Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK UMWELTPOLITIK - Smog und Molke - alles im Griff!
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Die Umweltpolitik feiert Erfolge
SMOG UND MOLKE: ALLES IM GRIFF!
Deutsche Bürger können beruhigt durchatmen: Selbst so heimtücki-
sche Inversionswetterlagen wie die, die in den letzten Wochen un-
sere Luft versaut haben, können ihnen jetzt nichts mehr anhaben.
Früh- und Vorwarnsysteme und Smogalarme verschiedener Stufen ha-
ben überall blendend funktioniert. Kein Fall ist bekannt gewor-
den, bei dem die Behörden zu spät darauf aufmerksam gemacht hät-
ten, was auf die Leute zukommt; kein "älterer Mitbürger", dem der
Dreck in der Luft den letzten Rest gegeben hat, ohne vorgewarnt
gewesen zu sein; kein Säugling, dem nicht eindringlich vor Augen
geführt wurde, mit welchen gesundheitlichen Konsequenzen er beim
Atmen zu rechnen hatte. Und was den dazwischenliegenden Rest der
Menschheit betrifft: "Ein Guter hält's aus" (Ein Experte im
"heute-journal"). Autofahrer waren mit DM 40.- dabei, wenn sie
trotz Fahrverbots auf ihre Luftverschmutzer nicht verzichten
wollten oder konnten. Denn daß die an dem Dreck schuld sind, ist
einfach deshalb schon klar, weil es aus den behördlichen Alarm-
plänen eindeutig hervorgeht. Aber auch die Industrie, deren Aus-
stoß irgendwie am Smog beteiligt sein soll, hat ihr Fett abge-
kriegt. In Braunschweig mußten 12 Betriebe kurzzeitig schließen,
und andere wurden verpflichtet, schwefelarme Brennstoffe zu ver-
wenden. Glücklicherweise kam es kaum zu Produktionsausfällen, so
daß z.B. Berliner Arbeiter wenigstens wußten, wofür sie bis zu
vier Stunden länger in Sonderbussen und überfüllten U-Bahnen un-
terwegs waren - statt sich in ihren verrauchten Wohnzimmern zu
Hause den Tod zu holen.
Die Komplimente, mit denen die Behörden allenthalben überschüttet
wurden, treffen den Nagel auf den Kopf: Noch nie haben es staat-
liche Organe so blendend geschafft, die inversionsbedingt unver-
meidliche Vergiftung der Leute dermaßen reibungslos über die
Bühne zu bringen.
*
Kanzler Kohl hat es ihm noch einmal vor seinem geplanten Weggang
nach Hessen bescheinigt: Sein Umweltminister Walter Wallmann ist
in Sachen Dreck und Gift aus Bonn kaum noch wegzudenken. Das hat
der so Geehrte gerade wieder einmal an in Bremen, Köln und Rosen-
heim abgestellten Güterwaggons voll verstrahlten Molkepuluers be-
wiesen. Lange sah es so aus, als ob niemand das Zeug haben
wollte, nicht mal die Ägypter, die doch sonst auf alles scharf
sind, wenn es das Markenzeichen "Made in Germany" trägt. Bis eben
Kohls Umweltminister "mutig" die Verantwortung übernahm und sich
für zuständig erklärte, obwohl er - das mußte deutlich gesagt
werden - die Molke gar nicht selbst produziert hatte.
Die Republik und Teile von Nordafrika können jetzt aufatmen, denn
auf Wallmanns Geheiß wurden die Bürger entsorgt und die Güterwag-
gons samt Molke statt in Bremen und Nordrhein-Westfalen in Nie-
dersachsen und Bayern gelagert; und zwar in Bundeswehrdepots, was
wieder einmal beweist, wozu wir die auch noch ganz dringend brau-
chen. Wer allerdings diese Standortentscheidung als ersten
Schritt zur radikalen einseitigen Abrüstung versteht, liegt schon
deshalb ganz schief, weil die verstrahlte Molke eigentlich über-
haupt nicht kontaminiert ist, beziehungsweise höchstens ein biß-
chen. Das zumindest hat die bayerische Staatsregierung klarge-
stellt, als sie ihren Umweltminister Dick vor versammelter Presse
eine kleine Dosis des inkriminierten Pulvers verspeisen ließ. Der
Beweis war durchschlagend: Dick lebt noch immer, und das sollte
den unzufriedenen Emsländern zu denken geben, die fordern, die
gesamte Molke statt bei ihnen in Bayern zu lagern. Jetzt wird sie
erst einmal "zwischengelagert", bis Gras über die Sache gewachsen
ist und sich die Behörden über die zweckmäßigste Form der
"Vernichtung" geeinigt haben, also darüber, wie man die Molke so
verdünnt, daß sie als "natürliche Hintergrundstrahlung unserer
Lebensmittel" abgebucht werden kann. Das macht dann den veräng-
stigten Bürgern garantiert nichts mehr aus. Gefürchtet haben sie
sich ja bloß wegen ihrer Einbildung, daß Säcke mit verstrahlter
Molke kleine Atombomben wären.
*
Man sieht: Die Umwelt ist bei ihren staatlichen Verwaltern be-
stens aufgehoben und das Gift endgültig im regierungsamtlichen
Griff. Was will man mehr?
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