Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter


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       Entlassungen bei Thomson-Brandt
       

NOCH EIN KAMPF UM ARBEITSPLÄTZE - DER NICHT DEN BETROFFENEN NÜTZT, SONDERN IHREN FEINDEN

Letzte Woche demonstrierte die Belegschaft des ehemaligen Tele- funken-Werkes (EWD) in Hannover; mit der Stillegung des Ricklin- ger Kreisels machte sie in der Regionalpresse Schlagzeilen. Der Anlaß: der Elektro-Multi Thomson-Brandt streicht in Ricklingen 550 Leute von der Lohnliste. Über mangelnde Aufmerksamkeit für ihren Protest brauchten sich die Arbeiter und Arbeiterinnen nicht zu beschweren. Im Gegenteil - Gott und die Welt, vom Industrie- pfaffen über den Bürgermeister bis hin zum ehemaligen Telefunken- Vorstandschef Stoffels zeigten V e r s t ä n d n i s. Das gibt zu denken: machen diese Leute auf einmal Front g e g e n das anerkannte Prinzip der Marktwirtschaft, daß Arbeiter ihr Einkom- men verlieren, wenn Kapitalisten ihr Geschäft neu kalkulieren? Ziemlich unwahrscheinlich. Worum geht es also in der Auseinander- setzung bei Thomson-Brandt? Der Sachverhalt --------------- ist ebenso schlicht wie brutal. Der Elektro-Multi Thomson-Brandt hat in den letzten Jahren ordentlich Gewinne gemacht und schickt sich nun an, diese Gewinne sachgemäß einzusetzen: nämlich dafür, daß der Konzern in der Konkurrenz auf dem Elektronikmarkt weiter- hin die Maßstäbe setzt. Dafür werden Produktionspalette und Standorte unter dem Gesichtspunkt neu durchkalkuliert, wo in Zu- kunft der Einsatz der Maschinerie und Lohnarbeit am meisten Ge- winn erwarten läßt. Das Ergebnis: Insgesamt werden 20 Millionen investiert, das meiste in Celle, 1-2 Millionen in Hannover. In Celle soll dann mit einer von 870 auf 1020 aufgestockten Beleg- schaft die Produktion um fast ein Viertel gesteigert werden; in Hannover werden 550 Leute entlassen; ein Teil der Fertigung kommt nach Singapur oder Frankreich. So dementiert der Konzern die Lüge, Investitionen würden Ar- beitsplätze "schaffen": die Rationalisierung der Fertigung dient dem Konzern dazu, die g e z a h l t e n Löhne besser fürs Ge- schäft zu nutzen - und jede Menge Löhne ü b e r f l ü s s i g zu machen. Die Begründung -------------- des Konzerns für diese Maßnahmen ist ebenso schlicht wie offen- herzig: "Die Umstrukturierung ist aus Wettbewerbsgründen notwen- dig." Im Klartext: diese Umorganisation nützt unserem Geschäft - deswegen machen wir sie. Das reicht ja wohl als Grund! Der Kon- zern verläßt sich also voll und ganz darauf, daß sein I n t e r e s s e am gelingenden Geschäft als unumstößliches A r g u m e n t g i l t - und daß deshalb das Interesse von Arbeitern an einem gesicherten Lebensunterhalt n u l l u n d n i c h t i g i s t. Denn den umgekehrten Standpunkt: das In- teresse an einem gesicherten Einkommen gilt - und deshalb ist das Gewinninteresse null und nichtig! - den erklärt der Konzern mit seiner lapidaren Erklärung für ganz und gar ungehörig und ausge- schlossen. So weit, so schlecht. Die Ankündigung des Konzerns ruft sofort alle zuständigen Stellen auf den Plan. Und was haben sie denen zu bieten, die hier ihren Lohn verlieren? Betriebsrat und Gewerkschaft ---------------------------- schüren auf der Betriebsversammlung erst einmal ordentlich Empö- rung: "Kollegen haben schwarze Zahlen gebracht. Dennoch werden wir vom Jobkiller niedergemacht" heißt ihr Slogan. Sehr verräterisch! Erstens