Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK SACHVERSTAENDIGE - Von Ratschlägen für Ausbeutung
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Das neue Frühjahrsgutachten
Experten raten:
WEITER SO MIT DEM ANSCHLUSS!
Zur Frage der "richtigen Form der geplanten Wirtschafts- und Wäh-
rungsunion" haben jetzt auch die Fachleute der "fünf führenden
Wirtschaftsinstitute" ihr wissenschaftlich fundiertes Urteil ab-
gegeben. Sie haben herausgefunden: in der einmaligen Situation,
wo das Lohnniveau einer ganzen Wirtschaft per Währungsanschluß
schlicht gesetzt werden kann, komme es schwer darauf an, gleich
zu Anfang mit der Lohnhöhe richtig zu liegen.
"...zwei Varianten: Bei nominal hohen Einkommen in der DDR käme
es zu einem Nachfrageschub in der Bundesrepublik von rund 50 Mil-
liarden DM und einer Erhöhung des Bruttosozialprodukts um zwei
Prozent, aber in der DDR zu hoher Arbeitslosigkeit. Nach der
zweiten Annahme sind die verfügbaren Einkommen eher niedriger.
Der Nettonachfrageeffekt in der Bundesrepublik wäre nur halb so
groß, und in der DDR bliebe die Erwerbslosenrate erheblich gerin-
ger, weil die Betriebe konkurrenzfähiger wären. In ihrer Prognose
gehen die Institute von einer mittleren Variante aus".
(Süddeutsche Zeitung, 10.4.)
Sehr interessant: 1000 bis 1300 Mark Nettodurchschnittslohn und
600 Mark Höchstrente sind für eine moderne Wirtschaftswissen-
schaft "nominal hohe Einkommen". Und damit kaufen dann die Werk-
tätigen und Rentner aus der DDR die westdeutschen Kaufhäuser
leer. Haben die eigentlich ihr ganzes Geld schlagartig für
Westeinkäufe übrig? Und woher kennen die Herren Wirtschafts-
wissenschaftler den Nachfragedruck, der von 1000 Mark Haus-
haltsgeld im Monat ausgeht?
Aus eigener Erfahrung?
Bei soviel Massenreichtum fürchtet der marktwirtschaftliche Sach-
verstand Arbeitslosigkeit. Wo bleiben da eigentlich die "hohen
Einkommen"?
Bei der Halbierung der Löhne soll es weniger Arbeitslose geben.
Wer kauft dann eigentlich, und mit welchem Geld, den voll weiter
produzierenden DDR-Betrieben deren Beitrag zum Bruttosozialpro-
dukt ab? Müssen die dann nicht nach allen Regeln der
Volkswirtschaftslehre schließen, weil es keinen "Nachfrageschub"
für ihre konkurrenzfähigen Produkte gibt?
Und wenn schon alles an der "Arbeitsproduktivität" liegen soll:
gehen westdeutsche Kapitalisten denn mit veralteten Maschinen
nach drüben? Wo bleibt denn da die schlagartige Erhöhung der
Kapitalproduktivität, die mit der "Wirtschaftsunion" kommen soll?
Insgesamt eine extrem wissenschaftliche Diagnose. Und dabei le-
bensnah! Die Wirtschaftsforscher bringen schlicht die wirklich
herrschenden kapitalistischen Interessen in Gutachtenform: Lohn -
niedrig. Arbeitslosigkeit - muß sein. Und die Lösung - liegt ir-
gendwo in der Mitte.
Wer hätte das gedacht.
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