Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK UMWELTPOLITIK - Smog und Molke - alles im Griff!
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Sandoz, BASF, Bayer, Hoechst AG...
WORIN BESTEHT DAS "LEBENSRISIKO" CHEMIE?
Ein winziger Bruchteil der gigantischen Giftmengen, die an den
Ufern des Rheins produziert, umgeschlagen und gelagert werden"
(Spiegel 47/86), nämlich eine Lagerhalle voll E 605 und anderer
hochgiftiger, quecksilberhaltiger Pflanzenschutzmittel ist kürz-
lich in Basel in die Luft geflogen. Dabei sind diese allerfein-
sten Geschäftsartikel der Firma Sandoz, die "der Markt" verlange,
mit dem Löschwasser in "eine stinkende, tiefbraune Brühe mit oft
ekelhaftem, süßlichem, Geruch" (Rheingutachten 85), auch bekannt
unter dem Namen "Trinkwasserquelle Rhein", geflossen. Seitdem
darf die vergiftete Menschheit sich darum sorgen, wie lange es
wohl dauern wird, bis der von ihr ernannte Hauptleidtragende der
explodierten "Zeitbombe Chemie", die hartgesottenen Atrazinaale
und Giftasseln, das verseuchte Rheinwasser wieder saufen können.
Toxikologen, staatliche Umweltschützer und "ein kritischer, öko-
logischer Journalismus, den es kaum in einem anderen Land gibt",
wälzen seitdem u.a. das aparte Problem, wo "die Quecksilberdampf-
wolke aus Basel" abgeblieben ist. Genauer gesagt fehlen "SZ" und
"Spiegel" in ihrer Unfallbilanz exakt
"1,7 Tonnen von dem organischen Quecksilberfungizid", das "zu
chronischen Vergiftungen, zu Mißbildungen, Störungen der Immunab-
wehr, Schädigungen des Nervensystems und in schweren Fällen zum
Tod führt." (SZ-Lexikon, 20.11.)
Über den grundsätzlich der Gesundheit zuträglichen - weil
schließlich gesetzlich erlaubten Normalweg der Vergiftung durch
diesen ausgezeichneten Stoff haben dieselben Journalisten unter-
dessen ihr Publikum sehr sachkundig aufgeklärt, mit Mikrogramm
Fungizid pro Kilo Butter und Liter Trinkwasser, wie sie aus deut-
schen Landen frisch auf den Tisch zu kommen pflegen. Im Unter-
schied zu solch tröstlicher Normalität soll es sich bei dem Brand
bei Sandoz um einen "leichtfertigen Umgang mit Lebensgütern und
Gesundheit" gehandelt haben. Warum? Weil die demokratische Öf-
fentlichkeit inzwischen haarscharf ausgerechnet hat, daß glatt DM
145.000 für Sprinkleranlagen und andere Brandschutzmaßnahmen aus-
gereicht hätten, um "diese Art von Umweltkriminalität" (Kohl) auf
"den hohen Sicherheitsstandard der deutschen Chemie" zu heben.
Dank diesem ist BASF zwei Wochen später die "völlig ungefährli-
chen Essigsäurerückstände" (so heißt das Krebsgift Dichlorphen-
oxyessigsäure, wenn es aus deutschen Abwasserrohren sprudelt) aus
ihrer gerade nach Basel auf Hochtouren laufenden Herbizid- und
Fungizidproduktion losgeworden.
Eine ungiftige Kritik
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Kaum brennt eine gut versicherte Lagerhalle voller Gift ab, soll
das einem "verantwortungsbewußten Umgang" mit dem Gift
w i d e r s p r e c h e n, statt daß die interessierte Öffent-
lichkeit einmal zur Kenntnis nähme, wie hier in Unternehmen unse-
rer freiheitlichen Marktwirtschaft k a l k u l i e r t wird.
