Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK UMWELTPOLITIK - Smog und Molke - alles im Griff!
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Kalbfleisch und andere Genüsse
GIFT GEHÖRT ZUM GESCHÄFT
Seit ein paar Wochen gilt hierzulande der Genuß von Kalbfleisch
als gesundheitsschädliche Angelegenheit. Das liegt nicht daran,
daß sich die Qualität des in bundesdeutschen Läden verkauften
Kalbfleisches in der letzten Zeit verschlechtert hätte. Die Be-
nutzung der "Hormon-Mixturen" in der Kälbermast, die der nord-
rhein-westfälische Landwirtschaftsminister Matthiesen in etlichen
tausend Kälbern aufspüren ließ, ist genau seit Januar 88 in der
EG verboten. Der Kalbsbraten zum letzten Weihnachtsfest ging also
- Östrogen hin, Testosteron her - gesundheitspolitisch auf jeden
Fall in Ordnung, wenn das Fleisch aus einem EG-Nachbarland kam.
Bis Ende 88 sind übrigens Hormone in Fleisch aus Großbritannien
und den USA völlig unbedenklich.
Die Hormonzufuhr pro kg Kalbfleisch ist in der BRD auch nach Syl-
vester 87 nicht geringer geworden. Geschäftstüchtige Tiermast-Un-
ternehmer haben Mittel und Wege gefunden, an ihren bewährten ko-
stensenkenden Zuchtmethoden festzuhalten. Und das soll eine
"fürchterliche Entdeckung" sein?! Als ob nicht längst bekannt
wäre, daß man in unserer Marktwirtschaft in sämtlichen Lebensmit-
teln irgendwelche Gifte oder sonstigen Dreck finden kann, wenn
man nur die entsprechenden Kontrolluntersuchungen durchführt.
Eine kleine Auswahl zur Erinnerung an die "Lebensmittelskandale"
der letzten Monate gefällig?
Die ganz alltägliche Dosis...
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- Glykol im Wein - darauf waren findige Weingutsbesitzer gekom-
men, als ihnen der gute alte Zucker zur Produktion von
"Spätlesen" verboten wurde.
- Methanol im Wein - damit kann man Leute umbringen, aber vor al-
lem billige "Tafelweine" herstellen.
- Hühnerscheiße in Nudeln - die war laut Gesundheitsbehörden be-
ruhigenderweise nicht "gesundheitsgefährdend", sondern fiel unter
die offizielle Rubrik "ekelerregend".
- Genauso erging es den Wurmlarven im Fisch - wenn man sie lange
genug kocht.
- Pflanzenschutzmittel im Gemüse und Obst gehören zu den unab-
weisbaren Notwendigkeiten einer rentablen Produktion von diesem
Zeug und sind deshalb heute in jeder guten, naturreinen Mutter-
milch nachweisbar.
- Pflanzenschutzmittel im Regenwasser in Konzentrationen, die ein
Mehrfaches höher sind als die staatlich erlaubten Mengen im
Trinkwasser - sind aus dem gleichen Grund unvermeidlich.
- Cadmium im Fisch - dafür sorgen florierende bundesdeutsche In-
dustrieanlagen, die ihre Abwässer kostengünstig in die Flüsse ab-
leiten.
- Radioaktive "Spurenelemente" in Milchprodukten dank Tscherno-
byl, Biblis, Brokdorf, Ohu und demnächst Wackersdorf - davon las-
sen sich Molkereien doch nicht ihr Geschäft vermiesen. Wenn nö-
tig, wird das Zeug verdünnt, bis die Becquerel-Werte in etwa den
gesetzlich erlaubten Grenzwerten entsprechen.
- Schweinefleisch mit einer kostenlosen Dosis von Beruhigungsmit-
teln - die brauchen nämlich die Viecher, damit sie schneller
wachsen und dem Schweinezucht-Unternehmen mehr Profit einbringen.
Usw. usw.... Die Liste läßt sich beliebig verlängern. Insgesamt
eine schöne Latte von Ursachen für Krebserkrankungen, Allergien
und alle möglichen anderen "geheimnisvollen Zivilisationskrank-
heiten" - die die Menschheit ganz gratis über die tägliche Ernäh-
rung verabreicht kriegt.
Ein Geheimnis ist das alles nicht. Das mittlerweile gängige Miß-
trauen gegen in Supermärkten angebotene Lebensmittel hat sich im-
merhin für einen eigenen Geschäftszweig ausnutzen lassen. Jeder
Supermarkt hat inzwischen "garantiert natürliche Bio-Lebensmit-
tel" im Regal. Von denen erfährt man dann bei Gelegenheit, daß
sie Giftquoten enthalten, die auch nicht ohne sind. Denn abgese-
hen davon, daß "natürlich" und "ungiftig" noch lange nicht das-
selbe ist, wo soll es denn mitten in einer hochkarätigen kapita-
listischen Produktionslandschaft ein Fleckchen "unberührte" Natur
geben?!
