Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK STAHLINDUSTRIE - Der Fall Rheinhausen usw.
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Entlassungen bei HOESCH
WIE MAN MIT STAHL ARBEITSPLÄTZE ABSCHAFFT
Seit der Vorstand der Hoesch-Werke-AG beschlossen hat, das ge-
plante Oxygen-Stahlwerk nicht zu bauen und damit an die 10 000
Arbeiter zu entlassen, ist bis zur "großen Bürgerversammlung" am
28. November kein Tag vergangen, an dem nicht die Öffentlichkeit
die "Gefahr für die Stahlbasis Dortmund" beschworen hat. Landauf,
landab haben Gewerkschaften, Politiker, Banken, Pfaffen, Sport-
und Taubenzüchtervereine sich als (Mit)Betroffene mit den Hoesch-
Arbeitern solidarisiert und "für den Bau eines neuen Stahlwerks"
starkgemacht. "Das geht uns alle an" und "Dieses Problem fordert
eine politische Lösung" heißen die Parolen, die klarstellen, daß
Hoesch als ein Unternehmen, das sich mit der Rationalisierung auf
Kosten seiner "lieben Mitarbeiter" saniert, gar nicht vorkommt.
Im Gegenteil. Als Mitbetroffener des regionalen Problems "der Er-
haltung der Stahlbasis Dortmund" wird der Hoesch-Konzern zum Ge-
schädigten seiner eigenen Entscheidungen ("Mißmanagement in den
siebziger Jahren"). Und damit wird allen Maßnahmen, über die
Hoesch zu seiner Sanierung entschieden hat und noch entscheiden
wird, lauter Verständnis entgegengebracht: schließlich macht
Hoesch ja nichts anderes, als auf die Stahlkrise zu reagieren.
Weil so noch jeder unterschiedslos zum Betroffenen wird, ist vor
lauter Gemeinsamkeit weit und breit kein Verantwortlicher mehr zu
finden, an den sich die Forderungen richten könnten - alle sind
sich einig:
"Dortmund darf nicht sterben!"
Und mit dieser Parole ist auch schon ausgesprochen, daß es um die
Verhinderung von Massenentlassungen nicht geht, Hoesch also nicht
damit zu rechnen hat, daß seinen Rationalisierungsmaßnahmen Wi-
derstand entgegengebracht wird.
Wenn HOESCH rationalisiert...
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Entgegen den Illusionen, die in noch allen Solldaritätsbekundun-
gen verbreitet werden, daß nämlich "eine Sicherung der Ar-
beitsplätze nur durch den Bau eines neuen kostengünstigen Oxygen-
Stahlwerks erreicht wird", stellt Hoesch mit seinen Maßnahmen
klar, daß die "Wiederherstellung der Konkurrenzfähigkeit" des
Konzerns mit der Sicherung von Arbeitsplätzen zu tun hat: Wie für
jedes kapitalistische Unternehmen ist auch für Hoesch das Gewin-
nemachen Zweck seiner Investitionen und nicht die Schaffung oder
Erhaltung von Arbeitsplätzen. Oder umgekehrt: Arbeitsplätze sind
für das Unternehmen das Mittel, Gewinne zu machen, und wenn dies
momentan wegen der Überproduktion auf dem europäischen Stahlmarkt
nicht in dem Maße möglich ist, wie Hoesch sich das vorstellt,
werden sie abgebaut. Stahlkocher werden nur so lange beschäftigt,
wie es lohnend erscheint - eine Rechnung, die nicht erst seit
heute gilt: - 1975 reagierte das Unternehmen auf die Verschlech-
terung des Verhältnisses Erlöse/Kosten mit einer Reduzierung der
Belegschaft um 5500 Mann (Einstellungsstop und "Fluktuation", wie
man die betriebliche Ausnutzung der Tatsache nennt, daß die Ar-
beit am Ofen binnen kürzester Zeit zur Ruinierung der Gesundheit
führt) und gleichzeitiger Intensivierung der Arbeit, die zu einer
37%igen Steigerung der Rohstahlproduktion pro Hochofen führte.
- 1979 erfolgte auf dieser Basis des vergrößerten Outputs bei ge-
ringeren Kosten eine Einschränkung der Rohstahlproduktion und
eine Konzentration auf die profitlicheren Edelstähle durch eine
weitere Personalkostensenkung, sowie die Konzeption eines neuen
Stahlwerks, die in dem Moment wieder fallengelassen wurde, als
ein Kooperationsvertrag mit Krupp lukrativer erschien.
