Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK STAHLINDUSTRIE - Der Fall Rheinhausen usw.
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 23, 04.11.1980
Bremen aktuell
KLÖCKNER IN NOT?
Bremer Edelstahl in einer Welt von Schrott
Letzte Woche gab es im Bremer Regionalfernsehen ein dramatisches
Schauspiel in zwei Akten mit dem Titel "Klöckner in Not - wer
trägt die Schuld?" Der Inhalt ist schnell erzählt: Akt 1 zeigt
Klöckner als den modernsten Stahlproduzenten, den man sich nur
denken kann; Akt 2 beweist, daß andere Stahlproduzenten in Europa
schuld sein müssen, wenn es auf der Hütte "Probleme" gibt. Dafür,
daß Klöckner in Sachen technischer Fortschritt nicht zu überbie-
ten ist, verbürgt sich ein dreifacher kompetenter Sachverstand:
ein Fernsehmoderator, der mit seinem Kamerateam durch die Hallen
von Klöckner gefahren war und sichtlich beeindruckt ins Studio
zurückkehrte; der Bremer Regierungschef, dessen Regierung ja wohl
keine Steuergelder für die Unterstützung eines Schrotthaufens
ausgibt; schließlich der Klöckner-Vorstand, er hat die ganz mo-
dernen Anlagen angeschafft. Eindrucksvoller noch als die Zeugen-
aussagen war der optische Eindruck. Minutenlang floß rot-glühen-
der Stahl über den Bildschirm (ein geschultes Auge konnte schon
an dem besonderen Bremer Rot die Qualität des Produkts erkennen);
die Kamera schwenkte auf riesige, stillgelegte Anlagen neben
denen noch rissigere, aber moderne stehen (wahrscheinlich konnte
die Betriebsleitung die alten Dinger nicht mehr sehen). Auch Ar-
beiter kamen ins Bild, direkt am Hochofen. Sie waren der schla-
gendste Beweis für die fortgeschrittene Klöcknerqualität- wo
sonst läßt sich Hitze, Gestank, Kratzen im Hals, trockene Zunge
besser aushalten als bei Klöckner? (Und die Arbeiter waren blöd
genug, genau das ins Mikrophon zu quatschen und sich vom Reporter
weiterhin gute Gesundheit wünschen zu lassen.)
Soweit war alles im Lot, aber dann kam die Katharsis. Diese pul-
sierende Bremer Lebensader soll von einer Stahlkrise betroffen
sein? Zwar ließ der besorgte Reporter von ferne anklingen, daß
auch er von seit geraumer Zeit beschlossener Kurzarbeit, von Ent-
lassungen und anderen Weihnachtsgeschenken für Klöckner-Arbeiter
gehört habe. Deswegen aber hätte man kaum einen ganzen Fernseh-
abend eingerichtet. Es traf sich gut, daß gerade in Brüssel die
Stahlverhandlungen stattfanden. So konnte man ohne Umschweife zur
eigentlichen Frage kommen: macht Europa Klöckner kaputt? Das war
das Stichwort für Hans Koschnick, der zu einer großen Tirade ge-
gen Europas Schrott ansetzte, voller Sorge um "seine Bremer Indu-
strie". Da war die Rede von "verschlafenen europäischen Nachbar-
staaten", die hinter den Zeichen der Zeit (sprich: hinter Klöck-
ner) herhinken und sich dafür von der EG auch noch bezahlen las-
sen wollen. "Tatsächlich," so der Landesvater, "wäre es doch viel
vernünftiger, denen keine Mark zu zahlen, sondern zu sagen: geht
auf den Weltmarkt und arbeitet entsprechend." Ein Aufruf zum Völ-
kerhaß, ein Plädoyer für die Abschaffung der Europäischen Gemein-
schaft, Kampfansage Bremens an Brüssel? Das wollte Koschnick nun
auch wieder nicht sagen, eher schon: geht doch mit Euren Arbei-
tern gefälligst genauso um wie die deutschen Manager, nehmt Eure
Gewerkschaften in die soziale Pflicht (ist uns ja schließlich
seit 30 Jahren auch gelungen). Es war also in einem Atemzug ein
recht unverblümtes Lob für die moderne Form der Ausbeutung auf
der Bremer Hütte und zugleich die eindeutige Lösung der Schuld-
frage. An Klöckner liegts nicht, an Bremen schon gar nicht. War
es Zufall, daß Klöckner-Vorstand v. Bogdany zu just demselben Ur-
teil kam? Wenn auf diese Weise die Schuldfrage aufgeworfen wird,
bleibt die Wahrheit auf der Strecke. Dem wollen wir abhelfen mit
einem kurzen Blick auf
Die feindlichen Stahlbrüder
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1976, als die letzte Stahlkrise eben vorbei war, der nächste Auf-
schwung vor der Tür stand, einigten sich die Stahlunternehmen der
EG auf eine Quotierung ihrer Produktion, in der Sicherheit, daß
sich ohne ihr Produkt nichts schiebt, von der Zahnpastatube bis
zum Panzer. Die festgesetzten Quoten, die sich an den Werkskapa-
zitäten des Boomjahrs 1974 orientierten, waren die Grundlage da-
für, auf der jedes einzelne Stahlkapital die Erweiterung seiner
Produktionskapazitäten am Markt ausnutzen konnte. Parole: über
Qualität und/oder Preis möglichst günstig gegenüber den andern
abzuschneiden.
