Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK STAHLINDUSTRIE - Der Fall Rheinhausen usw.


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       Neue Massenentlassungen in der Stahlindustrie:
       

HATTINGEN KOCHT - POLITIKER UND GEWERKSCHAFTER IHR SÜPPCHEN DARAUF

Erstaunliches wird aus dem Ruhrgebiet vermeldet. Dort ist eine breite Einheitsfront von der DKP bis zur CDU, von den Metzgern bis zu den Hüttenmalochern, von der "Bild"-Zeitung bis zu den Ge- werkschaften - also eigentlich von allen - entstanden. Ein einzi- ger Bösewicht hat es geschafft - insbesondere in Hattingen -, alle Interessenunterschiede und -gegensätze verschwinden zu las- sen: der Thyssen-Konzern. Der will ein paar Tausend Stahlarbeitsplätze "abbauen" und kriegt nun den Vorwurf zu hören, er betreibe eine unverantwortliche "Kahlschlagpolitik". Die einmütige Gegnerschaft versteigt sich freilich nicht zu so abwegigen Aktivitäten wie S t r e i k e n bzw. dazu, Stahlarbeiter in anderen Werken zum Streiken aufzuhet- zen; da sind sich alle einig, daß das gerade jetzt "nichts bringt". Statt dessen finden erschütternde Demonstrationen statt: "Mahnwachen" postieren sich mit schwarzen Fahnen vor Thyssen, 300 Frauen und Kinder gehen auf die Straße, im Auto-Korso wird Benzin verfahren und am 18. März soll sogar ganz Hattingen "drei Stünden stillstehen" - mit Glockengeläut! So läuft also die ganze aufgepeitschte Gegnerschaft auf einen zu- tiefst demütigen Appell an die Konzernleitung hinaus: "Könnt ihr uns denn die Arbeitsplätze nicht lassen, wenigstens ein paar?" Je braver das Ansinnen, umso moralischer der moralische Druck. Der setzt den Managern schwer zu... Die sind sich jedoch keiner Schuld bewußt. Natürlich können sie sich schlecht damit rechtfertigen, daß sie in den letzten Jahren schon das zigfache der jetzigen Betroffenen aus den Stahlhütten hinausgeschmissen haben. Das wäre jetzt unpassend, obwohl es eine passende Antwort auf die öffentliche Jammerei schon wäre. Statt dessen beteuern sie, das Menschenmögliche zu unternehmen, aber ansonsten bliebe ihnen doch gar nichts anderes übrig. Und über- haupt müsse man sich an Bonn, ja Brüssel wenden. In gewisser Hin- sicht haben sie damit sogar recht. Der Stahlpreis - ein politischer Preis -------------------------------------- Der Stahlpreis ist ein politischer Preis insofern, als sich der Staat seit jeher in die Stahlproduktion eingeschaltet hat. Dieser G r u n d s t o f f jeglicher nationalen Produktion liegt ihm sehr am Herzen, und er mag sich nicht vorstellen, von ausländi- schen Lieferungen abhängig zu sein. Deswegen ist es für einen an- spruchsvollen kapitalistischen Staat selbstverständlich, seinen Stahlkapitalisten ein paar Vorzugsbedingungen zukommen zu lassen. Da ihr Kapital in sehr großen Anlagen lange Zeit gebunden ist, zeichnet es sich durch besondere Krisenanfälligkeit aus. Der Staat legt aber Wert darauf, daß Krisen seine Stahlproduktion nicht soweit schädigen, daß womöglich ein Teil der Produktionska- pazität unwiderruflich flachfällt. Darum gewährt der Staat der Stahlindustrie Unterstützung in Form von S u b v e n t i o n e n wie auch S c h u t z g e g e n a u s l ä n d i s c h e K o n k u r r e n z. Da alle Staaten, die es sich irgendwie leisten können, auf den Aufbau und Erhalt einer Stahlindustrie achten, ist es nicht wei- ter verwunderlich, daß auf dem Weltmarkt ein dauerhaftes Überan- gebot existiert, das in Krisen besonders deutlich zutage tritt. Die EG hat sich die Befassung mit diesem Ü b e r a n g e b o t und den Schutz der Stahlindustrie zu einem g e m e i n s a m e n Anliegen