Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK CHEMIEINDUSTRIE - Von BASF bis Hoechst
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Das "Lebensrisiko Chemie"
GIFT - EIN STAATLICH GESCHÜTZTER GESCHÄFTSARTIKEL
"Ein winziger Bruchteil der gigantischen Giftmengen, die an den
Ufern des Rheins produziert, umgeschlagen und gelagert werden"
(Spiegel 47/86), eine Lagerhalle voll E 605 und anderer hochgif-
tiger, quecksilberhaltiger Pfanzenschutzmittel ist kürzlich in
Basel in die Luft geflogen. Dabei sind diese allerfeinsten Ge-
schäftsartikel der Firma Sandoz, die "der Markt verlange", mit
dem Löschwasser in "eine stinkende, tiefbraune Brühe mit oft
ekelhaftem, süßlichem Geruch" (Rheingutachten 85) namens
"Trinkwasserquelle Rhein" geflossen. Seitdem darf die vergiftete
Menschheit sich darum sorgen, wie lange es wohl dauern wird, bis
der von ihr ausgemachte Hauptleidtragende der explodierten
"Zeitbombe Chemie", die hartgesottenen Atrazinaale und Giftas-
seln, das verseuchte Rheinwasser wieder saufen können. Toxikolo-
gen, staatliche Umweltschützer und "ein kritischer, ökologischer
Journalismus, den es kaum in einem anderen Land gibt", wälzen
seitdem u.a. das aparte Problem, wo "die Quecksilberdampfwolke
aus Basel" abgeblieben ist. Genauer gesagt fehlen SZ und Spiegel
in ihrer Unfallbilanz exakt "1,7 Tonnen von dem organischen
Quecksilberfungizid", das "zu chronischen Vergiftungen, zu Miß-
bildungen, Störungen der Immunabwehr, Schädigungen des Nervensy-
stems und in schweren Fällen zum Tode führt" (SZ-Lexikon, 20.
11.).
Über den grundsätzlich v e r t r ä g l i c h e n, weil
g e s e t z l i c h e r l a u b t e n Normalweg der Vergiftung
durch diesen ausgezeichneten Stoff haben sie unterdessen ihr Pu-
blikum ganz sachkundig mit Mikrogramm Fungizid pro Kilo Butter
und Liter Trinkwasser eingeführt nach dem Motto: "Aus deutschen
Landen frisch auf den Tisch". In dieser Schadstoffbilanz werden
sich wohl auch noch die 2 Tonnen unterbringen lassen, zumal
Quecksilber im Regen sicher gesünder ist als in der Nahrung. Bei
dem Brand in der Sandoz AG soll es sich dagegen um einen
"leichtfertigen Umgang mit Lebensgütern und Gesundheit" gehandelt
haben. Warum? Weil die demokratische Öffentlichkeit inzwischen
haarscharf ausgerechnet hat, daß glatt DM 145000 für Sprinkleran-
lagen und andere Brandschutzmaßnahmen ausgereicht hätten, um
"diese Art von Umweltkriminalität" (Kohl) auf "den hohen Sicher-
heitsstandard der deutschen Chemie" zu heben. Dank diesem ist
BASF zwei Wochen später die "völlig ungefährlichen Essigsäure-
rückstände" (so heißt das Krebsgift Dichlorphenoxyessigsäure,
wenn es aus deutschen Abwasserrohren sprudelt) aus ihrer gerade
nach Basel auf Hochtouren laufenden Herbizid- und Fungizidproduk-
tion losgeworden.
Kaum brennt eine gut versicherte Lagerhalle voller Gift ab, soll
das einem "verantwortungsbewußten Umgang" mit dem Gift
w i d e r s p r e c h e n, statt daß die interessierte Öffent-
lichkeit einmal zur Kenntnis nähme, wie hier in Unternehmen unse-
rer freiheitlichen Marktwirtschaft k a l k u l i e r t wird.
