Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK ELEKTROINDUSTRIE - Von AEG bis Grundig
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Münchner Hochschullzeitung Nr. 10, 29.05.1980
BLAUPAUSENNATIONALISMUS
Siemens hat es der kleinen Gruppe von Journalisten in einem In-
formationsgesprach über die "Segnungen der Mikroelektronik" ge-
steckt:
"Wegen des gravierenden Mangels an Ingenieuren sehe man sich zu-
nehmend gezwungen, gewisse Entwicklungsarbeiten auf diesem Gebiet
ins Ausland zu verlagern, beispielsweise in die USA." (SZ,
9.2.80)
Das hat den Mann von der SZ so "aufhorchen" lassen, daß er
"Entwicklungsarbeiten" und "Ausland" schräg gedruckt hat. Denn
ins Ausland gibt "ein Land wie die BRD" sonst keine Entwick-
lungs-, sondern simple Lötarbeiten weshalb ein Land wie das Aus-
land auch ein Entwicklungsland zu sein hat, dessen Industriepro-
dukte dann Etiketten wie "assembled in Singapore" tragen. Jetzt
aber sieht der Journalist die Gefahr heraufziehen, daß die BRD
diese ihre angenehme ökonomische Identität verliert, und be-
schwört das Ideal, das auch ein Kanzlerwort ist, vom "Blaupausen-
Exporteur" BRD, der seinen Reichtum, jedem Bürger ans Herz gelegt
durch seinen individuellen Platz "an der Spitze der Welt-
lohn-Skala", erwirbt und verdient durch seine "Innovationskraft".
Denn und dieser Beweis ist schlagend, jetzt und in Zukunft ist ja
daheim auf andere Weise, z.B. aus Naturschätzen und gewöhnlicher
Arbeit (siehe auch Spitzenlöhne), überhaupt nichts zu holen.
In Hamburg baggern sie also Blaupausen in ihre Container, das Ge-
schäft der Banken besteht in der Abrechnung von Lizenzgebühren,
und überhaupt ist die deutsche Wirtschaft, der jetzt die düstere
Perspektive versagenden Erfindergeistes droht, ein einziges
großes Ingenieurbüro.
Dieser schönen Vorstellung von einer sinnvollen internationalen
Arbeitsteilung entnehmen wir zweierlei:
- Erstens wird hier von dem nationalistischen Grundkonsens ausge-
gangen, daß es, Nord-Süd-Debatten rauf und runter, ziemlich un-
gleich zugehen soll auf der Welt, was Reichtum und Armut, weiße
Krägen und schmutzige Finger und überhaupt alle wichtigen Diffe-
renzen der Zivilisation und ihres Gegenteils betrifft. Was man
also sonst gegenüber der moralischen Kritik am Imperialismus als
gar nicht existent behauptet oder mit den Gerechtigkeitsheinis
zusammen als Überbleibsel der unseligen Kolonialzeit etc. prokla-
miert, wird hier ausdrücklich zum P r o g r a m m erhoben. Ein
Zugeständnis an die moralischere Betrachtung der Weltläufe gibt
es allerdings auch: daß nämlich der deutsche Arbeiter die Zeit
zwischen Malochen und Schlafen deshalb vor einem Spitzen-Farb-
fernseher verbringen kann, weil sich an anderen Produktionastand-
orten viel kostengünstigere Hände regen.
- Zweitens wird damit ein falsches ökonomisches Dogma verfochten,
wo doch das zitierte lebende Beispiel sich ganz undogmatisch,
aber nicht ungewöhnlich verhält. Klar, daß technisches Know-how
ein Mittel dafür ist, die eigene Produktivität, d.h. die der ei-
genen A r b e i t e r, so auf Vordermann zu bringen, daß man
sich auf heimischen und fremden Märkten d u r c h s e t z e n
kann was ja dann auch eine ganz gute Basis für die Zurichtung
fremder Nationen abgibt. Aber daraus folgt nicht, daß mit techno-
logischen Anstrengungen per se auch nur der geringste ökonomische
Erfolg verbunden ist, geschweige denn, daß irgend ein Mann der
Wirtschaft sie so betrachtet und sie deshalb unbedingt selbst in
die Wege leiten und finanzieren will. Im Gegenteil, es hat sich
schon manches Unternehmen schier zu Tode "entwickelt", und wenn
Siemens jetzt in den USA Ingenieursforschung betreiben will, so
heißt das, daß die Firma über genügend K a p i t a l verfügt,
um den einen oder anderen Ami-Laden (eine gleichzeitige Veröf-
fentlichung für Aktionäre meldet zwei solcher Engagements für
'79) aufzukaufen, der an den interessierenden Produkten schon
eine Zeitlang herumlaboriert und dabei einiges an einschlägigem
Know-how aufgehäuft hat, von Patenten und ähnlichen Finessen ganz
zu schweigen. Umgekehrt ist es den Amis ja auch nie ein Problem
gewesen, hierzulande ganz flott entwickeln zu lassen und sich
selbst dann noch dumm und dämlich zu verdienen, wenn sie ihre
deutschen Ingenieure besser zahlen als Siemens.
