Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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VW-Arbeiter aus Hannover nach Emden abgestellt:
MOBILES EINSATZKOMMANDO
Ein paar Hundert "überwiegend jugendliche Werksangehörige" aus
Hannover dürfen sich diesen Sommer ganz nahe bei den letzten Rob-
ben um VWs neues Flagschiff 'Passat' verdient machen. Sie wurden
freiwillig dafür abgestellt, zusammen mit ihren Emder Kollegen
die Stückzahlen des neuen Karrens von 700 auf über 900 pro Tag
hochzufahren. Dabei gibt sich VW, das gerade sein Sparprogramm
zur 'Senkung der Personalkosten' anleiert, richtig großzügig:
"Neben der üblichen Auslösung wird ihnen vom Arbeitgeber auch ein
monatliches Fahrgeld gezahlt".
Und das, obwohl in Emden genug billige und willige arbeitslose
Ostfriesen herumlungern!?
VW hat dann ja gar nicht das Urteil, daß die Emdener Belegschaft
zu klein sei. Schließlich wurde das Werk in den letzten beiden
Jahren total umgekrempelt, um mit dem neuen Passat auch eine mo-
dernes "Lohnsparmodell" auf den Markt zu bringen. Bisher wurden 8
Werksangehörige pro Auto in Emden gebraucht, beim neuen Passat
soll es es weniger als 6 sein, wenn die Anlaufphase vorüber ist.
Um die Zeit abzukürzen, die es dauert bis in Emden alles (und vor
allem die dortige Belegschaft) wie am Schnürchen läuft, also das
von "modernster Technologie" vorgegebene Arbeitstempo und die
damit geplante Stückzahl erreicht ist, werden schnell ein paar
Hundert Arbeiter aus Hannover und Ingolstadt 'abgeordnet' .
Was VW da den Emdener Kollegen als zu "bewältigende Anlaufphase"
aufmacht heißt nämlich "Produktivität" und ist ein Schlager auf
dem Automarkt in der Konkurrenz mit den anderen. Ein Schlager,
der eben nicht darunter leiden soll, daß er mit seinen Stück-
zahlen vielleicht erst etwas später auf dem Markt und auf die
dort versammelten Fords, Opels usw. einschlägt, wenn die Emder
Kollegen die neue "Produktivität" alleine hinkriegen müßten. Je-
der entgangene Verkauf eines Passat wäre schließlich ein Erfolg
für die Konkurrenz. Das zu verhindern, ist den Herren mit dem
spitzen Rechenstift durchaus ein paar Mark wert: Ein Schiff
gechartert, "Hotel" genannt und zur Käfighaltung von Arbeitsvieh
bestens geeignet, dazu ein paar Hunderter Auslöse und ein Fahr-
ticket pro Mann, schon hat VW sein mobiles Einsatzkommando vor
Ort, um der Emder Belegschaft auf die Sprünge zu helfen.
Auch wenn man nicht kleinlich erscheint und rasch Nägel mit Köp-
fen macht - gerechnet wird da ganz genau. Schließlich sollen in
Emden nicht mehr Autos mit mehr Arbeitern gebaut werden, sondern
mit weniger. Deswegen wird auch niemand - schon gar nicht zu-
sätzlich und nicht einmal vorübergehend - eingestellt, obwohl der
ostfriesische Arbeitsmarkt dank Arbeitsförderungsgesetz - also
Zeitverträge, Teilzeitarbeit usw. - für jeden Bedarf genug zu
bieten hätte.
Aber selbst das ist VW noch zu "starr" und bürokratisch. Man hat
ja selbst eine ausgesprochen flexible Belegschaft, aus der nicht
nur ruck-zuck Leute vor Ort geschickt werden, die an VW-Stan-
dardleistung gewöhnt und damit sofort einsetzbar sind, sondern
die ebenso schnell und "unbürokratisch" wieder verschwinden, wenn
sie mit dafür gesorgt haben, daß ihr Einsatz in Emden überflüssig
geworden ist.
Die 500 Mann, die nach Emden abgestellt wurden, sollen schließ-
lich dafür sorgen, daß d a s Passatprogramm schneller reali-
siert wird, das sich "Senkung der Lohnstückkosten" buchstabiert
und im Ü b e r f l ü s s i g m a c h e n v o n L ö h n e n
besteht. Und d a s ist VW neben einer guten Milliarde für das
neue Werk auch noch ein paar Tausender vorübergehender Lohn-
z u s a t z k o s t e n wert.
In Hannover dürfen derweil die Kollegen der "Schiffsmannschaft"
dafür sorgen, daß die Durchsetzung des Lohnsparprogramms in Emden
wirklich nur diese "Zusatzkosten" verursacht, indem sie ih-
rerseits als "mobiles Einsatzkommando" die fehlenden Kollegen er-
setzen. Aus den Abteilungen und von den Bändern sind die Leute ja
nicht deshalb abgezogen worden, weil sie dort eh nur dumm rum-
standen. Nein, an der alten Arbeitsstelle geht's weiter wie ge-
wohnt - zumindest was den zu bewältigenden Arbeitsumfang be-
trifft. Das wäre ja auch noch schöner, denkt VW, wenn für eine
Senkung der Lohnstückkosten auch noch mehr Löhne gezahlt werden
müßten.
Wie sagte der Betriebsratsvorsitzende Hiller zum Jubiläum:
"Wir können mit Recht von einem 'Sozialmodell Volkswagen' spre-
chen, das sich in der Vergangenheit bewährt und Maßstäbe gesetzt
hat." (Emdener Zeitung)
Ausgesprochen flexibles "Hilton" für flexible Arbeiter
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