Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK STAHLINDUSTRIE - Der Fall Rheinhausen usw.
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WIE MENSCHEN ÜBERFLÜSSIG GEMACHT WERDEN
Wenn Unternehmen keine Gewinne mehr oder sogar Verluste machen,
dann kann man an den Ursachen noch so viel herumdeuten: Die Ursa-
che wird von den Profis in Sachen Profit p r a k t i s c h
dingfest gemacht. Sie heißt allemal: D i e A r b e i t w a r
z u t e u e r u n d d i e L e i s t u n g z u g e r i n g.
Nach diesem Grundsatz wird g e h a n d e l t; und die öffent-
lich gepflegte I d e o l o g i e hat sich den Fortschritten
dieser Praxis längst angepaßt. Wenn die Betriebe ihre steigenden
Umsätze mit immer weniger Leuten bewerkstelligen, dann ist es na-
türlich immer nur um deren Wohlergehen gegangen, nämlich um die
Rettung ihrer Arbeitsplätze. Für die Ewigkeit sind die natürlich
nicht sicher: Jeder kann jederzeit geopfert werden - für die
"Sicherung" der übrigen... Steigen dann die Gewinne so, daß sogar
die für die Steuerprüfung angefertigten Bilanzen um "schwarze
Zahlen" nicht herumkommen, dann hört diese Sorte "Arbeitsplatz-
sicherung" keineswegs auf. Vielleicht hat die Unternehmensleitung
ja nur noch nicht gemerkt, daß die Arbeit eigentlich schon zu
teuer und die Arbeitsleistung zu gering ist? Auf alle Fälle
verlangt d e r E r f o l g zu seiner Sicherung gebieterisch
stets haargenau dasselbe wie die 'Bewältigung der Sünden der
Vergangenheit': mehr Arbeit für weniger Geld, also weniger
Arbeiter, die für geringeren Lohn mehr leisten.
Es hat also durchaus seine kapitalistische Ordnung, daß die
"Krisenbranche" Stahl und die "Erfolgsbranche" Auto zur Zeit
gleichermaßen zur steigenden Arbeitslosenzahl beitragen. Der Un-
terschied zwischen Boom und Konkurs macht für die Lebenslage der
Arbeiter eben keinen Unterschied aus.
Der Fall Stahlindustrie
"Rettung von Arbeitsplätzen" bei Arbed-Saarstahl
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Mit einem einige hundert Millionen schweren Zuschuß sorgte die
Bundesregierung dafür, daß die Sanierung des Stahlkonzerns Arbed
im Saarland weitergeht - bis endgültig nichts mehr geht oder aber
die Firmengewinne wieder reichen. Die Millionen werden nicht um-
sonst gegeben. Zu zahlen haben dafür - die Arbeiter des Unterneh-
mens.
Die Interessen der Belegschaft
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wurden folgendermaßen befriedigt:
- Von den 17.000 Beschäftigten scheiden 5.260 bis 1986 aus, davon
1.000 noch in diesem Jahr.
- Die für Massenentlassungen vorgeschriebenen Ausgleichszahlungen
werden so gesenkt, daß das Arbeitslosengeld nicht mehr auf 90%,
sondern auf durchschnittlich 82% vom Nettolohn aufgestockt wird.
Offenbar ist man der Meinung, daß es bei "Bezügen " unter 1.100.-
DM auf einen Hunderter weniger auch nicht mehr ankommt.
- Dieselbe menschenfreundliche Regelung gilt für die Abfindungen
aus früheren Sozialplänen. Rechtsansprüche auf Almosen sind eben
eine höchst unsichere Sache.
- Die Weiterbeschäftigten dürfen sich auf rasante Lohnkürzungen
gefaßt machen: Das Unternehmen scheidet aus dem Tarifverband der
Stahlindustrie aus und hat Haustarife zu vereinbaren, die die Ar-
beit deutlich billiger machen. Noch deutlicher jedenfalls, als
das die "Reallohnrettungs"-Tarifrunden der IG Metall in den letz-
ten Jahren schon beschafft haben.
