Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK STAHLINDUSTRIE - Der Fall Rheinhausen usw.


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       Der Fall Arbed
       

DAS NEUE PRINZIP: NATIONALE SOLIDARITÄT UM JEDEN PREIS

Die IG Metall hat als "Sanierungsbeitrag" der Arbeitnehmer einen neuen Betriebstarifvertrag mit der ARBED geschlossen, der dem Un- ternehmen für 1983 und 1984 das halbe 13. Monatsgehalt als zins- losen Kredit zur Verfügung stellt und eine spätere Rückzahlung davon abhängig macht, daß das Unternehmen keine neuen "Beihilfen" in Anspruch nehmen "muß". Zustandegekommen ist diese Abmachung, nachdem die Bundesregierung einige hundert Millionen "Sanierungs- beihilfen" davon abhängig gemacht hat, daß die Gewerkschaft 60 Millionen vom Tariflohn an das Unternehmen abtritt. Jetzt ist der "drohende Konkurs" abgewendet und die anteilnehmende Nation atmet auf. Warum eigentlich? Worum es nicht ging, -------------------- das war die Sicherung von 20.000 Arbeitsplätzen, samt der Ar- beitsplätze in den von ARBED abhängigen Betrieben. Schließlich hat das Werk 2,2 Milliarden Zuschüsse in den letzten Jahren dazu benutzt, ein Drittel der Belegschaft wegzurationalisieren. Die anstehende Sanierung wird nach einhelliger Auskunft mindestens nochmals 3.500 Arbeitsplätze kosten. Das Los der Beschäftigten wurde sowieso nur unter dem Stichwort "Rettung des Saarlandes" verhandelt. In einem Sinne ging es allerdings schon um Ar- beitsplätze - umgekehrt nämlich: Es wurde mit dem Verlust von ei- nigen zusätzlichen tausenden gedroht, falls nicht die "Saarstahl- Belegschaft zu Opfern für Arbeitsplätze bereit" sei. Auch darum ging es nicht, daß zum ersten und einzigen Mal die Be- legschaft "zugunsten der Firma auf Weihnachtsgeld verzichtet". Der "Notlage" ihrer Unternehmen, die mit ihren Rationalisierungen regelmäßig einem Gutteil der Belegschaft das Einkommen nehmen und den anderen intensivere Arbeit bescheren, tragen die Beschäftig- ten nämlich längst durch einen freizügigen Umgang mit ihrem Lohn Rechnung - zugunsten der Unternehmen. Bei ARBED sind inzwischen 70 Millionen aus einem "Arbeiterversicherungsfonds" und einige weitere Millionen durch den Verzicht auf einen "Härteausgleich" bei Kurzarbeit in die Sanierungsmasse eingeflossen - sang- und klanglos, ohne Druck der Regierung und ohne Beschwerde der Ge- werkschaft. Ganz abgesehen von der Kürzung "übertariflicher und freiwilliger Zulagen", die zwar für die Aufbesserung des knapp bemessenen Lohnes notwendig sind, auf die aber nach Unternehmer-, Staats- und Gewerkschaftsauffassung kein Anspruch besteht. Der Lohn wird eben nicht als Lebensmittel der Arbeiter angesehen und behandelt, sondern als Kosten f a k t o r und damit als Ko- stensenkungsmittel des Kapitals. Und davor schützen schon längst nicht einmal mehr tarifvertragliche Abmachungen. Zeitweilige und dauerhafte Senkung des Lohns unter das gewohnheitsmäßige, ja selbst unter das tarifvertraglich zugesicherte Niveau, das ist längst alltägliches "Sanierungskonzept". Sanierung heißt umge- kehrt überhaupt nicht, daß mit den zu Kapital gemachten Lohntei- len Arbeitsplätze garantiert werden. Im Gegenteil. Je mehr Ent- lassungen, um so sicherer gilt das als Beweis für eine unabweis- bare Klemme des Unternehmens, die Lohnopfer verlangt, und je här- ter die Opfer an Lohn, um so selbstverständlicher werden die nächsten Entlassungen. Gesundschrumpfung heißt das dann! Es ging also auch nicht darum, mit den 60 Millionen Weihnachtsgeld die gerade noch fehlenden Mittel für ARBED locker zu machen. Für seine ursprünglich vorge- sehenen Bezieher bedeutet dieses Geld viel; der unsichere "Erhalt" ihres Arbeitsplatzes kostet sie inzwischen schon ca. 500 DM Lohnabzug pro Monat und demnächst mehr. Für das Unternehmen und erst recht für die Regierung sind das allerdings lächerliche Summen. Der vielzitierte "Steuerzahler", der -zig Milliarden Rü- stungskosten, -zig Milliarden