Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK ELEKTROINDUSTRIE - Von AEG bis Grundig


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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 12, 13.05.1981
       
       Mißmanagement, miese Aufstiegschancen und sonstige Pleiten
       

WENN INGENIEURE ÜBER SIEMENS MOSERN

Es muß wohl so sein, daß das größte deutsche Kapital einer be- ständigen kritischen Begutachtung in der Öffentlichkeit unter- liegt, schließlich ist es nicht nur ein Musterbeispiel "deutscher Wirtschaftskraft", sondern darüber hinaus zu einem guten Teil am technischen Fortschritt "made in Germany" beteiligt. Sprecher des Unternehmens feiern dies gerne selbst mit Verweisen auf die Zahl der Beschäftigten in den technischen Abteilungen, die hohen Auf- wendungen für Forschung und Entwicklung, den hohen Anteil von Produkten, die erst in den letzten 5 Jahren entwickelt worden sind usw. Auch und gerade an der TU ist es gang und gäbe, sich über den zu- künftigen Brötchengeber eine Meinung zu bilden, die möglichst aus eigener Anschauung als Werkstudent fundiert ist. Wenn dabei nicht unbedingt restlose Begeisterung für Siemens aufkommt, so liegt das nicht daran, wie Siemens eine Stellung als "Elektromulti" be- hauptet, wie es ja überhaupt als unmodern, wenn nicht gar als zersetzend gilt, die Praktiken des Kapitals anzugreifen. Macht Siemens pleite? --------------------- Es vergeht kaum eine Woche, ohne daß in der Presse und an den di- versen Stammtischen in der Cafeteria die Firma Siemens geschmäht wird, und zwar wegen ihres Geschäfts mit den Computern. Da ist von roten Zahlen, falscher Programmierung, Zaudern und Zagen, kurz von einer Computerpleite die Rede. Dabei muß es sich um an- sehnliche Größenordnungen handeln, denn schließlich setzt der einschlägige Unternehmensbereich, Daten- und Informationssysteme genannt, mehr als 2 Milliarden um. Wie dieser ansehnliche Umsatz erzielt wird, bleibt dem Zeitungs- leser allerdings verborgen, wird ihm doch lediglich am laufenden Band mitgeteilt, was Siemens n i c h t oder f a l s c h macht. Aber wie sollen aus einem Nicht-Geschäft mit Klein- und Großcomputern, der unaufhörlichen Verunsicherung und Verärgerung von Altkunden mit ständig wechselnden Betriebssystemen, den rei- henweise versäumten Gelegenheiten, auf dem unerschöpflichen und technisch fortgeschrittenen US-Markt Fuß zu fassen, wie sollen bei Kurzarbeit und Entlassungen - so lauten einige der Vorwürfe - 2 Milliarden über die Konten laufen! Und wie kann es die renommierte japanische Firma Fujitsu über- haupt verantworten, ihre Rechner von so einer provinziell-ver- staubten Klitsche wie Siemens vertreiben zu lassen? Haben die Japsen hier gar einen Dummen gefunden, der ihnen den Weg auf des- sen ureigensten Markt zu seinem eigenen Schaden ebnet? Grenzt es nicht an Hochverrat, daß Siemens bisher Milliarden an staatlichen Forschungsgeldern vertan hat, um dann letztendlich doch, mit fremden Federn geschmückt und sich selbst zur Konkurrenz, noch dazu in sicherheitsrelevanten Bereichen wie der Waggon-Bedarfs- Verwaltung der Deutschen Bundesbahn, ausländischen Erzeugnissen als passepartout zu dienen? Man müßte also wirklich meinen, Siemens sei "falsch program- miert". So gesehen ist aber auch jeder Autohersteller nicht gerade richtig gepolt, wenn er seine Batterien und Reifen nicht selbst herstellt oder Motoren zusammen mit anderen Firmen produ- ziert. Darüber hat sich aber noch niemand so recht aufgeregt. Bei Siemens soll das etwas anderes sein. Ein so probates Mittel wie die Kooperation erfährt so die Umdeutung in ein Versagen des Ma- nagements in Sachen deutscher Computerindustrie, die sich dem blöden Vergleich mit dem Marktfürer IBM verdankt. Daß Siemens nicht IBM ist, ist die Quintessenz des Bemäkelns der Aktivitäten des Münchner Elektrokonzerns. Wenn Siemens auf dem Computermarkt mit aufwendiger Wartung, nied- rigeren Preisen, flinkem Reparaturservice, ausbaufähigen Systemen etc. auf Kundenjagd geht, bei elektronischen Fernschreibern erst einsteigt, wenn es eine relevante Massenproduktion aus dem Boden gestampft hat, und so die Klitschen aus dem Feld schlägt, die mit ihren Entwicklungen vorher da waren, dann muß es sich von den Idealisten des deutschen technischen Fortschritts immer noch fra- gen lassen, ob nicht Entwicklungen verschlafen wurden, ob nicht bloß reagiert wurde, ob es eigentlich nicht noch besser dastehen könnte. Da reagiert Siemens "auf eine massive Preissenkung von IBM mit einer neuen Technologie, bei der wir weniger Leute benötigen" (SiemensComputerchef Peisl) macht also seine Rechnerproduktion rentabler mit dem Ergebnis, daß mit neuen Produktionsverfahren unter Einsparung von Arbeitskräften die Stückkosten so weit ge- senkt werden, daß IBM-Preise unterboten werden können - schon treten Kritiker auf den Plan, die in solch einer gelungenen Ra- tionalisierungemaßnahme, mit der Siemens der Herausforderung