Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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VW VERORDNET SONDERSCHICHTEN -
DER BETRIEBSRAT STIMMT ZU -
DIE ARBEITER MACHEN SIE!
Von April bis Mai dürfen die VWler in den Werken Hannover, Wolfs-
burg und Emden an acht Samstagen zu Sonderschichten antreten.
Warum? Weil der Vorstand das beschlossen und der Betriebsrat zu-
gestimmt hat. Begründung überflüssig, außer daß das
I n t e r e s s e von VW das verlangt; ein Interesse, das
hierzulande als ein so fraglos anerkanntes gilt, daß der stell-
vertretende Vorstandsvorsitzende Münzner sich auf der
Belegschaftsversammlung in Wolfsburg jede Mühe sparen konnte, dem
eine womöglich 'höhere Weihe' zu verleihen:
"Es gehe darum, alle Absatzchancen für die VW-Palette im Frühjahr
nutzen zu können."
Eben. Einen besseren Grund, die Proleten zu Sonderschichten an-
treten zu lassen, kann es gar nicht geben! So sieht das jeden-
falls der Vorstand, und das haben die VWler zu schlucken - diese
geschätzten Dienstleister am VW-Kapital.
Gleichzeitig haben sie zu schlucken, daß das Kostensenkungspro-
gramm des Vorstands in Gestalt von Entlassungen - wie angekündigt
- seinen geplanten Verlauf nimmt: Von den ca. 23000 Leuten, die
VW bis spätestens Ende 1993 in den inländischen VW-Werken los-
werden will, sind 8000 bereits auf der Straße, wie diversen Zei-
tungsmeldungen zu entnehmen war. Der Rest soll ebenso stetig
"abgebaut" werden.
Ganz schön frech, mit welchem Anspruch da der VW-Vorstand gegen-
über den Arbeiter auftritt: Wir wollen m e h r A r b e i t von
euch und zugleich m ö g l i c h s t v i e l e von eurer Sorte
bezahlter Arbeiterexemplare l o s w e r d e n! Mehrarbeit und
Entlassungen sind für uns zwei Mittel für unseren heiligen Zweck
der Lohnstückkostensenkung; und deshalb heißt unsere Devise
heute, morgen und übermorgen, aus eurem Arbeitsvermögen soviel
herauszuschlagen, wie es hergibt, und so immer mehr von euch zur
überflüssigen Kost zu machen! Deutlicher geht's nimmer.
Da spricht der Vorstand einerseits sein
A n g e w i e s e n s e i n auf die Belegschaft aus - er ist so
scharf wie nichts auf ihre Mehrarbeit -, teilt ihnen zugleich un-
verblümt mit, daß er auf ihren Lebensunterhalt pfeift, also
i h r G r u n d, arbeiten zu gehen, für ihn nicht die Bohne
zählt, und hat offenbar nicht die geringste Sorge, daß die Arbei-
ter ihm den Vogel zeigen. Wozu die allen Anlaß hätten.
Immerhin ist die Botschaft: 'Ich brauche euch unbedingt für mein
Interesse, die zusätzlichen Frühjahrsgewinne einzusacken!', unter
Geschäftspartnern üblicherweise der Auftakt für ein wechselweises
Schachern um den P r e i s, den der eine zahlen muß, um an das
heranzukommen, was er vom anderen haben will. U n d es ist hier
auch noch das M i t t e l ausgesprochen, das die Arbeiter hät-
ten, dem unverschämt einseitigen Anspruchsdenken von VW mal einen
Riegel vorzuschieben: Wenn der Betrieb so scharf ist auf die Ar-
beit der Belegschaft, wird Verweigerung derselben ja wohl der He-
bel sein, VW mal eine Gegenrechnung zu präsentieren, die Maß
nimmt am e i g e n e n Interesse an Lohn und Leistung.
Der VW-Vorstand muß sich also seiner Sache sehr sicher sein, wenn
er die VWler wie die letzten Deppen behandelt, die gefälligst für
s e i n Programm, m e h r A r b e i t von immer
w e n i g e r A r b e i t e r n abgeliefert zu bekommen, einzu-
stehen haben.
Und? Haben die wirklich nichts Besseres vor, als samstags in die
Fabrik zu latschen, wenn der Betrieb sie ruft?
Betriebsrätlicher Standort-Realismus
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Der Betriebsrat hat ganz umstandslos, ohne großes Wenn und Aber,
den Samstagssonderschichten zugestimmt. Den gleichzeitig statt-
findenen "Personalabbau" hält er zwar "für weit überzogen"
(Hiller im "Handelsblatt"), was aber von vornherein gar nicht als
ernstgemeinter E i n w a n d gegen eine von beiden Maßnahmen
daherkommt. Ja, wenn VW beides - Sonderschichten und Entlassungen
- verlangt, wird das ja wohl notwendig sein, wo es um so fraglos
Wichtiges geht, wie die VW-Standorte in Deutschland zu sichern!
Und dieser S t a n d o r t - R e a l i s m u s erspart sich
auch gleich die R e d e w e i s e von 'Sonderschichten gut fürs
Geschäft = gut für Arbeitsplätze' als das sonst übliche Angebot
an die Einbildung der Arbeiter, auch ihre Interessen seien da ir-
gendwie berücksichtigt:
VW will Sonderschichten, der Betriebsrat kriegt glänzende Augen -
wegen der guten Geschäftslage:
"Wider Erwarten, so Hiller, zeichne sich für VW erneut ein ausge-
sprochen gutes Automobiljahr ab. Die Nachfrage sei sowohl im In-
land wie in den für VW wichtigen europäischen Volumenmärkten
'hervorragend'." (FAZ)
Also, nichts wie ran an die Arbeit, liebe VWler! Bei soviel
"Volumen" gehört Papi samstags in den Betrieb - zumal, man höre
und staune!, "der geltende Tarifvertrag keine Beschränkungen für
Samstagsarbeit vorsehe". Auch da kennt sich der Hiller eben aus,
wenn es drauf ankommt - für VW! (Siehe Kasten)
Durch die Standort-Brille betrachtet, sind für ihn Sonderschich-
ten nämlich ein einziger Beweis für die Bedeutung der deutschen
Standorte für das weltweit florierende VW-Geschäft - würde VW sie
sonst ausgerechnet in Wolfsburg und Hannover ansetzen?
Eine weitere Klarstellung also, daß für den Betriebsrat
'Standortsichern' zuallererst heißt, dem Gewinn und allen
Gewinnansprüchen von VW keine Hindernisse in den Weg zu legen.
Fertig aus. Also von ihm nicht anders gemeint ist, als der
g e n e r e l l e F r e i b r i e f für VW, in Sachen Lohn und
Leistung völlig freihändig zu verfahren.
Selbstredend hat er für dieses schöne Einvernehmen mit dem Vor-
stand auch eine 'Gegenleistung' geschenkt gekriegt: die Entlas-
sungen, die VW bis Ende 1989 vornimmt, dürfen anders
b e t i t e l t werden: "keine Entlassungen aus wirtschaftlichen
Gründen".
Klar, wo die Sonderschichten das gute Geschäft von VW beweisen,
können die Entlassungen, die gleichzeitig stattfinden, unmöglich
von der Geschäftslage kommen!
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