Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Zu den Sozialplanvereinbarungen auf dem Bremer Vulkan:
EIN ECHTER KOMPROMISS ZWISCHEN WERFTINTERESSE UND WERFTINTERESSE!
Der "Interessensausgleich", der von der Geschäftsleitung und Ge-
werkschaft zur Abwicklung der auf dem Vulkan geplanten Ent-
lassungen ausgehandelt wurde, kann nach Auffassung der IG Metall
als voller Erfolg gelten. Denn
"der Kapazitätsabbau wird grundsätzlich nur durch die 55er-Rege-
lung und durch Umschulungen resp. Versetzungen realisiert."
(Interessensausgleich)
Und deshalb kann eigentlich von Entlassungen gar nicht die Rede
sein, meint die Gewerkschaft. Denn ist es nicht eine tolle Sache,
wenn die Über-55jährigen endlich "raus können aus der Mühle"
(Bettelhäuser)? Sehr interessant: Immer wenn die Betriebsleitung
Leute l o s w e r d e n will, dann fällt Gewerkschaftern ein,
daß deren Arbeitsplätze auf der Werft s o w i e s o die reinste
Z u m u t u n g sind. Also dürfen sie sich glücklich schätzen,
in Frührente gehen zu können. Daß sie das mit Lohneinbußen zu be-
zahlen haben, versteht sich da von selbst. Denn ist es in dieser
Republik nicht sowieso normal, daß man als Rentner noch nicht mal
mehr auf einen Lohn Anspruch hat? Na bitte, daran können die 55er
sich jetzt schon mal gewöhnen. Und das sogar mit 90% ihres alten
Nettolohns, bei dessen Berechnung "natürlich" die 37,5-Stundenwo-
che zugrundegelegt wird. Daß Überstunden auf der Werft zur Norma-
lität gehören, daß das Überstundengeld von den Leuten zur Be-
streitung ihrer normalen Ausgaben verplant ist, fällt dabei unter
den Tisch. Wenn es darum geht, Leute billig abzufinden, dann
fällt dem Betriebsrat plötzlich genauso wie der Geschäftsleitung
ein, daß der Normalarbeitstag 7,... Stunden beträgt.
D i e s e l b e n Arbeitsplätze, die bei den 55-jährigen jetzt
neuerdings "K n o c h e n m ü h l e" heißen, sind bei all
denen, die n i c h t gehen sollen ein e r h a l t e n s w e r-
t e s G u t. Die verbleibende Belegschaft darf also erst recht
dankbar sein. Und das hohe Gut Arbeitsplatz hat seinem "Besitzer"
natürlich auch einen P r e i s auf der L o h n s e i t e wert
zu sein. Also sieht der "Interessensausgleich" für den Fall von
Umsetzungen gleich die passenden Modalitäten fürs Lohnkürzen vor:
"Soweit eine Versetzung oder Änderungskündigung erfolgt, die mit
Verdienstminderung für den Arbeitnehmer verbunden ist, wird für
die Dauer von einem Jahr die Differenz zwischen dem bisherigen
und dem neuen Effektiv-Verdienst gezahlt. Er erhält
in den folgenden 6 Monaten 80%
in den folgenden 6 Monaten 60%
in den folgenden 6 Monaten 40%
in den folgenden 6 Monaten 20%
der so ermittelten Differenz. Während dieses Zeitraums werden ta-
rifliche Entgelterhöhungen auf der Basis der neuen Entgeltgruppe
berücksichtigt." (Interessensausgleich)
Dieses Produkt hat den Namen "Interessens a u s g l e i c h"
wirklich verdient! Das Unternehmen zieht mit betriebsrätlichem
Segen sein Interesse an Senkung der Lohnkosten durch und die Ar-
beiter kriegen sogar Gelegenheit, sich an die Folgen für ihr Ein-
kommen schrittweise zu gewöhnen.
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Zur Veranstaltung
"Werftenfusion - Zukunftskonzept oder Notnagel?"