Die "Giftkatastrophe" rührt eben daher, daß Firmen wie BASF,
Hoechst oder Sandoz bei ihrem einträglichen Geschäft mit Chemie-
produkten streng auf die Kosten achten. Schließlich beziffern sie
ihren Daseinszweck, den G e s c h ä f t s e r f o l g, in dem
Ü b e r s c h u ß a n G e l d, den der Verkauf ihrer Waren
über den zu ihrer Herstellung eingesetzten Kapitalvorschuß ein-
bringt. Also rechnen sie mit Schadstoffkonzentration pro Kubikme-
ter, mit Kostenoptimierung für "sicheren Betrieb und Lagerung",
weil die Gewinnspannen den Rhein runtergehen würden, wäre man
hier zimperlich. Und der Staat, der das Wachstum genau dieser
Sorte Ökonomie nach Kräften fördert und sich selber daraus be-
dient, sorgt mit großzügigen Belastbarkeitsdefinitionen, Stör-
fallverordnungen etc. für den nötigen "wirtschaftsverträglichen
Umweltschutz"; die Kosten auf seiten der Betroffenen sind darin
mit der größten Selbstverständlichkeit einkalkuliert.
Aber nein, so mag es niemand sehen. Da mag der Sandoz-Vorstand
noch so sehr betonen, daß das so kalkulierte Giftgeschäft auch
unter "dem umfassenden Schadensersatz" für 150.000 Aale und 20
Lastwagen Frischwasser nicht leiden wird. Eher rechnet der
"kritische, ökologische Journalismus" die eingesparten Sprinkler-
anlagen gegen die versicherten 20 Millionen Mark Brand- und die
"ökologischen Spätschäden" auf und zieht den gänzlich falschen
Schluß, daß sich hier etwas n i c h t gelohnt hätte. Dabei wäre
auch hier ziemlich leicht zu sehen, wie Unfälle in diesem Gewerbe
e i n k a l k u l i e r t sind: Man sucht sich eine Versiche-
rung, die das zu versichernde Risiko in einer Prämie beziffert,
und damit hat sich die Angelegenheit von der Kostenseite her, und
etwas anderes zählt in der Geschäftsbilanz nicht. Auch ein paar
Werbungskosten für das Image des Untemehmens sind bei einem or-
dentlichen Gewinn immer drin.
Die "kritischen Stimmen", die sich zu Wort melden, gehen offenbar
bei ihrer Begutachtung von Geschäft und allgemeiner Gesundheits-
schädigung von einer Prämisse aus: Profit und "unsere Lebensgü-
ter" m ü ß t e n sich doch, jedenfalls im Prinzip, prächtig
vertragen. Diese kritischen Gifthüter und Wasserwächter überset-
zen sich die gesetzlich geschützten G e s c h ä f t s kalku-
lationen "unserer Chemieunternehmen" in ein an sich menschen-
freundliches Programm "zur Verbesserung der Lebensbedingungen",
indem sie die Vorstellung bemühen, daß die Produkte, die dem
Chemiekapital als Geschäftsmittel dienen, doch wahrhaftig auch
noch nutzbare Gebrauchseigenschaften haben - und deshalb
z w e c k s Versorgung der Menschheit mit "lebensrettendem
Chloramphenicol ... oder PVC als Isoliermaterial für Stromkabel"
(Spiegel 46/86) in die Welt gesetzt würden. So daß aus der
Einbildung eines aufgeweckten Bundesrepublikaners mit Spiegel-
Niveau, zumindest m i t "strenger Kontrolle", verbesserter
Störfallverordnung, neuem Chemikaliengesetz und geänderten
Grenzwerten "wirtschaftlich gesunde Unternehmen" sowie ganz viel
saubere Luft, Wasser und Gesundheit gleichermaßen entspringen.
Und wenn mit den staatlichen Auflagen die Kühlrohre bei BASF ro-
sten und platzen wie gewohnt, eine "Giftwelle" die andere jagt,
dann haben "uns Seveso, Bhopal und nun die Vergiftung des Rheins
die Gefahren entschleiert, die mit der chemischen Produktion ver-
bunden sein können (!)". Was kennzeichnet also "die chemische
Produktion" von heute: Daß sie sich als ein 'Januskopf' voller
'Fluch und Segen für die Menschheit' erweist...
