Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK UMWELTPOLITIK - Smog und Molke - alles im Griff!
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DIE REGEL ALS AUSNAHME
Mitte Januar Smog-Alarmstufe 3 erstmals in der BRD, Eine rege öf-
fentliche Debatte, in der alles vorkam - nur mit keinem Wort
Gründe, Verursacher und Opfer der dicken Luft. Dies alles zusam-
men tauchte immer nur als ein und dasselbe auf: "Das Ruhrgebiet"
und seine Bewohner - gemeinsam Betroffene einer bedrohlichen
Lage?
Wofür Smog und Smog-Alarm nicht alles gut waren! Fürs Umweltbe-
wußtsein, denn "die Umwelt" (wer?) ist in Gefahr. Für die Landes-
regierung in Nordrhein-Westfalen, denn sie hat bundesweit die
schärfsten Werte. Für Politiker wie Farthmann, denn der "bullige
Minister im dunkelblauen Pulli" (Bild) konnte tatkräftig Beson-
nenheit und besonnene Tatkraft und "mutige Entscheidung" (Bild)
beweisen. Für die Opposition, denn sie konnte "Versäumnisse" an-
prangern. Aber der Smog war auch schlecht. Schlecht nicht für die
Leute, sondern fürs "Image des Reviers" als "Ruß-Land" (I-gitt!),
wo "die Briketts den Tiefflug üben" (Westfälische Rundschau); wo
das Image (nicht die Luft!) gerade in "das Revier - jenseits von
Rauch, Ruß und Hochöfen" geändert werden sollte. So ein Pech!
Es durfte kräftig geschimpft werden. Auf die "übertriebene Vor-
sicht" und "Profilierungssucht" von Politikern. Auf die
"mangelnde Koordination" der Katastrophenpläne. Auf die
"Unvernunft der Autofahrer". Auf die "Verwirrung in den Krisen-
stäben". Eben auf alles, was den A l a r m und seine notstands-
mäßige A b w i c k l u n g anging. Und auf garantiert unbeein-
flußbare Größen wie jene Wetterlage, die mittlerweile jeder auf
fachmetereologisch buchstabieren kann.
Der Smog: eine Frage der politischen Berechnung
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Der dümmste, unschuldigste und gerade deshalb am ausgiebigsten
strapazierte Verantwortliche war ein Herr namens 'Wetter'. Der
hat nämlich, wie die Landesregierung stündlich über ihren Sender
verlauten ließ, "bedingt", daß all die bekömmlichen Ausdünstungen
von Kohle und Stahl nicht, wie sonst, zum Teil aufs Umland ver-
teilt wurden, sondern komplett die Luft von Duisburg, Essen und
Dortmund anreicherten. Das ist nicht vorgesehen, was allein schon
daran leicht zu erkennen ist, daß es die Smog-Verordnung gibt.
Also wurde und wird mit der sogenannten Ausnahme ständig gerech-
net.
Daß der Dreck in der Luft eine Frage der B e rechnung ist,
durfte der Ruhrbürger durch einen Zufall erfahren. Just Mitte Ja-
nuar trat eine irgendwann vorher beschlossene Änderung der Grenz-
werte in Kraft, von denen ab das Atmen als gefährlich g i l t,
und körperliche Anstrengung eingeschränkt werden soll. Die dau-
ernde Gefährdung nicht nur der Atemwege ist also als der selbst-
verständliche Normalfall unterstellt - eben mit den revierübli-
chen 0,5 mg Schwefel statt den jetzt ausnahmsweise selbst als
Durchschnittsmittelwert gemessenen 1,8 mg. Meßstationen auf dem
Werksgelände von Thyssen und Hoesch, Veba und den Kokereien gibt
es sowieso nicht. Davon redet auch niemand, weswegen es schon die
nur nicht bemerkte Wahrheit war, wenn vom Fernsehen befragte Bür-
ger bekannten, ohne den Alarm hätten sie vom Smog gar nichts ge-
merkt. Wie auch, wenn der am Arbeitsplatz sowieso übliche Dreck
als im Grünen gemessener Durchschnittsdreck gestern als normal
und heute als gefährlich eingestuft wird.
Der Smog: eine Klassenfrage
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Die einen müssen sich einstellen:
- Sie müssen das eigene Gefährt stehen lassen und sich in den öf-
fentlichen Nahverkehr begeben, der natürlich prompt zusammen-
bricht. Denn zur Arbeit müssen sie ja:
"Arbeitnehmer sind, selbst bei einem generellen Fahrverbot, nicht
entschuldigt, weil sie auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgrei-
fen können." (WAZ)
- Sie müssen deshalb auch einmal auf ein paar Stunden Schlaf ver-
zichten, um morgens pünktlich zu sein. Denn die Zeit haben sie
ja, und sie kostet auch nichts.
- Sie müssen sich Lohnabzug gefallen lassen, einen Tag Zwangsur-
laub nehmen wie bei Karstadt, einen unverhofften freien Samstag
bei Fahrverbot einplanen wie bei Opel, betrieblich beschlossene
Ausfallzeiten demnächst nacharbeiten, auch wenn sie im Betrieb
waren.
- Sie müssen sich klarmachen, daß Arbeit keine besser zu unter-
lassende körperliche Anstrengung im Sinne der Smog-Verordnung
ist.
Die anderen können sich einstellen:
- Sie können die Produktion weiterlaufen lassen. Sie können, wenn
das Gewerbeaufsichtsamt tatsächlich auf Einschränkung dringt, wie
die Hüttenwerke "technische Notwendigkeiten" dagegen geltend ma-
chen. Oder auf sog. "schwefelarme Brennstoffe" ausweichen, die es
ansonsten in 'normalen Zeiten' gar nicht gibt. Oder wie die Koke-
reien einfach weiterfeuern, was die Öfen halten. Was "nötig" ist,
macht eben keinen Dreck.