Subventionen für die Unternehmen, -zig Steuererhöhungen und Leistungskürzungen am eigenen Geldbeu- tel in seinem Namen über sich ergehen läßt, diese wohlfeile Beru- fungsinstanz der politischen Steuereintreiber und -ausgeber hätte sicher ein paar Millionen mehr verkraftet, wenn die CDU-Regierung gewollt hätte; er bekommt ja auch nichts wieder, wenn die Beleg- schaft durch ihre Betriebsabgabe jetzt angeblich Steuern spart. Das Unternehmen hätte sich im Januar bei der Aushandlung neuer Tarife mit der Gewerkschaft sicher auch weniger spektakulär über Tarifkürzungen einigen können. Die für ARBED so lukrative Sanie- rung wäre also auch ohne großes Aufhebens zu haben gewesen, in längst gewohnter brutaler Manier, mit Staatszuschüssen, Lohnkür- zungen und ein paar Gewerkschaftsbeschwerden über Mißmanagement und verfehlte Beschäftigungspolitik der Regierung - wenn, ja wenn sich die neue Regierung nicht gerade darauf hätte verlassen kön- nen und deswegen mehr im Sinn hatte. Worum es ging ------------- bei dem regierungsamtlich inszenierten Machtkampf, das war die Durchsetzung eines neuen Stils im Klassenkampf von oben ----------------------------------------------------------- Das ist alles andere als eine bloße Frage des sozialfriedlichen Klimas, des guten Einvernehmens zwischen Gewerkschaften und Re- gierung. Die alte Regierung hat die Gewerkschaft als nützliche gesellschaftliche Einrichtung anerkannt, weil und solange der DGB anstandslos und mit einigen kritischen Zutaten Entlassungen, Lohnkürzugen, Intensivierung der Arbeit usw., kurz alles "mitbestimmt", also zugelassen hat, was deutsche Wertarbeit welt- weit so gefragt und lukrativ, das Leben des deutschen Arbeiters aber alles andere als gemütlich macht. Die neue Mannschaft geht hier einen Schritt weiter. Das, was die Gewerkschaft längst nicht mehr zu ihren Aufgaben zählt: mit der Macht ihrer Mitglieder Zu- geständnisse zu erpressen, das hat die Kohl-Regierung umgekehrt gemacht: Sie hat das gute Einvernehmen aufgekündigt, mit dem die SPD-Regierung so erfolgreich und einseitig den sozialen Frieden samt seinem unfriedlichen Inhalt gesichert hat und das die Ge- werkschaft so selbstzufrieden als größten Erfolg der deutschen Arbeitervertretung verbucht hat. Tarifautonomie, Mitbestimmung und Beteiligung bis in die obersten Etagen der Unternehmen und der Politik, diese "Verankerung" der Gewerkschaft n i c h t i n i h r e r B a s i s, s o n d e r n i m S t a a t, hat die CDU-Regierung aufgekündigt. Der Gewerkschaft wurde eine Erpres- sung aufgemacht, die sie in ihrer angestrebten und bislang zuge- standenen Rolle als Staatseinrichtung auf jeden Fall schlecht da- stehen läßt. Entweder sie unterwirft sich dem "Tarifdiktat" der Regierung und blamiert sich vor ihrem eigenen Maßstab, ein frei- williger nationalbewußter Opferverein zu sein, oder sie wider- setzt sich und macht sich bei Öffentlichkeit, Politik - und sogar bei ihren eigenen, von ihr selbst auf die schweren Zeiten einge- stimmten Mitgliedern zum Schuldigen an zigtausend Entlassungen. Die neue Mannschaft, hat mit ihrem politischen Christeninstinkt gleich herausgefunden, daß die Gewerkschaft längst für politi- schen Gehorsam, Wirtschaftskraft und dafür staatsbürgerliche Tu- genden propagiert. Sie nützt das aus - gegen eine Arbeitervertre- tung, die solche Tugenden als ihren ureigensten und anerkennungs- würdigen Beitrag zum Gedeihen der Nation auszugeben gewohnt war. Statt S e l b s t d a r s t e l l u n g der gewerkschaftlichen Macht als "Säule der Demokratie" - verlangt die christliche Füh- rungsmannschaft Unterordnung. Statt Scheingefechten um Tarifautonomie und Gewerkschafts- r e c h t e, deren Wahrnehmung längst zur Selbstverpflichtung der Gewerkschaft auf den Wirtschaftsfortschritt des Modells Deutschland geworden war, verlangt sie das umstandslose Bekennt- nis der Gewerkschaft zur P f l i c h t, nichts als ein untergeordneter Diener an der deutschen Volkseinheit