Und obwohl solcherart abgeklärte Be- bzw. Gesinnungsaufsätze
schon so ziemlich den Gipfel an Kritik markieren, zu der es die
politisch gebildete Öffentlichkeit angesichts der Vorfälle bei
Sandoz, Ciba-Geigy, BASF, Hoechst, Bayer... bringt, wird von
m a ß g e b l i c h e r Seite eines mit Nachdruck klargestellt:
daß ein "Leben ohne Chemie" nicht denkbar wäre. Damit ist nun al-
lerdings nicht die naturwissenschaftliche Kenntnis der chemischen
Verbindungen und deren Umwandlungen gemeint, sondern "unsere Che-
mie"-Industrie, an der nicht nur "die Wirtschaft" hängt, sondern
die sie ja mit ausmacht. Der Ordnungsruf, den die zuständige Ob-
rigkeit selbst den reichlich untertänigen Anfragen zuteil werden
läßt, ob denn die geschätzte Republik nicht vielleicht doch auch
mit etwas "sanfterer Chemie" zu haben wäre, operiert also ziem-
lich unverfroren mit dem Deuten auf die Abhängigkeiten, die für
die bundesdeutsche Menschheit gelten, weil die bundesdeutsche
Herrschaft sie so eingerichtet hat: Die Produkte hiesiger, oft
genug weltweit erfolgreicher Chemiefabriken sind und sollen es
bleiben - die Geschäftsmittel der Chemiekapitalisten und dienen
als solche (von der Kunststoffdichtung bis zur "High Chem") ande-
ren Kapitalisten in Industrie und Landwirtschaft als Stoff für
deren Geschäfte; bedienen ferner ganze Sektoren der staatlichen
Oberaufsicht über ein Gemeinwesen, das sich z.B. durch einen per-
manenten Großverbrauch der Gesundheit seiner arbeitenden Bürger
auszeichnet und damit Pharmakonzernen garantierten Profit ver-
schafft; machen schließlich auch noch ein Geschäft aus der be-
schränkten Zahlungsfähigkeit der gewöhnlichen Leute, die ihren
alltäglichen Bedarf an Zahnpasta, Tapetenkleister oder Videobän-
dern ja schlecht mittels Heimarbeit bestreiten können. Kurz:
"Unsere Chemieindustrie" ist ein unverzichtbarer Bestandteil
"unserer Marktwirtschaft". Und wenn diese erstklassige Sparte des
dennokratischen Kapitalismus dann nicht bloß "viele Arbeitsplätze
schafft" (zwar mit reichlich Gift ausgestattet, aber wen juckt
das schon!), sondern zwecks Gewinnescheffelns auch die Bevölke-
rung außerhalb ihrer Fabriken noch mit vergiftetem Wasser, Luft
und Boden beglückt - dann ist das gemäß maßgeblicher Definition
eben ein "verbleibendes Restrisiko", sprich: die n o r m a l e
L e b e n s b e d i n g u n g, die die Macher einer Nation vom
Schlage einer BRD ihren Untertanen mit größter Selbstverständ-
lichkeit verordnen und zumuten!