- Dafür, daß 10.000 Leute für den Rest des Jahrhunderts bei Arbed
ein Geld verdienen, gibt es keine Garantie. Das muß sich im Kon-
kurrenzkampf mit den anderen Stahlunternehmen erst herausstellen
- und die warten natürlich nicht ab, bis Arbed sie mit seinen
Billiglöhnen ausbootet.
Alles in allem eine würdige und gelungene Fortsetzung der
"Arbeitsplatzsicherungs"-Kampagnen, die bei Arbed Saarstahl schon
eine langjährige Tradition haben. Erst vor einem Jahr wurde die
Sanierung des Unternehmens versprochen, wenn die Arbeiter die
Hälfte ihres Weihnachtsgelds für '82 und '83 dem Unternehmen
stunden würden. Diese Lohnsenkung ohne Gegenleistung hat so gut
geklappt, daß man sie dieses Jahr gleich in großem Stil wieder-
holt hat - siehe oben. Das erpresserische "Argument" ist das
gleiche wie voriges Jahr: Sonst wird die Firma gleich ganz ge-
schlossen, und a l l e kriegen nur ihren normalen Arbeitslosen-
Satz. Man sieht: Wer sich einmal auf dieses "Argument" einläßt,
dem wird damit nur eine Erpressung nach der anderen aufgemacht -
und jede neue ist unverschämter als alle bisherigen.
Das Staatsinteresse
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Die Regierung gewährt ihren Zuschuß nur unter der Bedingung, daß
mit der Belegschaft hinreichend brutal verfahren wird. Dem Ge-
meinwohl dient sie damit gleich mehrfach:
- Erstens stellt sie klar, daß der Lebensunterhalt von ein paar
tausend saarländischen Stahlkochern dem Staat keine dauernden Zu-
schüsse wert ist. Unternehmen sollen sich lohnen oder zumachen;
G e w i n n e m a c h e n ist demokratische Pflicht des Eigen-
tums und sonst nichts. Wenn Arbed das mit den einigen hundert
Millionen vom Bund und den beschlossenen Lohnsenkungen nicht
schafft, dann macht "der Steuerzahler" nicht mehr mit - jene be-
merkenswerte Figur, auf die eine Regierung sich immer dann be-
ruft, wenn sie a n i h r e n B ü r g e r n s p a r e n will.
- Zweitens geht es bei den Bedingungen, die die Regierung dik-
tiert - Lohn- und Sozialplansenkungen -, nicht bloß um die paar
Millionen, die das Unternehmen dadurch an Lohnkosten spart. Der
Regierung kommt es auf ein l e u c h t e n d e s B e i-
s p i e l an. Ein praktisches Beispiel dafür, daß Abfin-
dungsverträge durchaus unter dem Existenzminimum eines Mitteleu-
ropäers liegen dürfen und auch nachträglich gesenkt werden kön-
nen. Ein praktisches Vorbild dafür, daß der Lohn nicht mehr bloß
dadurch zu senken ist, daß Zulagen wegfallen und bei steigenden
Preisen die Anzahl der D-Märker gleich bleibt: die Lohnziffer
selbst darf kein Tabu mehr sein.
- Und für diesen edlen Zweck, die Verarmung zu beschleunigen, ist
die Anordnung eines Haustarifs bei Arbed nicht bloß ein vorbild-
liches Beispiel. Der Einheitstarif in der deutschen Stahlindu-
strie - bisher immer ein Billigangebot, mit dem die einzelnen
Stahlunternehmer nach ihrem Gutdünken verfahren sind -- wird
praktisch nach unten durchbrochen, was für alle Konkurrenten
einen "Sachzwang" eröffnet, ebenfalls nach unten zu gehen: Das
"Argument", sonst wäre die Schließung fällig, steht schließlich
auch ihnen zu Gebote!
