Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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50 tote Bergleute x 100 Journalisten =
"DAS WUNDER VON STOLZENBACH"
Es wurde viel und heftig geglaubt dieser Tage, Wunder und andere
Gottesbeweise standen hoch im Kurs. Hartgesottene Reporter haben
stammelnd von ihrer tiefen Rührung berichtet, die abgebrühtesten
Kommentatoren ihre Statements kurzerhand in öffentliche Stoß- und
Dankgebete umfunktioniert. Jetzt heißt es, daß nüchtern nach den
Ursachen des Unglücks geforscht werden müsse. Damit hat man die
ganze Verlogenheit der Anteilnahme an armen Opfern und wundersam
Geretteten auch schon zusammen. Sie werden nach allen Regeln de-
mokratischer und öffentlich-rechtlicher Kunst ausgeschlachtet.
Was die Abteilung "Wunder" angeht, so ist es die überhaupt noch
ehrlichste Auskunft gewesen, daß die sechs Geretteten ihr Leben
einem puren Zufall verdanken. Wer das unbedingt und ernsthaft mit
dem Wirken einer höheren Hand verwechselt sehen will, der wird
dafür schon seine Gründe haben. Daß aber, mit oder ohne den lie-
ben Gott, die Rettung der sechs ein einziges und dazu noch unver-
schämtes Glück war, aus dieser Tatsache wird auf der anderen
Seite der Stoff für die Lüge verfertigt, daß der Tod der übrigen
50 eben schlicht und einfach Pech war. Vermeidbar-unvermeidbare
Fehler bei der Bergungsaktion hin oder her, das Unglück und alle
seine Folgen waren eine Sache von
Schicksal
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So soll man es sehen. Alle waren geschockt, betroffen und fas-
sungslos. Niemand hat es gewollt, niemand hat es vorhersehen kön-
nen, niemand hat es so geplant. Letzteres ist sogar richtig, aber
nur in einer und keineswegs schönen Hinsicht: Das unmittelbar
kriminelle Interesse an Arbeitermord, wie es ein türkischer Kum-
pel im Fernsehen zur Unterstreichung der allgemeinen Betroffen-
heit ausnahnsweise einmal anklagen durfte, gibt es wirklich nicht
- wozu auch. Tote Bergleute können keine Kohle mehr fördern, und
eine explodierte Grube nützt außer Gottes Geiern auch niemandem
mehr etwas. Die Sache verhält sich andersherum: Die nationale
Stromproduktion ist eine anspruchsvolle Aufgabe; und wenn schon
aus einem Braunkohlebergwerk "der billigste Strom in Deutschland
gewonnen werden kann, den es überhaupt gibt", dann braucht sich
über ungewollte Opfer niemand zu wundern.
Die Schuldfrage ist auch in einer anderen Hinsicht befriedigend
geklärt: Genaugenommen sind die Borkener Bergleute einer stati-
stischen Unmöglichkeit zum Opfer gefallen: "Eine Kohlenstaubex-
plosion in einem Braunkohlebergwerk hat es auf der ganzen Welt
noch nicht gegeben!" - so Unternehmenssprecher Kramer.
Mit dieser Klärung der Schicksalsfrage ist für die öffentliche
Stimmungsmache einerseits der Übergang in die ungemein aufregen-
den Intimitäten der Schicksals-Alternativen gemacht: Wer hat wie-
viel Glück gehabt, indem er z.B. wegen Zahnarzt die Schicht ge-
tauscht hat; wer wieviel Pech, indem er z.B. als Praktikant seine
allererste Schicht ausgerechnet am Unglückstag gefahren hat? Das
sind Fragen! Ihnen liegt zugrunde, daß das Unglück, wo es nun mal
passiert ist, sowieso unausweichlich war, und der ganze kleine
Rest nur mit dem jeweils persönlichen Horoskop zu erklären ist.
Andererseits ist damit erst recht der Übergang zur sog.
