Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter


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LEISTUNGSSTEIGERUNG AM LAUFENDEN BAND

VW meldet einen grundsätzlichen Korrekturbedarf am gültigen Lohn- Leistungsverhältnis an. In seinen "Maßnahmen zur Ertragsverbes- serung" entdeckt VW an allen Ecken und Enden im Betrieb, daß z u w e n i g oder überhaupt n i c h t g e a r b e i t e t wird. 1. Standardleistung hoch - also mehr arbeiten in gleicher Zeit -------------------------------------------------------------- Haben Sie schon gewußt, daß der Arbeitstag bei VW ziemlich viel Leerlauf enthält? Für VW ist das klar. Dem Betrieb schwebt eine "Standardleistung von 120%" vor. Das heißt: an jedem Arbeitsplatz soll nach Wunsch von VW 20% mehr Leistung gebracht werden. Ein- fach so? Einfach so. VW befindet: das bisher verwandte V e r f a h r e n der Leistungssteigerung ist eine einzige Schranke für das I n t e r e s s e von VW, jederzeit nach Gut- dünken die Leistung raufsetzen zu können. Bislang hieß das, was VW an jedem Arbeitsplatz verlangt hat, im- mer 100% - egal, was der Arbeiter da jeweils zu schaffen hatte. Zum Zwecke der Leistungssteigerung wurde die Arbeit umorganisiert, wurden Vorgabezeiten erhöht o.ä. - und anschlie- ßend wurde mithilfe von MTM unwiderleglich "bewiesen": die neue Leistung ist genau das, was der Arbeitsplatz verlangt, also 100%. So ist jede Menge Mehrleistung zustandegekommen - weshalb VW jetzt befindet, daß es sich diesen Umstand auch genausogut sparen kann. Standardleistung = 120% - damit stellt VW programmatisch klar: es ist die pure Definition von VW, was an jedem Ar- beitsplatz zu machen ist. Auf den Arbeitsplätzen soll, so wie wir sie eingerichtet haben, alles schneller gehen, heißt die neue De- vise des Betriebs. Wenn es doch sowieso der Betrieb ist, der die Arbeitsplätze einrichtet - wieso dann einen Zusammenhang herstel- len zwischen der Veränderung eines Arbeitsplatzes und dem In- teresse an Leistungssteigerung! 2. Taktausgleichszeiten verkürzen - also mehr arbeiten... --------------------------------------------------------- Haben Sie schon gewußt, daß an vielen Bandarbeitsplätzen noch jede Menge "Luft drin" ist? Für VW beweisen das schon die "Taktausgleichszeiten". VW will nämlich nicht bloß, daß i n s g e s a m t mehr gearbeitet wird. Es will auch noch, daß i n d e r g l e i c h e n Z e i t mehr gearbeitet wird. Das kommt doch aufs Gleiche raus, sagen Sie? Eben. Die Sache steht nämlich folgendermaßen: bislang ist die Taktzeit an den Bändern 1,4 Minuten und damit das Interesse von VW an einer ent- sprechenden Stückzahl realisiert. Damit kehrt bei VW aber nicht etwa Zufriedenheit ein - im Gegenteil. Jetzt heißt der Standpunkt des Betriebs: wenn das so prima klappt - dann muß da doch noch mehr rauszuholen sein! Dazu fällt VW ein, daß seine Techniker und Ingenieure ausgerechnet haben, daß nicht jede Arbeit am Band ge- nau diese 1,4 Minuten dauern muß - das ergibt die berühmten "Taktausgleichszeiten". Von denen hat noch kein A r b e i t e r je etwas bemerkt. Erfunden wurden diese Zeiten von den Arbeitsin- genieuren. Die führen den rechnerischen Nachweis, daß sich alle Handgriffe auf jeden Fall im 1,4-Minutentakt erledigen lassen. Das läuft - übrigens nicht wegen der Berechnung, sondern weil die Leute im Takt arbeiten. So flutscht die Arbeit und schon ist VW sonnenklar: diese Zeiten braucht's gar nicht fürs Arbeiten; am Band wird also laufend n i c h t gearbeitet. Schließlich gibt es doch Minutenbruchteile, die nicht Takt sondern "Ausgleich" sind! An die Rationalisierungsspezialisten ergeht der dementspre- chende Auftrag einer "optimalen Umorganisation der Arbeit" nach dem Motto: in die Taktzeit wird doch wohl mehr Arbeit reinzupacken sein! 3. ...und Verteilzeit reduzieren - also mehr arbeiten... -------------------------------------------------------- Haben Sie schon gewußt, daß in der Taktzeit immer noch "zuviel Luft" ist? Für VW keine Frage. Da gibt's noch die "sachliche Ver- teilzeit". Die besteht einfach in einem rechnerischen Bestandteil der gesamten Bandlaufzeit für den Umstand, daß es immer mal wie- der zu Stockungen am Band kommt. Auch hierin sieht