Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK ELEKTROINDUSTRIE - Von AEG bis Grundig
zurück
MUSS GRUNDIG DEUTSCH BLEIBEN?
Der Unternehmer Max Grundig will sein Lebenswerk verkaufen und
verlangt dafür eine runde Milliarde. Um in der Konkurrenz gegen
die Japaner zu bestehen, müßte er seinen Kapitalvorschuß dra-
stisch erhöhen, denn nur bedeutend höhere "Losgrößen" erlauben -
wie er sagt -, die Geräte so billig zu bauen, daß seine
"Marktüberschwemmung" die Japaner dann auf ihren Videorecorder-
Halden sitzen läßt.
Unternehmer, die sich Geschäfte in dieser Größenordnung leisten
können, sind dünn gesät - die nationale Konkurrenz (Siemens,
Bosch) winkt ab, diese Firmen haben genug mit der Durchrationali-
sierung ihrer eigenen Produktionen zu tun. Es sei denn, der Kauf-
preis verringert sich merklich...
Als Käufer tritt die französische Firma Thomson-Brandt auf: Sie
ist hoch verschuldet, hat aber die vollste Unterstützung des
französischen Staates, der die Milliarde sofort reinstecken will.
Die Vorstellung ist, den europäischen Markt für dieses Zeug voll-
ständig unter nationale Kontrolle zu bekommen. Der nationale Ehr-
geiz hat dabei keinen Prestige- oder Machtgewinn im Auge, sondern
den gewöhnlichen Gewinn; der soll sich nämlich gerade durch die
Monopolisierung auf einem als "zukunftsträchtig" erachteten
Markte einstellen.
In dem Moment steht fest, daß es sich nicht um einen gewöhnlichen
kapitalistischen Geschäftsverkehr handelt. Der deutsche Staat
fragt sich, ob er sich diesen "Preis" leisten will und kann, näm-
lich die Preisgabe dieses Geschäftszweigs an ausländische Verfü-
gung. Er kann zwar Max Grundig nicht zwingen, Eigentümer zu blei-
ben, aber an der Höhe des Kaufpreises kann er für die
d e u t s c h e Konkurrenz durch entsprechende Zuschüsse durch-
aus etwas ändern. Es steht fest, daß nach deutschem Kartellrecht
der Verkauf sowieso verboten ist und nur durch eine Ministerer-
laubnis bewerkstelligt werden kann.
Die französische Regierung gibt ihrer Hoffnung und ihrem dringen-
den Wunsch Ausdruck, daß Graf Lambsdorff diese Erlaubnis erteilen
wird. Der Graf will sich nicht weiter dazu äußern, sondern "die
näheren Umstände" erst prüfen. Die "näheren Umstände" sind di-
verse andere ökonomische Auseinandersetzungen mit dem französi-
schen Konkurrenten, in die nun dieses eventuelle "Zugeständnis "
als Verhandlungsmasse eingebracht wird.
Während der staatliche Nationalismus sehr handfeste Vor- und
Nachteile für die Weltgeltung deutscher Kapitalwucht auflistet,
genügt in der Öffentlichkeit als flankierende ideologische Begut-
achtung ein schlichtes "Grundig muß deutsch bleiben". Ökonomi-
scher "Realismus" geht darin dergestalt ein, daß sich niemand -
erst recht nicht die Gewerkschaften - davon einen Schutz der von
künftigen Rationalisierungen bedrohten Grundig-Arbeiter erwartet.
Vielmehr spitzt sich die Frage ausschließlich darauf zu, wer
diese Rationalisierungen durchführt: Einem ausländischen, ver-
schuldeten Staatskonzern kann man da allerhöchstens zutrauen, daß
er deutsche Arbeitsplätze auf Kosten französischer opfert. Diese
negativ ausgedrückte Unterstellung, einem Staat ginge es
"letztlich" um die Erhaltung der Arbeitsplätze, wird auf echt
bundesdeutsch für den eigenen Staat so gerettet, daß hierzulande
angeblich das Gegenteil passiere: Bei uns werden Rationalisierun-
gen von deutschen, profitablen Privatkapitalen durchgezogen. Da-
von hat ein deutscher Arbeiter dann den großen Vorteil, daß sein
Rausschmiß auf jeden Fall marktwirtschaftlich gerechtfertigt, un-
umgänglich und ganz im nationalen Interesse ist.
zurück