Ursachenforschung
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gemacht. Denn eines ist klar - wenn schon, dann liegen hier nur
Verfehlungen und kein Fehler vor. Hat nicht die Bergwerksleitung
zuwenig auf altes Grubenholz mit seinem gefährlichen Methan auf-
gepaßt? Hätte nicht das Oberbergamt Kassel rechtzeitig - wann ist
das eigentlich? - auf Kohlenstaubkonzentrations-Meldegeräten be-
stehen müssen? Hat vielleicht jemand verbotenerweise geraucht?
Das sind wieder Fragen! Sie landen immer wieder bei "dem Men-
schen" als einzig möglichem Risikofaktor. Sie sehen zielstrebig
davon ab, daß ein gewinnbringender Bergbau eine einzige Gefähr-
dung derjenigen ist, die in ihm ihr Geld verdienen müssen. Am Si-
cherheitsaufwand ist nämlich sehr genau abzulesen, daß und mit
welchen Unfällen gerechnet wird. So sorgt ein öffentlich hinrei-
chend spektakulärer Unglücksfall wie in Borken für ein bißchen
und sehr genau kanalisierte Aufregung, während das Normalmaß von
fünf Dutzend Toten pro Jahr im Ruhrbergbau ohnehin niemanden groß
mehr etwas angeht und so völlig in Ordnung geht. Die dürfen sogar
umgekehrt in den Trauerreden zu Borken als Kronzeugen dafür her-
halten, daß ein Bergbau ohne eine gewisse Todesrate nun einmal
nicht zu haben ist.
Die durch und durch verlogene Frage nach der "Ursache" will gar
keinen Grund für die Normalität des Unglücks im Bergbau kennen.
Sie steht auf dem Standpunkt, daß, aus gutem nationalen Grund der
Energieversorgung, ohnehin sein muß, was sein muß. Die toten und
die paar glücklich lebendigen Bergleute aus dem nordhessischen
Kohlerevier, das bis heute keiner kannte, sind die Gewährsleute
für diesen sehr irdisch-heiligen Zweck - "Wunder" als Zugabe fürs
Publikum. Die "Bild"-Zeitung hat diese deutschen Helden - Türken
inklusive, was für dieses Blatt durchaus ungewöhnlich ist - po-
stum gleich in einen nationalen Himmel eingehen lassen: "Sie
schwebten in Gondeln nach oben". Das haben sie sich nämlich red-
lich verdient durch ihren Dienst an Braunkohle und Vaterland.
Das Medienereignis
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Die Polizei hat an Fronleichnam den einschlägigen Katastrophen-
tourismus durch weiträumige Absperrungen des Unglücksortes im
Keim unterbunden. Nicht zuletzt, damit die öffentlich-rechtlichen
Medien vor Ort ihre Pflicht zur Grundversorgung jedes Bürgers mit
Sensationen erfüllen konnten. Zusammen mit der Unterhaltung wird
dem Publikum die richtige Stellung zum Ereignis - demokratisch,
engagiert, verantwortungsvoll - in aller Vielfalt nahe- und bei-
gebracht: "Mitgefühl für die Betroffenen, das Forschen nach Ursa-
chen - darauf fällt der Mensch zurück nach einer Katastrophe."
Deshalb fällt das ganze Pack am Tatort ein und dokumentiert die
Leiden der Angehörigen und die Freude der Überlebenden und deren
Anhang. So kriegt das ganze Volk das Gefühl vermittelt, es würde
sich mal wieder von allen um alles gekümmert.
Damit diese Botschaft von der totalen Verantwortlichkeit auch
wirklich ankommt, gehört zur Berichterstattung die Bestürzung
über die Taktlosigkeit der anderen Sensationsjournalisten. Keine
Reportage, die nicht die Rolle der Reporter problematisiert:
"Einige halten sich Decken vors Gesicht, um den Photographen zu
entgehen." Ein "alter Mann", als "Angehöriger" ausgewiesen, "ruft
voller Verzweiflung einem der Journalisten zu 'Schämen Sie sich
nicht?' berichtet ein Journalist, der mitgehört hat.