gemacht. Als Wirtschaftsblock will sie dafür sorgen, daß durch alle Konjunkturen hindurch in ihrem Wirtschaftsraum eine schlagkräftige, d.h. weltmarktfähige Industrie besteht. Sie will i h r Überangebot in die Nicht-EG-Länder loswerden, und zugleich möglichst wenig wenig von dort hereinlassen. Damit haben sich die EG-Staaten zugleich untereinander den Zwang eröffnet, ihre natio- nalen Industrien miteinander zu v e r g l e i c h e n. Die Folge ist eine g e m e i n s c h a f t l i c h geregelte Pro- duktivitätssteigerung, begleitet von einer kontrollierten Besei- tigung von "Kapazitäten", die für überflüssig erachtet werden. Die Behörde dafür sitzt in Brüssel, und die einzelnen Regierungen streiten sich darüber, welche Anweisungen dieser Behörde zu geben sind. Die Schädigungen bzw. Vorzugsbedingungen, die auf die na- tionalen Industrien zukommen, sind Ergebnisse eines hochoffiziel- len S c h a c h e r n s, das sich dann zum Beispiel in der Ver- einbarung von "Produktionsquoten" niederschlägt. Der Beruf des Stahlkapitalisten erhält dadurch ein paar neue Aspekte: Er muß sich Brüsseler Kommissare und heimische Regie- rungsvertreter gewogen machen, bei den Produktionsquoten ein biß- chen mogeln, oder aber eine Kalkulation anstellen, ob er nicht seine Quote (teilweise) an einen Konkurrenten verkauft, statt sie selbst "auszuschöpfen". Ansonsten unterscheidet sich seine Tätig- keit aber nicht von der anderer Kapitalisten: Er steigert seinen Gewinn durch Kostensenkung und Produktivitätssteigerung, mit der üblichen "Begleiterscheinung", daß aus immer weniger Arbeitern immer mehr herausgeholt wird. Die Fortschritte, die er gegenüber den Konkurrenten erzielt, sind jedoch keine Garantie dafür, daß er sie aus dem Markt schlägt und die Nachfrage an sich zieht. Da stehen ja die Nationalstaaten bzw. ihre gemeinsame Oberaufsicht in Brüssel dazwischen: Da keinem Mitgliedsstaat die Stahlindu- strie kaputtgemacht werden soll, andererseits die EG als ganzes eine möglichst hochgerüstete Stahlindustrie haben will, sind die Produktivitäts- und Rationalisierungserfolge eines Stahlkapitali- sten zwar ein wichtiges Argument für die Begutachtung durch die Behörde, aber eben auch nur e i n Argument. "Keine Entlassungen!" - aber anderswo ------------------------------------- Die von Politikern und Gewerkschaftern angeleitete Volksseele in Hattingen und Umgebung behauptet nun, es sei eine schreiende Un- gerechtigkeit, daß ausgerechnet brave Stahlkocher im Ruhrgebiet auf die Straße fliegen. Diese Behauptung lebt von einem Ver- gleich: "E i g e n t l i c h" müßten im A u s l a n d die Ar- beiter entlassen werden, was aber die Regierungen dort verhin- dern, indem sie ihre maroden Stahlindustrien subventionieren. Die B o t s c h a f t der EG, die Stahlindustrie müsse durchrationa- lisiert werden und dies fordere gehörige Opfer, teilen diese Leute also unbesehen, bloß die Opfer sollen die anderen sein. Ab- gesehen davon, daß es nicht besonders lustig ist, anderen Unglück an den Hals zu wünschen - selbiges wahrscheinlich die britischen, französischen, italienischen usw. Stahlarbeiter, die auch zu Tau- senden gefeuert werden, ihren deutschen "Kollegen" -, begehen die aufgebrachten Bürger damit eine ziemliche Dummheit, die von sehr viel Vertrauensseligkeit in ihren Staat zeugt. Als gerechtes Re- sultat der Konkurrenz verlangen sie von "ihrem" Thyssen-Konzern, daß der "die Ausländer" niedermachen soll. Da und nur da fällt ihnen ein, daß doch schon Tausende für den Erfolg des Unterneh- mens über die Klinge gesprungen sind, man ihm Nachlässigkeit in Sachen Rationalisierung doch wirklich