tut die Gewerkschaft hier kund, daß sie gegen Entlassungen nichts einzuwenden wüßte, wenn der Betrieb rote Zahlen schreiben würde. D a ß das Einkom- men ihrer Mitglieder die abhängige Variable der Geschäftskalku- lation ist und bleiben soll - dagegen hat sie gar nichts einzu- wenden. I n d i e s e m F a l l befindet sie die Entlassungen für u n b e r e c h t i g t - weil G e w i n n e vorliegen. So verbreitet die Gewerkschaft auf ihre Weise die Mär, e i g e n t l i c h seien Gewinne des Kapitals ein Berechtigungsschein für Arbeitsplätze. Wo Thomson gerade das Ge- genteil beweist, dürfen sich Arbeiter umso mehr moralisch im Recht fühlen, wenn sie rausfliegen. Dafür kann man sich be- kanntlich nichts kaufen - aber für Betriebsrat und Gewerkschaft ist die Sache damit praktisch erledigt. Für sie sind die Entlassungen a b g e h a k t, wenn sie das Kämpfen anfangen: 1. mit einer "massiven Ablehnung der Unternehmensplanung" im Auf- sichtsrat - Abstimmungsniederlagen ehren den Verlierer; 2. mit einer a l t e r n a t i v e n Unternehmensplanung: Be- triebsratsvorsitzender Hupe "kündigte eigene Vorschlage des Be- triebsrats an und forderte das EWD-Management auf, die für Celle in Aussicht gestellten Ersatzarbeitsplätze in Hannover zu belas- sen." (NP) "Ersatzarbeitsplätze" ist gut! So bekommen die Arbeitsplätze, die Thomson-Brandt gerade a u f g r u n d der Entlassungen in Han- nover plant, vom Betriebsrat ein dickes Plus. Damit stellt er klar, daß er auf dem Lohn der Leute g e g e n das Geschäfts- kalkül nicht beharren will. Aber das Kalkül sollte doch ermögli- chen, daß in Hannover s t a t t in Celle beschäftigt wird! So bringt die Gewerkschaft auf ihre Tour den G e g e n s a t z zwischen Lohn und Geschäft um die Ecke und verpflichtet die Leute darauf, auf sie als alternativen Unternehmensplaner und Arbeitsplatzersetzer zu bauen. Dafür führt sie die Leute auf die Straße - für die H o f f n u n g, daß in Verhandlungen zwischen Betriebsrat und Betrieb vielleicht doch noch die eine oder andere kleine Korrektur am Unternehmensprogramm vorzunehmen wäre. Und wenn alles nichts nützt - dann waren eben auch diese Entlassungen unvermeidlich... Der Bürgermeister ----------------- spart nicht mit kritischen Tönen gegenüber dem Konzern: "Wenn heute behauptet wird, das hiesige Werk sei veraltet, dann muß man kritisch feststellen, daß die in den letzten Jahren getä- tigten Investitionen nicht ausreichend waren." (NP) Auch Schmalstieg legt viel Wert auf das Märchen von der segens- reichen Wirkung von Investitionen auf Arbeitsplätze. Wenn j e t z t entlassen wird, dann haben wohl f r ü h e r Investi- tionen gefehlt, heißt sein Argument. Im Klartext: hätte Thomson- Brandt rechtzeitig rationalisiert und entlassen, dann bräuchte es das jetzt nicht zu tun! Aber wo die Sache nun einmal so liegt, wie sie liegt... Mit einem konstruktiven Vorschlag weiß der Elektronikspezialist Schmalstieg deshalb auch noch aufzuwarten: "Als branchenübergreifendem Elektronikkonzern dürfte es Thomson- Brandt durchaus möglich sein, mit Eigenaufträgen die hiesigen Probleme zu lösen." Sehr realistisch, der Herr Schmalstieg: W e n n Thomson-Brandt schon so locker Produktionsstätten und Belegschaften hin- und herschiebt - dann, so Schmalstieg, k ö n n t e er doch auch so schieben, daß auch in Hannover etwas mehr Produktion landet! Wo- mit nur noch einmal unterstrichen ist, daß, insofern der Konzern eben anders kalkuliert, die