Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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"Fliegender Schichtwechsel" in Halle 53A
VW ERHÖHT DIE STÜCKZAHLEN AM BAND...
Bei VW ist eine Neuorganisation der Bandarbeit geplant. Statt daß
die Bänder wie bisher 2 x 8 Stunden am Tag laufen, mit einer Un-
terbrechung bei Schichtwechsel, sollen sie bei Schichtübergabe
durchlaufen, also 16 Stunden kontinuierlich in Betrieb sein. Zur
Durchführung dieser Neuorganisation ist mit dem Betriebsrat eine
"Regelung zum flexiblen Schichtwechsel in der Halle 53A" verein-
bart.
Der Zweck der Übung ist kein Geheimnis: VW verspricht sich vom
kontinuierlichen Bandlauf über 16 Stunden eine Erhöhung der
Stückzahlen gegenüber dem alten Zwei-Schichtbetrieb. Zwar ergibt
die Zusammenlegung von 2 x 8 zu 1 x 16 Stunden Bandlauf nach Adam
Riese auch nicht mehr Bandlaufzeit als vorher. Aber das Kapital
hatte ja schon immer seine eigenen Grundrechenregeln. Und die be-
sagen bekanntlich, daß die Menge A r b e i t, die sich in eine
bestimmte Zahl von B a n d l a u f s t u n d e n reinpacken
läßt, keineswegs fix ist, sondern im Gegenteil ziemlich variabel.
Da läßt sich immer noch etwas drehen, und genau das hat VW jetzt
vor.
Bislang war die Arbeit am Band so organisiert, daß das Quantum
Autos, das auf jeden Fall rauszukommen hatte, p r o
S c h i c h t festgelegt war. Das Verfahren, mit dem dies Pro-
duktionsergebnis sichergestellt wird, ist den Bandarbeitern wohl
vertraut: damit Störungen und Unterbrechungen des Bandflusses,
die sich im Schichtverlauf e v e n t u e l l einstellen könn-
ten, nicht das Schichtergebnis in Frage stellen, werden die Bän-
der auf jeden Fall erst einmal vorsorglich schneller gestellt.
W a s an Störzeiten durchschnittlich so anfällt, ist bekannt;
w a n n sie anfallen, natürlich nicht. Und das wäre ja schreck-
lich, wenn das von VW beschlossene Tagesergebnis durch solche un-
vorhergesehenen Unterbrechungen gefährdet würde! Also arbeitet
man eben noch ein bißchen schneller, als die "eigentlich" gelten-
den Taktzeiten es vorsehen. Das Resultat: w e n n alles ohne
Störungen klappt, gibt es am Ende der Schicht immer mal wieder
einen Zeitpuffer. Die Stückzahl ist geschafft, die Arbeit ist bis
zu zwanzig Minuten vor Schichtende erledigt, die Bänder stehen
still und werden zum Beginn der zweiten Schicht erst wieder ange-
worfen. Da wiederholt sich dann das Ganze ein zweites Mal.
Dieser Sachverhalt hat die Phantasie der VW-Arbeitsplaner ange-
regt. Ihr Einfall: wenn man die 2 x 8 Stunden, in denen
j e w e i l s mit einem Zeitpuffer für die Sicherstellung der
Stückzahl gesorgt wird, zu 1 x 16 Stunden zusammenzieht - dann
braucht man doch auch bloß einmal einen solchen Zeitpuffer vorzu-
sehen! Und wieso? Natürlich nicht deswegen, weil mit der neuen
Bandorganisation im Durchschnitt weniger Störzeiten anfallen wür-
den als mit der alten. Sondern deswegen, weil die Mannschaften
auf diese Weise mehr Zeit haben, anfallende Störungen wieder
"reinzuarbeiten". Auf diese Weise läßt sich die Arbeitszeit der
zweiten Tageshälfte nutzen, um Störzeiten der ersten wettzuma-
chen; umgekehrt ist dafür gesorgt, daß eine störungs f r e i e
Frühschicht sich nicht in arbeitsfreie Zeit für VW-Proleten um-
setzt, sondern als "Vorarbeit" für mögliche Störungen in der
Spätschicht fungiert. Und die Minuten, die bislang gebraucht wur-
den, um den Bandlauf bei Schichtwechsel zu stoppen, die neuen
Mannschaften antreten zu lassen und die Bänder neu anlaufen zu
lassen, nimmt VW bei der Gelegenheit als zusätzliche Produktions-
zeit gleich noch mit.