Daß diese Macher sich auf die nationale Zuverlässigkeit der von
ihnen regierten Mannschaft tatsächlich verlassen können, die sie
mit ihrer Verwandlung der Wirkungen gesetzlich geschützter Ge-
schäftspraktiken in ein "normales Lebensrisiko" abrufen, beweisen
nicht zuletzt die Einfälle des besagten "kritischen, ökologischen
Journalismus" in Sachen "Chemiekatastrophen". Die gehen nämlich
so:
"Wir sollten aufwachen und überlegen, was wir da eigentlich pro-
duzieren." (Spiegel 47/86)
"Wir a l l e" sind demnach die Urheber der Vergiftung des lie-
ben Heimatlandes, also auch verantwortlich für eine der Volksge-
meinschaft gut zu Gesicht stehende "neue Grundhaltung zur Che-
mie". Gründlicher kann man die wirklichen Urheber all der feinen
Wirkungen des nationalen Erfolges, auf den es hierzulande an-
kommt, nicht mehr aus der Schußlinie nehmen, als wenn man so tut,
als hätten diejenigen die dem Geschäft als Lohnarbeiter und kon-
sumierende Zahler gleichermaßen dienen dürfen, mit ihrer notori-
schen Vorliebe für Preßspanplatten und Hostalen das gelieferte
Formaldehyd bzw. "die problematischen Abfälle, die auf umweltver-
trägliche Weise nicht beseitigt werden können" (Spiegel 47/86),
gleich mitbestellt. So als wären die vielen "wir" alle gestandene
Chemiker und Fabrikanten, und als wären Markt und Konkurrenz un-
gefähr das gleiche wie ein Plan, den "wir" für das nächste Jahr-
zehnt in Bonn beschließen.
Gift - "ein Nebenprodukt"
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Natürlich kommen innerhalb des "Wir", das da "aufwachen" und
"überlegen" soll, die einschlägigen E x p e r t e n erst recht
groß heraus. Da es ja angeblich um "Wir und die Chemie" geht,
sind die Fachleute fürs geschäftsmäßige Fabrizieren von
"Umweltschmutz" als erste Adresse in puncto "Umweltschutz" anzu-
sehen. Strikt abzusehen ist von dem Sachverhalt, daß in "unserer
Chemieindustrie" kapitalkräftige Privateigentümer eine ganze
Menge entsprechend ausgebildeter Leute einzig für den Zweck
bezahlen und anwenden, um den Umgang mit Naturstoffen und
Arbeitskraft auf stets wachsender Stufenleiter genau so zu
arrangieren, daß aus den hierfür vorgeschossenen Geldsummen immer
größere Geldsummen herauskommen. Statt dessen gehören die
betreffenden Leute als die "Jünger Liebigs" aufgefordert, den
"Faktor Umweltrelevanz" gemäß dem Motto "Mehr Einfälle, weniger
Abfälle " in ihren Destillen zu entdecken. Auch wenn ihr ganzer
berufsmäßiger Erfindungsreichtum in Sachen 'Aus Scheiße ganz
gezielt organisches Gold für ihre Auftraggeber zu synthetisieren'
erst die zweckdienliche und gar nicht "lehrbuchmäßige" Unter-
scheidung in Hauptprodukt und "Nebenprodukte ohne wirtschaftliche
Bedeutung" in die Welt gesetzt hat und mit ihr die "Spuren an
Dioxin" und Chlorphenoxyessigsäure.
