Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK STAHLINDUSTRIE - Der Fall Rheinhausen usw.
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"Maxhütte"
STAHL FÜR FJS - 1200 KÖNNEN GEHEN
Die Gegend kennt kaum einer: Sulzbach-Rosenberg. Aber dort steht
die "Maxhütte", ein Stahlwerk - Hauptaktionär Klöckner -, das
seit etlicher Zeit Verluste produziert. Die Arbeiter waren so
fleißig, wie überall sonst auch, ihre Löhne, wie im "Grenzland"
so üblich, eher noch niedriger, aber dieses Werk steht eben ein
bißchen weit ab vom Schuß. In der harten (europäischen) Konkur-
renz macht sich dieser S t a n d o r t n a c h t e i l unange-
nehm bemerkbar, wenn auf jede Tonne Stahl z u s ä t z l i c h e
Transportkosten kommen, dann ist dieses Unternehmen halt nicht
"wettbewerbsfähig".
Aber manchmal ist das nicht der Springpunkt. Normalerweise machen
unterlegene Betriebe dicht, und die Entlassenen dürfen sich anhö-
ren, daß ohne den "Ertrag" Arbeitsplätze nicht zu "sichern" sind,
daß ihr Lebensunterhalt also vom Gewinn abhängig ist - der in
diesem Fall ausbleibt. Jetzt hört man aber Erstaunliches aus
Sulzbach-Rosenberg: Dort wurde der K o n k u r s angemeldet -
um die Arbeitsplätze zu "retten". Das behaupten zumindest die Ge-
werkschaft, die Unternehmensleitung und die bayerische Staatsre-
gierung.
Wahr ist nur, daß tatsächlich der Konkurs angemeldet wurde, um
die Hütte unter neuer Regne weiterführen zu können. Die Konkur-
sanmeldung erlaubte es, die Pläne des Hauptaktionärs Klöckner zu
korrigieren - der wollte angeblich das Werk schließen, um einige
100 Millionen "Stillegungsprämie" zu kassieren -, um das Werk für
den F r e i s t a a t B a y e r n zu erhalten. Das ist ein
ziemlich gewaltiger Unterschied zu der Behauptung, Franz Joseph
Strauß und die Gewerkschaft hätten sich für die 4.500 Beschäftig-
ten stark gemacht - über die im übrigen schon der Beschluß
gefällt ist, daß 1.200 von ihnen e n t l a s s e n werden,
nicht ohne den Zusatz: "...um die restlichen Arbeitsplätze zu
erhalten". FJS läßt sich natürlich die Gelegenheit nicht
entgehen, sich als landesväterlicher Fürsprecher seiner
bayerischen Stahlarbeiter aufzuspielen, und manch einer mag
vielleicht glauben, das aus Hattingen bekannte Theaterstück "Eine
Stadt ist zutiefst betrübt und hell empört" wäre hier tatsächlich
mit einem Happy-End aufgeführt worden. Die "Rettung Sulzbach-
Rosenbergs" verdankt sich aber einzig und allein dem Umstand, daß
es sich hier um den e i n z i g e n b a y e r i s c h e n
S t a h l s t a n d o r t handelt. Während die Leute in
Hattingen das "Pech" hatten, nur einen kleinen Teil der
Ruhrgebiets-Stahlproduktion darzustellen, haben die Leute in
Sulzbach-Rosenberg das "Glück", daß ihr oberster Landeschef auf
diesen Standort nicht verzichten will, weil sonst die gesamte
b a y e r i s c h e Stahlproduktion flachfällt.
Ein bißchen komisch ist das schon. Warum will er denn unbedingt
ein Stahlwerk auf seinem freistaatlichen Territorium, wo es doch
Stahl reichlich und billig im sonstigen Deutschland und erst
recht in ganz Europa zu kaufen gibt? Weil ihn die Tatsache, in
der Münchner Staatskanzlei zu sitzen, überhaupt nicht davon ab-
hält, sondern im Gegenteil geradezu a n s t a c h e l t, wie
ein ganz gewöhnlicher i m p e r i a l i s t i s c h e r
P o l i t i k e r zu denken. Wenn Bonner Politiker wie die Geier
dahinterher sind, daß sich auf ihrem Territorium alle Abteilungen
moderner kapitalistischer Geschäftemacherei versammeln, selbst-
verständlich auch Stahl: Der ist ja als i n d u-
s t r i e l l e r R o h s t o f f unverzichtbar, vom Auto bis
zum Leo, dann ist ein ehrgeiziger Landespolitiker wie Herr Strauß
genauso und erst recht von dem Gedanken beseelt, daß sein
UnterStaat sich als imperialistisches M u s t e r l ä n d l e
beweisen soll. Und auf allen Gebieten, die den Großmachtanspruch
der BRD begründen, führend beteiligt sein müssen: Autofabriken,
jede Menge Rüstungsfabriken, eine Landwirtschaft, AKWs, "Hoch-
Technologie" - Konzerne hat er, Wackersdorf baut er - warum soll
es dann ausgerechnet am Stahl fehlen?
Vorsorglich hat die CSU ihre Zustimmung zur neuen Bonner Regie-
rung davon abhängig gemacht, daß ihr das A n r e c h t auf ei-
genen bayerischen Stahl vom Bund garantiert wird. Dieses Anrecht
wird nun geltend gemacht, d.h. Subventionen werden angefordert.
Die Entschlossenheit, mit der sich die Politiker hinter die Sache
klemmen, hat auch die Banken beruhigt und sie zur Ausschüttung
neuer Kredite veranlaßt. Die eintönig plattgetretene Bank-
"weisheit", man soll dem schlechten Geld kein gutes nachwerfen,
gilt plötzlich nicht mehr - und, zu Recht. Erstens hat die baye-
rische Staatsregierung die neuen Kredite mit einer Bürgschaft ab-
gedeckt, also sich selbst als oberste Sicherheit eingesetzt.
Zweitens ist in den Augen der Banken für eine sinnvolle Verwen-
dung der Kredite gesorgt, da Rationalisierung und Massenentlas-
sung ja schon beschlossene Sache sind. Staat und Untemehmenslei-
tung haben zwar klargestellt, daß sie das Stahlwerk erhalten se-
hen wollen; sie haben aber auch klargestellt, daß es
p r o f i t a b e l sein soll. Die Bürger Sulzbach-Rosenbergs
sind indes hochzufrieden, daß folgende schauerliche Vision nicht
eintritt:
"Die Anlagen der MH stehen still; die Hochöfen sind erkaltet, die
Büros haben ihre Tore geschlossen. Viele Familien ziehen fort,
Häuser stehen leer, Geschäfte sind geschlossen. Es braucht keine
Banken und Sparkassen mehr. Das Hallenbad ist zu verkaufen, das
Waldbad und andere Sportstätten verwildern. Um die Kirchen wu-
chern Sträucher und Blumen wie in Dornröschens Märchenschloß.
Auch die Jahnschule wird zur Ruine..." ("metall" der IGM)
Ganz offensichtlich sind sie entschlossen, die politischen Kalku-
lationen des Herrn Strauß für eine Gnade zu halten, für die man
sich dankbar erweisen muß: Ohne Lohnarbeit und Kapital kein Le-
ben!
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