Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK CHEMIEINDUSTRIE - Von BASF bis Hoechst
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 14, 16.07.1980
Das neue Chemikaliengesetz
GERECHTER SCHMUTZ
Ob PVC-Werk, Bleihütte oder Pflanzenschutzmittelfabrik, es ist
kein Geheimnis, daß in der BRD tagtäglich die Gesundheit der
Leute auch um die chemischen Fabriken herum ruiniert wird. Ebenso
offensichtlich, daß diese Gesundheitsschäden Folge eines ganz
spezifischen Umgangs mit chemischen Stoffen sind. Und dieser Um-
gang ist alles andere als fahrlässig auch wenn mancher Idealist
das Gegenteil behauptet. Denn in der chemischen Industrie werden
wohlkalkuliert nach Kosten und Nutzen, notfalls mit noch jedem
chemischen Stoff Gewinne produziert. Das Problem, wie produziert
man auch mit gefährlichen Stoffen sicher, kennen die Chemiekapi-
talisten so gar nicht. Ihr einziges Problem ist, was ist teurer:
den Arbeitern eine Gefahrenzulage zahlen, den Schornstein 10 m
höher machen, den Reaktionskessel und ein paar Leitungen etwas
dichter, eine betriebsärztliche Kontrolle mehr pro Jahr einzufüh-
ren, einen Zuschuß zum kommunalen Hallenbad zu zahlen - oder von
allem ein bißchen. Und diese Rechnung, die für den Kapitalisten
lautet: kleine Kosten, großer Gewinn, sorgt mit tödlicher Sicher-
heit dafür, daß PVC, PCB HCH, und wie sie alle heißen, in Leber,
Niere und Lunge der Leute landen. Entweder direkt im Betrieb oder
über Konsumtionsmittel.
Wie im Bundestag erklärt wurde, gibt das neue Gesetz nun endlich
"die erforderlichen Eingriffsmöglichkeiten, um Gefahren abzuwen-
den, die von Stoffen und Zubereitungen drohen ... im Interesse
des Gesundheits-, Umwelt- und Arbeitsschutzes". Dem maßlosen
Treiben der Unternehmer muß also das rechte Maß gesetzt werden.
Das geht so, daß erst mal alle 50.000 bisher industriell verwen-
deten Chemikalien für unbedenklich erklärt werden, und nur die
ca. 300 pro Jahr neu dazukommenden Stoffe auf Kosten der Herstel-
ler (wenn das nicht gerecht ist!) registriert und geprüft werden
müssen. Da die Prüfung ohnehin nur die relative Gefährlichkeit
der Stoffe festlegt, ihre Kennzeichnung und Verpackung geregelt
wird, sowie die maximale Arbeitsplatzkonzentration festgelegt
wird, ist mit unumgänglichen Behinderungen der Produktion nicht
zu rechnen. So hat ja auch die Bedenklichkeitserklärung von einem
der 50.000, dem Vinylchlorid (VC), weder zur Einschränkung der
PVC-Produktion noch zum Ruin der betroffenen Betriebe geführt.
Das Gesetz ist trotzdem kein Witz, sondern der gerecht verteilte
und damit staatlich garantierte Schaden, den die Leute von der
chemischen Produktion auf kapitalistischer Grundlage haben. Oder,
wie es die Regierung sagt ein weiterer kleiner Fortschritt in
Richtung "mehr Lebensqualität".
*
Oce-van-der-Grinten-Preis vergeben
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Es ist schon erstaunlich, welche Verrenkungen sich Forscherhirne
antun, nur um die Verseuchung mit Chlorpestiziden, PCB, Schwerme-
tallen usw. nicht am Schornstein messen zu müssen. Da ist es
schon einfacher, von Holland bis zu den Alpen (!) alle 16 km (!)
Moose zu sammeln und mit modernen Analyseverfahren auf Dreck zu
untersuchen. Auf diese Weise "gelang es, die nachgewiesenen Um-
weltgifte lokalen Schadstoffquellen - etwa Industrieunternehmen -
zuzuordnen." Fürwahr ein überraschender Befund! Preiswürdig war
auch, daß "Vermutungen erhärtet wurden wie etwa die daß relativ
kleine Betriebe im Siegerland eine hohe Umweltbelastung erzeugen,
weil winzige Schwermetall-Partikel nicht ausreichend durch Luft-
bewegung verweht werden." Man ahnte es ja schon immer: die großen
Fabriken an Rhein und Ruhr blasen durch ihre Kamine reinsten Sau-
erstoff, und wenn mal etwas anderes mitkommt, wird es vom Winde
verweht. Gratulation zu diesem schönen Preis! (SZ v. 24.6.80)
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