Die "Giftkatastrophe" rührt eben daher, daß Firmen wie BASF,
Hoechst oder Sandoz bei ihrem einträglichen Geschäft mit Chemie-
produkten streng auf die Kosten achten. Sie rechnen mit
Schadstoffkonzentration pro Kubikmeter, mit Kostenoptimierung für
"sicheren Betrieb und Lagerung, weil die Gewinnspannen den Rhein
runtergehen würden, wäre man allzu zimperlich. Und der Staat
sorgt mit großzügigen Belastbarkeitsdefinitionen, Störfallverord-
nungen etc. für den nötigen "wirtschaftsverträglichen Umwelt-
schutz"; die Kosten auf seiten der Betroffenen sind darin einkal-
kuliert. Nein, so mag es niemand sehen. Da mag der Sandoz-Vor-
stand noch so sehr betonen, daß das so kalkulierte Giftgeschäft
auch unter "dem umfassenden Schadenersatz" für 150000 Aale und 20
Lastwagen Frischwasser nicht leiden wird. Eher rechnet der
"kritische, ökologische Journalismus" die eingesparten Sprinkler-
anlagen gegen die versicherten 20 Millionen Mark Brand- und die
"ökologischen Spätschäden" auf (von denen er heute schon weiß,
daß der Rhein sie bezahlt) und zieht den gänzlich falschen
Schluß, daß sich hier etwas nicht gelohnt hätte. Dabei wäre auch
hier ziemlich leicht zu sehen, wie Unfälle in diesem Gewerbe
e i n k a l k u l i e r t sind: Man sucht sich eine Versiche-
rung, die das zu versichernde Risiko in einer Prämie beziffert,
und damit hat sich die Angelegenheit von der Kostenseite her, und
etwas anderes zählt in der Geschäftsbilanz nicht. Auch ein paar
Werbungskosten für das Image des Unternehmens sind bei einem or-
dentlichen Gewinn immer drin.
Die "kritischen Stimmen", die sich zu Wort melden, scheinen al-
lerdings bei ihrer Begutachtung von Geschäft und allgemeiner Ge-
sundheitsschädigung von einer Prämisse auszugehen: Profit und
"unsere Lebensgüter" müssen sich ganz einfach prächtig vertragen.
Diese kritischen Gifthüter und Wasserwächter übersetzen die
staatlich geschützten Geschäftskalkulationen "unserer Chemiefir-
men" in ein einzigartiges Programm "zur Verbesserung unserer Le-
bensbedingungen" mit "lebensrettendem Chloramphenicol... oder PVC
als Isoliermaterial für Stromkabel" (Spiegel 47/86), aus dem dank
"strenger Kontrolle", verbesserter Störfallverordnung, neuem Che-
mikaliengesetz und geänderten Grenzwerten "wirtschaftlich gesunde
Unternehmen" sowie ganz viel saubere Luft, Wasser und Gesundheit
gleichermaßen entspringen sollen. Und wenn mit den staatlichen
Auflagen die Kühlrohre bei BASF rosten und platzen wie gewohnt,
eine "Giftwelle" die andere jagt, dann haben "uns Seveso, Bhopal
und nun die Vergiftung des Rheins die Gefahren entschleiert, die
mit der chemischen Produktion verbunden sein können(!)." Das wird
von berufener Seite allerdings gleich dahin übersetzt, daß ein
"Leben ohne Chemie" nicht denkbar wäre. Damit ist nun allerdings
nicht die naturwissenachaftliche Kenntnis der chemischen Verbin-
dungen und deren Umwandlungen gemeint, sondern "unsere Chemie"-
Industrie, an der nicht nur "die Wirtschaft" hängt, sondern die
sie zum Teil selbst ausmacht. Daß die Bürger hierzulande von ihr
a b h ä n g e n, soll das Argument abgeben, daß man sie eben so
benötigt, wie sich der Gewinn für sie destilliert. Und mit dem
verbleibenden "Restrisiko" habe man zu leben, wenn man nicht auf
die "Segnungen" der deutschen oder internationalen Chemie ver-
zichten möchte. Das Niveau für eine Entscheidung ist hoch ange-
setzt: Marktwirtschaft - ja oder nein! Nun denn, wenn's darum
geht...