...und wer sie verabreicht
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Egal, für welche Ernährung "König Kunde" sich entscheidet, die
Liste der gängigen Schadstoffe steht für alle Nahrungsmittel
längst fest, und einschlägige "Skandale" hat jede Lebensmittel-
branche vorzuweisen. Da ist es schon reichlich dreist, wenn Poli-
tiker, Öffentlichkeit und Wirtschaftsverbände bei jedem neuen
"Lebensmittelskandal" behaupten, es wären mal wieder die berühm-
ten "leider unvermeidlichen schwarzen Schafe" und "Verbrecher"
entlarvt worden. Das Schöne an einem echten "Skandal" ist ja, daß
er immer die Ausnahme von einer an sich erstklassigen Lebensmit-
telindustrie im Dienste des Verbrauchers sein soll. Dabei geben
sämtliche verantwortlichen "Skandal-Aufklärer" noch regelmäßig zu
Protokoll, daß sich die Produktion von ekel- bis krebserregenden
Lebensmitteln immer ein und demselben Interesse verdankt. Die
Kalkulation, wieviel DM Ersparnis der Einsatz von Hormonen einem
Zuchtunternehmer pro Kalb bringt, konnte man in jedem Bericht zum
"Kälber-Skandal" nachlesen. Und diese Sorte Berechnung soll eine
Ausnahme in unserer Marktwirtschaft sein?? Da lachen ja die Hüh-
ner in sämtlichen Legebatterien!
Warum sollte es ausgerechnet bei der k a p i t a l i s t i-
s c h e n P r o d u k t i o n v o n L e b e n s m i t t e l n
um die Bedürfnisse der Verbraucher gehen? Aus dem Bedürfnis nach
Ernährung wird ein Geschäft gemacht, Lebensmittel sind
Geschäftsmittel. Also wird ihre Produktion streng nach den
Bedürfnissen der marktwirtschaftlichen Konkurrenzfähigkeit
kalkuliert. Kostengünstig muß das Zeug sein. Deshalb werden alle
Methoden der Verbilligung der Produktion angewandt. Auf die
Gesundheitsverträglichkeit der Produkte kann dabei logischerweise
keine übermäßige Rücksicht genommen werden, von ihrer
Schmackhaftigkeit ganz zu schweigen.
Rücksicht genommen werden muß dagegen auf die jeweils neuesten
Richtlinien aus Brüssel und Bonn. Geschäftstüchtige Agrar-Unter-
nehmer müssen schließlich wissen, welche Stoffe und "Zuchthilfen"
die Politiker gerade mal wieder für nicht mehr - oder nur noch in
Grenzen - hinnehmbar halten. Sobald ein Stoff gesetzlich verboten
ist, wird nach einem Ersatzstoff gesucht, der die gleichen ko-
stensenkenden Eigenschaften hat, aber schwieriger nachzuweisen
ist. Wenn so was dann mal wieder ans Tageslicht kommt, schreien
Politiker: "Mafia, kriminelle Elemente!". Eine erstklassige Heu-
chelei, gegen das Geschäftsinteresse, das sich dauernd solche
Mittel sucht, will ja keiner was gesagt haben. Und gegen die Mit-
tel auch nur dann, wenn sie irgendwann mal in eine Verbots-Liste
aufgenommen worden sind. Im Gegenteil, das Geschäftsinteresse
wird von der Politik nach Kräften gefördert. Landwirtschafts- und
Wirtschaftsminister setzen alles daran, daß ihre heimischen
Agrarbetriebe weltweit konkurrenzfähige Produkte auf den Markt
bringen. Die sind dann auch danach.
König Kunde
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Dem Lebensmittelkonsumenten bleiben drei Möglichkeiten: Entweder
er findet sich mit seiner schleichenden Vergiftung ab und frißt,
was auf den Tisch kommt. Jede Umstellung des Speiseplans nach den
Erkenntnissen des gerade aktuellen "Lebensmittelskandals" wird
sowieso garantiert durch die nächste " Enthüllung" blamiert. Oder
man legt tatsächlich Wert auf eine Versorgung mit bekömmlicher
Nahrung. Dann muß man entweder die Ernährung einstellen - oder
man sorgt dafür, daß das ehrenwerte Geschäftsinteresse verschwin-
det, aus allem und jedem - also auch aus der Produktion von Le-
bensmitteln - einen Gewinn zu erwirtschaften. Eine ordentliche
Planwirtschaft, in der es tatsächlich um die Qualität der Pro-
dukte geht und nicht um marktwirtschaftliche Wachstumsraten, wäre
überhaupt die Lösung für alle einschlägigen "Verbraucher-Pro-
bleme". Aber das wäre ja Kommunismus - und den will natürlich
kein anständiger Mensch. Am allerwenigsten Politiker, wenn sie
sich als "Retter der Verbraucher" betätigen.
