Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Die Unternehmer entdecken ihr Herz für die Zonis:
"KONZERNCHEF STARTET DDR-AKTION:
HOESCH BIETET ÜBERSIEDLERN ARBEIT UND WOHNUNGEN AN"
"Solidarität mit den Übersiedlern" soll jetzt bei der Hoesch AG
praktiziert werden. Daß eine kapitalistische Firma den DDR-
Flüchtlingen mir nichts dir nichts "unter die Arme greift" - da-
von kann natürlich keine Rede sein. Und für die "Image-Pflege"
geben Unternehmer zwar einiges Geld, aber nicht "Heim und Arbeit"
an 'Bedürftige' aus. Der Sinn der "DDR-Aktion" ist schlicht der:
Die Rübermacher sind ein gern gesehenes S o n d e r a n g e-
b o t auf dem hiesigen Arbeitsmarkt, das den Unternehmern wie
gerufen kommt und das sie ausnutzen wollen.
Wenn sich Unternehmer landauf landab über "Engpässe an qualifi-
zierten Fachkräften" beklagen (wie jetzt wieder Hoesch-Chef Roh-
wedder bei der Vorstellung seiner "DDR-Aktion"), dann "leiden"
sie mitnichten an "Personalmangel", weil "qualifizierte Fach-
kräfte" auf einem reichlich gefüllten Arbeitslosenmarkt (der
jetzt noch ein bißchen voller wird) partout nicht auffindbar wä-
ren. Nein, den Herren Fabrikbesitzern geht es vielmehr um die
Klarstellung, was für sie auf Grundlage dieses Marktes eine
"qualifizierte Fachkraft" heutzutage so zu bringen hat: sie hat
allen Anforderungen, die Hoesch und Co stellen, umstandslos ge-
recht zu werden: zu jeder Leistung bereit, in der Arbeitszeit to-
tal flexibel, mobil und richtig billig!
An den Zonis wird dieses Exempel statuiert. Sie stellen für die
g e s t i e g e n e n A n s p r ü c h e der Unternehmer an ihr
Arbeitermaterial ein willkommenes, leibhaftig umherlaufendes 'Be-
legmaterial' dar: sie sind die A n s p r u c h s l o s i g-
k e i t i n P e r s o n, jung, bestens ausgebildet und fangen
bei Null an - das, und nichts anderes schätzen die Unternehmer an
den Flüchtlingen! Man kennt das ja: 'Nehme jede Arbeit...' - und
schon gilt der bescheidene Lohn eines deutschen Normalverdieners
gleich als P r i v i l e g, als typisch westdeutsche
S o n d e r-Leistung, die sich die Unternehmen (bislang noch)
geleistet haben. Wenn ein Großbetrieb wie Hoesch seine "DDR-
Aktion" macht, ist diese Grußbotschaft an die eigene Belegschaft
unter dem Titel "Solidarität mit den Übersiedlern" immer mit
gemeint!
Und was das Wohnen betrifft: nebst Arbeit bietet Hoesch den Zo-
nis, die ja keine Wohnung haben, eine solche auf dem Werksgelände
an, auf dem sie antreten sollen: das Gelände rund um stillgelegte
Hochofenanlagen wird "nach leeren Werkshallen und anderen Gebäu-
den durchforstet, die nach dem Programm der Bundesregierung steu-
erbegünstigt von gewerblichem Raum in Wohnraum umgewandelt werden
können". Das ist eine billige und vom Staat mitfinanzierte Lö-
sung, die unschlagbare Vorteile aufweist: Arbeiten und wohnen un-
ter einem Dach, und eine Teil des Lohnes fließt gleich wieder als
Miete für die Baracke an den Arbeitgeber zurück. So sind die mit
Solidarität bedachten lieben DDR-Mitbürger bestens bedient: ein
Auffanglager mit freiem Durchgang zum Arbeitsplatz - und statt
dem Stasi paßt der Werksschutz auf, daß alles seine Ordnung hat.
"DDR-Aktion erregt die Gemüter der Stahlkocher"
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Leider nicht wegen der unverschämten Ansprüche an eine dem Be-
trieb genehme Arbeitskraft - ganz im Gegenteil:
"Das ist eine Instinktlosigkeit ohnegleichen gegenüber den bishe-
rigen Wohnungs- und Arbeitsplatzsuchenden ... Arbeit und Wohnung
nicht einseitig vergeben ... das könnte den Sozialneid schüren"
(Hoesch-Betriebsrat Wolf).
Das sind gerade die passenden Antworten auf die Unternehmeroffen-
sive:
"Arbeit und Wohnung nicht einseitig v e r g e b e n..."! Daß
Arbeitsplätze inklusive Werkswohnung eine einzige S o z i a l -
L e i s t u n g des Betriebs f ü r einen Arbeiter sind, und
nicht die Mittel, mit denen der Betrieb a u s der Leistung und
gleich noch den Wohnbedürfnissen von Arbeitern s e i n
G e s c h ä f t macht - das ist für den Betriebsrat eine
ausgemachte Sache. Ebenso ausgemacht ist es für ihn, dem Natio-
nalismus recht zu geben, der sich da zu Worte meldet. Was anderes
scheint ein deutscher Wertarbeiter nicht zu kennen, wenn ihm was
im Betrieb nicht paßt, nämlich daß daran andere Arbeiter schuld
sein müssen: und da firmieren dann auch schon mal Leute aus der
DDR als Kanacken. Es ist schon ziemlich billig vom Betriebsrat,
sich als Dämpfer solcher - dem Arbeiterwohl wirklich sehr
abträglicher - "Sozialneid"-Gesinnung aufzuführen, wo er sie
gerade bestätigt!
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