"Wir sollten aufwachen und überlegen, was wir da eigentlich pro-
duzieren. ... ob wirklich all die Hunderte von giftigen Substan-
zen gebraucht werden, zu deren Beherrschung immer neue Sicher-
heitseinrichtungen nötig wären." (Spiegel 47/86)
Dann sind diejenigen, die dem Geschäft als Lohnarbeiter und kon-
sumierende Zahler gleichermaßen dienen dürfen, endültig reif für
eine "neue Grundhaltung zur Chemie als Voraussetzung für eine
sanfte Chemie", weil sie mit ihrer Vorliebe für Preßspanplatten
und Hostalen das gelieferte Formaldehyd bzw. "die problematischen
Abfälle, die auf umweltverträgliche Weise nicht beseitigt werden
können" (Spiegel 47/86), gleich mitbestellt haben sollen. So als
wären die vielen "wir" alle gestandene Chemiker und Fabrikanten
und als wären Markt und Konkurrenz ungefähr das gleiche wie ein
Plan, den "wir" für das nächste Jahrzehnt in Bonn beschließen.
Gift - "ein Nebenprodukt"
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Die "Jünger Liebigs" sind wieder aufgefordert, den "Faktor Um-
weltrelevanz" gemäß dem Motto "Mehr Einfälle, weniger Abfälle" in
ihren Destillen zu entdecken. Auch wenn ihr ganzer berufsmäßiger
Erfindungsreichtum in Sachen 'Aus Scheiße ganz gezielt organi-
sches Gold für ihre Auftraggeber zu synthetisieren' erst die
zweckdienliche und gar nicht "lehrbuchmäßige" Unterscheidung in
Hauptprodukt und "Nebenprodukte, ohne wirtschaftliche Bedeutung"
in die Welt gesetzt hat und mit ihr die "Spuren an Dioxin" und
Chlorphenoxyessigsäure.
"Kaum eine Reaktion organischer Verbindungen verläuft nämlich
lehrbuchmäßig zu einem definierten Endprodukt. Abhängig von den
jeweiligen Reaktionsbedingungen entstehen vielmehr zahlreiche Ne-
benprodukte, die in Spuren im erzeugten Syntheseprodukt enthalten
sind. Sind diese Nebenprodukte ohne wirtschaftliche Bedeutung, so
bleiben sie unbeachtet, wenn sie nicht aus anderen Gründen stö-
rend auffallen." (Dioxin - durch die Hintertür in die Umwelt, in:
Mensch und Umwelt 5/85)
Was heißt hier eigentlich "nämlich"? Warum sollten ausgerechnet
die wirklichen Synthesen die Lehrbücher der organischen Chemie
blamieren, nur weil unsere Herren Chemiker die verschiedensten
Reaktionswege samt den dazu notwendigen Ausgangsstoffen und alle
gewußten End- und Nebenprodukte" auf ihre gar nicht chemischen
Vor- und Nachteile hin beurteilen? Für wen müssen eigentlich die
Einfach- und Doppelbindungen unbedingt zu DM 3500 reagieren und
sich deswegen jede "Synthesemöglichkeit" an den Preislisten für
Ausgangschemikalien und dem optimalen Verhältnis von Ausbeute und
Umsatz messen lassen? So daß sich die "problematischen Verunrei-
nigungen" einstellen, die kein Chemiebuch vorschreibt, und die
dafür um so feinsäuberlicher von den professionellen Giftmischern
in Haupt- und "Nebenprodukte" unterschieden werden, weil schließ-
lich Dioxin als Endstoff noch lange kein Grund ist, es auch "zu
beachten". Da müssen schon teure Katalysatoren in der Weiterreak-
tion vergiftet werden, bis der chemische Einfallsreichtum die
entsprechenden Verfahren gleich mitliefert, noch mit dem letzten
ppm Gift fertigzuwerden.