Es ist also ein Aberwitz, ausgerechnet da die BRD "im Laufe der
Zeit unweigerlich auf den Stand eines Entwicklungslandes" herab-
sinken zu sehen, wo ihr Kapitalexport Bände spricht vom Erfolgs-
kurs ihrer Firmen. Der Journalist spielt die eine Variante des
Geschäfts, zu der sich Siemens gerade entschlossen hat, gegen die
ihm viel solider dünkende aus, wo man alle technischen Vorausset-
zungen einer profitablen Produktivität in ein Billiglohnland ex-
portiert um das dortige A r b e i t s v i e h zu benutzen, das
deshalb auch ganz gewiß ewig im Elend bleibt. Denn man kann es
nicht oft genug sagen, daß die heimische Produktivität immer noch
der Garant dafür ist, daß das ganze internationale Zeugs wirklich
zur eigenen Bereicherung ausschlägt.
Ingenieure endlich aus dem Schneider
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Der deutsche Ingenieur aber kann sich bei solchen Nachrichten
wieder einmal schmeicheln, daß es an ihm ist, zu verhindern, daß
die BRD einen "Schritt in die Verarmung" tut. Die seit längerem
gerade an der TU beliebte Frage, ob "wir" nun zu viel oder zu we-
nig Ingenieure haben, wird hier aber vom Hause Siemens mit "zu
wenig" beantwortet, weil man dort zwar vorhat, Sachen, die an-
derswo effizienter gehen, auch anderswo zu machen, aber natürlich
nie ein Potential von ausgebildeten Leuten verachtet, zumal nicht
im Boom. Die Frage hat bei einem Journalisten, der das Wohl des
Ganzen im Auge hat, natürlich erst recht ihre Konjunkturen. Er
sieht "schwerwiegende Probleme" und untermauert seine Sorge mit
der an und für sich gar nichts besagenden Beobachtung, daß sich
der Anteil der Ingenieurs-, Mathematik- und Naturwissenschafts-
studenten relativ zu anderen Fächern in den letzten Jahren ver-
ringert habe.
Bessere Chancen also für Ingenieure und Naturwissenschaftler, die
im Unterschied zu anderen jungen Leuten den Charakter besessen
haben, sich durch eine "komplizierte Materie durchzubeißen" oder
nicht der "wachsenden Technik-Kritik" anheimzufallen?
Wir meinen, daß z.B. der theoretische Physiker der, in Garching
promoviert und überflüssig geworden, vor zwei Jahren bei Siemens
den hauseigenen Intelligenz- und Aushaltetest (auch er wollte ja
wissen, wie gut er ist!) bestanden und mit DM 2.700,- als Pro-
grammierer angefangen hat, auch nicht soviel schlechter dasteht
als der Student heute, der, weil er die Arbeitsmarktprognosen ge-
nau verfolgt hat, seine Mikroelektronik-Diplomarbeit gleich zum
Einstellungsgespräch mitbringt und 3.400,- DM aushandelt. Der Er-
ste von den Beiden ist halt auch schon ein bißchen im Gehalt
gestiegen und hat inzwischen sicher ein paar Aktien von dem Kapi-
tal in der Schublade, das sein Unternehmen gerade in den USA in-
vestiert. Er hat, siehe den Intelligenztest, den Frust verdaut,
daß ausgerechnet er zur Lösung der Energie-Probleme der Mensch-
heit zwar berufen, aber nicht auserwählt ist, weil sich die Pra-
xis nunmal auf was anderes als das Garchinger Zeug festgelegt
hat, und verfolgt jetzt seine ebenso idealen wie lukrativen Inge-
nieurszwecke, indem er statt an den kleinen Teilchen an den klei-
nen bits herumfummelt als einer, der ein bißchen, aber auch gar
nicht fachfremd ist.
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