Unsere Politiker - die Skandalmacher
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Hiesige Politiker sind sich sicher, daß sie nur scharfe Kontrol-
len anordnen müssen, wenn sie irgendwelche gesetzeswidrigen
"Rückstände" in Nahrungsmitteln nachweisen wollen. Sie können
also ziemlich frei entscheiden, ob, wann und welches Produkt sie
zum "Skandal" erklären wollen. Diese Leute kennen schließlich die
Sorte Produktion, die sie fördern, und die Grenzwerte haben sie
selber festgelegt. Der nordrhein-westfälische Landwirtschaftsmi-
nister Matthiesen hat sich das diesjährige "Sommerloch" und das
Kalbfleisch ausgesucht, um einen Skandal zu entfachen. Wieder
einmal wird die verlogene Botschaft unter die Leute gebracht: Die
Politik kämpft gegen "verbrecherische Umtriebe", die sämtlichen
sauberen Regeln der Marktwirtschaft widersprechen. Stinknormale
münsterländische Unternehmer werden über Nacht zu "Mitgliedern
einer internationalen Drogen-Mafia", damit sich ein Matthiesen um
so strahlender als "Rächer aller Kälber und Verbraucher" in Szene
setzen kann.
Übrigens beherrschen Politiker bei anderen Lebensmittel-Vergif-
tungen die ganze Sache auch umgekehrt. Wo es ihnen darauf an-
kommt, wird dem Volk die "Restrisiko-Logik" verkauft. Die geht
bekanntlich so: "Angesichts des geringen Verzehrs von xy pro Nor-
malverbraucher und Jahr ist die Schadstoffkonzentration als unbe-
denklich zu betrachten. Darüber hinaus konnte auch bei höheren
Konzentrationen von der Wissenschaft kein eindeutiger Gesund-
heitsschaden festgestellt werden." Sämtliche radioaktiv verseuch-
ten Lebensmittel der letzten Jahre wurden von den maßgeblichen
Stellen so kommentiert. Diese Sorte Beschwichtigung ließe sich
selbstverständlich auch auf die Hormone im Kalbfleisch anwenden:
"Wieviel Kalbfleisch ißt ein Mensch schon im Jahr - und Hormone
hat der Mensch auch von Natur aus!" Je nach politischem Bedarf
wird auf- oder abgewiegelt. Mit dem Grad der Vergiftung von ir-
gendeinem Fraß hat diese Entscheidung meist nichts zu tun. Des-
halb kann auch nach zwei Wochen hellster Aufregung ums "Gift, im
Kalb" die Angelegenheit ohne weiteres wieder zu den Akten gelegt
werden.
W a r u m der nordrhein-westfälische Landwirtschaftsminister ge-
meint hat, er müßte der Öffentlichkeit einen "Kalbsskandal" lie-
fern - da steigt man als kleiner Endverbraucher von Kalbfleisch
und Politik nie ganz durch. Eins ist aber schon auffällig: Matt-
hiesen hat, obwohl er doch lauter deutsche Kälber am Wickel
hatte, die ganze Angelegenheit heftig dazu benutzt, vor
h o l l ä n d i s c h e n Fleischimporten zu warnen. Der Ver-
braucher muß sich angeblich ganz besonders vor holländischem
Fleisch hüten, das Matthiesen nach der Einführung des europäi-
schen Binnenmarkts nicht mehr kontrollieren lassen darf. Auffäl-
lig ist auch, daß dem Verbot von Hormonen in der Tiermast ein
jahrelanger Streit innerhalb der EG-Staaten vorausgegangen ist.
Die europäischen Partner - vor allem England - haben darin einen
Anschlag der BRD auf ihre Fleischexporte gesehen. Das EG-weit
durchgesetzte Verbot paßt außerdem wunderbar zu einer europäi-
schen Konkurrenzkampagne gegen US-Fleischlieferungen. Dort ist
der Einsatz von Hormonen in der Tiermast nämlich weiter völlig
legal. Das europäische Verbot bedeutet deshalb ein Einfuhrverbot
für US-Rindfleisch.
So darf der Verbraucher mit seiner "gerechten Empörung" den Sta-
tisten spielen für wirtschaftspolitische Konkurrenzmachenschaften
zwischen Exportnationen.
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