Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK ELEKTROINDUSTRIE - Von AEG bis Grundig
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Beschäftigungsplan jetzt für alle Grundig-Werke
Der Betriebsrat und die IG-Metall haben jetzt mit dem Vorstand
der Grundig AG nach dem Vorbild der Beschäftigungspläne Nürnberg-
Langwasser und Fürth einen konzernweiten Beschäftigungsplan für
alle Inlandswerke von Grundig abgeschlossen. Und mit bemerkens-
werter Offenheit hat der neue Grundig-Chef Van Tilburg ("Ein Be-
schäftigungsplan kann kein Arbeitsplatzgarantieplan sein.") in
einem Zeitungsinterview verraten, wozu so ein Beschäftigungsplan
gut ist:
"Unter dem Strich wird es auch bei uns zwangsläufig weitere Per-
sonalanpassungen geben, aber diese kann (!) man heute nicht mehr
so handhaben wie anno 1900. Man muß damit auf eine sozial verant-
wortungsvolle Art und Weise fertig werden. Dies geschieht mit
Hilfe der Beschäftigungspläne."
Seit 1900 hat sich also eines bestimmt nicht geändert: Die Pro-
fitkalkulation der Unternehmer bestimmt nach wie vor über den Le-
bensunterhalt der Arbeiter. Neu ist dagegen 1988 eine L ü g e
über die soziale Lage der Arbeiterklasse, für die die Gewerk-
schaft einsteht:
"Mit den bisherigen Beschäftigungsplänen ist der Beweis erbracht
worden, daß sich ein Unternehmen auch ohne Massenentlassungen sa-
nieren läßt."
Dahinter steht die Bilanz von zwei Beschäftigungsplänen bei Grun-
dig in Nürnberg-Langwasser und Fürth:
Beschäftigungsplan 1985:
Personalrückgang 1985-87: 5000 Stellen
Beschäftigungsplan Mai 1987:
Personalrückgang 1987: 1000 Stellen
Und 1988 bis 1990 gilt schon wieder:
"zwangsläufig weitere Personalanpassungen!"
Die Gewerkschaft hat mit dem neuen Beschäftigungsplan, den sie
als "neue Qualität" im Umgang von Kapital und Arbeit feiert, den
Streit darüber prinzipiell aus der Welt geschafft, ob die Entlas-
sungen sein müssen, die Grundig auch in der Zukunft unter dem
neuen Titel "Konsolidierung" im Geschäftsplan vorsieht. Sie müs-
sen sein! Mit dieser Gewissheit fängt ein Beschäftigungsplan näm-
lich überhaupt erst an.
DER BESCHÄFTIGUNGSPLAN
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Der Beschäftigungsplan ist ein
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Glaubensbekenntnis der Gewerkschaft:
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"Wenn Arbeiter wegen des Geschäfts lassen werden, muß man sich um
Geschäftsmöglichkeiten bemühen!"
Wer die Zusage der Firma will, daß sie sich angesichts von Ent-
lassungen um die B e s c h ä f t i g u n g ihrer Arbeiter be-
müht, der hat nicht nur mitgekriegt, daß w e g e n d e s
G e s c h ä f t s Arbeiter über die Klinge springen. Der
a k z e p t i e r t zudem, daß so einfach aus dem Geschäft her-
aus, das gerade läuft, Beschäftigung n i c h t zu verlangen
ist, sonst würde er ja vom Unternehmen gar nicht verlangen, daß
es sich extra, sozusagen zum normalen Geschäft dazu um die Be-
schäftigung der Mitarbeiter bekümmern sollte. Kurzum: er akzep-
tiert die vom Unternehmen beschlossenen Entlassungen. Er akzep-
tiert also auch, daß im Namen des Profits Leute über die Klinge
springen.
Das ist die eine Seite. Gleichzeitig aber fordert der Beschäfti-
gungsplan d a s g e r a d e G e g e n t e i l: nämlich den
Arbeitern dann ein Geschäft zu beschaffen, von dem sie wieder le-
ben können!
