Quelle: Archiv MG - BRD WIRTSCHAFTSPOLITIK BETRIEBE - Vom Umgang mit dem Arbeiter
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Gewerkschaftliches Ablenkungsmanöver
VW STELLT LOHN UND LEISTUNG ZUR DISPOSITION -
DIE IG METALL WILL BRUCH VON TARIFVERTRÄGEN VERHINDERN
VW hat sein geplantes Maßnahmenpaket sortiert. Einige Vorhaben,
so befindet der Vorstand, lassen sich "b e t r i e b s-
i n t e r n" regeln, für andere bedarf es der Ä n d e r u n g
v o n T a r i f v e r t r ä g e n. Ein interessantes Sortie-
rungskriterium, das VW da anlegt: Unterschieden wird nicht nach
den Auswirkungen der Maßnahmen auf die Leute, das anzunehmen,
wäre wirklich weltfremd! Es wird auch nicht nach den Wirkungen
auf die Kostenlage des Betriebes unterschieden, wie man
vielleicht meinen könnte. Unterschieden wird einzig und allein
nach folgendem Kriterium: Wie lassen sich die einzelnen Vorhaben
in Sachen Lohnkostensenkung a b w i c k e l n. Die
E r f ü l l u n g des Sparprogramms scheint der VW-Konzern of-
fenbar nicht für ein Problem zu halten. Vielmehr haben die Herren
Manager in den Verträgen nachgeschaut und entdeckt, daß es einer-
seits Regelungen und Haustarife gibt, die dem Betrieb die Frei-
heit geben, nach Gutdünken zu entscheiden. Das fällt für VW unter
"betriebsinterne Regelung". Nicht ganz zu unrecht. Denn wo Ver-
träge dem Unternehmen freie Hand lassen, da zählen wirklich nur
B e t r i e b s gesichtspunkte. Andererseits haben die Herren aus
dem Vorstand entdeckt, daß für einige der von ihnen geplanten
Sparmaßnahmen mit der IG Metall über eine Ä n d e r u n g von
Tarifverträgen g e r e d e t werden muß. Die Manager von VW
sind also felsenfest davon überzeugt, daß die Gewerkschaft dazu
da ist, die Tarifregelungen jeweils dem Kapitalinteresse anzupas-
sen, wenn es gewünscht wird.
Und die IG Metall?
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Wie steht die Arbeitervertretung bei VW denn nun zu den unver-
schämten Ansprüchen der Konzernleitung an die VW-Beschäftigten?
E i n e r s e i t s bringt sie dem Anliegen von VW in F o r m
und I n h a l t ziemlich viel Verständnis entgegen. Wie man der
Presse entnehmen konnte, ist das Lohnsenkungskonzept der Gewerk-
schaft seit Wochen bekannt, ohne daß sie es für wert befunden
hätte, es den Betroffenen zur Kenntnis zu bringen. Sie muß der
Auffassung sein, daß es allein s i e was angeht, was das Werk
mit Arbeitern und Angestellten vorhat. Einen Skandal konnte sie
in diesem geplanten Generalangriff auf den Lohn der Leute nicht
so ohne weiteres entdecken. Umgekehrt hatte sie, als der SPIEGEL
das Papier in die Öffentlichkeit brachte, auch nichts Eiligeres
zu tun, als zunächst einmal Verständnis für den Z w e c k des
Kostensenkungsprogramms zum Ausdruck zu bringen. An Erhaltung der
"Wettbewerbsfähigkeit" des Konzerns ist der IG Metall allemal ge-
legen.
A n d e r e r s e i t s aber äußert sie harsche Kritik: Das Pro-
gramm sei einseitig, basiere auf falschen Rechnungen und außerdem
verlange VW von der IG Metall, g ü l t i g e T a r i f-
v e r t r ä g e a u ß e r K r a f t z u s e t z e n. Das
aber sei mit der Gewerkschaft nicht zu machen:
"In einer Zusammenstellung der VW-Unternehmensleitung sind die
Nachteile gegenüber anderen Werken aufgeführt, wie die unter-
schiedliche Erholungszeit für Leistungslöhner während der
Schicht, Waschzeiten, Arbeitsablaufbeschreibungen und Regelungen
für Weihnachten und den Jahreswechsel. Sicher werde über Dinge zu
reden sein, die erhebliche Kosten für das Unternehmen bedeuten,
meinte der Gewerkschaftsbevollmächtigte (Walter Kaufmann). Jedoch
werde man sich in keiner Weise ein Herabdrücken des Lohn- und Ge-
haltsniveaus oder eine Senkung des Weihnachtsgeldes abhandeln
lassen. Sie seien eindeutig tarifvertraglich geregelt." (WK
30.5.88)
Dem entnehmen wir:
1. Alle Maßnahmen, die a u f G r u n d l a g e geltender Ver-
träge durchgesetzt werden können, weil die betreffenden Verträge
sehr "eindeutig" die F r e i h e i t dazu festgelegt haben,
sind von der Gewerkschaft a b g e h a k t.
- Z.B. eine Absenkung der Vorgabezeiten? Aber immer! Schließlich
sieht der Lohnrahmentarifvertrag, den die IG Metall für VW ausge-
handelt hat, ja "eindeutig" vor, daß für 100% VW-Standardlohn
jede gewünschte Standardleistung verlangt werden kann, wenn nur
der V e r f a h r e n s w e g für die N e u festsetzung der
Leistung über MTM eingehalten wird.
