Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK STAHLINDUSTRIE - Der Fall Rheinhausen usw.


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7 LEHREN AUS ENTLASSUNGEN

Wenn Arbeiter entlassen werden, wenn gar ganze Betriebe geschlos- sen und Tausende mit Sozialplänen in die Arbeitslosenstatistik oder ins vorgezogene Rentnerdasein befördert werden, dann ist für die Betroffenen und für die fleißig anteilnehmende Öffentlichkeit - Gewerkschaft, Politiker, Unternehmer eingeschlossen - eines im- mer gleich klar: Da ist nichts zu machen; das ist hart, aber muß sein. Wir meinen: nein, wenn die vom Kapital B e s c h ä f t i g t e n aus Entlassungen die richtigen Lehren ziehen. LEHRE NR. 1: Was heißt schon "sicher" bei einem Arbeitsplatz! Es stimmt: Wegen n i c h t m e h r l o h n e n d e r Ge- schäfte werden Betriebe zugemacht. Was n i c h t stimmt: daß deswegen lohnende Geschäfte woanders Arbeitsplätze sichern wür- den. Einmal ganz abgesehen davon, daß ein Arbeitsplatz für denje- nigen, der ihn gerade ausfüllt, nie eine Garantie darstellt, daß e r ihn auch behält: Er ist durch andere Arbeiter jederzeit er- setzbar. Einmal ganz abgesehen davon, daß Geschäfte gerade mit Rationalisierungen l o h n e n d e r g e m a c h t werden - mit Maßnahmen also, die immer die Streichung von Arbeitsplätzen und deswegen mitten im schönsten Boom eines Betriebes auch Ent- lassungen einschließen. Nicht einmal das ist wahr, was den Arbei- tern immer erzählt wird: daß dadurch die v e r b l e i b e n- d e n A r b e i t s p l ä t z e sicherer würden! Erstens ist es sowieso schon eine Gemeinheit, denn bekanntlich wird die Familie des Gefeuerten nicht dadurch satt, daß andere Arbeiter nicht gefeuert worden sind. Und zweitens gehen die Kapitalisten in den Sprüchen, mit denen sie die Schließung eines Betriebs oder den Aufschwung eines anderen kommentieren, ihre Lüge selbst preis. Im ersteren Falle heißt es: D i e I n v e s t i t i o n e n v o n g e s t e r n s i n d d i e Ü b e r k a p a z i t ä t e n v o n h e u t e. Arbeitern wird der Lohn gestrichen, weil die einstmals rentablen Investitionen sich heute nicht mehr lohnen. Bei den Betrieben, bei denen "der Schornstein raucht", heißt es: D i e I n v e s t i t i o n e n v o n h e u t e s i n d d i e G e w i n n e v o n m o r g e n, u n d d i e G e w i n n e v o n m o r g e n s i c h e r n d i e A r b e i t s p l ä t z e. Ein und dieselben Investitionen sollen also einmal der Grund für gesicherte Arbeitsplätze und das andere Mal der Grund für die Massenentlassung sein. Was denn nun? Die Wahrheit sagen die Herren nie. Die heißt nämlich: Ob eine Investition von heute die K o n k u r s m a s s e oder die G e w i n n m a s c h in e r i e von morgen ist, das hängt eben ganz davon ab, wie die Mitkonkurrenten sich ihrerseits mit den- selben Maßnahmen durchsetzen. W e l c h e n B e t r i e b e s t r i f f t, steht heute eben noch n i c h t f e s t. D a ß jedoch alle zusammen kräftig die nächsten Überkapazitäten ins Werk setzen, das s t e h t jetzt bereits f e s t. Und darauf sollen Arbeiter bauen? LEHRE NR. 2: Arbeitsplätze sind d a s Erpressungsmittel der Betriebe - und der Wunsch nach einem "sicheren Arbeitsplatz" ist die Unterwer- fung unter diese Erpressung. Mit der Aussicht auf "sichere Arbeitsplätze" wird heute in allen Betrieben alles und jedes "begründet". Seien es Überstunden bei Engpässen oder Sonderschichten bei Umrüstungen, seien es Umset- zungen mit oder ohne Abgruppierungen, seien es Streichungen von Pausen oder Kürzungen von Sozialleistungen..., immer geschieht alles, was Betriebe Arbeitern so zumuten, wegen der "Sicherung der Arbeitsplätze"; eine Lüge und eine Unverschämtheit obendrein: Was wird denn eigentlich versprochen? Wie sieht diese Sorte "Vorteils-Nachteils-Rechnung" denn in Wahrheit aus? Die Aussicht, die der Betrieb den Leuten eröffnet, heißt im Klartext: Wenn ihr jetzt die nächsten Angriffe auf euren Lohn und euer Leistungsver- mögen schluckt, dann vermeidet ihr eventuell eure Entlassung. Schöne Rechnung: E i n e Schädigung soll man akzeptieren, weil als Gegenleistung ein n o c h g r ö ß e r