In Bremen und anderswo in der deutschen Stahlindustrie war die
Stahlkrise von 1975 der Ausgangspunkt für Rationalisierungsinve-
stitionen in Milliardenhöhe; Resultat 50 000 Arbeitsplätze
'eingespart', Anteil der BRD-Stahlproduktion an der europäischen
Produktion auf 43% gesteigert. In den anderen europäischen Län-
dern zogen es die Stahlwerke - inclusive ihrer nicht zu gering
beteiligten deutschen Teilhaber - zunächst vor, die staatlichen
Subventionen in Kapazitätserweiterungen einzusetzen und den euro-
päisch festgelegten Mindestpreis so für sich auszunutzen. Daß sie
freilich spätestens seit 1978 in Frankreich und spätestens seit
1979 in England einiges an z.T. staatlich durchgesetzter
"Gesundschrumpfung" vorgenommen haben, ist den deutschen Stahlma-
nagern selbst wenn sie nicht überall Teilhaber sind auch klar.
Dennoch: nach 4 für die Stahlindustrie in allen Ländern ziemlich
fetten Jahre sieht die Situation ganz anders aus. Alle haben mit
Rationalisierungen und/oder Kapazitätserweiterungen so schön ge-
gen den Markt produziert, daß sie an die Schranke ihrer eigenen
Nachfrage stoßen. Deshalb ist Klöckner frühzeitig aus der
friedlichen Eintracht der Konkurrenten ausgestiegen und hat
versucht, seit Anfang 1980 durch Angebote unter dem Euro-
Mindestpreis den Konkurrenten deren bis dato vorhandene
Absatzmärkte abspenstig zu machen. Nachdem auch das 10 Monate
erfolgreich gelungen ist, hört man seit 4 Wochen Zeter und Mordio
von Vertretern der deutschen Stahlindustrie: die Quotenregelung,
die man einst selber eingegangen war und die doch ein nicht
ungünstiges Sprungbrett dafür gewesen ist, sich gegenüber den
Konkurrenten ordentlich zu profilieren, gilt jetzt - wo sie durch
die EG neu durchgesetzt werden soll - als unrechtmäßiger Eingriff
in das "freie Spiel der Kräfte". Man hat sich unter der alten
Quotenregelung eine Position verschafft, die von den
Produktionskosten her den anderen überlegen ist, was also ist
naheliegender als die im eigenen Interesse gerechte Forderung:
nicht nach den Kapazitätsanteilen, sondern nach den
Produktionskosten mußte die Zuteilung durch die EG erfolgen! Das
würde den geschaffenen Vorteil gleich erheblich ausbauen!
So ungerecht geht's also zu in der Welt des Stahls!
Wer ist denn nun in Not?
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1. Klöckner? Sicher nicht, und das konnte man übrigens auch im
Fernsehen mitbekommen. Einmal abgesehen von der Brüsseler Rege-
lung, wonach die Quotierung jetzt nur 40% der deutschen Stahlpro-
duktion 'betrifft, und auch reichlich Luft läßt für das segens-
reiche Wirken der Konkurrenz; abgesehen von den weiterbestehenden
Ausnahmeregelungen für Edelstahlprodukte; also einmal ganz abge-
sehen von den vermeintlichen Sündenböcken in Europa, gab der Bre-
mer Landesvater kurz nach seinem Gepolter gegen die Nachbarn auch
noch diese Erklärung ab:
"Unabhängig von den Dingen, die jetzt in Europa passieren, unab-
hängig von den Produktionsbeschränkungen... werden bei Klöckner
Entlassungen stattfinden, weil eine neue Stranggußanlage Ar-
beitsplätze überflüssig machen wird."
Er kennt sich aus in der Welt der Ökonomie und weiß, daß der
Fortschritt seinen Preis hat (eine Stranggußanlage ist so ein
Ding, von dem der Fernsehmensch schwärmte, wie wahnsinnig fort-
schrittlich es sei). Worin besteht also die "Unabhängigkeit"?
Darin, daß Klöckner auf der Basis der angeblich so verkorksten
europäischen Stahlsituation seinen Reibach macht, wobei für die
Hüttenarbeiter nur eine Sorte Überfluß rauskommt, der an wegra-
tionalisierten Arbeitsplätzen. 2. Koschnick und seine Mannschaft?
Nein. Sie haben ihre Pflicht getan für Klöckner, nicht nur letzte
Woche im Fernsehen. Geschickt haben sie das Eurofer-Getue als eu-
ropäische Stahlkrise ausgepinselt, in der verlotterte ausländi-
sche Stahlmacher ihre Versäumnisse in Sachen "Modernisierung" un-
seren schönen Stahlproduzenten auf die Schultern laden wollen.
Zwar sind im Kartell nur die Karten neu gemischt worden und die
besten bekam, wer vorher die besten hatte. Aber der gegenteilige
Eindruck tut seinen Dienst: er macht die unaufhörlichen
"Fortschritte" bei Klöckner zu einem "Sachzwang" und fördert bei
denen, auf die es ankommt, auch die Bereitschaft, den "Preis" da-
für willig zu zahlen. Schuld sind ja die Tommis und andere Pol-
lacken.
Schlußtenor der Fernsehsendung: Regierung und Werksvorstand haben
ihr möglichstes getan. Das war der einzig wahre Satz in dem gan-
zen Schauspiel.
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