgestimmt sein, daß nir-
gendwo ein "Zuviel" oder ein "Zuwenig" herauskommt, sondern stets
"ausgeglichene" Resultate sich einstellen. Daß solche Aufgaben-
formulierungen ohne eine inhaltliche Zielbestimmung auskommen,
vielmehr lediglich das "Gelingen" als Zweck des ganzen Unterneh-
mens proklamieren, ist kein Zufall, weil es die Methode der gan-
zen Raumplanungswissenschaft darstellt: mit einer schier endlosen
Reibe von synonymen Ausdrücken werden Raumplanungsmodelle entwor-
fen, die das Prädikat "erfolgreich" verdienten, weil sich bei
denen alles, was sich da im Raum abspielt, "im Gleichgewicht" be-
finde, welches darüberhinaus auch noch "stabil" sei, was das Ge-
genteil eines "labilen Zustands" darstelle usw. usf. S o
r i c h t i g zu planen ist natürlich äußert schwierig, weil
sonst wäre es ja keine Wissenschaft, also macht man sich daran,
Nutzungen und Belastungen abzuschätzen und gegeneinander abzuwä-
gen, trennt "Raumfunktionen" und mischt sie wieder, macht das im
Großen wie auch im ganz Kleinen - und erfährt so zu guter Letzt,
daß es einfache" Lösungen nirgends gibt. Wenn man das Ganze auch
noch mit der Prätention versehen kann, theoretisch die entschei-
denden Weichen für die Lösung der praktischen Probleme unserer
Zeit zu stellen, umso besser:
Frei nach Kühling:
Im Zuge der Nordwanderung des Ruhrbergbaus soll in einem an Vege-
tation und Tierwelt (besonders seltene Vogelarten) reich ausge-
statteten Teil des herrlichen Münsterlandes ein Förderschacht er-
richtet werden, der u.a. für viele, viele Arbeitsplätze sorgt.
Wie würden Sie entscheiden? Trennung oder Mischung der Raumfunk-
tionen?
Folgende Problematik gilt es sich dabei als Raumplaner zu überle-
gen:
1. Auf den Förderschacht verzichten und Flora und Fauna erhalten;
ist zwar einerseits gut, da Natur, aber andererseits schlecht,
weil Arbeitsplätze.
2. Das Ding hinbauen und auf Brehms Tierleben verzichten; schafft
zwar Arbeitsplätze, aber...
3. Den Förderschacht ein bißchen versetzt hinstellen und die üb-
riggebliebenen Vogelnester und Sumpfdotterblumen hegen und pfle-
gen; genial, so wurden beide "Nutzungen" berücksichtigt und es
kam zu einer "verträglichen Nutzungsmischung"...
So ist es kein Wunder, wenn keinem Uni-Raumplaner bei seinen
Übungen im Ideale-Räume-Gestalten mehr auffällt, daß er
- bei seinem freien Hantieren mit den diversen Sorten von
"Raumnutzungen" all die geltend gemachten wirtschaftlichen und
staatlichen Interessen als selbsverständliche Gegebenheiten frag-
los u n t e r s t e l l t, wenn er sie als Beitrag zum Funktio-
nieren von Mensch und Gemeinschaft interpretiert;
- deswegen keinen einzigen Einwand gegen die Betätigung eines
dieser Interessen formulieren mag, auch wenn es noch so offen-
sichtlich ist, auf wessen Kosten mancher Nutzen geht;
- vielmehr seine Aufgabe darin sieht, das Ideal einer allseits
v e r t r ä g l i c h e n Raumnutzung zu predigen: alles muß im
"rechten Maß" und geschickt "gemischt" betrieben werden;
- nicht darüber irre wird, wenn die Realität seinem Wunschbild so
gar nicht entspricht, weil es ihm nur beweist, daß noch viel mehr
auf die. Forderungen der Raumplanerwissenschaftler gehört werden
müßte...
Und dabei finden die Klagen und Mahnungen, mit denen Raumplan-
theoretiker das Geschäft der Raumplanpraktiker kritisch beglei-
ten, genau das Gehör, was sie verdienen.
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