"Kaum eine Reaktion organischer Verbindungen verläuft nämlich
lehrbuchmäßig zu einem definierten Endprodukt. Abhängig von den
jeweiligen Reaktionsbedingüngen entstehen vielmehr zahlreiche Ne-
benprodukte, die in Spuren im erzeugten Syntheseprodukt enthalten
sind. Sind diese Nebenprodukte ohne wirtschaftliche Bedeutung, so
bleiben sie unbeachtet, wenn sie nicht aus anderen Gründen stö-
rend auffallen." (Dioxin - durch die Hintertür in die Umwelt, in:
Mensch und Umwelt 5/85)
Was heißt hier eigentlich "nämlich"? Warum sollten ausgerechnet
die wirklichen Synthesen die Lehrbücher der organischen Chemie
blamieren, nur weil unsere Herren Chemiker die verschiedensten
Reaktionswege samt den dazu notwendigen Ausgangsstoffen und alle
g e w u ß t e n "End- und Nebenprodukte" auf ihre gar nicht che-
mischen Vor- und Nachteile hin beurteilen? Der Standpunkt, der in
den Forschungs-, Entwicklungs- und Rationalisierungsabteilungen
der Hoechst und sonstigen AGs gültig ist, ist auch keinesfalls zu
verwechseln mit dem rationellen Gesichtspunkt, wie, vom Produkt
mit seinen nützlichen Gebrauchseigenschaften her betrachtet, die
Prozesse seiner Herstellung in gewünschte und sonstige Wirkungen
zu unterscheiden und zu handhaben sind - ginge es schlicht um
zweckmäßige Bedienung von Bedürfnissen, dann käme beim Produzie-
ren garantiert nicht die systematische Verseuchung aller mögli-
chen Lebensbedingungen heraus. Nein - in kapitalistisch betriebe-
nen Fabriken regiert der Standpunkt des Geschäftserfolgs, und der
ist den Aufgabenstellungen sehr wohl anzusehen, für deren Lösung
die Vertreter der Ingenieurskunst usw. auf die Gehaltsliste ihrer
"Arbeitgeber" gekommen sind: Für wen müssen denn die Einfach- und
Doppelbindungen unbedingt zu DM 3.500 reagieren und sich deswegen
jede "Synthesemöglichkeit" an den Preislisten für Ausgangschemi-
kalien und dem geschäftlich optimalen Verhältnis von Ausbeute und
Umsatz messen lassen: So daß sich die "problematischen Verunrei-
nigungen" einstellen, die kein Chemiebuch vorschreibt, und die
dafür um so feinsäuberlicher von den professionellen Giftmischern
in Haupt- und "Nebenprodukte" unterschieden werden, weil schließ-
lich Dioxin als Endstoff noch lange kein Grund ist, es auch "zu
beachten". Da müssen schon z.B. teure Katalysatoren in der Wei-
terreaktion vergiftet werden, bis der chemische Einfallsreichtum
die entsprechenden Verfahren gleich mitliefert, noch mit de letz-
ten ppm Gift fertig zu werden.
So sammeln sich mit der Produktion "verkaufsfähiger" Chemikalien
die "Nebenprodukte ohne wirtschaftliche Bedeutung", von denen
sich dann kostengünstig entsorgt wird. Was nicht unter die Grenz-
wertrichtlinien fällt, wird gleich hochdosiert auf Mülldeponien
geworfen und in die "natürlichen" Abwasserkanäle namens Rhein und
Main geleitet, die deswegen für "unsere Chemiefirmen" so unver-
gleichliche Standortvorteile bieten. Das übrige Dreckszeug wird
dann solange mit Brauch-, Meerwasser und Frischluft verdünnt, bis
die Schadstoffkonzentration Mikrogramm pro Kubikmeter auch noch
die "härtesten staatlichen Auflagen" erfüllt: Die betroffene
Menschheit darf sich dann diesen einfachen Sachverhalt
"umweltbewußt" vorbuchstabieren lassen als:
"Unmerklich haben einige Produkte der Chemie begonnen, unsere Le-
bensgrundlage zu belasten." (Spiegel 47/86)
Und immer ein paar Jahre später hocken "wir" dann auf "den Sünden
der Vergangenheit", den "Altlasten". Und mancher Häuslebauer auf
begrüntem Hexachlorcyclohexan, genauer gesagt auf den Betaisome-
ren dieses Insektenvertilgungsmittels, weil seine für ein Insek-
tizid zu geringe Giftigkeit nur einen effizienteren Giftstoff ün-
nötigerweise verdünnt hätte und deshalb die Abtrennung und die
"Entsorgung" als Abfall nottat.