e r S c h a d e n e v e n t u e l l vermieden werden kann. U n d w o s i n d d i e V o r t e i l e? Nichts ist mit Vorteilen! Den Arbeitern werden immer nur solche Rechnungen aufgemacht: Falls ihr nicht verzichtet, dann kommt es noch dicker! Die Arbeiter von der AG Weser z.B. oder die von Arbed und andere haben verzichtet. Bei jeder neuen Entlassungswelle haben sie sich den Maßnahmen des Vorstands und Betriebsrats unterworfen - und gehofft, damit würden die anderen Arbeitsplätze wenigstens geret- tet. Solange, bis wieder welche gerettet werden müssen oder keine Arbeitsplätze mehr zu retten sind! LEHRE NR. 3: Je mehr Vorleistungen der Betrieb den Leuten für die "Sicherung von Arbeitsplätzen" abpreßt, desto maßloser wird der Betrieb, und desto weniger lohnt sich die Arbeit für die Leute. Für einen Betrieb ist eine gelungene und mit Billigung des Be- triebsrats erfolgreich durchgesetzte Rationalisierung mit Sozial- plan, Umsetzungen und Abgruppierungen nur ein S i g n a l da- für, daß er f r e i e H a n d hat im Umgang mit den Arbeits- kräften. Wenn ihm so mitgeteilt wird, daß Arbeiter an ihrer Ar- beit kein anderes Interesse geltend machen als das, ihren Ar- beits p l a t z auf Biegen und Brechen behalten zu wollen, dann wird das kräftig ausgenützt. Der Betrieb sagt doch nicht: "So; jetzt habe ich an m e i n e B i l a n z gedacht. Das nächste Mal sind die Arbeiter dran, die können eine Lohnerhöhung und Lei- stungsminderung ganz gut vertragen!" Noch jede Massenentlassung wird ergänzt durch ein betriebliches Lohnsenkungsprogramm: Da werden Akkorde gekürzt und Zeiten neu berechnet: da wird gestrichen, was zu streichen geht. Es geht ja! Wegen der "Arbeitsplätze". Die nächste Lehre lautet also: LEHRE NR. 4: Man soll sich nicht um "sichere Arbeitsplätze", sondern darum kümmern, daß sich die Arbeit für einen selbst lohnt. Das ist überhaupt die wichtigste Lehre. Das ganze Anliegen, sei- nen Arbeitsplatz "sichern" zu wollen, ist falsch! Das führt nur zu einem: daß man eine Arbeit behält oder auch nicht - je nachdem -, die nach allen Regeln der kapitalistischen Kunst vom Betrieb benutzt wird. Das Resultat davon ist auch in florierenden Betrie- ben zu besichtigen. Wo kommen denn die Arbeiter nach der Arbeit frisch und munter und mit einem ordentlichen Batzen Geld nach Hause? Wo kann denn ein Arbeiter von sich ernsthaft behaupten, seine Arbeit habe sich für ihn aus gezahlt? Wer sich auf den Erpressungszirkus einläßt, der kommt darin um. Für den Erhalt von Arbeitsplätzen auf a l l d a s zu verzich- ten, w e s w e g e n man überhaupt zur Arbeit geht, das ist eine schädliche Dummheit! Was hat man denn, wenn man den Arbeits- platz "e r h a l t e n" hat: die Aussicht, wegen der "Erhaltung des Arbeitsplatzes" n o c h m e h r für n o c h w e n i g e r Geld rangenommen zu werden! Arbeiter und Angestellte können heute beim Blick auf ihren Lohn- streifen feststellen, daß der Lohn von heute das Arbeitslosengeld von gestern ist. Daraus folgt, daß das Arbeitslosengeld von heute der Lohn von morgen ist. Und deswegen gehen die Leute zur Arbeit? Das kann ja wohl nicht sein. Also LEHRE NR. 5: Nur solange der Betrieb scharf auf ihre Arbeit ist, haben Arbei- ter ein Mittel in der Hand, um die Arbeit für sich lohnender zu machen. Das muß man nicht lange beweisen. In Bremen hat die Werftbeleg- schaft z.B. die Werft besetzt, als es dort nichts mehr zu beset- zen gab. Da bringen ja Hausbesetzungen noch mehr, nämlich zeit- weilig ein Dach überm Kopf. Aber eine Werft besetzen, in der oh- nehin nicht mehr gearbeitet wird, und dann auch noch peinlichst darauf zu achten, daß ja der letzte Reparaturauftrag auftragsge- mäß erledigt wird, das taugt nichts, jedenfalls nicht für die Durchsetzung irgendeines Interesses. D a f ü r waren die Werft- ler zu spät dran. Es sei denn, sie hatten das gar nicht vor. Wenn sie ohnehin nur die Ungerechtigkeit, die ihnen widerfahren ist, demonstrativ b e j a m m e r n wollten, dann war diese "Besetzung" goldrichtig. Allerdings muß man sich über eines im klaren sein, und das führt zu LEHRE NR. 6: Hilfe darf man von n i e m a n d e m erwarten, wenn