Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Verkleinerte Stammbelegschaft - Überstunden satt
EIN WIDERSPRUCH?
Hartnäckig hält sich in gewerkschaftlich geschulten Köpfen das
Gerücht, der Betrieb sei so etwas wie ein Topf voller
Arbeitsstunden. Und diese Arbeitsstunden könnten zur Aufstockung
der Stammbelegschaft benutzt werden, wenn nicht dauernde
Überstunden, Leiharbeit usw. das verhinderten. Fragt sich bloß,
warum die Werft sich dieser Argumentation partout nicht abschlie-
ßen will.
Offenbar folgen die Geschäftskalkulationen einem anderen Ge-
sichtspunkt: Wie lassen sich mit einer verkleinerten Stammbeleg-
schaft alle Auftragsschwankungen des Werftgeschäfts nach oben und
unten so abwickeln, daß sich der Gewinn einstellt?
Der "Bedarf an Arbeitsstunden", den die Werft dabei anmeldet, er-
gibt sich aus ihrer Kalkulation, wie die Lohnsumme pro Auftrag
auszusehen hat. Und mit dieser Festlegung ist auch schon ent-
schieden, wieviel Leistung pro Mann einzutreiben ist und wielange
die Belegschaft anzutreten hat.
1. Überstunden
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Eines gilt auf der Werft als absolut selbstverständlich: Bei
gleichzeitig verringerter Mannschaft ist die Dauer der Arbeits-
zeit pro Mann nach Belieben ausdehnbar und abrufbar. Ob Überstun-
den, Wochenend- oder Schichtarbeit, das "Arbeitszeitkontingent"
der Belegschaft bringt jeweils die vom Betrieb gewünschten Ferti-
gungsstunden. So spart sich die Werft lästige Kosten bei
Neueinstellung, Einarbeitung, Urlaubsansprüchen und Kündigung.
2. Werftarbeiterpool
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In Spitzenzeiten des Werftgeschäfts, wenn kurzfristige Aufträge
schnell abzuwickeln sind und selbst die volle Auslastung der Be-
legschaft nicht genügend Fertigungsstunden hergibt, wird die
Stammbelegschaft kurzerhand vergrößert. Dazu braucht die Werft
zunächst keinen einzigen Einstellungsvertrag zu unterschreiben.
Per Betriebsvereinbarung im Werftenverbund garantieren sich die
Werften nämlich wechselseitig einen Zugriff auf Teile der Beleg-
schaften, sprich den Austausch von Arbeitern. Da rücken halt bei
Bedarf Vulkanesen auf der Lloyd-Werft an und haben die anfallen-
den Arbeiten zu erledigen. Dabei ist selbstverständlich unter-
stellt, daß dieser flexible Arbeitsdienst die entsprechende Qua-
lifikation als Gratisgabe mitliefert, so daß zusätzliche Anlern-
und Einarbeitungszeit entfällt. So betrachtet die Lloyd-Werft im
Prinzip alle Arbeiter aus dem Werftenverbund als für sie verfüg-
bare Stammbelegschaft.
3. Zeitarbeit und Leiharbeit
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Gibt der Werftarbeiterpool einmal nicht genügend Arbeitskräfte
her, weil auch die Vulkanesen z.B. voll ausgelastet sind, werden
zusätzliche Kräfte für einen Reparaturauftrag Marke Queen benö-
tigt, dann greift die Werft auf Leihfirmen zurück und/oder nimmt
Neueinstellungen per Zeitvertrag vor. Auch dies eine Tour, die
Mannschaft im Bedarfsfalle zu vergößern, aber ohne die Stammbe-
legschaft auszudehnen. Denn Leiharbeiter werden nach der Fertig-
stellung der Auftragsarbeit an den für sie zuständigen Arbeitge-
ber, die Leihfirma, zurückgeschickt. Und die Arbeiter, die per
Zeitvertrag angeheuert werden, hat man ja mit ihrer Einstellung
ihre Kündigung gleich mitunterschreiben lassen. Daß die Lebens-
haltungskosten eines Arbeiters nicht zeitlich befristet anfallen,
ist dabei nicht maßgeblich. Das Kapital zahlt eben nur für die
Dauer der Benutzung und keine Minute länger.
Und die Betriebsräte?
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So ganz scheinen sie an ihren Arbeitstopf, der lauter Neueinstel-
lungen ermöglichen würde, selber nicht zu glauben. Denn keine der
genannten Kalkulationen des Betriebes mit ihrer Belegschaft läuft
ohne sie, aber alle mit ihnen. Es wird doch keine Überstunde im
Betrieb geleistet ohne den Segen des Betriebsrats, die Zeitver-
träge gehen über seinen Tisch usw. Da leuchet dem Betriebsrat
eben an jeder Stelle der Sachzwang ein, daß dem Betrieb eine Ver-
größerung der Stammbelegschaft nicht zugemutet werden kann. Nein,
Überstunden müssen sein, schon der Beschäftigung wegen!
Das hindert die Gewerkschafter allerdings nicht daran, daneben
und im Widerspruch zu ihrer eigenen Praxis, weiterhin das Gegen-
teil zu behaupten: Bei Massenarbeitslosigkeit Überstunden zu ver-
fahren sei widersinnig. Offenbar legen Gewerkschafter großen Wert
darauf, daß über der Praxis des Kapitals der gute Glaube nicht
verloren geht, eigentlich sei Kapitalismus mit einer vernünftigen
Arbeitsverteilung bestens vereinbar, die jedermann in Lohn und
Brot bringt und allen Überarbeit erspart.
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