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Ein Stimmungsbericht
Vergangenen Dienstag hatten sich Betriebsrats-Vertreter der Bre-
mer und Bremerhavener Werften und IG Metall-Seegebade im Colum-
buscenter (Bremerhaven) zur Podiumsdiskussion versammelt. Die
Fragestellung: "Die Werftenfusion - Zukunftskonzept oder Notna-
gel?" Anwesend ca. 100 Zuhörer. Auf die vom GRÜNEN-Moderator
vorgetragene Problemstellung hatten die anwesenden Arbeiterver-
treter sinngemäß folgende Antworten zu bieten:
Seegebade, IG Metall: Ich sage, das Fusionskonzept ist ein Notna-
gel für die nächsten 2 Jahre. Der Schiffbau ist weltweit in der
Krise. Personalabbau ist doch keine Zukunftsstrategie. Wir brau-
chen Diversifikation.
Bettelhäuser, Vulkan-Betriebsrat: Wir brauchen den Schiffbau, wir
sind schließlich eine Exportnation. Aber dieses Konzept ist kei-
nes. Denn es werden immer neue Betriebsteile aufgegeben. Auf dem
Vulkan will man z.B. die Entzunderung dicht machen und als Auf-
trag an ein Unternehmen auf dem AG Weser-Gelände vergeben. So
wird die Werft immer mehr ausgeblutet.
Lloyd-Betriebsrat: Wir verlangen seit Jahren ein 3. Dock, aber
nichts passiert. Dabei gibt es mit 2 Docks immer wieder Engpässe.
SUAG-Betriebsrat: Wir brauchen die Fusion nicht, unser Betrieb
macht Gewinne. Und jetzt sollen wir für die Verluste der Seebeck-
Werft haftbar gemacht werden.
Seebeck-Gewerkschafter aus dem Publikum: Kollege, wir von Seebeck
verstehen Euch, Ihr braucht die Fusion nicht. Aber es muß doch
auch eine Lösung für Seebeck geben. Ich befürchte die Spaltung
der Belegschaften.
Weitere Einlassungen des Podiums im Verlauf der Diskussion:
Den Werften fehlt es an Subventionen. Auswärts wird viel zu viel
subventioniert. Den Werften fehlt es an schiffbaufremden Stand-
beinen. Wir Gewerkschaften haben Alternativkonzepte entwickelt,
aber auf uns hört man nicht. Wir brauchen mehr Mitbestimmung. Die
Koreaner machen uns mit Billiglöhnen kaputt. Die Unternehmer ver-
schieben die Gewinne ins Ausland. usw. usf.
Unser Kommentar:
Die Herren Arbeitervertreter wälzen nichts als Geschäftsleitungs-
probleme. Sie zerbrechen sich den Kopf, wie man die Konkur-
renzfähigkeit der Werft dauerhaft sichern kann, wie man der Kon-
kurrenz Marktanteile abjagen kann etc.
Was das Fusionskonzept für die Arbeiter heißt, interessiert nur
unter einem Gesichtspunkt: Opfer sind gebont, aber bezweifelt
wird, ob die Entlassungen und Rationalisierungsmaßnahmen wirklich
den Erfolg der Unternehmer garantieren. Müßte da nicht m e h r
getan werden, heißt die spannende Frage.
Mit Einwänden dieser Art konnte man sich bei den anwesenden Ar-
beitervertretern natürlich nicht beliebt machen. Stattdessen er-
tönte aus grünem Mund folgender Vorwurf: "Die MG kippt das Thema
der Veranstaltung. Sie macht mit abstrakten Sprüchen die konkrete
Betroffenheit auf dem Podium nieder."
Unser Fazit:
Recht hat er, der Mann von den GRÜNEN. Die Frage, was die Vorha-
ben des Werftverbundes den A r b e i t e r n an Lohn und Lei-
stung bescheren, ist bei Gewerkschaftern eine Themaverfehlung.
D i e fragen sich nämlich, was die Entlassungen und
Rationalisierungsmaßnahmen den W e r f t e n für ihre Durchset-
zung in der Konkurrenz bringen. "Abstrakt" finden sie
E i n w ä n d e gegen den Umgang der Unternehmen mit ihrer
B e l e g s c h a f t, weil ihre "konkrete Betroffenheit"
d i e s e m Problem gilt. Bei solchen Sorgen kann das Interesse
eines Arbeiters an seinem Lohn wirklich nur stören!
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