Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK ELEKTROINDUSTRIE - Von AEG bis Grundig
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MEGA-CHIPS FÜR DEUTSCHLAND
Der Vorstand der Siemens AG beschließt 1984 das MEGA-Projekt: in
paralleler Entwicklung soll 1986 ein 1-Mbit-Speicher-Chip und bis
spätestens 1989 ein 4-Mbit-Speicher-Chip in Produktion gehen.
1985 kauft sich das Unternehmen in einem Kooperationsabkommen mit
dem japanischen Konkurrenten Toshiba für eine zweistellige Mil-
lionen-DM-Summe das Fertigungs-know-how für den 1-Mbit-Speicher.
Bei der Entwicklung des 4-Mbit-Speichers kooperiert es sehr eng
mit dem niederländischen Konzern Philips und dessen deutscher
Tochter Valvo.
Zusammen mit der niederländischen Regierung fördert das Bundesmi-
nisterium für Forschung und Technologie diese "technologische"
Ehe mit insgesamt 480 Millionen DM.
Chip-Chip-Hurra
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Daß an den kleinen Dingern was besonderes daran ist, haben die
Medien schon längst entdeckt - und bisher lamentiert:
"Noch immer geht das Trauma um, der innovatorische Leistungsstand
der deutschen Industrie sei hinter den der USA und Japans zurück-
gefallen... Vor allem Siemens hat sich jahrelang gefallen lassen
müssen, als 'schlafender Riese' tituliert zu werden."
Aber jetzt endlich kann das deutsche Herz höher schlagen:
"Nun ist die Situation ins Gegenteil gekehrt: Siemens hat mit dem
Mega-Chip-Programm die Herausforderung angenommen und die Tür zur
Zukunft aufgestoßen." (Bild der Wissenschaft 11/85)
Warum Siemens bisher geschlafen hat und jetzt endlich einsteigt
und warum das dem BMFT 480 Millionen wert ist, zur Beantwortung
dieser Frage fällt der nationalen Presse nur der pure Nationalis-
mus ein. Die einzige Sorge die sie quält, ist, ob "die Herausfor-
derung" gewonnen wird. So mußte der "Spiegel" feststellen, daß
auch in Deutschland schon die Produktion solcher Super-Dinger auf
vollen Touren läuft - bloß nicht unter garantiert deutscher Re-
gie.
"In Böblingen (hat man) ohne Bonner Subventionen die Mega-Ferti-
gung mit als erste im Griff... Nur eines stört ein wenig: Ihr Ar-
beitgeber ist der amerikanische Computer-Gigant IBM." (Spiegel
51/85)
Zu gern hätte der "Spiegel" von Anfang an einen deutschen Gigan-
ten gefeiert. Aber nun ist es offenbar soweit:
"Aufbruchsstimmung" ist angesagt, in einer "Aufholjagd in der
Halbleitertechnologie" soll Deutschland "mit der Mega-Bit Technik
an die Weltspitze" gehen. Und w o f ü r steht sie denn nun, die
nationale Begeisterung in Sachen Chip-Produktion? Ganz sicher
nicht dafür, daß "wir" beim Dienst am menschheitsbeglückenden
'Fortschritt der Technik' obenanstehen und die Welt mit nützli-
chen Chips versorgen...
Mega-Chips fürs profitable Geschäft
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Wie bisher darauf zu setzen, daß die Konkurrenz der führenden
amerikanischen und japanischen Chip-Hersteller zu einem für die
Siemens AG ordentlich ausnutzbaren "Preisverfall" führt, der die
konzerneigene Herstellung von Chips erübrigte, weil man sie als
"käufliche Zutaten wie Schrauben" ansah, will sich Siemens künf-
tig nicht mehr leisten. Vielmehr wird es von den Siemens-Kalkula-
toren als äußerst lohnend angesehen, in die Konkurrenz um die
preisgünstige Herstellung und den gewinnbringenden Verkauf der
technischen Wunderdinger in großem Stil einzusteigen und Amerika-
nern wie Japanern eine gehörige Portion Weltmarktanteile streitig
zu machen. Für ein solches Programm muß natürlich sichergestellt
werden, daß Siemens möglichst als e r s t e r auf dem Markt mit
der neuen Chip-Generation auftaucht. Denn, so lautet die Kalkula-
tion: "Wer zu spät kommt, kann die hohen Entwicklungskosten nicht
wieder einspielen". Weswegen die Firma durch entsprechend hohen
Kapitalvorschuß von zig Mio. DM und dem gleichzeitigen Aufbau von
Forschungs-, Entwicklung- und Produktionsabteilungen für den nö-
tigen Zeitvorsprung sorgen will. Nur so kann Siemens nämlich den
anvisierten E x t r a p r o f i t mit relativ hohen Preisen
reinfahren und sich einen sicheren Marktanteil verschaffen, bevor
Japaner und Amerikaner mit ihrem Konkurrenzprodukten wieder für
den berühmten Preisverfall sorgen.