So sammeln sich mit der Produktion "verkaufsfähiger" Chemikalien
die "Nebenprodukte ohne wirtschäftliche Bedeutung", von denen
sich dann kostengünstig entsorgt wird. Was nicht unter die Grenz-
wertrichtlinien fällt, wird gleich hochdosiert auf Mülldeponien
geworfen und in die "natürlichen" Abwässerkanäle namens Rhein und
Main geleitet, die deswegen für "unsere Chemiefirmen" so unver-
gleichliche Standortvorteile bieten. Das übrige Dreckszeug wird
dann solange mit Brauch-, Meerwasser und Frischluft verdünnt, bis
die Schadstoffkonzentration Mikrogramm pro Kubikmeter auch noch
die "härtesten staatlichen Auflagen" erfüllt. Die betroffene
Menschheit darf sich dann diesen einfachen Sachverhalt
"umweltbewußt" vorbuchstabieren lassen als: "Unmerklich haben ei-
nige Produkte der Chemie begonnen, unsere Lebensgrundlage zu be-
lasten." (Spiegel 47/86) Und immer ein paar Jahre später hocken
wir dann auf "den Sünden der Vergangenheit", den "Altlasten", und
mancher Häuslebauer auf begrüntem Hexachlorcyclohexan, genauer
gesagt auf den Betaisomeren dieses Insektenvertilgungsmittels,
weil seine zu geringe Giftigkeit für ein Insektizid nur seinen
effizienteren Artverwandten unnötigerweise verdünnt hätte und
deshalb die Abtrennung und diese "Entsorgung" als Abfall nottat.
Geschäftsartikel Gift
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Und wo erklärtermaßen Gifte die Hauptgeschäftsartikel von BASF,
Hoechst und Bayer sind, weil sie ihren festen Platz in Lackiere-
reien und auf deutschen Äckern haben, eben die ganze kapitalisti-
sche Geschäftswelt nach solchen Arbeits- und Produktionsmitteln
verlangt, da darf und muß die arbeitende wie sonstige Menschheit
einfach umfassend mit den "Zeitbomben" in Berührung kommen. Was
auch wieder weniger an irgendwelchen chemischen Eigenschaften
liegt. Aber wieso sollten auch Automobilfirmen bei der Benutzung
von Lösungsmitteln und der Entsorgung von giftigen Stäuben und
Dämpfen an ihren "Arbeitsplätzen" weniger kostenbewußt kalkulie-
ren als ihre Klassenbrüder aus der Chemie. Warum auch sollten sie
unnütze Kosten für irgendeine Art von Reinigung veranschlagen, wo
die Lunge des Lohnarbeiters immer noch die billigste Filteranlage
ist. Und warum sollten die Herren Bananas und Chiquitas auf den
Rückfluß ihres wertvollen Kapitals verzichten, nur weil sich das
bißchen Fungizid einfach nicht abbauen will. Schließlich sollen
sich die Bananen versilbern und nicht die Gesundheit.
"Hochwirksam und wenig kostspielig" - so hieß schon immer der
Auftrag bei den Pflanzenschutzmitteln, den es mit deutschem For-
scher- und Entwicklergeist bei BASF und Co. zu befriedigen galt.
Das fiel schon 1944 für einen gewissen Entdecker Paul Müller mit
"nicht abbaubar" und exakt DDT zusammen, weil nicht einmal "die
Natur" in so langen Anwendungsyklen wie ein Müller rechnen kann,
damit effiziente, weil wirtschaftliche Insektizide herauskommen.
"Im Gegensatz zum Rotenon und den Pyrehtrinen, die ebenfalls
höchstwirksame Kontaktstoffe sind (und für den Menschen ungif-
tig), ist die vorliegende synthetische Substanz (das DDT) weitge-
hend stabil, und zwar sowohl gegen Licht wie gegen die biologi-
sche Oxydation. ... Die hohe Stabilität dieser Verbindungsgruppe
ermöglicht es, das DDT zuerst auch im Pflanzenschutz anzuwenden.
