Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK CHEMIEINDUSTRIE - Von BASF bis Hoechst
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UNFÄLLE IN DER CHEMIEINDUSTRIE -
ALLES ANDERE ALS EIN ZUFALL
Schlagzeilen wie: "Alarm im Chemiewerk: Pulverfässer verpufft"
oder "Tote Aale, Quecksilber, Produktionsausfälle" lenken mit zu-
verlässiger Regelmäßigkeit die öffentliche Aufmerksamkeit auf die
chemische Industrie. Dabei wird mancher, der das Pech hat, allzu
nahe an einer Chemiefabrik zu wohnen, des öfteren gleich zu einer
ganz handfesten Aufmerksamkeit genötigt: "Bitte in den Häusern
bleiben und die Fenster schließen" tönt es dann aus den Poli-
zeilautsprechern. Aus "reiner Vorsorge" natürlich, wie es am
nächsten Tag in der Zeitung heißt: "Die Bevölkerung war nie ge-
fährdet". Ein paar verletzte Chemiearbeiter und ein paar Anwohner
mit verätzten Lungen fallen da gar nicht erst ins Gewicht.
Und wenn einmal eine Katastrophe größeren Ausmaßes passiert, wie
seinerzeit bei Sandoz oder bei Bayer-Uerdingen anfang des Jahres,
und der Rhein und sonst eine Umwelt ein paar Monate verseucht
sind, wird die öffentliche Berichterstattung noch regelmäßig um
die aufgeregt besorgte Frage ergänzt, ob denn die berühmten
"Sicherheitsstandards" in Chemiefabriken ausreichen. Oder ob
nicht gar ein "verantwortungsloser Umgang" mit den in solchen Fa-
briken üblichen Gift- und Explosivstoffen den Staatsanwalt auf
den Plan rufen muß, der die Schuldigen zur "Entschädigung" und
Bußgeld heranzieht.
Denn eins ist bei derlei öffentlicher Anteilnahme immer schon
klar: Kaum brennt eine gut versicherte Lagerhalle voller Gift ab
und verseucht einen Gutteil von Land und Leuten ringsum, liegt
das natürlich nie und nimmer am Chemiekapital und seinen
kostenbewußten Geschäftskalkulationen. Einen Zusammenhang zwi-
schen den weltweiten Geschäftserfolgen "unserer Wachstumsbranche
Chemie" und den regelmäßigen "Giftalarmen" bei Hüls, Bayer und Co
gibts doch nie im Leben! Wenn überhaupt, rafft sich der kritische
Zeitgenosse noch zu einer vollkommen konsequenzlosen Nörgelei
über allzu "rücksichtslose Geschäftsmethoden" auf. Der Unfall
selbst war sowieso "reiner Zufall" oder einer "Verkettung un-
glücklicher Umstände" geschuldet. Klar, V e r s t ö ß e gegen
die guten Geschäftssitten hierzulande gibt es schon mal zu bekla-
gen, bloß will man sich beileibe nicht g e g e n die "guten
Sitten" des Geschäftslebens aussprechen. Und die heißen noch al-
lemal, daß Unternehmer "kostenbewußt", "marktgerecht" und "ren-
tabel" zu produzieren haben. Alles andere wäre das reinste Gift
fürs Geschäftsleben, und wer will denn das schon!
Wo Gefährdung geschäftsmäßig produziert wird...