Doch mit der Absicht, künftig im weltweiten Geschäft mit Spei-
cher-Chips kräftig mitmischen zu können, gibt sich die Weltfirma
Siemens nicht zufrieden. Für sie ist die Produktion von Mega-
Chip-Speichern ein lohnendes Geschäft, das Siemens zu viel wei-
terreichenden Taten befähigen soll:
"Doch wir brauchen die Ein-Mikrometer-Technologie gar nicht nur,
um die vieldiskutierten Speicher fertigen zu können, denn die
kann man sicher auch einkaufen; wir brauchen sie, weil wir damit
hochmoderne ASICs (anwendungsspezifisch gefertigte Schaltungen)
herstellen wollen. Denn die sind das, was die deutsche Industrie
- wie etwa die Nachrichtentechnik, die Anlagentechnik und der Ma-
schinenbau - in den kommenden Jahren mehr und mehr brauchen wird,
will sie auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähig bleiben." (Hofmei-
ster, Siemens AG)
Was also vor allem die Firma Siemens für ihren Geschäftserfolg
braucht, ist die Sicherstellung der t e c h n o l o g i-
s c h e n Voraussetzungen, um im Weltmaßstab b e s t i m m e n
zu können, was künftig auf dem Computer-, Nachrichten- und
Produktionsmittelmarkt als Spitzentechnik zu gelten hat und den
Geschäftserfolg verdient.
Da darf man sich natürlich erst recht nicht abhängig davon ma-
chen, bis irgendein Chip, den man für ein neues Gerät braucht, in
Japan oder sonst wo im Katalog auftaucht. Dann gibt es nämlich
die dazugehörige Maschine auch schon längst und man hat das Nach-
sehen. Und gerade wo es zunehmend um a n w e n d u n g s s p e-
z i f i s c h e Schaltungen geht, die klassische Trennung also
von hard- und software obsolet wird und damit jede Maschine mit
der Q u a l i t ä t und Leistungsfähigkeit ihrer Steuerungsele-
mente auf dem Markt steht und fällt, wird mit der Entwicklung von
Chips und "Logikbausteinen" auch der Stand des "moralischen
Verschleißes" der Produktionsmittel maßgeblich diktiert. D.h.
jede Maschine gilt in der Konkurrenz der Kapitale um Marktanteile
mittels Stückkostensenkung sofort als veraltet und unrentabel,
die nicht den allerneusten technischen Stand repräsentiert. Und
das ist immer dann der Fall, wenn ein Produktionsmittelhersteller
wie Siemens mit einem noch leistungsfähigeren Computer,
Werkzeugmaschine oder Roboter auftaucht, durch deren Einsatz in
der Produktion die Rationalisierung, sprich: Stückkostensenkung
zugunsten von Extraprofit gegenüber den Konkurrenten voran-
getrieben werden und in die Fabrik bewerkstelligte Ausbeutung der
Arbeitskraft effektiviert werden kann.