... Zum Schluß noch eine kurze Bemerkung. Pyrehtrin und Rotenon
sowie alle natürlichen Insektengifte werden, im Gegensatz zu den
gezeigten stabileren Kontaktinsektiziden, an Licht und auch durch
Oxydation in kurzer Zeit zerstört. Das will und muß die Natur so
tun, denn welche Katastrophe würde eintreten, wenn die natürli-
chen Insektengifte stabil wären?" (Paul Müller, 1944)
Statt dessen kam es zu den Entlausungskampagnen der Nachkriegs-
zeit mit DDT und den daraus gewonnenen Erkenntnissen, "daß die
a k u t e Giftigkeit für den Menschen sehr gering ist" (Fakten
zur Chemie-Diskussion), und 30 Jahre später zur "DDT-Katastro-
phe". Auch an der verdienen sich inzwischen die Sandoz und Ciba
Geigys dumm und dämlich. Wo nämlich der Abbau der Herbizide und
Insektizide nicht mehr dem Kapitalumschlag im Landbau folgen
kann, weil die Nachfolgesaaten an den DDTs und Fungizidkonzentra-
tionen zugrundewachsen, da
"könnte Ciba Geigy, Produzent des in Amerika auf Platz 2 liegen-
den Herbizids Atrex, seinen Absatz um jährlich 120 Mill. Dollar
steigern, wenn es den Forschern des Chemiemultis gelänge, resi-
stent gemachte Sojabohnen auf Feldern wachsen zu lassen, welche
im Jahr zuvor mit dem Herbizid behandelt worden sind." (Spiegel
48/85 )
Es gelang! Na denn, guten Appetit!
Und wie die neueste Reklame der chemischen Industrie, daß ihre
neuentwickelten Pflanzenschutzmittel wesentlich wirksamer seien
und man deswegen mengenmäßig weniger ausbringen müsse, Vertrauen
bei der Menschheit erzeugen soll, bleibt wirklich das Geheimnis
der leitenden Herren.
Katastrophen - kein Zufall
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Ab und an wird's bei diesem Geschäft für "den Menschen" gleich
"akuter". Dann nämlich, wenn Druck und Temperatur in den Durch-
laufkühlern "kritisch" werden und selbst der einzigartige Berst-
schutz jeder Produktionsanlage "ihre Wirtschaftlichkeit", nicht
mehr helfen kann, so daß die Olefinanlage "im Umkreis von 10 Ki-
lometern" durch die Fensterscheiben platzt.
"Tatsächlich gilt für die Chemie: Nur sichere Produktionsanlagen
sind auch wirtschaftliche Anlagen Weil Chemieproduktionen in der
Regel im Verbund arbeiten, führt eine Unterbrechung wegen des
Ausfalls auch nur eines Anlagenteils oft zum Stillstand der ge-
samten Produktion. Wirtschaftlichkeit setzt aber voraus, daß es
möglichst wenig Produktionsausfälle gibt. Sicherheitstechnik ist
für die Chemie deshalb keine zusätzliche oder aufgepfropfte Tech-
nik, sondern wesentlicher Bestandteil jeder wirtschaftlichen An-
lage." (Fakten zur Chemie-Diskussion 16)
Das wäre ja auch noch schöner, wenn jetzt schon die Kapitalisten
technische Sabotage an der Auslastung ihrer Leuten Anlagen be-
treiben und auf die ganzen schönen Sicherheitseinrichtungen für
den "Verbund" rund um die Uhr verzichten wollten. Und natürlich
produziert kein größeres Chemieunternehmen hierzulande mit Anla-
gen, bei denen es aus allen Ritzen pfeift. Dafür sind den Unter-
nehmen nun wirklich ihre guten Chemikalien zu wertvoll. Und warum
sollte ausgerechnet damit die Menschheit gegen genau die Wirkun-
gen ökonomischer Prozeßführung, die ständigen Leckagen, die klei-
nen und größeren "technischen Unfälle" bestens versichert sein?