Geschäftsartikel Gift
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Und wo erklärtermaßen Gifte erstklassige Geschäftsartikel von
BASF, Hoechst und Bayer sind, weil sie ihren festen Platz in
Lackierereien und auf deutschen und auswärtigen Äckern haben,
eben die ganze kapitalistisch Geschäftswelt nach solchen Arbeits-
und Produktionsmitteln verlangt, da darf und muß die arbeitende
wie sonstige Menschheit einfach umfassend mit den "Zeitbomben" in
Berührung kommen. Was auch wieder gar nicht so sehr an irgendwel-
chen chemischen Eigenschaften liegt. Aber wieso sollten auch Au-
tomobilfirmen bei der Benutzung von Lösungsmitteln und der Ent-
sorgung von giftigen Stäuben und Dämpfen an ihren
"Arbeitsplätzen" weniger kostenbewußt kalkulieren als ihre Klas-
senbrüder aus der Chemie. Warum auch sollten sie geschäftsschädi-
gende Kosten für irgendeine Art von Reinigung veranschlagen, wo
die Lunge des Lohnarbeiters immer noch die billigste Filteranlage
ist. Und warum sollten die Herren Bananas und Chiquitas auf den
Rückfluß ihres wertvollen Kapitals verzichten, nur weil sich das
bißchen Fungizid einfach nicht abbauen will. Schließlich sollen
sich die Bananen versilbern und nicht die Gesundheit.
"Hochwirksam und wenig kostspielig" - so hieß schon immer der
Auftrag der internationalen Geschäftswelt bei den Pflanzenschutz-
mitteln, den es mit deutschem Forscher- und Entwicklergeist bei
BASF und Co zu befriedigen galt. Das - fiel schon 1944 für einen
gewissen Entdecker Paul Müller mit "nicht abbaubar" und exakt zu-
sammen:
"Im Gegensatz zum Rotenon und den Pyrehtrinen, die ebenfalls
höchstwirksame Kontaktstoffe sind (und für den Menschen ungif-
tig), ist die vorde synthetische Substanz (das DDT) weitgehend
stabil, und zwar sowohl gegen Licht wie die biologische Oxyda-
tion. ... Die hohe Stabilität dieser Verbindungsgruppe ermöglicht
es, DDT zuerst auch im Pflanzenschutz anzuwenden. ... Zum Schluß
noch eine kurze Bemerkung. Pyrehtrin und Rotenon sowie alle
natürlichen Insektengifte werden, im Gegensatz zu den gezeigten
stabileren Kontaktinsektiziden, an und auch durch Oxydation in
kurzer Zeit. zerstört. Das will und muß die Natur so tun, denn
welche Katastrophe würde eintreten, wenn die natürlichen
Insektengifte stabil wären?"
Die Zyklen "der Natur" und des Kapitals vertragen sich zwar des
öfteren nicht so besonders. Daraus folgt im Kapitalismus zweier-
lei: Erstens, daß Kapitalwachstum mit ein bißchen Gesundheitszer-
störung per versauter Natur nicht zu teuer bezahlt ist, und zwei-
tens, daß der Umgang mit den im Geschäftsinteresse vollbrachten
Schädigungen gleich die nächste Geschäftssphäre fürs Chemiekapi-
tal erzeugt. So es denn z.B. zu den Entlausungskampagnen der
Nachkriegszeit mit DDT und den daraus gewonnenen Erkenntnissen,
"daß die a k u t e Giftigkeit für den Menschen sehr gering ist"
(Fakten zur Chemie-Diskussion), und 30 Jahre später zur "DDT-Ka-
tastrophe". Auch an der verdienen sich inzwischen die Sandoz und
Ciba Geigys dumm und dämlich. Wo nämlich der Abbau der Herbizide
und Insektizide nicht mehr dem Kapitalumschlag im Landbau folgen
kann, weil die Nachfolgesaaten an den DDTs und Fungizidkonzentra-
tionen zugrundewachsen, da
"könnte Ciba Geigy, Produzent des in Amerika auf Platz 2 liegen-
den Herbizids Atrex, seinen Absatz um jährlich 120 Mill. Dollar
steigern, wenn es den Forschern des Chemiemultis gelänge, resi-
stent gemachte Sojabohnen auf Feldern wachsen zu lassen, welche
im Jahr zuvor mit dem Herbizid behandelt worden sind." (Spiegel
48/85)
Es gelang! Na denn, guten Appetit!