Weil w e g e n des Geschäfts die weitere Beschäftigung nicht
mehr möglich ist, soll m i t dem Geschäft neue Beschäftigung
her. Dieser Widersinn verdankt sich also schlicht der gewerk-
schaftlichen Begeisterung darüber, daß Unternehmer zum Wohle
ihres Geldbeutels mit Arbeitern ein Geschäft machen. Und diese
Begeisterung ist so total, daß man noch nicht einmal angesichts
von Entlassungen daran zweifeln mag, daß Geschäfte für Beschäfti-
gung gut sind. Man trägt lieber "notgedrungen" jede Umstrukturie-
rung und Sanierung im Namen des Geschäfts mit und weiß den Unter-
nehmern nur noch einen Vorwurf zu machen: Sie sollten sich doch
bitteschön, wenn sie schon entlassen müssen, anstrengen,
d a s s e l b e, nämlich Geschäfte, n o c h v i e l m e h r
zu machen - wegen der Arbeiter.
Ziemlich d u m m ist diese Optik hinaus auch noch, behauptet
sie doch, daß die w e g e n u n d f ü r das Geschäft über-
flüssig gemachten Arbeiter gleich wieder für ein neues Geschäft
gut wären, wenn die Kapitalisten nur wollten. Wie sollten Arbei-
ter, die als n ü t z l i c h e K o s t e n kalkuliert werden,
dann, wenn sich ihre Anwendung gerade als n i c h t rentierlich
erweist, im Namen derselben R e n t a b i l i t ä t wieder in
Arbeit und Brot kommen? Hätte es eine profitträchtige Verwendung
für sie gegeben, stünden sie ja gar nicht zur Entlassung an!
Der Beschäftigungsplan praktisch:
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Kein einziger Arbeitsplatz; dafür sind Entlassungen billiger zu
haben!
Auch in den schönfärberischen Worten der Gewerkschaft ist ein Be-
schäftigungsplan nicht dazu da, Entlassungen zu verhindern oder
auch nur zu verringern: Der 1. Bevollmächtigte der Nürnberger IG
Metall, Gerd Lobboda, sieht in Beschäftigungsplänen auch für an-
dere Betriebe "neue Wege, P e r s o n a l p r o b l e m e
o h n e E n t l a s s u n g e n zu lösen. Richtungweisend ist
dabei das Modell Grundig." (NN, 25.02.1988) Etwas deutlicher
heißt es in diesem richtungsweisenden Modell: "Personal a b b a u
ohne Entlassungen". Wie man sich das vorzustellen hat, zeigt ein
Blick auf jenes leuchtende Beispiel:
Ein Beschäftigungsplan nimmt erst einmal Bezug auf die Gesetzes-
vorschrift, daß dem ausgemusterten proletarischen Ausschuß der
Produktion für die erfahrene Unbill ein "Abstand" zu zahlen ist.
Wo früher Betriebsräte ihre Ehre darein legten, bei den minutiös
aufgelisteten Faktoren, aus denen sich der Anspruch auf Abfindung
errechnete, um die Bruchstellen hinter dem Komma zu feilschen,
heißt seit Grundig die Devise: "Sozialpläne schaffen keine Ar-
beitsplätze". Gemeint ist damit, daß angesichts der Aufgabenstel-
lung, sich um Beschäftigung zu bemühen, auch den Betriebsräten
die d e n L e u t e n zu zahlende Abfindung als
r a u s g e s c h m i s s e n e s G e l d erscheint. Statt es
den Leuten nachzuschmeißen, könnte man es doch besser für Be-
schäftigung ausgeben. Seither ist die Sozialplansumme
g e t e i l t: Der eine Teil, um dessen H ö h e sich niemand
mehr streiten mag, dient zur Erfüllung der leidigen Gesetzes-
pflicht, Entlassenen eine Abfindung zu zahlen. Die Menschen hei-
ßen dann nicht mehr Entlassene, sondern Sozialpläner, und sind
deswegen kein Problem mehr. Derjenige Teil des vom Betrieb unter
der Rubrik "Kosten der Entlassung" zur Verfügung gestellten
Geldes, das man sich bei den Abfindungen gespart hat, wird jetzt
zur Finanzierung des "Beschäftigungsplans" verwendet, der in den
Augen der Gewerkschaft sowas ähnliches wie ein Mini-Arbeitsamt in
der Fabrik ist. Bei Grundig tauchen die folgenden "beschäfti-
gungssichernden" Maßnahmen auf:
- "Innerbetriebliche Umsetzung": Im Zuge des Beschäftigungsplans
hat sich der Betriebsrat bei Grundig ausbedungen, daß keine neue
Stelle von einem Werksfremden besetzt werden darf, ohne daß vor-
her unter den Entlassungskandidaten Umschau gehalten wird, ob
nicht eine dafür taugliche Kraft darunter ist. Werkseigene Ar-
beitslose sind offenbar schlimmer als solche, die schon beim Ar-
beitsamt anstehen.
