Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK UMWELTPOLITIK - Smog und Molke - alles im Griff!
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Ein Güterzug voll radioaktivem Molkepulver in Bremen:
SEIT WANN SIND DENN STRAHLENDE GESCHÄFTE VERBOTEN?
In Bayern sind etliche tausend Tonnen hochradioaktives Molkepul-
ver ins Gerede gekommen. Eine passende Endlagerstätte für den
Giftmüll ließ sich nicht finden. Die Müllverbrennungsanlagen bay-
rischer Städte mochten den Abfall wegen des raioaktiven Fallouts
nicht vernichten. Also beschloß die Staatsregierung, dem Müll
eine Unbedenklichkeitsbescheinigung à la Ernährungsmittel auszu-
stellen. Eine überaus elegante, weil obendrein profitliche Sorte
von Entsorgung. Blieb nur noch eine Frage: Wer soll den Dreck
fressen? Dem Landwirtschaftsministerium fiel ein Bedenken ein:
"Eine Verfütterung in staatseigenen Betrieben habe man jedoch
nicht in Betracht gezogen. "Bei der angespannten Stimmung, die
hier herrscht, hätte es doch gleich geheißen, wir wollen die Be-
völkerung vergiften", sagte Baumann." (SZ, 31.1.87)
Dann aber endlich die Lösung: Sollen doch die Neger zusehen, wie
sie den Giftmüll verdauen.
Strahlende Geschäfte...
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2000 Tonnen des Tschernobyl-verseuchten Molkepulvers, verpackt in
100 Waggons der Deutschen Bundesbahn, sollten von Bremens ge-
schäftstüchtigen Kaufleuten umgeschlagen werden. So, wie sonst
Sandoz-Gifte und Gummibärchen, Sprengstoff und AKW-Abfälle durchs
Tor zur Welt verscherbelt und verschifft werden. Dafür tun Bremer
Politiker sonst alles, denn dabei klingelt die Staatskasse. Das
fällige "Risiko" verordnen sie den Hafenarbeitern als "rauhen
Job" und den Anrainern als herbes Flair einer Hafenstadt. "Helle
Empörung" (WK) soll indessen in denselben Kreisen über ein
Geschäft mit dem strahlenden Molkepulver herrschen. Bürgermeister
Wedemeier sorgt sich angeblich um den Krebs von Verladearbeitern.
Derweil wird in Bremens Werften fleißig Asbestose erarbeitet. Und
die engen Parteifreunde Rau und Börner haben auch nach Tscherno-
byl neue Atom- und Plutoniumfabriken genehmigt und verwalten den
Betrieb der alten. Auch CDU-Niederbrenner erklärt das Molkege-
schäft für "unverantwortlich." CSU-Kollege Dick hat es erlaubt
und sogar subventioniert. Selbst BILD schlägt "Alarm!" (30.1.) Um
zwei Seiten weiter eine halbe Seite Propaganda für die Kraftwerke
abzudrucken.
Der ganze "Skandal" gehört soweit in das verlogene öffentliche
Spiel demokratischer Politik. Wenn Leute von ihrer einen Abtei-
lung, der Wirtschafts- und Atompolitik, was abkriegen, soll das
die andere Abteilung Politik umso unentbehrlicher machen. Schwer
verantwortliche Gesundheitspflege und der Umweltschutz muß ran.
So wäscht eine Hand die andere.
...und wie ein Skandal daraus wird.
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Dafür muß ein "Skandal" gleich passend aufbereitet hochgespielt
werden. Kein verantwortlicher Politiker nimmt den "strahlenden
Geisterzug" zum Anlaß, die mit dem Betrieb von Atomkraftwerken-
ständig gegebene radioaktive Verseuchung der Lebensmittel zu kri-
tisieren. Aber daß in Molkepulver 5832 Bq/kg Cäsium ticken, geht
zu weit. Jeder Dödel solls nachrechnen. Es überschreitet eindeu-
tig die mit 600 Bq/kg festgesetzte gesetzestreue Verstrahlung von
Nahrung. Darum handelt es sich nämlich bei diesem Grenzwert und
nicht um ein staatliches Verbot von Strahlenschädigung Die 600
Bq/kg sind schließlich nicht nach Auskunft der Medizin zustande-
gekommen, die eine unschädliche Strahlendosis nicht kennt. Strah-
lenpolitiker haben sie beschlossen und nach Tschernobyl auf die-
sen Wert erhöht, als würden die Strahlen unschädlicher, je mehr
davon rumsausen. Aber sie wollten nicht alle verseuchten Lebens-
mittel endlagern und Ersatz importieren, sondern als Bestandteile
des nationalen Wirtschaftswachstums umschlagen. Das Geschäft mit
ihnen sollte weiterlaufen. Andererseits sollten auch die Konsu-
menten nicht reihenweise akut strahlenkrank werden. Was diese
Rechnung als n ü t z l i c h e V o l k s v e r s t r a h-
l u n g ermittelt hat, gilt ein Dreivierteljahr später als
Nonplusultra an Volksfürsorge. So taugt die Überschreitung des
Grenzwerts als Skandal, an dem sich vertrauenswürdige Landesväter
und -mütter profilieren. Christine Bernbacher von den GRÜNEN fand
das vorgesehene Geschäft ebenfalls "kriminell". So daß auch mit
ihrem Segen der Bremer Senat mit seiner Aufpassertruppe für
sorgfältig dosierte Ionisierung der Bevölkerung angeben kann:
"Wir im Norden sind wohl doch weiter als Franz-Josefs Truppe."
