Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Vorstand stellt fest:
VW-ARBEITER SIND VERWÖHNT, FAUL, WEHLEIDIG
UND ZU VIELE - VERGLEICHSWEISE
Der VW-Vorstand hat eine "Auflistung möglicher konkreter Maßnah-
men zur Ertragsverbesserung" (Handelsblatt v. 31.5.) vorgelegt.
Anhaltspunkte für seinen Maßnahmenkatalog hat VW bei der Konkur-
renz gefunden. Hahn und Co. sind der Frage nachgegangen, wie die
anderen Autokonzerne die Belegschaften für ihre Gewinne einspan-
nen. Ausführlich wurde untersucht, was bei Opel oder Daimler an
Löhnen gezahlt, an Leistung verlangt wird, wie es mit Urlaub und
betrieblichen Sozialleistungen aussieht. Herausgekommen ist dabei
der sensationelle Befund, daß VW vergleichsweise ein
A r b e i t e r p a r a d i e s ist. Für den Vorstand ein er-
schütterndes Ergebnis. Ein Zustand, der unbedingt b e s e i-
t i g t werden muß!
Spitzenverdiener
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VW-Arbeiter verdienen z u g u t. Nämlich 3390 DM monatlich -
eine Zahl, die einen in Staunen versetzen soll. Nur sagt die
Geldsumme überhaupt nichts darüber aus, was ein Arbeiter sich da-
für leisten kann. Da zählt nun einmal, was man für das Geld be-
kommt. Für die Bestreitung des Lebensunterhalts ist auch nicht
unerheblich, daß kein VW-Arbeiter je das Geld zu seiner Verfügung
hat, das auf dem Lohnstreifen steht. Noch bevor er seinen Lohn
ausgeben kann, haben Steuer und Zwangsversicherung sich kräftig
an ihm bedient. Wir warnen auch davor, daß jetzt rund zwei Drit-
tel der VW-Arbeiter sich ans Lohnbüro wenden und eine erhebliche
Nachzahlung für die letzten Jahre verlangen, weil sie die 3390 DM
noch nie auf ihrer Lohnabrechnung unter der Rubrik Netto gefunden
haben.
VW interessiert sich erstens nur für den D u r c h-
s c h n i t t s lohn, zweitens im Verhältnis zur Konkurrenz. Und
siehe da, Opel mit 3150 und BMW mit 3084 DM zahlen weniger. Bloß,
wofür soll das sprechen? Wieso eigentlich verdienen VW-Arbeiter
deshalb z u g u t? Warum nicht die BMWler zu wenig? Aus einem
einfachen Grund: weil es für ein Unternehmen überhaupt n i c h t
z ä h l t, daß ein Arbeiter mit dem Lohn seinen Lebensunterhalt
bestreiten muß. Lohn, das sind für VW K o s t e n. Und so
müssen sie behandelt werden. Bei Kosten gilt nur ein
Gesichtspunkt: wie läßt sich ihr Verhältnis zum Profit verbes-
sern? Und so gesehen ist der Vergleich mit der Konkurrenz für die
Vorstandsherren aufschlußreich: da gibt es doch glatt Kapitali-
stenbrüder, denen das K o m m a n d o ü b e r d i e
A r b e i t e r b i l l i g e r kommt. A l s o sind VW-Arbei-
ter verwöhnt!
Deshalb haben die Löhne um 6% zu sinken, wenn es nach Hahn und
Co. geht. Eine Aufgabe für die paritätische Lohnkommission; der
Gerechtigkeitswahn der Gewerkschaft darf sich beim Abgruppieren
austoben. Außerdem macht VW sich zunutze, daß der Lohn in einen
gewerkschaftlich abgesegneten Billigtarif und einige sonstige
Zahlungen geschieden ist. Für den Lebensunterhalt der Arbeiter
waren sie zwar n i e etwas Z u s ä t z l i c h e s, sondern
stinknormale Lohnbestandteile, aber VW tut jetzt so, als seien es
lauter Geschenke gewesen. Alles, was über den nackten Stundenlohn
hinausgeht, erklärt VW rundweg für ü b e r f l ü s s i g: in
der Leistungszulage für Angestellte, dem anderthalbfachen Weih-
nachtsgeld, der Jahresprämie und den sonstigen betrieblichen So-
zialleistungen mit Pfennigbeträgen entdeckt der Vorstand 1001
G e l e g e n h e i t e n z u m L o h n s e n k e n!
Leistungsverweigerer
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Die VW-Arbeiter sind z u f a u l. Beweis: 94 Minuten Pause an
den Bändern. Die Gegenfrage, was in der Schicht denn sonst noch
los ist, ist nicht gestattet. Darüber sprechen 'Pinkelpause' und
Erholungszeit allerdings Bände. Offensichtlich ist es in den
Fabrikhallen von VW keine Selbstverständlichkeit, daß Arbeiter
etwas essen, wenn der Magen knurrt. Offenbar ist es noch nicht
einmal eine Selbstverständlichkeit, daß Arbeiter pinkeln gehen,
wenn es sie drückt. Offenbar ist das Leistungspensum nicht von
Pappe, wenn es eine extra Erholungszeit braucht, damit Arbeiter
mal Luft schnappen können. Die Pausenregelungen bezeugen nur ei-
nes: an den Bändern macht VW den Arbeitern gegenüber einen
u n e r b i t t l i c h e n Z w a n g z u r L e i s t u n g
auf, weshalb jedes Bedürfnis eines Arbeiters als Anschlag auf die
kontinuierliche Profitproduktion gilt. Das Unumgängliche wird
durch Pausen geregelt.