Der Mega-Chip für Siemens: eine nationale Frage
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Das einzige "Risiko", das angeblich bei einem geschäftlichen Vor-
haben dieser Größenordnung riesengroß sein soll, besteht darin,
daß das Mega-Projekt seinen Erfolg auf dem Weltmarkt noch nicht
praktisch b e w i e s e n hat, sondern sich erst noch kräftig
in der Bilanz von Siemens niederschlagen s o l l. Dafür wird
bei Siemens voll auf den Erfolg gesetzt: 1,7 Mrd. DM kalkulierter
Investitionssumme als Kapitalvorschuß sind offenbar für die Kal-
kulatoren nicht zuviel "Risiko". Darüberhinaus sichert sich Sie-
mens mit 35 Mio. DM die Erfolge ausländischer Konkurrenten z.B.
von Toshiba, denen man kurzerhand das gesamte Fertigungs-know-how
für den 1-Mbit-Speicher abkauft. Obendrein verschafft sich Sie-
mens durch Kooperationsverträge mit dem holländischen Konkurren-
ten Philips die Nutzniererschaft an deren ökonomischer und tech-
nologischer Potenz.
Nicht zuletzt ist es deswegen für die deutsche Weltfirma Siemens
keine Frage, sich der ökonomischen und politischen Potenz des
deutschen Staates zu bedienen, wo doch im Selbstverständnis der
Firma das Profitinteresse von Siemens sowieso mit dem nationalen
Interesse zusammenfällt.
"Das Beherrschen der Technologie liegt nicht bloß im Interesse
einer Firma, sondern gleich der ganzen Volkswirtschaft. Es ist
aus dieser Sicht heraus dann bloß noch folgerichtig, wenn der
Staat selbst ein so wohlhabendes Unternehmen wie Siemens för-
dert." (Hofmeister)
Klar, ein paar hundert Mio. DM staatlicher Entwicklungshilfe für
Siemens und sich durch spezielle politisch unterstützte Projekte
den unmittelbaren Zugriff auf die nationale Wissensproduktion in
Sachen Mikroelektronik an deutschen Hochschulen und Unis für das
Mega-Projekt u.a. gesichert, ist doch das mindeste an praktischer
Solidarität, was Deutschlands größte Firma für ihren Geschäftser-
folg auf dem Weltmarkt von Vater Staat erwarten kann, dem be-
kanntlich nichts so sehr am Herzen liegt wie das Gedeihen
s e i n e r Wirtschaft.
Grund genug für Siemens-Manager einmal mehr, den Staat in Bezug
auf seine nationalen Pflichten in aller Offenheit an den Stand-
punkt eines nationalen Konzerns zu erinnern:
"Doch da wir bei ICs nun mal auf einem Weltmarkt bestehen müßten
und den Japanern und Amerikanern schlecht verbieten könnten, ihre
eigenen Industrien zu fördern - da darf es denn auch nicht ge-
schehen, daß bei uns die Gesamtwirtschaft darunter leidet, daß
wir hier keine so großen Rüstungsausgaben haben wie die USA."
(Hofmeister)
Das wäre natürlich Siemens gerade recht: auswärtigen Staaten das
Konkurrieren gegen unser Kapital schlichtweg zu verbieten. Wo das
"leider" nicht geht, können die Rüstungsanstrengungen des Staa-
tes, mit denen er seiner Wirtschaft den entsprechenden "Push"
verleiht, gar nicht groß genug sein. Der Maßstab der Kriegsmacht
Nr. 1 ist für Siemens-Manager nicht zu hoch gegriffen, um den
deutschen Aufrüstungspolitikern Nachlässigkeiten auf diesem Ge-
biet vorzuwerfen. Was mit dieser Klage ausgedrückt wird, ist
nicht mehr und nicht weniger als der Anspruch von Siemens, der
deutsche Staat hätte mit all seinen politischen u n d ökonomi-
schen Machtmitteln dafür zu sorgen, daß sich deutsches Kapital
beim wechselseitigen weltweiten Erpressungsgeschäft durchsetzt
und andere Länder die Kosten tragen, von denen "wir" profitieren.
Mit dieser imperialistischen Logik rennen die Siemens-Manager bei
Vater Staat natürlich offene Türen ein.
