Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK STAHLINDUSTRIE - Der Fall Rheinhausen usw.
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Zum Kampf um die Maxhütte 1
Vergangene Woche wurde aus Unmut gegen die anstehende Teilschlie-
ßung der Maxhütte und die dazugehörigen Massenentlassungen ge-
streikt und demonstriert. Der Betriebsrat der Hütte weiß, wohin
er den Unmut wenden, worauf er die geringen Hoffnungen der Beleg-
schaft richten will. Ob die Kollegen gut daran tun, ihm dahin zu
folgen? Heiner Schäfer vom Walzwerk Haidhof will nämlich einen
KAMPF UM DIE ERHALTUNG DES STAHLSTANDORTS
und sieht die Verteilung von Freund und Feind ungefähr so:
"Sie hungern uns in Bayern aus, damit die Ruhr lebt!" (AZ)
Wer ist das, die Ruhr, die da vom Arbeitsplatzopfer der Oberpfäl-
zer l e b e n soll? BR Schäfer hat in Nordrhein-Westfalen die
Einheit von Ruhrbaronen, sozialdemokratischer Landesregierung und
den um ihren Lebensunterhalt fürchtenden Stahlarbeitern von
Rheinhausen entdeckt und als die Gefahr für die Oberpfälzer
Stahlkocher ausgemacht: S i e w o l l e n l e b e n u n d
d a s b e d r o h t u n s! IG-Metalller Schäfer würde natür-
lich niemals einfach wünschen, daß es sich umgekehrt verhalten
sollte, aber wenn der Lebenswille des Ruhrgebiets uns bedroht,
dann, will er dagegen halten: U n s e r e C h a n c e n
s t e i g e n, w e n n s i e R h e i n h a u s e n d i c h t
m a c h e n, denkt er laut, wenn er sich darüber beklagt, daß
die dort oben ihre Chancen umgekehrt wahren.
So einem Arbeitervertreter ist es schon klar, daß vom kapitali-
stischen Geschäft unmöglich alle Arbeiter leben können. Er findet
längst nichts mehr dabei, daß immer manche vor die Hunde gehen -
nur er und die Seinen sollten es lieber nicht sein. Heiliger
Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd' andre an!
So sagt er das nicht direkt; wir sehen schon die Empörung der ge-
werkschaftlichen Solidaritätsfreunde: "Wir wollen nicht, daß un-
sere Hütte auf Kosten anderer gerettet wird; wir müssen höllisch
aufpassen, daß wir von den Stahlbaronen nicht auseinanderdivi-
diert werden." - werden sie sagen - und im Dementi alles zugeben!
Warum müssen sie denn so h ö l l i s c h aufpassen? Weil sie
längst davon überzeugt sind, daß sie auseinanderdividiert
s i n d! Weil ihnen so wenig an der kapitalistischea Kalkulation
mit dem Lebensunterhalt von Arbeitern auffallen will, daß sie
ihre Hoffnung auf Beschäftigung, längst auf das V e r-
s c h w i n d e n e i n e s l ä s t i g e n K o n k u r r e n-
t e n v o m M a r k t richten.
Kampf um Standort heißt immer: Macht woanders dicht!
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Heiner Schäfer: "Die Ruhrbarone steigen in die Neue Maxhütte doch
bloß ein, um einen rentablen, gutfunktionierenden aber lästigen
Konkurrenten verschwinden zu lassen."
Da wird er wohl recht haben. So geht die Konkurrenz im staatlich
geregelten Stahlgeschäft mit seinen EG-Produktionsquoten. Wer da
Gewinne machen will, rationalisiert und läßt immer mehr Stahl von
immer weniger Lohnempfängern herstellen. Im Ruhrgebiet, bei Arbed
im Saarland und in der Oberpfalz geht das schon seit Jahrzehnten
so: Jede neue Walzstraße, jeder Elektroofen spart Lohnkosten, in-
dem weniger Bedienungsmannschaften gebraucht werden bei gleich-
zeitig höherer Ausbringung an Stahl. Eine Ausdehnung des Ge-
schäfts des einzelnen Stahlkonzerns, das die Rationalisierungen
erst lohnend macht, stößt an die Grenzen des insgesamt stagnie-
renden Stahlmarktes sowie an die von der EG erlaubte Produkti-
onsquote. Ausdehnen kann das Stahlkapital das Geschäft nur da-
durch, daß es andere Stahlerzeuger im Preiskampf ruiniert und ih-
nen dann ihre Quote abkauft. So und nur so lohnen sich Rationali-
sierungen, wie sie die Maxhütte Betriebsräte immer unterstützt
und manchmal als Rettungskonzept richtiggehend gefordert haben.
Deshalb gehört es zum ganz normalen kapitalistischen Geschäfts-
gang im Stahl, daß im Rhythmus der Produktivitätsfortschritte
immer wieder Leute auf die Straße geworfen und Standorte
stillgelegt werden. Wer die Rationalisierungen, diese eine Sorte
der Verbilligung und Einsparung von Arbeitern nicht merkwürdig
findet, braucht sich über Betriebsschließungen nicht zu wundern!
Nicht so Betriebsrat Schäfer: Er macht jede Rationalisierung ak-
tiv mit, fährt manchmal sogar nach München und kritisiert die
Staatsregierung, daß sie zuwenig in die Zukunft der Profite inve-
stiert und anderen Erzeugern Produktivitätsvorsprünge erlaubt.
