Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK CHEMIEINDUSTRIE - Von BASF bis Hoechst
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 5, 12.12.1984
FORMALDEHYD - ALTES GIFT MIT NEUEM REIZ
Warum Formaldehyd, eine in ihrer Giftigkeit seit 100 Jahren be-
kannte, seit 80 Jahren in industrieller Massenproduktion herge-
stellte Substanz, ausgerechnet anno 1984 zu der Ehre kommt, zum
Testmaterial für Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit der Bun-
desregierung zu avancieren, bedarf wohl einer Erklärung. Daß die-
ses Gas, je höher die Konzentration in der Atemluft und je länger
die Einwirkung, desto nachhaltiger die Schleimhäute der Atemwege
reizt und zerstört und so deren Abwehrkräfte gegen andere Gift-
stoffe und Infektionen schwächt, ist nicht nur nichts Neues.
Diese Eigenschaft hat sich sogar schon in staatlichem Handeln
niedergeschlagen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz setzte
einen Wert der maximal zulässigen Arbeitsplatzkonzentration
(MAK-Wert) für Formaldehyd fest: 1 Teil auf eine Million Teile
Luft. Daß damit Schleimhautreizungen ausgeschlossen wären, ganz
zu schweigen von den massenhaften Hautallergien, die durch Form-
aldehyd ausgelöst werden, behauptet niemand - und ist auch nicht
bezweckt. Aber ein Grenzwert ist gesetzt, der entweder "nur kurz-
zeitig" oder nur unter Verwendung von Atemmasken überschritten
werden darf und so die Produktionskosten des Kapitals ebenso kal-
kulierbar macht wie das Gesundheitsrisiko der Arbeiter.
Mit diesen bekannten - und in Kauf genommenen - Wirkungen gab
sich jener fruchtbare Zweig der Krebsforschung der die Welt nach
- in feiner Abstufung - "krebserzeugenden", "krebsfördernden",
"krebsverdächtigen" Substanzen durchforscht, jedoch nicht zufrie-
den. Im Tierexperiment wurde 1980 in den USA festgestellt, daß
Ratten, die täglich einer hohen Formaldehydkonzentration ausge-
setzt sind, nach zwei Jahren, nachdem ihre Schleimhäute zerstört,
sie selbst vergiftet und weitgehend hinüber sind, auch noch
Krebsgeschwülste auf der Nasenschleimhaut entwickeln. Ob aus die-
sem Ergebnis der Schloß gezogen werden soll, Formaldehyd erzeuge
beim Menschen Krebs, ist seitdem Gegenstand eines munteren Wis-
senschaftspluralismus jener staatlichen, mit Naturwissenschaft-
lern bestückten Institutionen, die die schädlichen Wirkungen der
Vor-, End- und Abfallprodukte des kapitalistischen Produktions-
prozesses nicht nur ermitteln, sondern gleich auch noch unter dem
Aspekt der Verantwortung gegenüber Volkswirtschaft und Volksge-
sundheit beurteilen sollen: Bundesgesundheitsamt, Umweltbundes-
amt, Bundesanstalt für Arbeitsschutz, Deutsches Krebsforschungs-
institut Heidelberg etc. Bundesgesundheitsminister Geißler hat
bereits seine freudige Entscheidungsbereitschaft in der Frage:
krebserzeugend oder nicht? für die nächsten Monate angekündigt.
"Alkylierende Substanzen schlagen brutal zu" (1)
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Geißlers Frage ernstgenommen, könnte das jeder Chemiestudent im
3. Semester beantworten: Seit über 20 Jahren ist allgemein be-
kannt, daß alkylierend wirkende Substanzen, wenn sie in den Zell-
kern gelangen, durch Anlagerung von (CH2)x-Gruppen, die Erbinfor-
mationen in Richtung Krebswachstum verändern:
"1.2 Alkylierende Substanzen
Die zu dieser Gruppe gehörenden Stoffe haben in der Auswirkung
ähnliche Effekte wie die Radioisotope. Man hat sie deshalb auch
Radiomimetika genannt. Auch hier werden, allerdings nicht durch
Strahlung, sondern auf chemischem Wege die Zellteilungsvorgänge
gehemmt. Beispiele für eine Alkylierung werden in der Abb. 17.3
dargestellt. So lassen sich auch die Ausbildung von Mutationen
sowie Mißbildungen und die Entstehung von Tumoren bei Versuch-
stieren erklären." (2)
Bild ansehen
Abb. Beispiele für Alkylierungen"
Abb. 17.3 Beispiele für Alkylierungen von Nucleinsäure-Unterein-
heiten, die durch die Verknüpfung oder einfache Alkylierung
(damit Quaternisierung) funktionell beeinträchtigt werden.