Das staatliche Interesse am Mega-Chip
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Das BMFT war nämlich keineswegs so blöd, wie hiesige Journalisten
mutmaßen, auf den "bewährten Trick" von Siemens - öffentliche
Gelder kassieren durch die laut überlegte Standortfrage - herein-
zufallen. Denn wenn der Forschungsminister trotz solcher Einwände
bereits die erste Rate der Unterstützung überweisen ließ, stellt
er damit klar:
"Die Bonner sind fest entschlossen, die Schlüsseltechnologie für
die Zukunft im Lande zu halten." (Spiegel 51/85)
Das Wissen um die Fertigungsverfahren, das notwendige know-how
von neuen Produktionstechniken hat als heimisches, als deutsches
vorzuliegen, lautet der staatliche Beschluß. Weswegen Politiker
auch nicht zögern, die "wohlhabende" Siemens AG mit allen benö-
tigten Mitteln zusätzlich auszustatten. Der Grund dafür ist: Der
Staat hat die Bedeutung der neuen Technologie für s e i n e
Zwecke, die einer souveränen Gewalt also, definiert; genauso wie
bei der Stahlindustrie und bei der Energieversorgung betrachtet
er die Chips neuerdings als n a t i o n a l e n
G r u n d s t o f f, über den er ganz uneingeschränkt und souve-
rän verfügen möchte. Bloß weist dieser "Stoff die Besonderheit
eines technologischen Produkts auf, dessen Zustandekommen sich
einzig und allein dem A u f w a n d verdankt, mit dem der Staat
Wissenschaft und Technologie instandsetzt, ständig neues techno-
logisches Wissen zu erzeugen, das im internationalen Vergleich
seine Wirtschaft mit dem besten Gerät als Geschäftsmittel ausrü-
stet, das es gibt. "Nationale Expertenteams" - auf den Paß
kommt's dabei offenbar sehr an - sollen die Mikroelektronik be-
herrschen, damit in diesem Bereich nicht auf Dauer volkswirt-
schaftlich gefährliche Abhängigkeiten vom Ausland entstehen",
sprich: auswärtige Geschäftsleute den deutschen Geschäfte abja-
gen, statt umgekehrt. Kein Geheimnis also, was den "Schlüssel"
Mikroelektronik für den Staat so interessant macht:
1. bildet die Chip- und Logiktechnologie stofflich die entschei-
dende und für alle Kapitale gleich wichtige Voraussetzung der
Produktivitätssteigerung, zumal der nationalen Produktionsmittel-
industrie. Durch die Förderung dieser Sorte Technologie garan-
tiert der Staat seiner Wirtschaft ein Konkurrenzmittel, mit dem
sie im internationalen Produktivitätsvergleich, der immer noch
über die Geschäftserfolge konkurrierender Kapitale auf dem Welt-
maikt entscheidet, gut abschneiden können.
2. Für die m i l i t ä r i s c h e n G e w a l t m i t t e l
ist dem Staat das Feinste vom Feinen gerade gut genug, und das
ist bekanntlich im Zeitalter der "intelligenten Munition", der
metergenauen Treffsicherheit von Raketen, das Unterfliegen des
feindlichen Radars usw. usf. nicht ohne Halbleiter zu haben. Die
uneingeschränkte Verfügung über immer bessere Gebrauchswerte aus
der Computerindustrie, für deren ständige Verbesserung und Wei-
terentwicklung die militärischen Ideale einer immer perfekteren
Rüstung die Maßstäbe liefern, also gerade das u n b e d i n g-
t e Interesse des Staates an elektronischem Gerät aller Art, das
sich in zahlreichen Forschungs- und staatlich geförderten
Entwicklungsprogrammen manifestiert, verschaffen dem Kapital die
technologische Basis, auf die es zur Vervollkommnung seiner
Geschäftsmittel jederzeit g r a t i s zurückgreifen kann.
Eine schöne Freiheit, die gerade Siemens zu nutzen versteht. Das
S c h ö n e daran ist die prima E r g ä n z u n g in der Wirk-
samkeit von ziviler und militärischer Forschung und Produktion.
Wer in einer Vorkriegszeit in der Waffentechnologie Spitze ist,
ist es auch auf den Zukunftsmärkten etc. pp.
Grund genug also für eine imperialistische Musterdemokratie wie
die BRD, mit Hilfe ihrer Top-Kapitalisten jede mögliche
"Schlüsseltechnologie" deutsch-national zu machen...
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