des Branchenführers entgegentritt, Schwächesymptome entdecken, weil Expansion und Entlassungen im Computergeschäft sich mit einem Male widersprechen sollen. Beliebt ist auch der Vorwurf, Siemens liefere trotz hoher Wert- schätzung durch Behörden wie die Bundespost technisch Minderwer- tiges, wobei das Minderwertige darin bestehen soll, nicht mit dem neuesten Stand der IC-Technik das bundesdeutsche Fernmeldewesen auf Vordermann zu bringen. Da wird dann jeder Fehler beim Probe- betrieb des ESW zum Beleg dafür, daß Siemens nicht einmal diese mittlerweile "schon wieder veraltete Technik" beherrscht. Dies ist schon ein seltsamer Vorwurf, wenn so der geschäftliche Erfolg, den Siemens aufgrund seiner Größe einfährt - solche Auf- träge wie EWS erfordern nunmal einen ganzen Batzen akkumuliertes Kapital -, durch den Vergleich mit dem technisch Möglichen in einen eigentlichen Mißerfolg umgemünzt wird. Ohne Technik kein Profit? ------------------------- Für diese letzte Variante des Bekrittelns von Siemens fühlen sich ganz besonders die Ingenieure und die es werden wollen zuständig, ist für sie doch ausgemacht, daß nur der neueste Stand der Tech- nik Garant für den rechten Profit von Siemens ist. Unverständnis kommt auf, wenn Entwicklungsprojekte gestrichen werden, von denen sich die Firma nichts mehr verspricht. Statt zur Kenntnis zu neh- men, wie sich die Firma seine technischen Leistungen zum Mittel des Profits macht und darüber mal ein paar Gedanken zu verlieren, kümmert sich der dienstbare Geist auf seine Weise um das Firmen- wohl. Mit dem falschen Dogma im Kopf - ohne neueste Technik kein Profit - sehen die Entscheidungen der Firma schlecht aus: Ko- stenersparnis - unbedingt, aber darf man die bereits entstandenen Entwicklungskosten einfach so in den Wind schreiben? Wo sich Siemens solche Abteilungen hält, um mit den Ergebnissen von For- schung und Entwicklung Konkurrenzvorteile zu sichern, dabei aber sehr wohl damit kalkuliert, daß sich nicht alles lohnt, was seine Weißkittel herausfinden - gerade weil dies ja der Witz am Bemühen um den technischen Fortschritt ist, daß man sich nicht sicher sein kann, erstens ob die anvisierte Sache überhaupt funktio- niert, und zweitens ob sich aus den Blaupausen auch tatsächlich eine profitable Produktion aufziehen läßt -, da kommen die Herren Ingenieure mit ihrem Berufsstolz daher, daß das Beste und Modern- ste doch gerade gut genug wäre. - Siemens kommt eben nicht dar- auf, ein Gerät bloß deswegen nicht mehr zu verkaufen, weil es nicht dem letzten Stand der Entwicklung entspricht, oder unbe- dingt in jeder Sparte des "Weltelektromarktes" vertreten zu sein. Da wird schon mal ein Forschungsbereich "Laser" ins Leben geru- fen, um zu sondieren, ob es machbar wäre, in den Markt einzustei- gen doch wenn sich herausstellt, wie geschehen, eine solche "Investition" besser zu lassen, dann sind die etlichen Mannjahre, die darauf verwendet wurden, der Firma kein Problem. Mit so was wird ja immer gerechnet, aber einen Ingenieur läßt eine solche unverständliche Entscheidung der Geschäftsleitung schier verzwei- feln. Diese Klage, daß die für den Erfolg des Unternehmens Verantwort- lichen in den Vorstandsetagen es an technischem Sachverstand feh- len lassen, ist so alt wie der Berufsstolz der Ingenieure. Man sieht die beständig unter Beweis gestellte Nützlichkeit - nicht gebührend gewürdigt durch die Herren Manager, die auch mal ein mit dem modernsten Mikroprozessor ausgestattetes Gerät sterben lassen, ohne feuchte Augen zu bekommen ob dieses Verrats am tech- nischen Fortschritt. So ist denn auch die Stellung im Betrieb stets Anlaß zur Klage, den Anstrengungen der Ingenieure zum Wohle des Unternehmens wür- den andauernd Knüppel in den Weg geworfen: "Aufstiegschancen sind kaum gegeben; durch unbezahlte Überstunden sinkt das außertarifliche Gehalt unter das vergleichbare Tarifge- halt; Beförderungskriterien werden nicht offengelegt: Ingenieure werden wie Arbeiter der frühindustriellen Zeit in großer Zahl in großen Räumen gehalten." (Arbeitskreis Ingenieure und Naturwis- senschaftler in der Industrie der DAG) Kein Wunder also, daß sich TU-Studenten, die einer solchen tie- rischen Existenz entgegengehen, eine schlechte Meinung über ein Großunternehmen wie Siemens zulegen: "Siemens, das ist das Letzte, wo ich hingehe!". Wer so seine Karriere plant, auch wenn er dann doch bei Siemens landet, und mit all den mißlichen Um- ständen für den segensreichen Einsatz seiner Kunst lässig fertig wird, läßt sich das Meckern sicher nicht verbieten. Und das darf er auch, solange sich seine Meckerei nicht gegen die segensrei- chen Wirkungen des technischen Fortschritts für das Kapital rich- tet. Solange er Entlassungen usw. für eine technische Notwendig- keit hält und in der Rationalisierung im Forschungs- und Entwick- lungsbereich als eine Versündigung am technischen Fortschritt be- greift, ist seine Leistung für Siemens sichergestellt. zurück