- Sie können, wenn denn doch einmal irgendein Geschäft einge-
schränkt wurde, sich Schadenersatzansprüche ausrechnen, wie
Farthmann schon in Aussicht gestellt hat:
"Ich rechne auch mit Regreß-Forderungen. Aber das ist mir die Ge-
sundheit der Bürger wert."
Der Arbeitsminister vergaß hinzuzufügen, wer für die "Gesundheit"
der von ihm umsorgten Bürger zur Kasse gebeten wird.
- Sie können schließlich, wenn sie denn doch aus irgendwelchen
Gründen eine Abteilung abschalten, daraus eine von Funk und
Presse gratis kolportierte Werbeaktion machen.
Die Smog-Gewinnler
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Da sind in erster Linie die P o l i t i k e r. Sie reiben sich
auf in Sorge um die Bevölkerung, tagen stundenlang in Krisenstä-
ben und treffen eine schwere Entscheidung nach der anderen. Dann
sagen sie Parteitage ab und fahren auch mal mit der Straßenbahn
ins Amt; sie haben Umweltbewußtsein. Kurzum: Sie sind die Verant-
wortung in Person. Für das Entstehen der "Lage", für die Wetter-
lage zumal, können sie natürlich nichts, da sind sie ohnmächtig.
Aber ihre ganze Befähigung zu Machthabern mit der geballten Heu-
chelei, die dazugehört, beweisen sie in der generalstabsmäßigen
Durchführung der großangelegten Katastrophenübung fürs Revier.
Daß dadurch auch nur ein Kubikmeter Luft sauberer würde, behaup-
ten noch nicht einmal sie. Aber gerade so taugt der Smog für eine
1a-Propaganda für die Sauberkeit der Politik.
So hob ein munterer Parteienstreit darum an, wer am meisten vom
Dreck im Ruß-Land und anderswo profitiert. Wie gesagt, die SPD
hat die schärfsten Werte und damit die beste Vorsorge für das
"kostbare Gut" Luft getroffen, wie Ministerpräsident Rau stolz
vermerkt. Dem Tandler umgekehrt hat der notorisch weiß-blaue Him-
mel, der keine Smog-Verordnung braucht, eingegeben, daß die Sozis
an Rhein und Ruhr gleich zwei Fehler gemacht haben: Erst haben
sie den Bau von sauberen Atomkraftwerken, deren Gift man nicht
riecht und sieht, versäumt und so n o t w e n d i g die Luft
verpestet. Also statt Smog demnächst auch im Revier zur Abwechs-
lung einmal lieber Strahlenalarm, der ist wenigstens wetterunab-
hängig! Zweitens aber haben sie dann auch noch unnötigerweise
Alarm gegeben. Die Luft in München sei auch nicht besser als die
in Essen, tönte NRW-Farthmann zurück. Das wird die Essener aber
gefreut haben. Bleibt zu erwähnen, daß auch die grüne Opposition
nicht schläft: Sie fordert Nulltarif im Nahverkehr bei Smog-Stufe
III. Ansonsten sieht sie sich als Obermahner und -befürchter na-
türlich vollauf bestätigt.
Profitiert hat allemal die K r i s e n m o r a l d e r
B e v ö l k e r u n g. Ruhig, gefaßt und gelassen habe sie die
Anordnungen befolgt, wird berichtet - als den Normalfall hinge-
nommen hat sie den Dreck offenbar sowieso. Dann bereitet auch der
Alarm keine Schwierigkeiten. "Da haben wir schon Schlimmeres
durchgemacht", prahlen Revierbürger vor Fernsehkameras und in Le-
serbriefen mit ihrer stahlharten Opfermoral. In der Presse werden
alle Übergänge zur Kriegsberichterstattung von der Smog-Front ge-
macht. So will die Öffentlichkeit beobachtet haben, daß sich am
Wochenende ganze "Familien" ins Sauerland "abgesetzt" haben. De-
serteure! In der "WAZ" darf sich eine Frau erinnern:
"Wie im Krieg"
sei es auf den Straßen beim Alarm gewesen. Und gleich weiter:
"Kein Problem"
Alles im Griff, alles paletti! Das bißchen "dicke Luft" wirft
doch einen Ruhrpottler nicht um. Soll der Russe ruhig kommen!
Zu einer solchen N o t g e m e i n s c h a f t R e v i e r,
die für ein paar Tage ausgerufen wurde, gehört natürlich ein
'innerer Feind', gegen den zügellos gehetzt werden kann. Er war
schnell gefunden:
Das Umwelt-Schwein der Woche: der "private Autofahrer"
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Daß seine Benzinkutsche nur zum geringsten Teil an der Produktion
von Schwefeldioxid beteiligt ist (ca. 3%) - egal! Daß er sein Ge-
fährt in der Regel nicht aus Jux bewegt, sondern um zur Arbeit zu
kommen - egal! Er ist störrisch und uneinsichtig. Sein Hauptcha-
rakterzug: Er denkt an sich, statt ans große Ganze des Reviers.
Er ist eigennützig statt gemeinnützig. Man muß ihn zur Vernunft
zwingen. Damit die Schornsteine weiterrauchen: für Thyssen, Krupp
und Hoesch, für die Arbeitsplätze, fürs Ruhrgebiet, für Deutsch-
land. Dafür kommt uns kein Dreck zu teuer!
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