(WK, 31.1.)
Die geschäftstüchtigen Molkeschieber fühlen sich von den Politi-
kern verschaukelt. Nicht ganz zu Unrecht, haben sie sich doch zu-
mindest an den Geist der Grenzwerte gehalten und aus Gift profi-
table Lebensmittel zu machen gesucht. Die bayrische Käserei Meg-
gle hat mit allen Schikanen moderner Lebensmittelchemie ihren
Käse gestreckt, damit mit der verseuchten Milch der Becquerelan-
teil geringer wird. Das war staatlich nicht nur erlaubt, sondern
wurde mit "Entschädigungen" subventioniert. Hochaktive Molke
blieb übrig. Für sie suchte Meggle ein alternatives Geschäft.
Molkepulver verdirbt dabei nicht, und die Jodstrahlung klingt ab.
Zusatzlagerraum bot kostengünstig die Deutsche Bundesbahn an. Und
einen Grenzwert für die Strahlenbelastbarkeit ihrer Arbeiter, der
für den staatlichen Dienstleistungsbetrieb an den strahlenden Ge-
schäften der Republik maßgeschneidert ist. "Die radioaktive Bela-
stung des Molkepulvers liege mehr als das Zehnfache unter dem
Grenzwert, bei dem Güter von der Bundesbahn überhaupt erst als
radioaktive Stoffe gekennzeichnet werden müssen", erklärte ihr
Sprecher dem WESER KURIER. Es kommt eben immer auf den Ver-
gleichsmaßstab an. Wenn man den Futterzusatz und seine Radioakti-
vität mit der von Uranbrennstäben vergleicht, ist die Sache halb
so schlimm, nämlich transportfähig, also wohl auch genießbar.
Schließlich fanden sich auch Kaufleute, die das äußerst billige,
weil mittels Staatsknete längst ab geschriebene Pulver aufkauf-
ten. Sie wollten es als Beimischung zu Viehfutter exportieren.
Und solchen innovativen Umwelttechnologien versagt die bayrische
Staatsregierung doch nicht die Exportgenehmigung. Aus dem Dreck
des kapitalistischen Geschäfts noch ein weiteres zu machen, so
was wird gefördert!
Der Internationalismus der SPD:
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Für eine gerechte Weltverstrahlungsordnung!
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Das radioaktive Viehfutter sollte nach Ägypten und Angola. Und da
wollen Bremer Politiker noch einen skandalträchtigen Verstoß ge-
gen die angeblich so menschenfreundlichen Gesetze hiesiger Ge-
schäftemacherei entdeckt haben. Worin jedenfalls kein Verstoß ge-
gen die Gesetze besteht, ist durch offenherzige Stellungnahmen
mittlerweile veröffentlicht: In Viehmägen wird auch hierzulande
der radioaktive Sondermüll, der in keiner Müllverbrennungsanlage
wegen des errechneten Fallouts verbrannt werden darf, mit staat-
licher Genehmigung zwischengelagert. Mit bis zu 1850 Bq/kg. Bre-
mer Politiker fragen sich aber, ob man auch in unterentwickelten
Staaten diesen raffinierten Brennstoffkreislauf beherrscht. "Es
bestehe die Gefahr, daß die gefährliche Ladung nach Ägypten ver-
schifft und - angesichts der dortigen Situation - zur Ernährung
von Menschen verwendet werde", sorgt sich Wedemeier. Sicher,
hierzulande kommt das Gift erst als Fleisch und Milch wieder
frisch auf den Tisch. Andererseits, woher kennt sich der Bürger-
meister so gut in Ägypten aus? Vielleicht haben ihm die Bremer
Geschäftsleute erzählt, wie sicher nicht zuletzt deutsches Kapi-
tal dort Hungerleider produziert, denen man alles verkaufen kann?
Vielleicht haben ihn auch Parteifreunde wie Bahr und Offergeld
darüber aufgeklärt, daß "unser Mubarak" dort die Stabilität von
Zuständen garantiert, in denen die skrupellosesten Geschäftema-
cher alle Tricks anwenden, die nicht zuletzt deutsche Entwick-
lungspolitik ihnen beigebracht hat? Wie dem auch sei, auch auf
diesem Feld beherrscht der Bremer Landeschef die Heuchelei der
Verantwortung: Nun muß deutsche Politik auch noch die Verstrah-
lung fremder Völker regeln. Auch in Angola. Daß dort westlich be-
waffnete Contras mit südafrikanischer Rückendeckung Land und
Leute terrorisieren, ist von der NATO beschlossen und wird or-
dentlich geregelt abgewickelt. Aber die Neger einfach unkontrol-
liert mit radioaktivem Viehfutter vergiften, das geht nicht.
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