Leute sich wohl mit ihrem Schicksal abfinden müssen. Es sei denn, auf höchster Instanz werde noch et- was korrigiert: "Bundeskanzler Kohl soll sich bei Mitterand für die Arbeitsplätze im ehemaligen Telefunkenwerk einsetzen. Diesen Appell hat Hanno- vers Bürgermeister Schmalstieg gestern an den Bonner Regierungs- chef gerichtet." (NP) Klar, wo der deutsche Kanzler sonst doch auch ununterbrochen da- für unterwegs ist, deutschen Arbeitern eine Gelegenheit zum Geldverdienen zu sichern! Dieser "Appell" setzt auf die wohlfeile Einbildung, das könne doch der oberste Deutsche nicht wollen, daß ein f r a n z ö s i s c h e r Konzern "bei uns" Arbeitsplätze abbaut, weswegen das Anliegen Hannoveraner Arbeiter bei einem Herrn Mitterand an der richtigen Adresse wäre. Und wenn der ober- ste Chef der Franzosen da nichts mehr schiebt, dann ist ja wohl endgültig klar, daß für die Entlassungen w i r k l i c h keiner was kann! Dem Herrn Schmalstieg darf man jedenfalls die A b s i c h t zugute halten, sich sogar an oberster Stelle für die Leute bei Telefunken eingesetzt zu haben. Das bringt dem Schmalstieg vielleicht Wählerstimmen - denkt er. Wo die Debatte ohnehin bloß um die Frage geht, ob Thomson-Brandt denn unbedingt gerade so kalkulieren müßte, wie es kalkuliert, kann sich sogar ein Manager von der Konkurrenz mit kritischen Tö- nen einmischen. Der ehemalige Vorstandssprecher Stoffels, --------------------------- inzwischen Berater bei Grundig, mantelt sich als glaubwürdiger Sachverständiger (schließlich hat e r ja Telefunken "in die Ge- winnzone geboxt", weiß also am besten, wie und wann sich rationa- lisiert und entlassen gehört!) zu der "Kritik" auf, es sei "wirtschaftlich nicht notwendig, die Produktion von Fernbedienun- gen von Hannover nach Fernost zu verlegen. 'Solche Teile werden doch ohnehin in hohem Maße automatisch hergestellt'." (NP) Na klar: wo das Kapital die Lohnarbeit in D e u t s c h l a n d schon genauso kostengünstig nutzt wie in Fernost, "braucht" es auch nicht die Billiglöhner in Singapur den deutschen Arbeitern vorzuziehen. Wer so für Arbeitsplätze in der BRD Partei ergreift, weiß an- scheinend, was er an deutschen Löhnen hat! Den Streit sollten Ar- beiter jedenfalls die Agenten des Gewinns unter sich austragen lassen - wo und wie sie aus dem Einsatz der Arbeitskraft das mei- ste für den Betrieb rausholen! Fazit ----- Wo alle Welt, von der Gewerkschaft bis zum Manager, öffentlich den Streit austrägt, ob die Entlassungen bei Thomson-Brandt v e r m e i d b a r gewesen wären oder ob sich A l t e r n a t i v e n der Geschäftskalkulation des Konzerns hätten denken lassen - da sind Entlassungen abgehakt und das In- teresse von Arbeitern, ihren Lohn nicht zu verlieren, gestrichen. Für d a s Anliegen macht sich keiner von denen, die die Empö- rung auf die Straße führen oder für sie Verständnis äußern, stark. Die Botschaft an die "Betroffenen" heißt vielmehr: Gewinne müssen sein. Opfer sind eingeplant. Daß es diesmal gerade euch trifft, w ä r e vielleicht vermeidbar g e w e s e n. J e t z t ist es nun einmal so. Deshalb vertraut uns, dann geht die Rechnung das nächste Mal vielleicht auf, daß Gewinne Ar- beitsplätze sichern. Nämlich wie immer genau die, die für den Ge- winn gebraucht werden. Wenn die Tour z i e h t - dann bleibt der Protest ohnmächtig, das Arbeitslosenheer wächst - und am Schluß ist wieder einmal der Beweis erbracht, daß "man doch nichts machen kann." zurück