Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK UMWELTPOLITIK - Smog und Molke - alles im Griff!
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 97, 19.06.1984
Dioxin in der "Umwelt" und Dioxin in der Debatte
WIEVIEL GIFT IST GIFTIG?
Der deutsche Regen, die deutschen Wälder, deutsche Babys - sauer,
tot und mißgebildet: Es konnte gar nicht ausbleiben, daß die
Schäden an Boden, Wasser, Luft, Pflanze, Tier und Mensch, an der
"Umwelt" also, zu einem staatlich anerkannten P r o b l e m ge-
macht werden.
Außer so einer sauberen Sache wie Gewinn kommt beim kapitalisti-
schen Produzieren auch viel ungesundes Zeug heraus: Alle mögli-
chen Beeinträchtigungen an Landschaft, Mensch und Arbeiter durch
anfallende schädliche Substanzen bei der Produktion, im Produkt,
bei der "Beseitigung" des Abfalls. Der Staat sorgt für die not-
wendigen Bedingungen, daß diese Sorte Produktion läuft, stellt
damit klar, daß sich der Dreck aller Arten in die Welt gehört,
und nimmt sich der unschönen Wirkungen an, indem er sie mißt und
reglementiert. Er erläßt "Grenzwerte", die Mensch und Natur aus-
halten müssen. Das bekommt der Volkswirtschaft und der Volksge-
sundheit. Die pflegt der Staat, wenn ganze Belegschaften im
Dienst am Kapital
krank werden und sterben, und die umliegende Bevölkerung gleich
mit. Es braucht sich also keiner einzubilden, durch staatliche
Umweltpolitik vor Schäden an Leib und Leben bewahrt zu werden.
Vom Anhänger einer ökologischen Ernährung über den Raucher in
seinem Auto bis zum Bundesinnenminister: die "Umwelt" ist zu ei-
nem der hohen Werte dieser grandiosen Nation geworden. Die öf-
fentliche Debatte geht darum, wieviel Gift noch "verträglich" und
wieviel schon schädlich ist, bei welcher Menge Gift also der
"Grenzwert" hingesetzt gehört, der nur "politisch begründet" wer-
den kann. So der versammelte Sachverstand beim
Dioxin-Symposion
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letzte Woche in Hamburg. Professor Epstein, "renommiert" als
"Dioxin-Experte":
"Auf der ganzen Welt gibt es keinen Ort, wo so viele krebserre-
gende Substanzen auf so engem Raum in so großer Nähe einer Groß-
stadt konzentriert sind. In der Mülldeponie Georgswerder steckt
soviel Gift, daß es nur noch eine Frage der Zeit ist, wann die
Hamburger Bevölkerung schweren Schaden erleiden wird."
Nur, woher will der Ami das denn so genau wissen? Bloß weil er im
mit Hamburg "nicht vergleichbaren Entwicklungsland" Vietnam, wo
das Dioxin anstelle des Laubs auf den Bäumen wächst, der
"Regierungspropaganda" (NDR) aufgesessen ist? Professor Beck,
Messer vom Bundesgesundheitsamt Berlin:
"Um alle Dioxine in Georgswerder zu erfassen und zu messen,
reicht die Laborkapazität der gesamten Bundesrepublik nicht aus."
Die Grenzwerte, mit denen einige ausländische Wissenschaftler,
beim Hamburger Umweltsenator angegeben haben - "alles, was mehr
ist als Null, ist gefährlich" (Epstein), um dann doch eine Idee
über Null zu landen - sind sowieso "problematisch, modellhaft,
unrealistisch", verdanken sich einer "Philosophie der Mathema-
tik". "Kann man die Grenzwerte so niedrig ansetzen?", zweifelt
Professor Beck: "So kleine Werte kann man gar nicht messen. Was
gibt's noch für Möglichkeiten? "Bei uns hat damals die Armee den
Zaun um das verseuchte Gebiet bewacht" (Professor Fortunati aus
Seveso) und flüchtende Dioxine standrechtlich erschossen.
Umweltsenator Curilla: "Es gibt noch viel zu untersuchen". Erster
Erfolg: "Dioxin wird inzwischen auch in anderen Bundesländern ge-
funden (!)." Da können die Hamburger sich freuen. Trotz Professor
Epstein: "Je näher man an der Deponie lebt, desto größer das Ri-
siko." Je desto? "Überall" finden "wir" Dioxin! Den Giftbergnach-
barn "ist zu raten, sich zumindest einer medizinischen Untersu-
chung zu unterziehen". Dann gibt's viele schöne neue Erkenntnisse
über "Grenzwerte". Zum Beispiel, daß "der Mensch" in Georgswerder
jede Menge Dioxin aushält und - die "Philosophie der Mathematik"
überwindend - die Werte realistischerweise höher angesetzt werden
können. "Es ist die Frage danach, wieviel Krebstote sie bereit
sind zu akzeptieren" (ein Mediziner Abel) -
So ist alles geregelt: die Politik trägt die Verantwortung, die
davon Betroffenen haben den Schaden, über den sie die Experten
befragen dürfen, und der "Umwelt" ergeht es wie Z.B. den Massen-
arbeitslosen oder den hungernden Negern: sie bleiben als "unser"
aller Problem erhalten: "Dioxin ist älter als die Menschheit"
(NDR).
Wer alles Wirken von Staat und Ökonomie unterhalb der Schadens-
grenze ansetzt (und womöglich noch zu ihrer Verbesserung an-
tritt), der wird doch auch das bißchen Gift, das dabei anfällt
aushalten: das eine gibt's nur mit dem anderen!
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