Sehr vertrauenserweckend also, die neueste Reklame der chemischen
Industrie, daß ihre neuentwickelten Pflanzenschutzmittel wesent-
lich wirksamer seien und man deswegen mengenmäßig weniger aus-
bringen müsse...
Katastrophen - alles andere als Zufall
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Ab und an wird's beim Chemie-Geschäft für "den Menschen" gleich
"akuter". Dann nämlich, wenn Druck und Temperatur in den Durch-
laufkühlern "kritisch" werden und selbst der einzigartige Berst-
schutz jeder Produktionsanlage, "ihre Wirtschaftlichkeit", nicht
mehr helfen kann, so daß die Olefinanlage "im Umkreis von 10 Ki-
lometern" durch die Fensterscheiben platzt.
"Tatsächlich gilt für die Chemie: Nur sichere Produktionsanlagen
sind auch wirtschaftliche Anlagen. Weil Chemieproduktionen in der
Regel im Verbund arbeiten, führt eine Unterbrechung wegen des
Ausfalls auch nur eines Anlagenteils oft zum Stillstand der ge-
samten Produktion. Wirtschaftlichkeit setzt aber voraus, daß es
möglichst wenig Produktionsausfälle gibt. Sicherheitstechnik ist
für die Chemie deshalb keine zusätzliche oder aufgepfropfte Tech-
nik, sondern wesentlicher Bestandteil jeder wirtschaftlichen An-
lage." (Fakten zur Chemie-Diskussion, 16)
Sehr gelungen, das Argument: Wir handhaben die Mittel unseres Ge-
schäfts doch tatsächlich so, daß sie tauglich sind und nicht un-
tauglich. Das wäre ja auch noch schöner, wenn die Kapitalisten
technische Sabotage an ihren teuren Anlagen betreiben und auf
entsprechende Sicherheitseinrichtungen für den "Verbund" rund um
die Uhr verzichten wollten. Und natürlich produziert kein grö-
ßeres Chemieunternehmen hierzulande mit Anlagen, bei denen es aus
allen Ritzen pfeift. Bloß - warum sollte ausgerechnet damit die
Menschheit gegen genau die Wirkungen ökonomischer Prozeßführung,
die ständigen Leckagen, die kleinen und größeren "technischen Un-
fälle" bestens versichert sein? Wofür und warum sind sie denn
notwendig, die Meßfühler, "um kritische Zustände zu signalisie-
ren", die Sicherheitsventile und automatischen Notabschaltsy-
steme? Worin besteht sie denn, die Kunst "industrieller Prozeß-
führung"? Doch genau darin, mit den Produktionskoordinaten Druck
und Temperatur" ein profitabel kalkuliertes Verhältnis von Umsatz
und Durchsatz einzustellen. Eine Reaktion, die z.B. bei 200 Grad
Celsius "durchzugehen" droht und bei 230 Grad nicht mehr zu kon-
trollieren ist, wird eben nicht bei 160 Grad gefahren, wenn der
Umsatz exponentiell mit der Temperatur ansteigt. Die Aufgabe be-
steht gerade darin, den "sicheren Betrieb" ganz nahe an die
"kritische Zone" hin zu "optimieren", weil die so beschleunigte
Reaktion sich in Mark und Pfennig als erhöhter Durchsatz rechnet.