- "Weiterbildung": Irgendwelche Fortbildungsveranstaltungen macht
jeder Betrieb, sofern er sie braucht. Wenn solche Fortbildungs-
maßnahmen durch die abgezweigten Sozialplangelder und Zuschüsse
des Arbeitsamts praktisch nichts kosten, macht eine Firma sogar
Fortbildung, die sie nicht unbedingt braucht. Der famose, Be-
schäftigungsplan bewirkt also, daß mancher was Modernes lernen
darf. Ob er dann seine neuen Fertigkeiten im alten Betrieb auch
zur Anwendung bringen darf, steht freilich auf einem anderen
Blatt. Im einen Fall erspart man einem Arbeitslosen die Mühe der
Fabrikarbeit, im anderen Fall ist man selber ein gebildeter Ar-
beitsloser. Mit dem P e r s o n a l b e d a r f der Firma hat
das nichts zu tun.
- "Vorzeitiges Ausscheiden älterer Mitarbeiter": Das sozialplan-
übliche Abservieren der nicht mehr ganz Taufrischen kann man also
auch als Beitrag zur Beschäftigung umdeklarieren. Man ist wieder
ein paar Leute losgeworden, ohne daß sie an anderer Stelle als
Arbeitslose wieder auftauchen.
Ein Beschäftigungsplan schafft also keinen einzigen Arbeitsplatz.
Es ist die Umdefinition aller sozialplanüblichen Weisen der Ent-
lassung zu einem Bemühen um die Erhaltung der Belegschaft. Und
weil es um die Demonstration dieses Bemühens geht, wird die Ab-
schieberei ergänzt um einen - für den Betrieb kostenlosen - Qua-
lifikationszirkus, der zwar keinen einzigen Arbeitsplatz schafft,
wohl aber die Sortierung, wer von der Belegschaft bleiben darf,
kräftig belebt.
So weit, so billig. Daß "wir alle" damit "nicht zufrieden" sein
können, begreift aber selbst ein Betriebsrat, wenn er ohne zum
Taschenrechner greifen zu müssen an der Belegschaftszahl vor wie
nach Beschäftigungeplan feststellt, daß nichts geht. Ihn interes-
sieren deshalb auch die "beschäftigungpolitischen Arbeitskreise",
die der Beschäftigungsplan vorsieht, viel mehr.
Der Beschäftigungsplan ideologisch:
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Eine einzige Verpflichtung des Arbeitsinteresses auf den Profit
Wenn sich beim jetzigen Geschäft schon nichts schiebt, heißt die
Devise, dann muß man zusammen mit der Firmenleitung sich darum
bemühen, "langfristig" Beschäftigungsmöglichkeiten aufzutun.
Diese "Beschäftigungsmöglichkeiten" müssen natürlich zuallererst
G e s c h ä f t s m ö g l i c h k e i t e n sein. Also begeben
sich altgediente Betriebsräte "auf Neuland", indem sie mit der
Firmenleitung alle Geschäftsaktivitäten daraufhin durchgehen, ob
sich nicht da und da noch ein Profitchen machen ließe. Es werden
Kommissionen gegründet, die rausbringen sollen, wo sich Aufträge
an Land ziehen lassen, welche Produkte zukunftsträchtig sind usw.
Absurd die Vorstellung, daß das die Geschäftsleitung nicht auch
von allein tut. Dafür gibt es ja schließlich ganze wohlbezahlte
Abteilungen!
Ganz unnütz ist der Zirkus deshalb freilich nicht. Sowenig auch
nur ein einziger Arbeiter etwas davon hat: für den Betrieb und
die Gewerkschaft, die die Profitwirtschaft mitbestimmen will,
läßt sich so eine Beschäftigungs-Such-Kommisssion allemal aus-
schlachten. Bei der nächsten Entlassung steht dann nämlich ein
für alle mal fest: Weil alles versucht wurde, kann man mehr nicht
verlangen. Sogar Arbeitnehmervertreter haben ihren ganzen Grips
und ihre Phantasie angestrengt und auch nichts gefunden. Ja
dann...!
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