Hahn und Co. sehen das anders: woanders werden den Arbeitern
nicht 64 Minuten Pause pro 8-Stunden-Schicht bezahlt. Bei Ford,
Opel und BMW nur 25 oder 10 Minuten. Das läuft doch! Da fallen
die Arbeiter ja auch nicht um wie die Fliegen. A l s o sind VW-
Arbeiter zu faul. Durch den Wegfall von Pausen findet eine
"Optimierung der Arbeitszeit" statt: wenn die Arbeiter i n der
Schicht l ä n g e r arbeiten, läßt sich eine größere Stückzahl
zu gleichen Lohnkosten aus ihnen herausholen. Die Verwandlung von
b e z a h l t e n P a u s e n in u n b e z a h l t e A r-
b e i t ist der Kunstgriff, der den Vorstandsherren vorschwebt.
Die andere Methode für den gleichen Zweck ist die I n t e n s i-
v i e r u n g der Arbeit. Die läßt sich der Vorstand auch nicht
entgehen. VW-Standardleistung hat ja immer schon geheißen:
geliefert wird die Stückzahl, die der Betrieb verlangt. Die hat
sich in den letzten Jahren öfter mal erhöht, war erstaun-
licherweise aber immer 100 % - Standardleistung eben. Hahn & Co.
hat das längst nicht zufriedengestellt; die Herren haben
"eigentlich 120 % erwartet". A l s o haben die Vorgabezeiten zu
sinken. Welcher Arbeiter will schon die Erwartungen seines
Dienstherrn enttäuschen? Wenn er schon nicht gefragt ist.
Simulanten
Der Krankenstand ist z u h o c h. Nämlich fast 10%. VW-Arbei-
tern also ein paar freie Tage schenken, damit sie sich in Ruhe
erholen können und mit den Leistungsanforderungen ein wenig her-
untergehen, damit die ramponierten Knochen nicht so strapaziert
werden, würde der Gesundheit der Arbeiter durchaus gut bekommen.
Den Bilanzen aber nicht. VW stört nicht, daß Arbeiter krank sind,
sondern der Umstand, daß der Betrieb da Lohn zahlt, ohne daß die
Arbeiter sich für ihn nützlich machen. Bei Opel und Fiat ist der
Krankenstand nicht so hoch - a l s o sind VW-Arbeiter wehleidige
Kreaturen, die sich vor der Arbeit drücken. Weil Fehlzeitensen-
kung noch immer die beste Medizin ist, soll nach Hahn und Co. die
Arbeitsmoral ein wenig auf Vordermann gebracht werden. Darüber
hinaus haben die Herren ausgeheckt, den Fehlzeiten "unter Einbe-
ziehung der Arbeitszeitverkürzung" zu Leibe zu rücken. So lohnt
sich die Flexibilisierung der Arbeit noch ein weiteres Mal: warum
nicht noch mehr Fehlzeiten auf Freischichten anrechnen? Das spart
VW Lohn, den Arbeitern Freizeit!
Überzählige
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Die VW-Belegschaft ist z u g r o ß. Daß VW Arbeitsplätze zur
Verfügung stellt, damit Arbeiter sich ihren Lebensunterhalt ver-
dienen können, gehört zu den Lügen, mit denen Hahn und Briam sich
bei Gelegenheit gerne schmücken. Das Geschäft folgt anderen Kri-
terien. Wenn der Vorstand ankündigt, die Arbeitszeit effektiver
zu nutzen, die Vorgabezeiten zu senken oder die Fehlzeiten zu re-
duzieren, geht es jedesmal darum, aus der Belegschaft mehr Lei-
stung herauszuholen. Weil jeder VW-Arbeiter m e h r
L e i s t u n g abliefern soll, können die Produktionszahlen mit
w e n i g e r A r b e i t e r n erreicht werden. A l s o sind
etliche L o h n z a h l u n g e n ü b e r f l ü s s i g! Des-
halb haben die Vorstandsherren die angestrebte Leistungssteige-
rung der Belegschaft auch gleich in damit für überflüssig er-
klärte Arbeiter umgerechnet: die Kürzung der Vorgabezeiten bringt
"Freisetzungseffekte" in Höhe von 7200 Mann, die Senkung des
Krankenstandes um 1% macht 1300 Mann, der Wegfall von Pausen
nochmals 3200 Mann. Summa summarum sind im Maßnahmekatalog von
Hahn und Co. "Freisetzungseffekte" in Höhe von 16000 bis 19000
Mann veranschlagt. So werden die nächsten Tausende von Arbeitslo-
sen zielstrebig als Produktionsauftrag vergeben!
Eine Radikalkur
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in Sachen Lohn und Leistung wollen Hahn und Co. den VW-Arbeitern
verordnen. Als Ausweis des Erfolgs zählt also in der hiesigen
Wirtschaftsordnung überhaupt nicht, daß es den Arbeitern gut
geht. Da kommt es darauf an, daß die Bilanzen stimmen. Und Ge-
winne werden auf Kosten der Arbeiter gemacht. Deshalb deuten Hahn
und Co. darauf, wie die Konkurrenz die Arbeiter für ihre Gewinne
einspannt. Ob die Lohnsumme, die Arbeitszeit, die Stückzahl oder
der Krankenstand ins Visier gerät, es soll kein Moment der Benut-
zung der Arbeiter für den Gewinn geben, in dem VW nicht a l l e
seine Konkurrenten unterbietet. Im Wettbewerb in Sachen
A u s b e u t u n g will VW also auch weiterhin w e l t w e i-
t e S p i t z e n l e i s t u n g e n vollbringen! Für die "Si-
cherung der Wettbewerbsfähigkeit" von VW ist ein radikales
Programm der L o h n d r ü c k e r e i u n d L e i-
s t u n g s s t e i g e r u n g genau das Richtige.
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