- Wenn sich so zeigt, daß die hochwissenschaftliche Tarifpolitik
der IG Metall für die Existenzsicherung der Arbeiter überhaupt
nichts bringt, und die heiligste Kuh des DGB, die
"Tarifautonomie", öffentlich hingeschlachtet wird, so ist das der
Regierung erst recht ganz recht. Zwar hat sie im deutschen Ge-
werkschaftswesen ohnehin keinen Feind; die neue Regierung will
aber nicht einmal mehr den Schein dulden, als hätte sie in wirt-
schaftspolitischen Fragen auf etwas anderes Rücksicht zu nehmen
als auf die Erfordernisse eines gelungenen Geschäfts.
Das Interesse der Gewerkschaft
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an der Verwaltung der deutschen Arbeit und ihres sinkenden Prei-
ses verantwortlich mitzuwirken, muß also auch ganz schön zurück-
stecken. Entsprechend bitterlich beschwert sie sich über die
staatliche Erpressung - allerdings nicht die der A r b e i t e r
durch die "Alternative": 5.000 raus und Lohnsenkungen oder Total-
schließung. Diese Erpressung hat die Gewerkschaft mit ihrer Bet-
telei um den "Erhalt von Arbeitsplätzen" schon längst unter-
schrieben und mit durchgesetzt. Aber daß i h r e Leute ganz öf-
fentlich ultimativ aufgefordert wurden: Zustimmung bis 12 Uhr
mittags oder vorzeitiges Filmende - ohne Chance, "das Gesicht zu
wahren" -, d a s geht der IG Metall zu weit.
Der Fall Autoindustrie
Massenhaft Arbeitslose ohne Massenentlassungen
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Die Automobilindustrie meldet stolz ihren rasanten Aufschwung -
und gleichzeitig dessen K o s t e n: Die beiden Branchenführer
vermindern ihre Belegschaft. Der E r f o l g s k o n z e r n
O p e l will in den nächsten fünf Jahren 12.000 Arbeitsplätze
"einsparen", also ein Fünftel aller "Mitarbeiter". Der
N a t i o n a l k o n z e r n V W hat sich für seinen Arbeits-
platzabbau, der schon seit einem Jahr planmäßig läuft, ein Ziel
von 13.000 Mann Verringerung bis 1987 gesteckt - ungefähr jeder
achte "Mitarbeiter".
Beide Konzerne machen für ihre Maßnahmen keine "Notlage" des Be-
triebs geltend, sondern "argumentieren" mit der lieblichen Not-
wendigkeit, den Erfolg auch für die Zukunft zu sichern. Und sie
"versüßen" ihr menschenfreundliches Programm mit einem Verspre-
chen: Zu betriebsbedingten Entlassungen, gar zu meldepflichtigen
Massenentlassungen, wollen sie es nicht kommen lassen.
- Opel will jede Chance nutzen, seine Alten vorzeitig loszuwer-
den: Das kostet bloß eine Aufstockung des Arbeitslosengeldes um
ein paar Prozente, und auch das höchstens für zwei Jahre. Außer-
dem soll die "natürliche Fluktuation" konsequent ausgenutzt wer-
den. "Natürlicherweise" werden nämlich immerzu Leute rausge-
schmissen - aus "persönlichen Gründen" -, sterben weg oder halten
es nicht mehr aus. In solchen Fällen wird jedesmal gleich die
Stelle gestrichen. So erspart man sich ganz jeden Sozialplan und
jede Abfindung und kommt trotzdem auf einige tausend eingesparte
Lohnarbeiterposten im Jahr.