VW jetzt einen völlig unnötigen Zuschlag an Zeit, der gekürzt gehört. Erfunden wurde diese "Verteilzeit", weil VW weiß, daß es erstens w e g e n der knappen Taktzeiten immer wieder Stockungen gibt, und zweitens nicht will, daß die zu Störungen der Gesamtproduk- tion führen. Also kalkuliert VW Stockungen als D u r c h- s c h n i t t in die Bandzeit ein. Wie schnell das Band dann t a t s ä c h l i c h läuft, hängt sowieso von ganz etwas anderem ab: nämlich davon, ob die kalkulierte Stückzahl in der Schicht läuft. Und wenn tatsächlich mal k e i n e Bandstops auftreten - dann haben die Arbeiter am Ende der Schicht doch glatt "die Verteilzeit für sich". Jetzt entdeckt VW in dem r e c h n e r i s c h e n Bestandteil der Bandlaufzeit eine ein- zige Schranke fürs Schnellerstellen des Bandes. Ab sofort gilt die Verteilzeit als reine Verschwendung von Ar- beitszeit, die dem Profit zusteht. Wenn die Arbeiter mit der zu- gestandenen "sachlichen Verteilzeit" das Plansoll hinkriegen, dann schließt VW messerscharf: dieser Bestandteil der Arbeitszeit ist ü b e r f l ü s s i g! Und dieser Standpunkt gilt ab sofort auch dann, wenn sich trotz höherer Bandgeschwindigkeit ein Pro- duktionsausfall mal nicht aufholen läßt: dann hat nämlich die nächste Schicht dieses Plansoll reinzuholen. Wie immer man die Schicht bilanziert: für VW sprechen jedenfalls die "sachlichen Verteilzeiten" auf jeden Fall dafür, die Bänder ein wenig schnel- ler zu stellen! 4. ...und jede Schicht länger arbeiten - also mehr arbeiten... -------------------------------------------------------------- Haben Sie schon gewußt, daß Sie in den Genuß einer heimlichen Ar- beitszeitverkürzung gekommen sind? VW sieht die Sache jedenfalls so, daß bislang überhaupt nicht vom Anfang bis zum bitteren Ende einer Schicht wirklich gearbeitet worden ist. Der Betrieb hat nämlich sogenannte Rüstzeiten einkalkuliert, in denen Verrichtun- gen abzuwickeln sind, die zur Bandarbeit d a z u g e h ö r e n - wie etwa Werkzeug- oder Materialbeschaffung - ohne tatsächlich Bandarbeit zu s e i n. So notwendig diese Arbeiten für die Bandarbeit auch sein mögen - VW beschließt jetzt, daß sie Abzug von der Arbeitszeit sind, weil in ihnen keine Stückzahlen produ- ziert werden. Also sollen die Rüst z e i t e n entfallen. Nichts einfacher als das - das Band läuft einfach durch! Die Rüst a r b e i t e n entfallen damit natürlich überhaupt nicht. Aber das können ja die Schichtarbeiter unter sich ausmachen, ob der zweite eher kommt oder der erste länger bleibt - bezahlt wird diese zusätzliche Ar- beitszeit jedenfalls nicht. Indem VW bei Schichtwechsel die Mann- schaften zum Staffellauf mit Schraubenzieher antreten läßt, v e r l ä n g e r t der Betrieb in jeder Schicht die Arbeitszeit am Band. So kommt dann auch die Idee auf, die "Stückzahlbindung" pro Schicht überhaupt aufzugeben oder sie so hoch anzusetzen, daß sie nur noch unterschritten werden kann. Eine Alternative, bei der Arbeiter es getrost dem Betriebsrat überlassen können, sich einzumischen - schließlich geht es in beiden Fällen um den prak- tischen Test, was aus den Arbeitern herauszuholen geht. Nichts, aber auch rein gar nichts des vom Betrieb bisher bestimm- ten Arbeitseinsatzes läßt VW noch gelten. Klar: die Arbeiter bringen nicht v i e r m a l Leistung - einmal als Standard, dann als Takt, dann drittens ohne Störungen und viertens als Schicht. Es ist immer dieselbe Arbeit, die sie machen müssen. Diese Arbeit betrachtet VW unter vier verschiedenen Gesichtspunk- ten - und schon hat der Betrieb vier verschiedene Gründe, aus je- der Arbeitsminute mehr rauszuholen. Jeder Bestandteil der Arbeit für sich und alle zusammen sollen gründlich verändert werden. Und es ist gar kein großes Geheimnis, was das für die Arbeiter heißt: Sie müssen sich im Dienste von VW immer mehr verschleißen. So- lange die Lohnsumme, die man dafür nach Hause trägt, ungefähr gleich bleibt, soll man in diesem Angriff von VW auf das Verhält- nis von Lohn und Leistung keine Verschlechterung der Bezahlung sehen. Dabei ist unübersehbar: so wird das Geld, das man als Arbeiter bekommt, immer weniger wert, weil man dafür immer mehr Lebenskraft hinzulegen hat. zurück