...die Arbeiter dürfen früher gehen
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So weit, so schlecht: die Bandarbeiter müssen demnächst eben pro
VW-Arbeitstag mehr Arbeit wegschaffen. Und damit der
"Betriebsmitteldurchlauf" auch reibungslos klappt, ergeht an sie
ein neuer Auftrag: demnächst regelt sich Anfang und Ende ihres
Arbeitstages als "fliegender Schichtwechsel". Das heißt: der
Frühschichtler verläßt nicht dann seinen Arbeitsplatz, wenn er
sein Pensum geschafft hat, sondern dann, wenn sein Nachfolger da
ist und "übernehmen" kann. Wie das zu organisieren ist, regelt
die Betriebsvereinbarung:
1. ist VW glatt so großzügig, den fliegenden Schichtwechsel als
Angebot an die Frühschichtler zu organisieren. Der Betrieb
schreibt den genauen Zeitpunkt der Ablösung nicht fest, sondern
legt ihn in die Gestaltungsfreiheit der Arbeiter; unter Oberauf-
sicht der Meister, selbstredend. Zwar e n t f ä l l t mit dem
Durchlaufen der Bänder auch der Umstand, daß die Frühschichtler
gelegentlich vor Schichtende mit "ihrer" Stückzahl fertig sind -
die Stückzahlen werden ja ab sofort für die gesamte 16-Stunden-
schicht festgelegt und nicht für Früh- und Spätschicht getrennt.
Früher gehen dürfen sie trotzdem - w e n n ihr Nachfolger sich
rechtzeitig an ihre Stelle stellt, also v o r Spätschichtbeginn
mit der Arbeit anfängt. Und nicht nur das: was bislang vom Be-
trieb aus verboten war - nämlich mit Arbeitsende auch das Werk zu
verlassen - das wird in der neuen Betriebsvereinbarung ausdrück-
lich erlaubt. Warum auch nicht? Schließlich ist mit dem fliegen-
den Schichtwechsel ja klar, daß der abgelöste Mann wirklich nicht
mehr gebraucht wird; also kann VW auch großzügig seinen bisheri-
gen Rechtsstandpunkt fallenlassen, nach dem bezahlte 8 Stunden
auch 8 Stunden Anwesenheitspflicht im Betrieb bedeuten.
Bei dieser "flexiblen" Regelung der Übergabe benutzt VW die Ge-
wohnheit der Arbeiter, immer ein ganzes Stück früher im Betrieb
zu sein, als ihre Schicht anfängt. Zwar gilt weiterhin der Stand-
punkt von VW, daß es die Privatsache der Arbeiter ist, wie lange
vor Arbeitsbeginn sie im Betrieb antanzen, um sich auf die Arbeit
vorzubereiten. Die Zeit gehört nicht zur Arbeitszeit und wird
auch nicht bezahlt: verlangt ist nur, daß jeder pünktlich am Ar-
beitsplatz bereitsteht, wenn die Arbeit losgeht. Das hindert den
Betrieb aber überhaupt nicht, sich diese Gewohnheit für die neue
Arbeitsorganisation zunutzezumachen. W e n n Früh- und Spät-
schichtler sowieso schon immer bei Schichtwechsel gleichzeitig im
Betrieb sind, dann können sie sich ja auch gleich so ablösen, wie
es zum "Betriebsmitteldurchlauf" am besten paßt!
2. Auch für die Spätschichtler gibt's ein "Angebot": "Die sachli-
che konstante Verteilzeit von 10 Minuten der Spätschicht wird am
Ende der Schicht gewährt." Im Klartext: wenn in der Spätschicht
ohne Störungen durchgearbeitet werden kann, dann hat man seine
Pause am Schichtende - und die muß man nicht im Betrieb verbrin-
gen, sondern kann, wie in der Frühschicht, etwas früher gehen.
Wenn nicht - ja, dann war die Pause eben schon gewesen.
3. Und als Abschlußbonbon: "Der fliegende Schichtwechsel am Ende
der Frühschicht" hat keine "finanziellen und steuerlichen
Auswirkungen". Nett: früh arbeitet man mal kürzer, spät mal län-
ger, beide Schichten zusammen schaffen pro Tag mehr Autos weg,
und alle kriegen weiter dasselbe Geld. Wenn das nichts ist!
P.S. Jetzt gibt's endlich auch für die VWler in Halle 53A die von
der IG Metall so gefeierte "Zeitsouveränität": immer mittags zwi-
schen 13.45 und 14.00 Uhr.
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