Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Neues Ausrüstungszentrum auf der Seebeckwerft:
ZEIT IST GELD - FÜR DIE WERFT
Auf der Seebeckwerft soll noch in diesem Jahr ein neues Ausrü-
stungszentrum gebaut werden. In diesem Zentrum werden alle Aus-
rüstungsgewerke unter einem Dach zusammengefaßt, so daß ein
großer Teil der bisher notwendigen Wegezeiten entfällt. Außerdem
werden in dem neuen Gebäude ein Zentrallager für alle
Ausrüstungsmaterialien sowie ein Bereitstellungsterminal mit den
fertigen Einbauteilen für die Bordmontage untergebracht, wodurch
weitere Wege-, Warte- und Transportzeiten eingespart werden kön-
nen. Insgesamt also lauter Maßnahmen, die die Arbeitszeit pro
Schiff erheblich reduzieren. Daß den Arbeitern deswegen die Ar-
beit erleichtert oder ihre Arbeitszeit verkürzt wird, ist nicht
vorgesehen. Dagegen steht die Rechnung von Seebeck:
Kürzere Wegezeiten = neue Vorgabezeiten
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1. Die Verkürzung der Wege- und Wartezeiten soll dazu führen, daß
jedes Schiff s c h n e l l e r ausgerüstet wird. Termine sind
schließlich ein Konkurrenzmittel im Werftgeschäft, weshalb sich
die Verkürzung der Produktionszeit pro Schiff immer lohnt. Also
haben die Arbeiter pro Arbeitstag mehr Produkt abzuliefern. Wenn
das Schiff fertig ist, bekommen die Arbeiter dann keineswegs von
der Werft einen längeren bezahlten Urlaub zugestanden. Hat die
Werft einen neuen Auftrag, geht dasselbe von vorne los, wenn
nicht, werden die Arbeiter auf Kurzarbeit gesetzt und sind auch
gleich einen Teil ihres Einkommens los. Das Interesse der Werft
an der Verkürzung der Wege- und Wartezeiten hat also für die Ar-
beiter zur Konsequenz, daß sie in jeder Stunde m e h r
A r b e i t s p r o d u k t abzuliefern haben.
2. Die Verkürzung der Wege- und Wartezeiten soll dazu führen, daß
jedes Schiff b i l l i g e r ausgerüstet wird. Schneller = bil-
liger, heißt die Devise. Die Werft senkt die Lohnkosten pro
Schiff, indem sie den Arbeitern für das vermehrte Arbeitsprodukt
pro Tag einfach den gleichen Lohn zahlt. Die Verkürzung der Pro-
duktionszeit eines Schiffes macht sich für die Werft so gleich
doppelt bezahlt, weil pro Schiff w e n i g e r b e z a h l t e
A r b e i t anfällt.
Ihr Interesse, die Schiffsausrüstung für sich rentabler zu ge-
stalten, präsentiert die Werft den Arbeitern als Sachzwang, der
sich aus dem Akkordlohn ergibt. Wenn Wege- und Rüstzeiten entfal-
len, sei es doch nur selbstverständlich, daß damit auch die
"entsprechenden" Lohnbestandteile wegfallen, also neue Vorgabe-
zeiten anstehen. Allerdings: Was heißt hier "entsprechend"? Seit
wann gibt es denn für die Erledigung eines bestimmten Arbeitsgan-
ges eine f e s t e Summe Lohnpfennige? Soweit man sich erinnern
kann, d r e h t die Werft an dem Verhältnis von Geld und Ar-
beitszeit mit der eindeutigen Absicht, für dieselbe Leistung we-
niger Geld locker zu machen. Wenn Arbeiter erheblich mehr als 100
% verdienen, beherrscht die Werft noch allemal das "Argument",
daß da etwas nicht stimmen kann. Den Akkordlohn hat die Werft
doch nicht zum Geldverdienen für Arbeiter eingerichtet! Also wer-
den die Vorgabezeiten einfach gekürzt, ohne daß sich an der Ar-
beit auch nur irgendetwas geändert hat. So geschehen letztens.