Und wenn dann mal die Notkühlung nicht mehr reicht, dann gibt es
ja noch die diversen Sicherheitsventile. So lassen sich darin im-
mer im Betriebsalltag "Gasaustritte nicht völlig vermeiden". Von
"Pannen", geschweige denn "Unfällen" kann deshalb natürlich keine
Rede sein. Klar. Die finden erst so richtig statt, wenn dank ge-
lungener Optimierung von Durchsatz und Umsatz das "Nebenprodukt"
als Hauptprodukt Dioxin zum Schornstein rausverpufft und "uns"
wenigstens eine "Umweltkatastrophe", wenn schon keine toten und
verätzten Leute beschert. Dann wird - mit der gebotenen Eile,
versteht sich, damit das Gröbste schon mal den Rhein hinunter ist
das "europäische Früh- und Fernwarnsystem der Wasserwirtschaft"
eingeschaltet. Und zweitens kommen die von der Obrigkeit schon
längst voller Voraussicht erlassene
Staatliche Störfallverordnung und die Grenzwerte
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genauer die vorgeschriebenen "Gefahrenabwehrpläne" mit den ent-
sprechenden Ausnahmewerten für Emissionen und Immissionen jetzt
voll zu ihrem Recht, weil zwecks "Beseitigung der Gefährdung" die
Steigerung der giftigen Ableitungen das einzig Richtige ist. Das
ist auch wiederum logisch. Schließlich sind die Normalwerte schon
nicht mit Bekömmlichkeit für die Gesundheit zu verwechseln, son-
dern nichts anderes als die staatliche Festlegung des Ausmaßes
erlaubter Vergiftung, Streng nach dem Prinzip: Wo viel Gift an-
fällt, da muß es auch abgeblasen und abgelassen werden können.
Und um so mehr kann der Mensch in Wasser und Luft dann davon
fressen, so die einfache - staatliche Dosis-
/Verträglichkeitsrechnung. Welcher Staat kann schließlich "die
Verantwortung" dafür übernehmen, daß die Gesundheit seines
"weltgrößten Herstellers" (BASF), also Nutznießers von so
"unverzichtbarem" Giftzeug wie Formaldehyd und ähnlichem, unter
"unerfüllbaren", weil zu kostspieligen Grenzwerten und Verordnun-
gen Schaden leiden könnte. Diese unterliegen, wie die MAK-Werte,
mit denen festgelegt wird, wieviel giftige Dämpfe Arbeitern an
"ihren" Arbeitsplätzen zugemutet werden dürfen, gewissen Konjunk-
turen. Schließlich versorgt der laufende Giftgroßversuch in bun-
desdeutschen Fabriken und auf bundesdeutschen Landen eine ganze
Heerschar amtlich bestallter wissenschaftlicher Sachverständiger
mit den neuesten Erkenntnissen für die gesetzliche "Unbedenk-
lichkeit" oder "Gefährlichkeit" jedweder gesundheitsschädlicher
Dämpfe und Stoffe. Schließlich werden jedes Jahr ein paar Gifte
"verzichtbar", weil Sie als G e s c h ä f t sm i t t e l end-
gültig ausgedient haben; zugleich werden andere gesünder, weil
sie durch nichts zu ersetzen sind. Und das will jährlich von
neuem ganz exakt in Milligramm pro Kubikmeter eruiert sein.
Damit ist über den s t a a t l i c h e n S t a n d p u n k t
d e r V o l k s g e s u n d h e i t auch schon alles klarge-
stellt, der am Walten ist, wenn, wie derzeit und nun sogar in der
Kompetenz eines Extra-Bundesumweltministers, diverse Störfall-
und Grenzwertverordnungen für den Bereich der Chemieindustrie et-
was schärfer gefaßt werden: Sein M e n s c h e n m a t e r i a l
will der demokratische Oberaufseher übers nationale Kapitalwachs-
tum schon etliche Jährchen im Arbeits- usw. Dienst für Deutsch-
land b e n u t z b a r erhalten wissen - jedenfalls im
D u r c h s c h n i t t, wo von Haus aus so mancher auch noch
drunter bleibt -, bevor er dessen v o l l z o g e n e n R u i n
konstatiert.
Fazit: Der Kapitalismus ist Gift für die Gesundheit der Leute.
Der Staat schützt diesen Zustand mit Gewalt. Die darüber in der
demokratischen Öffentlichkeit geführten Debatten sind samt ihren
Heucheleien Gift für den Verstand.
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