Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK UMWELTPOLITIK - Smog und Molke - alles im Griff!
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NORDSEE IST MORDSEE
"Die kapitalistische Produktion entwickelt daher nur die Technik
und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses, in-
dem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt:
die Erde und den Arbeiter." (Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, 529f)
In der Nordsee gebadete Robben krepieren am erstbesten Virus.
Sonstiges Meeresgetier erstickt unter hypertrophem Algenwachstum.
Die Kloake Nordee schäumt und stinkt. Ach ja: Den menschlichen
Nordseeanrainern bekommen Nordseewellen und frische Brise auch
schon lange nicht mehr so gut. Und die kostengünstige Freizeit
bundesdeutscher "Wohlstandsbürger" dient weniger der Erholung,
als daß sie eine nötig macht. Hautärzte haben Hochkonjunktur.
Die Ursachen sind bekannt. Landwirte, die in der freien Markt-
wirtschaft nicht Kartoffeln und Korn, sondern Ertrag pro Fläche
erwirtschaften, kalkulieren den Düngereinsatz nach Kosten für
Ertragssteigerung. Das überdüngt die Flüsse und die Nordsee
gleich mit. Kapitalistische Produktion von Lebensmitteln ruiniert
die Natur als Lebensmittel. Die Zuflüsse der Nordsee und sie
selbst sind kostenlose oder kostengünstige Giftmülldeponien und -
verbrennungsplätze. Denn die Vermeidung oder Unschädlichmachung
von unverkäuflichen Abfallstoffen kapitalistischer Industrien
würde nur den Gewinn durch Unkosten schmälern, statt ihn zu stei-
gern.
Die Erlaubnisse zur Vergiftung erteilt der Umweltminister. Die
Anklage war Sache von Idealisten, die in den Robben die "von uns
allen geschändete Natur" und in Töpfer die "menschliche Verant-
wortung" sehen, die leider mal wieder zu spät zum Tragen kommt.
Wie sehr diese zutrauliche Kritik fehl geht, konnte jeder an den
Gummibooten von Greenpeace sehen. Vor Dünnsäureverklappungs-
schiffen wurden die Demonstranten abgeräumt, während Umwelt-
minister Töpfer kostenlose Krokodilstränen über "unsere Umwelt"
absonderte und Zurückhaltung beim privaten Waschpulver empfahl.
Gleichzeitig sprach der gute Mann sich gegen ein Verbot der
Dünnsäureverklappung aus. Begründung: Die Vergiftung muß wei-
tergehen, damit sie aufhören kann. O-Ton:
"Ein vorübergehendes Verbot der Einleitung von Dünnsäure ins Meer
lehnte Töpfer ab. Dies würde die in etwa zehn Monaten zu er-
wartende endgültige Beendigung der Einleitung gefährden, meinte
er." (FR, 3.6.88)
Warum dann überhaupt die offizielle Aufregung? Nun, es gibt auch
noch eine Fisch i n d u s t r i e und ein Fremdenver-
kehrs g e w e r b e. Auch Branchen des nationalen Wachstums.
Aber eben nur a u c h welche. Damit ist die Aufregung auch
schon in den Bahnen staatlicher "Gesamtverantwortung". Töpfer
übernimmt, der Rest hat zu schweigen. Nicht ab g e s c h a f f t
gehört die Vergiftung. Ab g e w o g e n wird, wieviel Brachflä-
chen und Klärwerkskosten den einen gewinnschonend zugemutet wer-
den darf, damit auch die Erträge aus Nematodenfilets und Zweiein-
halbbettzimmern weiter stimmen. Apropos Fremdenverkehr: Warum
sollte der "Nationalpark Wattenmeer" nicht auch als Gruselkabi-
nett mit "Killeralgen" eine Attraktion für Bundesbürger mit Um-
weltkatastrophenbewußtsein sein?
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