Wofür und warum sind sie denn notwendig, die Meßfühler, "um kri-
tische Zustände zu signalisieren", die Sicherheitsventile und au-
tomatischen Notabschaltsysteme? Worin besteht sie denn, die Kunst
"industrieller Prozeßführung"? Doch genau darin, mit den
"Produktionskoordinaten Druck und Temperatur" ein wirtschaftti-
ches Verhältnis von Umsatz und Durchsatz einzustellen. Eine Reak-
tion, die z.B. bei 200 Grad Celsius "durchzugehen" droht und bei
230 Grad nicht mehr zu kontrollieren ist, wird eben nicht bei 160
Grad gefahren, weil bekanntlich der Umsatz exponentiell mit der
Temperatur ansteigt. Die Aufgabe besteht gerade darin, den
"sicheren Betrieb" ganz nahe an die "kritische Zone" hin zu
"optimieren", weil die so beschleunigte Reaktion sich in Mark und
Pfenig als erhöhter Durchsatz rechnet. Und wenn dann mal die Not-
kühlung nicht mehr reicht, dann gibt es ja noch die diversen Si-
cherheitsventile. So lassen sich im Betriebsalltag "Gasaustritte
nicht völlig vermeiden". Von "Pannen", geschweige denn "Unfällen"
kann deshalb natürlich keine Rede sein. Klar. Die finden erst so
richtig statt, wenn dank gelungener Optimierung von Durchsatz und
Umsatz das "Nebenprodukt" als Hauptprodukt Dioxin zum Schornstein
rausverpufft und "uns" wenigstens eine "Umweltkatastrophe", wenn
schon keine toten und verätzten Kinder beschert. Dann wird - mit
der gebotenen Eile, versteht sich, damit das Gröbste schon mal
den Rhein hinunter ist - das "europäische Früh- und Fernwarnsy-
stem der Wasserwirtschaft" eingeschaltet. Und zweitens kommen
Die staatliche Störfallverordnung und die Grenzwerte,
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genauer die- vorgeschriebenen "Gefahrenabwehrpläne" mit den ent-
sprechenden Ausnahmewerten für Emissionen und Immissionen jetzt
voll zu ihrem Recht weil zwecks "Beseitigung der Gefährdung" die
Steigerung der giftigen Ableitungen das einzig Richtige ist. Das
ist auch wiederum logisch. Schließlich sind die Normalwerte schon
nicht mit Gesundheit zu verwechseln, sondern nichts anderes als
die staatliche Festlegung des Ausmaßes erlaubter Vergiftung.
Streng nach dem Prinzip: Wo viel Gift anfällt, muß es auch abge-
blasen und abgelassen werden können. Und um so mehr kann der
Mensch in Wasser und Luft dann davon fressen, so die ganz einfa-
che staatliche Dosis/Verträglichkeitsrechnung. Welcher Staat kann
schließlich "die Verantwortung" dafür übernehmen, daß die Gesund-
heit seines "weltgröfßten Herstellers" BASF, also Nutznießers von
so "unverzichtbarem" Giftzeug wie Formaldehyd und ähnlichem, un-
ter "unerfüllbaren", weil zu kostspieligen Grenzwerten und Ver-
ordnungen Schaden leiden könnte. Diese unterliegen natürlich, wie
die MAK-Werte, mit denen festgelegt wird, wieviel giftige Dämpfe
Arbeitern an "ihren" Arbeitsplätzen zugemutet werden dürfen, ge-
wissen Konjunkturen. Schließlich versorgt der laufende Giftgroß-
versuch in bundesdeutschen Fabriken und auf bundesdeutschen Lan-
den eine ganze Heerschar wissenschaftlicher Büttel mit deo neue-
sten Erkenntnissen für die gesetzliche "Unbedenklichkeit" oder
"Gefährlichkeit" jedweder gesundheitsschädlicher Dämpfe und
Stoffe. Schließlich werden jedes Jahr ein paar Gifte
"verzichtbar", weil sie als Geschäftsmittel endgültig ausgedient
haben; zugleich werden andere gesünder, weil sie durch nichts zu
ersetzen sind. Und das will jährlich von neuem ganz exakt in Mil-
ligramm pro Kubikmeter eruiert sein.
Fazit: Der Kapitalismus ist Gift für die Gesundheit der Leute.
Der Staat schützt diesen Zustand mit Gewalt. Die darüber in der
demokratischen Öffentlichkeit geführten Debatten sind samt ihren
Heucheleien Gift für den Verstand.
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