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Daß eine Kostenrechnung, wie sie noch jeder Kapitalist anstellt,
bei der chemischen Industrie zu allerhand Vergiftungs- und son-
stigen Verletzungsgefahren führt, liegt zunächst einmal schlicht
daran, daß die Chemiekapitalisten in der Wahl ihrer Geschäftsmit-
tel wahrlich nicht kleinlich sind. Noch jede mögliche chemische
Verbindung, die als Vor-, Zwischen- oder Hauptprodukt, als
Bestandteil oder Zusatz ihren Platz in der kapitalistischen Wa-
renwelt behauptet oder bekommen soll, wird verwendet, um das Ge-
schäft von Bayer und Co voranzubringen. Daß es dabei allerhand
giftige, brennbare, explosive Verbindungen zu verarbeiten gibt,
weil das Endprodukt z.B. der Schädlingsbekämpfung dienen soll und
deshalb giftige Eigenschaften aufweisen muß, oder weil das Zwi-
schenprodukt zufällig Dioxin heißt, ist der Chemieindustrie nicht
nur bekannt, sondern gerade recht. Gerechnet wird nämlich haar-
genau mit solchen Eigenschaften der verwendeten Stoffe, die für
einen kostengünstigen Durchsatz der Produktionsanlagen sorgen -
ob die dabei giftig oder explosiv sind, ist scheißegal. Gerechnet
wird ferner mit solchen Stoffen, die einen hohen Marktanteil
nicht nur deswegen erwarten lassen, weil sie günstig herzustellen
sind, sondern weil sie dem industriellen Nachfrager selbst wieder
als Geschäftsmittel dienen, die sich l o h n e n sollen. Bil-
lige und effektive Pflanzenschutzmittel wirken in einer ka-
pitalistischen Landwirtschaft in der Tat profitsteigernd. Und ein
billiges Zwischenprodukt hat noch manchem Waschmittelfabrikanten
zu gehörigen Extraprofiten verholfen, gleichgültig wie damit das
Grundwasser versaut wird. Die Erwägung, etwa wegen ihrer Gefähr-
lichkeit die Finger von solchen Sachen zu lassen, kommt unserer
kostenbewußten Wirtschaft nie in den Sinn. Es soll und muß ein
Geschäft draus werden und zwar ein möglichst großes, bevor sich
die Konkurrenz den errechneten Marktanteil wegschnappt, so lautet
die Devise. Also macht sich noch jedes Unternehmen an die Produk-
tion aller möglichen gefährlichen Stoffe, natürlich gleich in der
entsprechenden Größenordnung auf den Weltmarkt berechnet. Hoher
Produktausstoß bei geringstmöglichen Kostenaufwand sichert
schließlich satte Gewinne.
...wird SICHERHEIT großgeschrieben...
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Eins ist klar: wo noch jedem Chemietechniker bekannt ist, mit
welchen "potentiell gefährlichen Stoffen" (die meist "unter
besonderen Druck- und Temperaturbedingungen gehandhabt" werden
und "häufig giftig, ätzend, brennbar oder sogar explosiv" sind)
in Chemiefabriken herumgefuhrwerkt wird, darf die entsprechende
"Sicherheitsphilosophie" nicht fehlen:
"Nur sichere Produktionsanlagen sind auch wirtschaftliche Anla-
gen. Wirtschaftlichkeit setzt aber voraus, daß es möglichst wenig
Produktionsausfälle gibt. Sicherheitstechnik ist für die Chemie
deshalb keine zusätzliche oder aufgepfropfte Technik, sondern we-
sentlicher Bestandteil jeder wirtschaftlichen Anlage." (Fakten
zur Chemiediskussion 16)
Sehr gelungen, das Argument. Das wäre ja auch noch schöner, wenn
die Kapitalisten technische Sabotage an ihren teuren Anlagen be-
treiben und auf die entsprechenden Sicherheitseinrichtungen für
den "Verbund" rund um die Uhr verzichten wollten. Und natürlich
produziert kein Unternehmen hierzulande mit Anlagen, bei denen es
aus allen Ritzen pfeift.
Bloß, wer hat denn solche Produktionsanlagen eingerichtet, die
nur im "Verbund" arbeiten können, so daß "eine Unterbrechung we-
gen des Ausfalls auch nur eines kleinen Anlagenteils oft zum
Stillstand der gesamten Produktion führt"? Es sind doch allemal
die kapitalistischen Rentabilitätsberechnungen und Kosten-
kalkulationen, die den "Zwang" ausmachen, Chemieanlagen so aus-
zulegen, daß die Dampfkesselanlagen, Druckbehälter, Leitungssy-
steme und Lagerunganlagen "im Verbund" einen möglichst zeit- und
kostensparenden maximalen Produktionsausstoß garantieren. Und
wenn da was ausfällt, das wissen Chemiekapitalisten eben auch
ganz genau, dann steht nicht nur die ganze Produktion still, son-
dern möglicherweise gleich in Flammen. Da kann es denn schon mal
ein paar muntere explosive Kettenreaktionen geben, nur weil ein
Kessel zu heiß geworden ist. Da muß man natürlich schwer auf
Sicherheit achten, wenn man die Produktion kontinuierlich am Lau-
fen halten will.
Warum, so könnte man fragen, sind sie eigentlich notwendig, die
Meßfühler, um "kritische Zustände zu signalisieren", die Si-
cherheitsventile und "automatischen Notabschaltsysteme"? Warum
werden schon "im Planungsstadium" von Chemieanlagen
"Schwachstellenanalysen" durchgeführt, mit denen die "Folgen
duchgespielt werden, wenn an wichtigen Stellen der Anlage Meß-
geräte, Sicherheitseinrichtungen oder auch die Bedienmannschaft
versagen würden?" Ja wohl kaum deswegen, weil die Chemiekapita-
listen das Leben und die Gesundheit ihrer "lieben Mitarbeiter" so
überaus hochschätzen, daß sie keine Kosten scheuen, um sie vor
Gefährdungen zu bewahren.