"Kein Unternehmen würde in dieser Zeit, da sich die Lage in der
Stahlindustrie in dramatischer Weise verschlimmert hat, eine In-
vestition diesen Umfanges anpacken..." (Rohwedder)
Weil es für Hoesch eine Frage der Kosten ist, ob seine Stahlbasis
in Dortmund, Krupp/Rheinhausen oder bei seinem holländischen
Partner in Ijmuiden steht, hängt es nicht unbedingt an seinen ei-
genen Produktionsanlagen. Unprofitable Produktionsbereiche legt
es still, was die Entlassung einer stattlichen Anzahl von Mitar-
beitern mit sich bringt. Mit diesem Verfahren steht Hoesch kei-
neswegs allein:
"In der Bundesrepublik sind über Neustrukturierungen und Rationa-
lisierungen seit 1964 schon etwa 51 000 Arbeitsplätze abgeschafft
worden, was der deutschen Stahlindustrie im Vergleich zu den we-
niger intensiven Modernisierungsbemühungen anderer EG-Staaten na-
türliche (!) Wettbewerbsvorteile einbringt." (Süddeutsche Zei-
tumg)
Gerade auf diesem Wege der Rationalisierungen und Massenentlas-
sungen hat es die deutsche Stahlindustrie geschafft, in den letz-
ten Jahren die Nr. 1 in Europa zu werden.
...und der Betriebsrat Arbeitsplätze sichert
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Mit der ungenierten Verkündung seines Rationalisierungsprogramms
zeigt Hoesch, daß es von der größten deutschen Einzelgewerkschaft
IG-Metall nichts zu befürchten hat. Denn für diese und den Be-
triebsrat sind solche Ankündigungen stets Anlaß, dem Unternehmen
ihre Mitarbeit anzutragen, indem sie behaupten, es gehe bei allen
Hoesch-Maßnahmen um den Erhalt von Arbeitsplätzen, so daß noch
aus jeder Rationalisierung ein Programm zur Sicherung von Ar-
beitsplätzen wird: Der Betriebsrat stimmt allen Entlassungen zu,
die ihm der Betrieb vorsetzt - nur daß er sie nicht
"Entlassungen" nennt, weil er sie durch Sozialpläne regelt, die
es Arbeitern ab 59 und jenen aus den Warmbereichen ab 55 ermögli-
chen, Feierabend zu machen. Das heißt natürlich nicht, daß jeder
alte und kaputte Arbeitsmann gehen kann, wenn er will. Das ent-
scheidet immer noch der Betrieb, ob es ihm billiger erscheint,
den oder den Alten noch weiter zu benutzen oder nicht:
"Ziel dieser Regelung ist es, das Arbeitsverhältnis (der älteren
Belegschaftsmitglieder) je nach betrieblicher Notwendigkeit vor-
zeitig zu beenden oder fortzusetzen." (Sozialplan, 25.2.80)
Die Regelungen ermöglichen es Hoesch also, ohne jede Schwierig-
keit die Belegschaft zu reduzieren und sie intensiver zu benut-
zen. Und der Betriebsrat versäumt es nicht, bei jeder Gelegenheit
darauf hinzuweisen, daß er es gewesen ist, der sich bei der Lan-
desregierung für Kredite stark gemacht hat, damit bei Hoesch mit
dem Bau des Stahlwerks Arbeitsplätze erhalten werden und zettelt
nun, da es nicht gebaut wird, ein großes Theater an:
Die 4200 Entlassungen, denen er in Hinblick auf den geplanten
Stahlwerksneubau zur "Wiederherstellung der Konkurrenzfähigkeit"
des Betriebes auf dem Stahlmarkt zugestimmt hat, will er jetzt
als "Vorleistung" anerkannt sehen, indem er den Vorstand auffor-
dert, als "Gegenleistung" sein früheres Vorhaben zu realisieren.
Daß es den Betriebsräten mit dieser Forderung lediglich um die
Demonstration ihres unermüdlichen Einsatzes für die Hoesch-Arbei-
ter geht, wird schon aus der Tatsache ersichtlich, daß sie allein
auf die bloße Absichtserklärung von Hoesch hin, ein Stahlwerk
bauen zu wollen, allen Entlassungen zustimmten - und sich dies
auch bis heute nicht geändert hat:
"Wir haben bereits den Personalabbau von 2200 Belegschaftsmit-
gliedern zugestimmt - schon immerhin 700 mehr als ursprünglich
geplant waren." (Betriebsrat Rosen)
Die Vorwürfe "Wortbruch" und "Mißmanagement" sind die gewerk-
schaftliche Begleitmusik für das Rationalisierungsprogramm von
Hoesch, an dem Gewerkschaft und Betriebsräte von vornherein be-
teiligt waren. Zugleich bilden diese Vorwürfe die Grundlage für
die Gewerkschaft, sich mit einer Großdemonstration in Dortmund
gebührend in Szene zu setzen, und auch den ihr nahestehenden SPD-
Genossen Samtlebe und Rau die Gelegenheit zu verschaffen, sich
mit den Entlassungen bei Hoesch als Politiker zu profilieren, die
die Sorgen und Nöte ihrer Wähler kennen.
...sorgen Politiker mit Krediten. ...