Die IG Metall findet diese Praxis übrigens sehr gemein und ver-
weist auf das leuchtende Vorbild von VW, wo es ihres Erachtens
viel menschlicher zugeht. Dort hat die Gewerkschaft im Aufsichts-
rat nämlich mehr Einfluß, und deswegen läuft es dort so:
- VW nutzt jede Chance, seine Alten vorfristig in den Ruhestand
zu schicken, sowie die "natürliche Fluktuation" zur Verminderung
der Belegschaft. Im Jahr kommt das Unternehmen so auf über 6.000
Abgänge, und das ohne eine Schwemme von Kündigungsschreiben und
Abfindungen. Das sind sogar mehr, als das Unternehmen zur zeit
überhaupt loswerden will. Also gibt es großherzig die - jederzeit
widerrufliche - "Garantie", die eigenen Lehrlinge nach Ende ihrer
Ausbildungszeit auch als Arbeiter einzusetzen. Diese menschen-
freundliche Großtat ist es, was die Gewerkschaft ihrem Volks-Kon-
zern so zugute hält!
Vorgesorgt haben beide Unternehmen dafür, daß die A r b e i t
der wegfallenden Kräfte auch nicht eine Woche liegenbliebt. Es
muß ja nicht immer eine neue Maschine sein, die genau so viel Ar-
beit spart, wie Leute auf "natürlichem" Wege gegangen werden. Ein
bißchen mehr "Flexibilität" auf Seiten der Weiterbeschäftigten
tut es auch. Mit anpassungsfähigen Pausenregelungen, Überstunden
und Sonderschichten wird jeder "Engpaß" vermieden. VW ist auch
hier schon einen zukunftsweisenden Schritt weiter: Übers ganze
Jahr hinweg sollen die "Mitarbeiter" frei einsetzbar sein, je
nach den aktuellen Betriebsbedürfnissen. Mit einem Kontrakt über
eine J a h r e s arbeitszeit wird der Mensch zum konjunkturge-
recht verfügbaren T a g e löhner seines Betriebs - das Unterneh-
men spart sich dadurch die Lohnzuschläge für Überstunden und Son-
derschichten sowie die ständigen Verhandlungen mit seinem Be-
triebsrat. Ein "Modell", das "in die Landschaft paßt"!
So wird ganz ohne Skandal und großes Theater für eine Sicherheit
gesorgt: Die Arbeitslosenzahlen steigen weiter. So wird sie näm-
lich gemacht, die viel bejammerte Arbeitslosigkeit der Jugendli-
chen, der "Schwervermittelbaren" usw.: Sie kommen gar nicht erst
rein ins Arbeitsleben.
*
Ideologisch ausgeschmückt und der Menschheit in Beschwerdeform
nahegebracht werden die Sparpläne und -praktiken der Erfolgsbran-
chenführer von den zuständigen hauptberuflichen Arbeitnehmerver-
tretern mit den üblichen dummen Sprüchen. Da soll in dem einen
Betrieb, es geht um das VW-Werk in Hannover, "die 16.000-Arbeit-
nehmer-Grenze nicht unterschritten werden" - sonst wird's wohl zu
einsam in der Werkshalle? Der Opel-Aufsichtsrat soll bitteschön
"nicht wieder das häßliche Gesicht des Multis" zeigen - Gewerk-
schafter stehen eben auf treudeutschen Blau-Augen! Daß der Unter-
nehmensvorstand als Grund für den Arbeitsplatzabbau
"ausschließlich und konkret nur die Erhöhung der Gewinne" genannt
hat, gefällt den wackeren Betriebsräten von Opel gar nicht - of-
fenbar möchten sie diese banale Wahrheit wenigstens ein bißchen
heuchlerisch umschrieben haben: Profit heißt auf Gewerkschafts-
Neuhochdeutsch "Sicherung der Arbeitsplätze", das wird man sich
doch auch bei General Motors wohl noch merken können! Besonders
stolz sind die Opel-Betriebsräte aber auf ihre List, dem Auf-
sichtsrat, der immer mit der japanischen Konkurrenz dahergekommen
ist, einen Rationalisierungsschutzplan vorgelegt zu haben, der
genau dem Modell des japanischen Automobilherstellers Nissan ent-
spricht - die Blödmänner von der Unternehmensleitung haben das
noch nicht einmal bemerkt und einfach abgelehnt.
Pardon: Wer ist da der Blödmann?
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