Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK STAHLINDUSTRIE - Der Fall Rheinhausen usw.
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Der Arbeitsmarkt:
WER FRAGT VON WEM WAS NACH? WER BIETET WEM WAS AN?
Einerseits soll man sich vorstellen, daß Arbeiter ihre Kenntnisse
und Fähigkeiten einem interessierten Publikum von Unternehmern
anbieten, umgekehrt Firmen Arbeitskräfte nachfragen wie Rohstoffe
oder Maschinerie; zu einem Preis namens Lohn werden beide Seiten
sich einig - oder auch nicht. In der Wirklichkeit weist dieses
idyllische Bild allerdings eine Reihe von Schönheitsfehlern auf.
Denn was heißt bei Arbeitern schon "anbieten"? Sie können ja
schwerlich abwarten, bis ein Kunde ihre Fähigkeiten einmal zu
würdigen weiß, geschweige denn, bis eine Knappheit ihren Preis in
die Höhe treibt. Als Verkäufer genommen, sind sie in der dummen
Situation eines andauernden N o t verkaufs; "König" ist in dem
Fall wirklich der Kunde. Das zeigt sich erstens am P r e i s,
auf den ein einzelner Arbeiter nur im Ausnahmefall von sich aus
einwirken kann; gäbe es keine Vertreturigsinstanz, die allgemeine
Richtpreise aushandelt, hinge der Preis eines Arbeiters ganz von
der Willkür des Käufers ab. Anders als bei normaler Ware steht
zweitens noch nicht einmal der Gebrauchswert, den ein Arbeiter
"anbietet", in seiner Macht. Es liegt am Kunden, wofür er seine
eingekauften Kräfte einsetzt und welche Qualifikation er ver-
langt; die einzige Chance des "Verkäufers" besteht in seiner be-
dingungslosen Anpassungsfähigkeit. Sich feilhalten, ohne auf ei-
genen Preisvorstellungen oder einem individuellen Gebrauchswert
beharren zu können, und auch bei äußerster Nachgiebigkeit in bei-
den Fragen ohne Einfluß auf die freie Käuferentscheidung: das ist
die Marktsituation des Arbeiters, als Anbieter auf dem Arbeits-
markt betrachtet.
Andererseits
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darf man sich deswegen die Sachlage auch umgekehrt vorstellen.
Die Arbeiter brauchen jemanden, der von ihrer Arbeitskraft Ge-
brauch macht, fragen also "Beschäftigung" nach; die Unternehmer
kommen diesem Bedürfnis entgegen, indem sie "Arbeitsplätze" an-
bieten. Das Seltsame an diesem "Modell" ist die Tatsache, daß die
Lohnzahlung des Unternehmers eigentlich überhaupt nicht hinein-
paßt. Was z a h l t ein "Arbeitsplatzbesitzer" denn dafür, daß
er vom "Arbeitgeber" seinen Posten erhält?
Realistisch ist diese Vorstellung von einem Markt für Ar-
beitsplätze immerhin in dem einen Punkt: Wie im wirklichen Markt-
geschehen kann man nicht bekommen, was nicht angeboten wird, und
es gibt ja auch keinen Gebrauchswert "Beschäftigung". Und wenn er
angeboten wird, dann hat der Verkäufer noch allemal ein Recht
darauf, mit ihm ein Geschäft zu machen.
Die Moral
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beider "Marktmodelle" ergänzt sich gut und läuft auf folgende
Botschaft hinaus:
- "Unternehmer" ist der wichtigste Beruf in der Gesellschaft;
denn sie stellen das Gut her, das jeder außer ihnen braucht:
A r b e i t s p l ä t z e. Deswegen muß man diesen Berufsstand
pflegen und fördern.
- Werden Lohnarbeiter entlassen und nicht wieder - oder gar nicht
erst - eingestellt, dann spricht alles dafür, daß sie für ihre
Überflüssigware "Arbeit" zu viel verlangt haben. Ohne Preissturz
ist für sie nichts drin.
- Finden sie trotzdem niemanden, der sie benutzen und bezahlen
will, dann ist das knappe Gut "Arbeitsplatz" offensichtlich zu
knapp, also wohl in der Herstellung zu teuer; die Produzenten
dieser Ware gehören also erst recht gut behandelt, subventioniert
und beschenkt.
Ganz und gar unmoralisch
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wäre es jedenfalls, die Sache so zu sehen:
- Wenn die Arbeit zu doof oder zu schwer ist oder die Bezahlung
zu gering, geben die "Arbeitsplatzbesitzer" die untaugliche Ware
zurück; denn als Kunden können sie Qualität verlangen.
- Wieviel Arbeit den Unternehmen verkauft wird und zu welchem
Preis, legen die Verkäufer des kostbaren Gutes "Arbeit" fest. Und
zwar unter dem Gesichtspunkt, daß es sich für sie lohnt.
- Bleibt die Nachfrage von Unternehmerseite aus, dann machen die
Anbieter von Arbeit und die Nachfrager von Arbeitsplätzen die Sa-
che gleich ganz unter sich aus: Sie produzieren, was sie brau-
chen, und verbrauchen, was sie produzieren.
Ein Ding namens Arbeitsmarkt wäre dann allerdings überflüssig.
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