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Gerade sie versäumten es nicht, sich in den Demonstrationszug als
Solidarische und zugleich Betroffene einzureihen und ihre Anteil-
nahme an dem Problem "Erhalt der Stahlbasis" zu versichern, und
ließen dabei kein Mißverständnis darüber aufkommen, worin sie die
eigentliche Misere der Stahlstadt Dortmund sehen: Die "Verant-
wortlichen von Hoesch-Estel" hätten nicht klar zum Ausdruck
gebracht, wo und wie sie in Zukunft ihre Gewinne zu machen
gedenken.
"Schafft endlich Klarheit, damit endlich wieder Vertrauen ge-
schaffen wird in dieser Stadt."
Als ob Rau und Samtlebe nicht vom Hoesch-Vorstand laufend über
seine Pläne informiert werden (erst 2 Tage zuvor hatten Rau und
Rohwedder in Bonn ein Gespräch), klagen sie in der Öffentlich-
keit, daß "ihnen noch kein unternehmerisches Konzept bekannt"
wäre. Als ob Hoesch nicht gerade deswegen die Rohstahl-Produktion
in Dortmund einschränken will, weil sie nicht mehr profitlich
ist, droht der Ministerpräsident ausgerechnet damit, daß die Lan-
desregierung nur noch solche Kredite vergebe, die eine rentable
Verwendung versprechen. Dabei ließ er die Stahlarbeiter keines-
wegs darüber im Unklaren, daß er in diesem Sinne auch eine Ent-
scheidung gegen den Bau des Stahlwerks und die damit verbundenen
Entlassungen akzeptiert: Die Hauptsache ist schließlich, daß
"Hoesch auf die Beine kommt, und ich sage, es kann und es muß ge-
lingen."
...daß Arbeiter nur zum Wohle der Wirtschaft entlassen werden
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Die Arbeiter, denen von allen Seiten versichert wird, daß wie
bisher die Hoesch-Sanierung auf ihre Kosten geht, lassen es zu,
daß alle Welt sich mit ihnen - als den fest eingeplanten Opfern
der laufenden Rationalisierung solidarisiert. Mit ihrer Mitwir-
kung bei diesem von Gewerkschaft und Politikern inszenierten Zir-
kus als Statisten bekunden sie, wie sehr sie sich auf ihren Scha-
den eingestellt haben: Alles, was sie verlangen, ist die öffent-
liche Anerkennung ihrer jahrelangen Opferbereitschaft ("Wir waren
es, die das Werk aus den Trümmern aufgebaut haben"). Und mit die-
ser wurden sie von allen Seiten prompt und reichlich versorgt.
Kein Politiker versäumte es, den Stahlarbeitern für ihre "Ruhe,
Disziplin, Sachlichkeit und Besonnenheit" zu danken, und sie da-
für zu loben, daß "keine radikalen Trittbrettfahrer die Chance
erhalten, ihr Süppchen zu kochen" (Samtlebe). Das bleibt eben den
Politiken vorbehalten!
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Gewerkschaftliche Orientierung
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Wenn ganz Dortmund sich mit seiner "Stahlbasis" solidarisch er-
klärt, schreckt die Dortmunder Intelligenz natürlich auch nicht
davor zurück. Auch sie hat ein Anliegen die Studenten klagen über
den Ausbaustopp der Universität -, und wie man sich in solchen
Fällen auf aktuelle "gesellschaftliche Erfordernisse" beruft, ist
einem Akademiker allemal geläufig. "Das Ruhrgebiet muß auf lange
Sicht wettbewerbsfähig bleiben und Arbeitsplätze für die Menschen
im Revier anbieten. Um das zu sichern, müssen neue Techniken ent-
wickelt und Fachleute dafür ausgebildet werden. Also:
1. Wenn Hoesch 10 000 Arbeiter entläßt, stellt sich "das Revier"
schleunigst die Aufgabe, ihnen die Arbeitsplätze zu ersetzen. Ob
die Politiker deswegen die Rationalisierung bei Hoesch kreditie-
ren?
2. Der Ersatz von Arbeitsplätzen ist ein Problem der Produktions-
technik: je moderner die Herstellungsweise, desto konkurrenzfähi-
ger, desto mehr Arbeitsplätze. Ob die Unternehmer deswegen so
viel rationalisieren?
3. Um neue Produktionstechniken einführen zu können, sind sie zu-
erst zu entwickeln, was nur von Fachleuten erledigt werden kann.
Ob die Firmen deswegen so viel in die Ausbildung von Technikern
investieren?
4. Fazit: je mehr Arbeiter entlassen werden, desto mehr Ingeni-
eure müssen ausgebildet und eingestellt werden. Ob die Arbeiter
deswegen den Ausbau der Universität so vehement fordern?
Es wird schon seinen Grund haben, weswegen das gemeine Volk die
Begeisterung für Technik den Technikern überläßt.
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