Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Zeitlohn auf der Lloyd-Werft
19.50 DM STUNDENLOHN - WOFÜR?
Auf der Lloyd-Werft erhalten alle Arbeiter, mit Ausnahme der Vor-
arbeiter und Meister, einen einheitlichen Stundenlohn von ca.
19.50 DM. Dieser Lohn wird aus dem Stundensatz der Lohngruppe 8
plus einem festen Akkordbestandteil von 38% auf den Ecklohn plus
den üblichen zwei Erschwerniszulagen errechnet. Bei Überstunden
kommt dann noch der Zuschlag hinzu. Und wofür kriegt man sie nun,
diese 19.50 DM ?
19.50 DM - für eine Arbeitsleistung nach Wunsch des Hauses
Mit dem Geldbetrag, den die Werft den Arbeitern pro Stunde zahlt,
hat sie sich das Recht erkauft, ihr Arbeitsvermögen eine Stunde
lang auszunutzen. W a s und w i e v i e l die Leute in dieser
Zeit zu leisten haben, das fällt ganz in die Entscheidung der
Werft. Die Arbeitsleistung pro Stunde und der Ertrag dieser Ar-
beit gehen den Arbeiter nichts an, bis auf die Kleinigkeit, daß
er es ist, der die Leistung erbringen muß. Er hat dadurch, daß er
Geld für Arbeitszeit bekommt, die Verfügung über sich an die
Werft a b g e t r e t e n.
So eine Zeitlohn-Vereinbarung ist also ein eigentümlicher Kauf-
vertrag. Auf anderen Feldern des Geschäftslebens jedenfall würde
so etwas sofort als sittenwidrig ins Auge springen: In welchem
Supermarkt kann man schon 19.50 DM auf den Tresen legen und an-
schließend selber bestimmen, wieviele Waren man dafür einpacken
darf? Beim Zeitlohn ist das genau der Witz: Die Werft zahlt 19.50
DM und legt dann ganz freihändig fest, wieviel Leistung sie dafür
nimmt. Mit dieser Bezahlung eines Stundenlohns für eine variable
Leistung eröffnet sie sich nämlich die Freiheit, die Lohnkosten
pro Reparaturautrag selbst zu b e s t i m m e n. An der Inten-
sität der Leistung, die die Werft verlangt, an der maschinellen
Ausstattung der Arbeitsaplätze, an denen diese Leistung erbracht
wird, entscheidet sich nämlich jetzt, wieviele Fertigungsstunden
pro Auftrag gebraucht werden, also bezahlt werden müssen. Wenn
die Werft für eine Queen-Reparatur z.B. 2o.ooo Fertigungsstunden
veranschlagt, dann ist das keine P r o g n o s e, wieviel Zeit
die Arbeit die Leute kosten wird. E r l ä ß t vielmehr, daß die
Auftragsabwicklung in 20.000 Stunden vonstatten zu gehen h a t
und setzt das durch, indem sie jedem einzelnen Arbeiter das Pen-
sum d i k t i e r t.
6 x 19.50 oder 12 x 19.50 -
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für eine Arbeitszeit nach Wunsch des Hauses
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Mit der Gleichung, daß 1 Stundenlohn den Arbeiter 1 Stunde lang
verfügbar macht, eröffnet sich die Werft eine weitere Freiheit:
Mit der Zahlung von 5, 10 oder 15 Stundenlöhnen erkauft sie sich
das Recht, die Arbeitskraft 5, 10 oder 15 Stunden am Tag mit Be-
schlag zu belegen. Damit ist die Zeit, die ein Arbeiter noch für
sich hat, ganz auf ein Abfallprodukt der betrieblichen Arbeits-
zeitkalkulation heruntergebracht. Dasselbe am Lohn ausgedrückt:
Wieviele Stundenlöhne ein Mann nach Hause trägt, hängt davon ab,
wieviele Arbeitsstunden die Werft pro Monat abzurufen beliebt.
Der Lebensunterhalt eines Arbeiters hat sich nach dieser Decke zu
strecken - auch wenn er das noch nicht mal durch Einteilen in der
Hand hat, weil die Mietkosten auch bei Kurzarbeit nicht weniger
werden.
Die Werft erlaubt sich mit dieser Behandlung der Lebenszeit und
des Lebensunterhalts ihrer Belegschaft allerhand: Sie bestimmt
mit dem Stundenlohn nicht nur die Lohnkosten pro Leistungsquan-
tum. Es liegt auch in ihrer Hand, die Dauer der Auftragsabwick-
lung und die dafür erforderliche Beschäftigtenzahl zu bestimmen.
Wenn die Lloyd-Werft mit der Kürze der Reparaturzeiten in die
Konkurrenz um Aufträge einsteigt - und so etwas ködert Reeder,
weil sie während der Stillstandszeit nicht gewinnbringend ver-
chartern können - dann hat sie ganz nebenbei mitbeschlossen, daß
ihre Leute mal wieder eine 8o-Stundenwoche geboten kriegen. Ob
das geht ist dabei keine Frage: Die Lohntabelle sagt der Werft,
wieviele Stunden zum normalen Lohn und welche mit Überstundenzu-
schlag zu haben sind.
Reparaturbetrieb - ein Risikogeschäft ?
Daß bei einem Reparaturbetrieb immer einmal unvorhergesehene Hin-
dernisse auftreten können, wissen die Werftmanager bei jeder
knappen Terminvereinbarung. Daß sie mit dem Zeitlohn d a s In-
strument haben, dieses Geschäftsrisiko auf die Arbeiter abzuwäl-
zen, wissen sie auch: Wo immer ein Arbeitsabschnitt sich nicht in
der geplanten Zeit fertigstellen läßt, müssen eben die Leute ran.
Mit noch mehr Leistung und noch mehr Wochenendarbeit. Denn ist
ein Arbeiter nicht in jeder Hinsicht dehnbar wie ein Gummiband ?
Offenbar ja. Die dauernden Erfolgsmeldungen der Werft, sie habe
mal wieder ein Schiff trotz knapper Terminplanung und zusätzlich
auftretender Schwierigkeiten fristgerecht abgeliefert, zeigen je-
denfalls eines: Dieser Betrieb hat den Test auf das Durch-
haltevermögen jedes Arbeiters erfolgreich zum A r b e i t s-
a l l t a g gemacht.
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