zu sein. Un- verfroren treten Blüm und Co. als die wahren Arbeitervertreter auf und setzen sich damit durch gegen eine Arbeitervertretung, die sich allzugerne als die besseren Politiker aufgespielt hat. Dieser Streit um die politische Geltung der deutschen Gewerk- schaft setzt zugleich ein neues Prinzip für die Arbeiter ---------------------------------- durch. Bisher schon wurden mit Tarifverträgen weniger die Lohnan- sprüche der Belegschaften abgesichert, geschweige denn ein an- ständiger Lohn, sondern den Unternehmern wurde damit eine Kalku- lationsgrundlage für ihre besondere Geschäftemacherei verschafft; auf dieser Grundlage konnten sie recht bequem mit "freiwilligen" "Leistungen" an ihre Belegschaft ihren Erfolg vorantreiben. Jetzt gilt jede tarifvertragliche Abmachung schon als ein unerträgli- ches Hemmnis betrieblichen Freiheit. Jede Abmachung mit der Ge- werkschaft, die bisher als allgemeinverbindlich akzeptiert und so unternehmerisch genutzt worden ist, soll nach dem Willen der Re- gierung zu einer jederzeit aufkündbaren Angelegenheit gemacht werden. Nicht so, daß sie den Lohn politisch festlegt, sondern daß sie die Gewerkschaft dazu verpflichtet, den politischen An- sprüchen an den Lohn jederzeit tarifautonom nachzukommen. Neuver- handlungen von tariflichen Leistungen, falls ein Unternehmen von nationaler Bedeutung sie nicht mehr zahlen will; Abstriche von "Rechtsansprüchen" auf Weihnachtsgeld; Verschlechterung von Ak- kordrichtsätzen; Verzicht auf alle möglichen sonstigen "Zusatz- zahlungen"; Minusrunde, wenn die Regierung "Lohnpause" "ins Gespräch bringt"; all das soll vor und bei jeder gewerkschaft- lichen Betätigung geltende Selbstverständlichkeit sein. So soll eine bedingungslose Freiheit im Umgang mit Lohn und Leistung durchgesetzt werden, sogar noch gegen die Rechte, die dafür der Staat den Gewerkschaften zugestanden hat. Die Leistung der Gewerkschaft ----------------------------- ist es, der neuen Regierung in diesem maßlosen Anspruch Genüge zu tun und zugleich einen matten Kampf um die Verteidigung ihres Prinzips zu führen: Verpflichtung auf diesen Inhalt von Tarifau- tonomie - ja, aber doch ganz tarifautonom. In diesem Sinne hat die Gewerkschaft der Erpressung nachgegeben und nur noch den An- spruch gestellt, daß damit nicht vorneweg und für alle Fälle der Grundsatz gelten dürfe, daß diese Form der Aufhebung von Tarif- verträgen auch schon selbstverständlich sei. Ordentlich tarifver- traglich soll es immer noch ablaufen - also nicht ohne daß die Gewerkschaft ihren Beitrag genügend gewürdigt sehen kann. Deshalb hat sie auf korrekter Kündigung des alten Tarifvertrags durch die Unternehmer bestanden und fristgemäß bis zum Mittwoch vor der Ka- binettssitzung einen neuen mit ARBED ausgehandelt - entsprechend den Regierungsforderungen. Ihre Abdankung selbst vom Schein einer selbständigen Arbeitervertretung vollzieht sie so ganz selbstän- dig und rettet damit für sich, was ihrer Meinung nach zu retten geht: ihr Selbstbewußtsein, daß sie sich nie und nimmer der na- tionalen Verantwortung entzieht und daß es darauf auch sehr an- kommt. * Der Verlust an Ansehen für den DGB ist verschmerzbar, der Lohn- verlust der Arbeiter allerdings nicht. Wenn die Öffentlichkeit einhellig aufatmet, und die "Bild"-Zeitung jetzt an die "Verantwortlichen" appelliert, das Opfer auch zu würdigen, dann haben sie begriffen, daß hier mit Beteiligung der Gewerkschaft das Prinzip der bedingungslosen Solidarität mit der Nation ge- siegt hat: Alle Freiheiten für Staat und Kapital! "Darum dürfen die einsichtigen Stahlwerker und ihre einsichtige Gewerkschaft nicht im Regen stehenbleiben. Bonn und die Banken müssen finanziell weiterhelfen. Das Management sollte sich dop- pelt anstrengen, damit der Stahl-Konzern überlebt. Geht Arbed den Bach runter, wird das Opfer der Mitarbeiter sinn- los. Das darf nicht sein." Es ist immer etwas faul, wenn das arbeitende Volk gelobt wird. zurück