man ernst- lich daran gehen will, die Arbeit für sich selbst lohnender zu machen. Das ist eine bittere Lehre. Von den Unternehmern etwas zu erwarten wäre ohnehin dasselbe, wie das Finanzamt mit einem Duka- tenesel zu verwechseln. Die P a r t e i e n und die staatlichen Stellen? Denen sind im- mer die "Hände gebunden", wenn es darum geht, Leuten ein Einkom- men zu erhalten. Beim Abkassieren sind die Hände alles andere als "gebunden". Geld gibt es dafür, daß die Betriebe ordentliche Ge- schäfte machen. Aber das hat ja mit lohnender Arbeit für die Ar- beiter nichts zu tun - siehe: Lehre Nr. 1. Die Ö f f e n t l i c h k e i t ist immer voll "solidarisch", wenn es darum geht, die Opferbereitschaft von Leuten zu feiern. Wehe, die wagen es mal, nicht mehr n u r Opfer sein zu wollen. Dann ist es aus mit der "Solidarität". Wer bleibt? Da war doch noch was? Richtig, die G e w e r k- s c h a f t! Der ehemalige IG-Metall-Chef Loderer sagte auf dem Gewerkschaftstag zu den Besetzungen: "Das ist nicht mein Stil!" So kann man auch ausdrücken, daß man als Gewerkschaft j e d e Gegnerschaft zum Kapital - und sei es auch nur eine solche Werftbesetzung - unterbinden will! Streikgeld gibt es dafür nicht. Andere Hilfe auch nicht. Wenn es nicht die ganze Be- legschaft, sondern nur Teile gewesen wären, hätte die IG Metall die "Rädelsführer" wahrscheinlich aus der Gewerkschaft geschmis- sen! Die Gewerkschaft will eben was ganz anderes, als die Arbeiter vor weiterem Schaden zu bewahren. Die will Beschäftigungspolitik ma- chen! Dafür hat sie seit 3 Jahren Lohnkürzungen tariflich durch- gesetzt und kündigt - als "Preis" (Hans Mayr, neuer IG-Metall- Chef) für die Arbeitszeitverkürzung - für die nächsten Jahre die Fortsetzung dieser Lohnverzichtspolitik an. Alles nach dem Motto: "Jahrelang haben wir klargestellt: Lohnverzicht schafft keine Ar- beitsplätze. Jetzt werden wir zeigen, daß beides a u c h mit Arbeitszeitverkürzung zu haben ist!" Eine harte Wahrheit. Aber eben eine Wahrheit. Die Gewerkschaft hilft keinem Arbeiter, kei- ner Belegschaft, die auf die Idee kommt, mal für sich was rausho- len zu wollen; sie bekämpft solche Anliegen. Grund genug, der Gewerkschaft diese Sorte Interessenvertretung gründlich zu ver- masseln. Folglich heißt LEHRE Nr. 7: Wenn die Arbeiter den Spieß umdrehen und aus der Arbeit für sich was rausholen wollen, dann müssen sie aufhören, - den Arbeitsplatz für das höchste Gut des Arbeiters zu halten; - "Solidaritäts"appelle mit Unterstützung zu verwechseln; - ihre Gewerkschaft als Einrichtung zu behandeln, "ohne die es noch schlimmer wäre". Wie schlimm soll es eigentlich noch werden? *** Ein klares Wort der Unternehmerschaft ------------------------------------- "In einer Entschließung unterstreicht der Bund katholischer Un- ternehmer, daß er von der Sozialverpflichtung des Eigentums und des Wirtschaftens nicht abrücken wolle. Aber es hätten sich unter der Überschrift 'Sozialpolitik' Entwicklungen vollzogen, die als zutiefst unsozial angesehen werden müßten. So sei es unsozial, die Arbeitslosigkeit durch pauschale Regelungen der Arbeitszeit auf ältere Mitmenschen abzuschieben, durch den überzogenen Kündi- gungsschutz nur die Besitzer von Arbeit zu schützen, durch über- triebene Sozialpläne Unternehmen in den Konkurs zu treiben und Arbeitsplätze zu vernichten, die gerettet werden könnten, durch zu hohe Arbeitskosten die Schattenwirtschaft zu fördern..." (Süddeutsche Zeitung) Die "Sozialverpflichtung des Eigentums" kann also nur dann ge- wahrt bleiben, - wenn die Arbeitslosigkeit auf ältere und jüngere Mitmenschen "abgeschoben" wird; - wenn die Unternehmer bei ihren speziellen Regelungen zur Ar- beitszeit und Produktion von Arbeitslosen in keiner Weise be- schränkt werden; - wenn der Kündigungsschutz weniger die "Arbeitsplatzbesitzer", dafür um so mehr die G e k ü n d i g t e n "schützt"; - wenn Konkurse unbehindert von Sozialplänen gemacht werden kön- nen, denn nur das "erhält Arbeitsplätze"; - wenn durch niedrigste Arbeitskosten die Schattenwirtschaft in den Schatten gestellt wird. Merke: Die sozialste Einrichtung ist der Profit. zurück