Genauso benutzt die Werft jede Veränderung der Arbeit, um das
Verhältnis von Lohn und Leistung zu ihren Gunsten zu
v e r ä n d e r n. Nur mit dem feinen Unterschied, daß sich die-
ser Effekt q u a s i a u t o m a t i s c h einstellen soll.
Dabei beruft sich die Werft einfach darauf, daß sie ja jeden
Lohngroschen eines Arbeiters von der Erledigung eines Arbeitsgan-
ges a b h ä n g i g g e m a c h t hat. Deshalb soll automa-
tisch mit der Verkürzung der Wege- und Wartezeiten ein Teil der
Zeit entfallen, die sie pro Stück oder Arbeitsgang zu bezahlen
hat. Es ist ja nicht wahr, daß damit in Sachen Lohn und Leistung
alles beim Alten bliebe. Für dasselbe Arbeitsprodukt soll es we-
niger Geld geben. Oder anders ausgedrückt: für das gleiche Geld
sollen die Arbeiter mehr Arbeitsprodukt abliefern. Ein Sachzwang,
den nur das I n t e r e s s e der Werft s t i f t e t! Damit
soll es von vornherein keine Frage mehr sein, wer aus der
g e s t i e g e n e n Produktivität der Arbeit den Nutzen zieht.
Den beansprucht die Werft mit dem Akkordlohn für sich.
Keine Bezahlung von Wegezeiten = Verlängerung des Arbeitstages
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Das Interesse der Werft an der Verkürzung von Wege- und Wartezei-
ten macht an der Zusammenlegung verschiedener Arbeitsgänge in ei-
nem neuen Ausrüstungszentrum nicht halt. Da gibt es ja auch noch
die Wege vom Werfttor zum Arbeitsplatz und zurück, das Umziehen
und Duschen. Darin sieht die Werft gleichermaßen unproduktive
Zeiten, die für sie nichts als Verschwendung kostbarer Arbeits-
zeit sind. Wie sie den Materialfluß optimiert, um die Arbeitszeit
effektiver für den Gewinn auszunutzen, so kümmert sich die Werft
auch um sonstige Notwendigkeiten, die der Arbeitstag den Arbei-
tern beschert. Eben auf ihre Weise. Umkleideräume und Duschen
sollen im Ausrüstungszentrum zusammengefaßt werden. Die Pausen-
räume sollen überall auf der Werft verteilt in der Nähe der Ar-
beitsplätze liegen. Dort kommt auch die Stempeluhr hin, die alles
nähere regelt: Das Umziehen hat morgens v o r Arbeitsbeginn und
das Duschen nachmittags n a c h Arbeitsende stattzufinden. Da-
mit ist der Weg zum Arbeitsplatz auch erledigt.
So definiert die Werft neu, welche B e s t a n d t e i l e des
Arbeitstages als Arbeitszeit z ä h l e n und welche nicht. Sie
steht auf dem Standpunkt, daß der ganze Arbeitstag reine Pro-
duktionszeit zu sein hat und deshalb jegliche Wege- und Wartezei-
ten zu entfallen haben. Der Weg zum Arbeitsplatz, das Umziehen
und Duschen wird durch den Beschluß der Werft natürlich
n i c h t ü b e r f l ü s s i g; sie streicht einfach ihre
B e z a h l u n g! Diese Verrichtungen erklärt sie zur Privatsa-
che der Arbeiter, die sie nichts anginge. Damit verlängert sich
erstens der Arbeitstag für die Arbeiter. Zweitens haben sie jeden
Arbeitstag eine halbe Stunde länger Leistung abzuliefern. Das
lohnt sich drittens ganz besonders, weil die Werft mit der Sen-
kung der Vorgabezeiten diese Leistung für sich effektiver gestal-
ten will. Da läppert sich für die Werft einiges zusammen! Es
spricht also einfach alles dafür, die Bezahlung dieser zur Arbeit
dazugehörenden Verrichtungen zur schlechten Gewohnheit von ge-
stern zu erklären. Vom Standpunkt des Profits zumindest!
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