Wenn das von ihm ganz normal befundene Überzähligmachen von Ar-
beitern aber dann dazu führt, daß sein Werk stillgelegt werden
soll, findet er das unfair. Hat er denn gedacht, daß es immer nur
die anderen treffen würde?
Nehmt uns, wir rentieren uns für Euch!
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Unfair findet Schäfer die Schließung von Haidhof nicht so einfach
wegen der Leute und des Elends, das ihnen droht. Unfair und unnö-
tig findet er, daß es einen r e n t a b l e n u n d g u t
f u n k t i o n i e r e n d e n Konkurrenten der Ruhrkapitale
treffen soll. Weil Haidhof sich doch rentiert, hat das Walzwerk
ein solches Schicksal nicht verdient.
Einerseits ist das ein bißchen arg gelogen. Immerhin ist die
Maxhütte ja bankrott und beim Kapitel heißt funktionieren nicht
daß man irgendwo Stahl kochen kann, sondern daß die Gewinnrech-
nung stimmt. Andererseits unterstreicht dieser Arbeitervertreter,
daß er auch nur wegen seiner kleinen Lüge ein Existenzrecht der
"Maxhütterer" entdecken kann. Wo aus Arbeitern kein Profit zu
schlagen ist, das leuchtet ihm ein, da haben sie jeden Anspruch
auf Lebensunterhalt verloren. Deshalb macht er sich an die Über-
zeugung der gehaßten Ruhrbaronie: Seht her, wir sind doch eine
Mannschaft, an der ihr reich werden könntet! Kauft uns. Nicht nur
die Quote, sondern die Produktion an den Standorten, es wird sich
für Euch lohnen. Besser vielleicht als... Aber halt! Wir dürfen
uns nicht auseinanderdividieren lassen.
Mehr Knete für die Ruhrbarone, Franz Joseph!
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Wenn sein Betriebsratskollege dann nach München pilgert, beklagt
er sich beim alten Arbeiterfreund Strauß, daß er sein Versprechen
nicht wahrgemacht hätte, die Stahlkonzerne noch besser zu schmie-
ren als der Sozialdemokrat Rau in Düsseldorf. Gewerkschafter, die
doch auch einmal gewußt haben, daß Steuergeschenke an die Kapita-
listen auch von wem bezahlt werden müssen, beklagen die mangelnde
bayrische Initiative im Subventionswettlauf mit Nordrhein-Westfa-
len. Da sind sich Betriebsräte sicher, daß man für die Arbeiter
nur etwas tun kann, wenn man den Kapitalisten die Profite - am
besten gleich von Staats wegen - sichert, also schenkt. Da sollte
das "reiche Bayern" so sehr machen, daß die Konzerne den Standort
Oberpfalz attraktiver finden als... na was wohl?
Wenn man schon nichts anderes im Kopf hat, als die Hoffnung auf
die Massenentlassungen anderswo, dann braucht man auch nicht im-
merzu zu sagen, daß "wir natürlich solidarisch mit den Kumpels im
Revier sind." Eine Lüge aus schlechtem Gewissen hilft aber auch
niemandem.
Die Kampflinie
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um den Standorterhalt ist klar: Der Betriebsrat der Maxhütte un-
terstützt seinen Wellensiek - der natürlich kein Stahlbaron ist -
und unterstützen ihren lieben Franz Joseph Strauß im Kampf gegen
Rau, Stahlbaron Krupp und die Kruppianer. Feine Fronten!
Die oder wir - für beide reicht der Markt nicht; So etwas findet
ein Betriebsrat normal! Normal findet er, daß Arbeiter nur leben
können, wenn Kapitalisten mit ihnen Profite machen können. Normal
findet er schließlich daß eine Arbeit, die nur den Arbeiter er-
nährt, im Kapitalismus gar nicht erst stattfindet. Unerhört fin-
det er nur, daß es ihn und die Seinen treffen soll.
Wäre es da nicht gescheiter, man würde das Kapital beseitigen und
nicht den Lebensunterhalt der Rheinhausener oder der Oberpfälzer?
Wenn Arbeiter ihren Lebensunterhalt sichern wollen, dann geht das
nicht ohne eine Außerkraftsetzung der Grundrechnungsart der
freien Marktwirtschaft: Daß Arbeit sich für den Geldgeber lohnen
muß, damit der Arbeiter überhaupt arbeiten darf. Es wäre geschei-
ter, zusammen mit den Rheinhausenern d i e s e n l o h n e n-
d e n K a m p f gegen das Kapital zu führen, als zusammen mit
Kapitalisten und Politikern gegen die anderen Standorte einen
hektischen Zirkus aufführen, in dem alle Arbeiter nur verlieren
können.
Das wäre schon richtig, ist aber leider nicht realistisch - hören
wir Euch schon sagen. Und Eure Tour? Auf den heiligen Sankt Flo-
rian hoffen, Franz Joseph Strauß anpumpen, hinterher den eigenen
Schaden zusammenzählen und es furchtbar ungerecht finden, daß die
Oberprälzer Sonderofper tragen müssen - ist das vielleicht reali-
stisch?
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