Aber wie der Zufall so spielt: Dieses Mal soll sich die Penetranz
der Medien gelohnt haben. Ein Kamerateam des Fernsehens war mit
einem Richtmikrophon zur Stelle und hat damit nach eigener Ein-
schätzung die sechs nachträglich Geborgenen ein bißchen mitgeret-
tet. Und noch ein Gutes: Ganz normale Arbeitsmänner, deren Exi-
stenz, gar Arbeits- und Lohnbedingungen einem demokratischen
Journalisten scheißegal sind, bekamen, bloß weil beinahe abge-
kratzt, einen Exklusivvertrag mit dem schnellsten Presseorgan und
die einmalige Chance, 25.000 Mark zu kassieren, um sie gleich
wieder wegzuspenden.
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50 tote Bergleute: 1 Wallmann = kostenlose AKW-Propaganda
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"Preußenelektra hat seinerzeit ein Kernkraftwerk in Borken er-
richten wollen, was auf den Widerstand der SPD-geführten Vorgän-
gerregierung gestoßen ist." Dem hessischen Ministerpräsidenten
assistiert der Kommentator im "liberalen Weltblatt" aus München:
"Nur soll niemand bei aller K r i t i k a n d e r
K e r n k r a f t vergessen, daß i n d e r K o h l e
v i e l e G e f a h r e n schlummern." Fragt sich bloß: Retten
jetzt die toten Bergleute den AKW-Bediensteten das Leben oder um-
gekehrt?
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Wallmann verspricht: Türken dürfen bleiben
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Borken - In den Familien der 16 toten türkischen Bergleute geht
Angst um: Müssen sie Deutschland verlassen? Noch dem
Ausländergesetz ist ihre Aufenthaltsgenehmigung vom Familienvater
abhängig. Stirbt er, können sie ausgewiesen werden
Bürgermeister Heßler (38) über die toten türkischen Mitbürger:
"Diese Männer haben ihr Leben für unseren Wohlstand geopfert."
Hessen Ministerpräsident Walter Wallmann (57, CDU) zu BILD:
"Selbsverständlich können die Familien, die hier leben wollen,
bei uns bleiben. Aber es ist eine sehr persönliche Entscheidung,
ob sie im Land leben wollen, wo ihr Vater begraben ist, oder bei
uns."
Deutsche Politiker sind enorm großzügig: Türken, die sich hier
nützlich machen, dürfen sich 1. hier auch aufhalten und 2. unter
Umständen sogar ihre Familie bei sich haben. Sofern das
Nützlichmachen wegen Tod des Familienvaters entfällt, ist
natürlich auch für die Familie jeder Grund für einen "Aufenthalt"
rechtmäßig entfallen. Deutsche Politiker können sogar noch
großzügiger sein: Wenn der Familienvater nicht einfach so
abkratzt, sondern dermaßen spektakulär im Namen seiner
Dienstleistung vor die Hunde gegangen ist; wenn es sich dabei um
erschütternde Schicksale und abgezählte 16 Fälle handelt, dann
können deutsche Politiker sogar Gnade vor (Ausländer-)Recht
ergehen lassen und beschenken die glücklichen Hinterbliebenen mit
einem Verzicht auf Abschiebung. Ausländer, die dermaßen
vorbildlich im Dienst am Reichtum der deutschen Nation gefallen
sind, verdienen ihrer Familie glatt den weiteren Aufenthalt in
Deutschland - ehrenhalber. Deutsche Politiker sind schließlich so
großzügig, daß sie sich auch noch extra in die Ausländerpsyche
hineindenken und von da mit der Botschaft zurückkehren, daß die
wahrscheinlich letztlich doch bloß in ihrem Ausland gut
aufgehoben sind. Wenn schon die Familie keinen Ernährer mehr hat,
hat sie da doch jedenfalls das Grab in der Nähe.
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