nicht vorwerfen könne. Als ob ausgerechnet hingenommene Entlassungen einen Anspruch auf einen Arbeitsplatz begründen würden. Wenn sie den eigenen Staat auffordern, gegen ausländische "Subventionitis" vorzugehen, dann sind sie an den Falschen geraten: Der ist nämlich allemal in vor- derster Front dabei, wenn es ums Produzieren von Arbeitslosenhee- ren hier und anderswo geht. Wer weiß, womöglich hat er die Ent- lassungen im Ruhrgebiet "zugestanden", um den anderen Staaten ein paar Zugeständnisse beim europäischen Raumfahrtprogramm abzupres- sen. Wie gesagt: Hier handelt es sich um einen Schacher, und bei dem rechnen die Staatsmänner die verschiedensten Abteilungen von Arbeitsvolk, Wirtschaft und politischen Machtmitteln zum eigenen Vorteil gegeneinander auf. Der Lohn der Empörung --------------------- Ausgerechnet an diese Herren wenden sich nun die Betroffenen, be- trachten sie geradezu als Entlassungsverhinderungsmittel. Ob die Hüttenarbeiter und Pommes-Verkäufer eigentlich mal darüber nach- gedacht haben, w e m sie damit auf den Leim gehen? Da sitzen ihnen Rau (SPD) und Pützhofen (CDU) gegenüber, umrahmt von diversen Gewerkschaftsvertretern: Denen fällt doch tatsächlich als erstes ein, wie blöd auf den örtlichen Kapitalisten zu schimpfen - den sie doch sonst nicht fest genug ans Herz drücken können; dann müssen sie aber auch ernsthaft vor "Übertreibungen" warnen und darauf hinweisen, daß der arme Unternehmer auch nicht aus seiner Haut heraus kann und letztlich nur Opfer von "Sachzwängen" sei; schließlich fällt allen ein, daß man sich an die oberste politische Instanz wenden müsse - "Wann endlich setzt sich Bonn für eine vernünftige EG-Regelung ein?" Aber genau dieselben Herren überschlagen sich doch sonst vor Be- geisterung über die EG, wissen, wie prima sich die BRD in der EG herausgemacht hat und sie für sich zu benutzen weiß, und sie wis- sen auch genau, wie das Stahlgeschäft EG-mäßig verhandelt und verwaltet wird - bloß jetzt tun sie so, als müßten sie sich ganz furchtbar um die Betroffenen kümmern und hätten dafür auch den genau richtigen Schuldigen anzubieten. Kurzum: Sie s c h a f f e n eine ihnen genehme Empörung und n u t z e n sie systematisch für sich aus. Jeder von denen weiß natürlich, daß die Stillegungen nicht zurückgenommen werden. Aber solange der von ihnen geschürte "Kampf" noch tobt, können sich die L a n d e s politiker mächtig gegen die hartherzigen Oberen in Bonn profilieren - Wahlen gibt es immer wieder. Die Pfaffen haben mal wieder einen Extra-Anlaß, die Schäfchen in die Kirche zu loc- ken. Und ganz besonders die Gewerkschaft kommt groß raus, denn darin ist sie unschlagbar: sich als Anwalt der O p f e r aufzu- führen, der immer hinterher schreit, daß die Opfer hätten vermie- den werden können, wenn die hohen Herren in der Politik und in den Chefetagen der Konzerne bloß vorher auf ihn gehört hätten. Wenn auch ein paar tausend Stahlarbeiter in Zukunft keinen Lohn mehr kriegen, so sind sie doch mit viel handfestem Trost belie- fert worden. SPD, CDU, die Gewerkschaften und überhaupt die ganze Nation bestätigen ihnen, daß sie genau richtig liegen: Gute d e u t s c h e Arbeiter haben "das" nicht verdient, da muß al- lemal das A u s l a n d schuld sein. So schürt das ganze Thea- ter in Hattingen und drumrum den N a t i o n a l i s m u s: Die Sorgen der Hattinger sollen ausgerechnet daher rühren, daß Deutschlands Politiker zu wenig dafür getan hätten, die deutschen Interessen in der EG und anderswo gebührend durchzusetzen. So un- terschreiben die Geschädigten genau das, was die Politik schon längst betreibt. zurück