Und Formaldehyd ist bezüglich Alkylierung eine der reaktivsten
Substanzen überhaupt. Ein wissenschaftliches U r t e i l über
Formaldehyd kommt also korrekterweise zu dem Ergebnis: Formalde-
hyd erzeugt Krebs - also Kontakt unbedingt vermeiden.
Doch unsere staatlich beauftragten Wissenschaftler sollen ja die
Krebsgefahr b e u r t e i l e n, - und das ist etwas ganz an-
deres: Die Verabschiedung von der Naturwissenschaft ist bereits
erfolgt, wenn in Versuchsreihen Ratten oder auch menschliche Ver-
suchskaninchen unterschiedlichen Konzentrationen von Formaldehyd
ausgesetzt werden. Denn
"bis hinunter zu den kleinsten täglichen Dosen liegen die Meß-
punkte auf einer Geraden, und dies erlaubt einen wichtigen
Schluß: Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß hinreichend kleine
Dosierungen keinen Krebs mehr erzeugen. Anders ausgedrückt: Es
gibt keine unterschwellige carcinogene Dosis." (3)
Aber chemische Reaktionsmechanismen interessieren eben nicht -
untersucht wird dagegen die Frage: ab welcher Verdünnung fallen
die durch das Gift erzeugten Krankheiten und Krebstoten für einen
anständigen Staat nicht mehr ins Gewicht.
Wenn eine Frau ihrem Ehemann die tödliche Menge E605 nicht auf
einmal, sondern portionsweise in den täglichen Frühstückskaffee
kippt, dann gilt das als besonders heimtückischer Mord. Wenn Wis-
senschaftler verschiedene Giftkonzentrationen testen und Politi-
ker einen MAK-Wert festlegen, so vermindern sie die Risiken der
modernen Industriegesellschaft.
Da dies keine Frage der Naturwissenschaft ist kann sich hier der
Streit der wissenschaftlichen M e i n u n g e n voll entfalten
- bis hin zu der Feststellung, eine Substanz sei erst dann als
krebserregend nachgewiesen, wenn sie im Tumor gefunden würde. Im
Fall des FA gottlob unmöglich, sind doch aus ihm lauter unschul-
dige CH2- oder CH3-Gruppen geworden.
(1) Süss R, et al
Krebs, Experimente und Denkmodelle, Berlin 1970, Seite 183
(2) Kuschinsky, G., Lüllmann. H.
Kurzes Lehrbuch der Pharmakologie und Toxikologie, Stuttgart
1981, Seite 365
(3) Süss, R. et al
Krebs, Experimente und Denkmodelle, Seite 37
***
Der feste Glaube an die freundlichen Absichten demokratischer Re-
gierungen findet selbst dort noch Belege, wo die Politik ihre
Rücksichtslosigkeit am deutlichsten zeigt, nämlich im Krieg:
"Ein drastisches Beispiel für die mangelnde Folgenabschätzung bei
Chemikalien lieferten schon die 'Entlaubungsaktionen' in Vietnam:
Kinder kamen mit schweren Mißbildungen zur Welt; US-Soldaten, die
mit dem Giftstoff ("Agent Orange") in Berührung gekommen waren,
laborieren noch immer an ihren Krankheiten." (Spiegel/84)
Ja, wenn sie es nur gewußt hätten, die Amis, daß da ein paar
Krüppel entstehen, oder sogar Leute krank werden können - noch
dazu eigene -, dann hätten sie diese W a f f e wohl nicht ein-
gesetzt, oder wie? Eine Kriegsmaßnahme, die darauf berechnet war,
ganze Landstriche ihrer Brauchbarkeit für die dortige Bevölkerung
zu berauben, wobei deren partielle Ausrottung und dauerhafte Rui-
nierung gerne in Kauf genommen wurde, diskutieren die kritischen
Geister der Republik als s c h l e c h t e U m w e l t-
p o l i t i k.
Wer ewig der Politik mit dem Vorwurf, sie wäre nicht erfolgreich
genug, in den Arsch kriecht, dem ist kein Zynismus gemein genug.
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