Im Gegenteil:
...und haarklein berechnet
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Kapitalauslagen für Sicherheit sind nämlich zunächst mal alles
andere als l o h n e n d e Kosten. Mit ihnen läßt sich gerade
nicht der Produktionsausstoß gewinnträchtig erhöhen. Sie verteu-
ern umgekehrt die Produktion und schmälern den Gewinn. Eine
kostenkalkulierende Zurückhaltung beim Einbau von Filter-,
Sprinkler- und Entgiftungsanlagen ist also erste Kapitalisten-
pflicht. Wo allerdings die Sicherheit der Produktionsanlagen und
damit die Kapitalinvestitionen selbst dauernd auf dem Spiel ste-
hen, weil die Produktionsmethoden das Hochgehen eines Kessels bei
entsprechenden Druck- und Temperaturbedingungen "unvermeidlich"
machen, da sind Sicherheitsventile und Notabschaltungen durchaus
ihr Geld wert. Solche Kosten bestätigen eben nichts anderes als
den unbedingten Geschäftswillen, das Fahren gefährlicher Pro-
duktionsprozesse rentabel zu gewährleisten.
Und um so mehr, als es darauf ankommt, die Anlagen mit einem mög-
lichst hohen Produktionsausstoß zu fahren, weil sich so der Ka-
pitalvorschuß in sie erst richtig rentiert. Was liegt da näher,
als es sich zur lieben Gewohnheit werden zu lassen, einen "siche-
ren Betrieb" ganz nahe an die "kritische Zone" hin zu
"optimieren". Sprich: die gewünschte chemische Reaktion in großer
Menge unter möglichst hoher Temperatur vonstatten gehen zu las-
sen. Die so beschleunigte Reaktion rechnet sich schon in Mark und
Pfennig als erhöhter Durchsatz der Anlagen. Und zu dem Zweck
m ü s s e n "kritische Zustände" in den Anlagen exakt angezeigt
werden, die Sicherheitsventile und der ganze Kram immer hundert-
prozentig funktionieren. Ja, wenn diese "Schwachstellen" dann
wirklich schwach werden - was man bekanntlich nie ausschließen
kann - einschließlich der Bedienmannschaft, die während der
Schicht "pennt", dann war eben das "Schlimmere" nicht zu verhüten
gewesen. Die dann auftretenden "Folgen" sind dann jedenfalls
unübersehbar. Aber auf die kommt es gemäß der kapitalistischen
Grundrechnungsart auch nur sehr b e d i n g t an: wenn auf
diese Weise Produktionsausfälle überhand nehmen und die
Profitproduktion zum Stocken bringen. Deswegen und nur deswegen
sollen "Unfälle auf ein Minimum reduziert werden". Wieviel Tote
und Verletzte dies "Minimum" einschließt, darüber geben die jähr-
lich bekanntgemachten Statistiken verläßliche Auskunft.
Fazit: Warum also erklären Chemiekapitalisten das Betreiben ihrer
Anlagen zu einer einzigen S i c h e r h e i t s f r a g e? Den
Leuten wegen der eingestandenen Gefährlichkeit ihrer Fabriken et-
was zu e r s p a r e n, läßt das Geschäftsinteresse von vorn-
herein nicht zu. Sie können bei der Produktion gefährlicher
Stoffe den Hals gar nicht voll genug kriegen, wenn dabei ein
hübscher Überschuß in G e l d zu erwarten ist. Aber nach dem
Motto: Gefahr erkannt - Gefahr gebannt, erklären sie die Sicher-
heit ihrer Fabriken zur hauseigenen Angelegenheit, an der
schlechterdings niemand ein größeres Interesse haben kann als
ausgerechnet s i e, die geschäftlichen Nutznießer dieser se-
gensreichen Gefahrstoffe selbst. Die Menschheit kann sich dann
mit dem sog. "Restrisiko" abfinden, das quasi als N e b e n-
w i r k u n g des Chemiegeschäfts auf sie abfällt. Die
Chemiekapitalisten haben doch alles "Menschenmögliche" getan, um
Unfälle zu vermeiden. Wenn dann noch was passiert, ist es
"menschliches Versagen", was denn sonst!
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