Und genau auf diesen von der Gewerkschaft u n t e r s c h r i e-
b e n e n F r e i b r i e f beruft sich das Vorstandspapier
schießlich, wenn es darin heißt:
"An Maßnahmen, die betriebsintern geregelt werden können, nennt
das Vorstandspapier wiederum eine Erhöhung der Leistung, die die
Kosten um 480 bis 500 Mio. DM reduzieren würde und 7200 bis 7600
Mitarbeiter freisetzen würde. Hier schwebt dem VW-Vorstand eine
Anhebung der VW-Standardleistung durch Absenkung der Vorgabezei-
ten für alle Tätigkeiten vor. Während die Leistungserwartung zur
Zeit bei 100 liegt, sollte sie eigentlich bei 120 liegen..."
(Handelsblatt, 31.5.88)
- Z.B. Ausnutzung der so erreichten "Produktivitätssteigerung"
für Streichung des Einkommens für Tausende von VW-Arbeitern? Aber
immer!
"Daß es zumindest mit der Beschäftigung nicht so weitergeht, wie
bisher, vermutet die IG Metall auch. Zwar gibt es zur Zeit noch
einen Autoboom, aber in den nächsten Jahren wird nach den uns
vorliegenden Prognosen die Stückzahl der produzierten Autos sin-
ken und gleichzeitig die Produktivität der Automobilfirmen weiter
steigen. So entsteht eine Beschäftigungsschere, der im nächsten
Jahrzehnt Tausende von Arbeitnehmern zum Opfer fallen werden."
(IG Metall-Pressesprecher Barczynski in der taz)
So sehr leuchtet der IG Metall eben das Betriebsinteresse ein,
durch Entlassungen die Personalkosten zu senken, daß sie gleich
so tut, als kämen die Rausschmisse wie ein naturgesetzlicher
Sachzwang über die Belegschaft. Ein unvermeidliches Schicksal,
das die Gewerkschaft vorhersagt wie der Wetterbericht den näch-
sten Regen. Deswegen hat die Gewerkschaft einen Tarifvertrag, der
Entlassungen v e r b i e t e n würde, auch vorsorglich nicht
verlangt. Die geplanten Freisetzungen lassen sich vom Betrieb da-
her locker ohne Verstoß gegen eine vertragliche Festlegung durch-
ziehen.
Dem entnehmen wir:
2. Weil diese Gewerkschaft nur so trieft von Verständnis für die
"Lohnkostenprobleme" des Betriebes, beruft sie sich nicht nur
gerne auf die Freiheiten, die sie dem Kapital zugebilligt hat,
als Beweis dafür, daß sie da nichts machen könne. Diese Gewerk-
schaft denkt auch nicht im Traum daran, wenigstens diejenigen An-
griffe auf den Lebensstandard der Leute abzuwenden, die auf der
Grundlage der gültigen Tarifverträge d e r z e i t nicht mach-
bar sind. Wäre das nämlich das Vorhaben der IG Metall, dann gäbe
es zwischen ihr und dem Werk keine "Dinge" zu bereden, die
"erhebliche Kosten für das Unternehmen bedeuten". Dann müßte sie
vielmehr sagen: Ihr kennt die Tarifverträge und ihre Laufzeit,
punktum! Ebenfalls wäre es völlig überflüssig, auf solche tarif-
vertraglich geregelten "Besitzstände" zu deuten, die man sich
gewerkschaftlicherseits n i c h t abhandeln lassen will.
Die Gewerkschaftsforderung an den Betrieb, er solle keine Tarif-
verträge v e r l e t z e n, ist offenbar nicht als "Verteidi-
gung erreichter Positionen" gemeint! Stattdessen will die Ge-
werkschaft mit VW in eine fruchtbare Auseinandersetzung darüber
einsteigen, welche Verträge gemeinschaftlich mit der IG Metall
g e ä n d e r t werden sollen! Dann ist nämlich für eine
Gewerkschaft, die vollstes Verständnis für das Gewinninteresse
des Konzerns hat, aber Unternehmerwillkür auf den Tod nicht lei-
den kann, alles paletti: Wenn Angriffe auf den Lohn unter Aner-
kennung der Mitzuständigkeit der Gewerkschaft, also mit ihrem Se-
gen, zustandekommen. Und diesbezüglich hat der Vorstand sich
wirklich noch kein Versäumnis zuschulden kommen lassen. Sogar
v o r der Öffentlichkeit wurde die Gewerkschaft über die Pläne
informiert und zu Gesprächsterminen eingeladen. Bei VW, weiß des-
halb die IG Metall ständig lobend hervorzuheben, funktioniert die
S o z i a l p a r t n e r s c h a f t bestens. Das stimmt: Der
Betrieb lädt die IG Metall zum S t r e i c h konzert ein und die
Gewerkschaft freut sich über die E i n l a d u n g.
Vorprogrammierte Siege der Gewerkschaft
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S i e g e der Gewerkschaft in der "Abwehr" betrieblicher An-
schläge auf Lohn und Leistung sind bei alledem unvermeidlich.
Dankenswerterweise hat VW nämlich einen solchen R u n d u m-
s c h l a g gegen den Lohn auf die Tagesordnung gesetzt, daß
genügend Spielraum bleibt für "echte Kompromisse", die dann nach
dem bekannten Muster aussehen: Der B e t r i e b kriegt von der
IG Metall die Zustimmung zur gewünschten Senkung der Perso-
nalkosten und die G e w e r k s c h a f t kriegt als Preis
dafür vom Vorstand aus dem vorsorglich weitgefaßten Maßnah-
menkatalog dreieinhalb Maßnahmen zugestanden, bei denen sie
Lohnabbau "verhindern" darf. Ein Schmierentheater also, bei dem
gewerkschaftliche Siege ebenso vorprogrammiert sind wie der Er-
folg des VW-Lohnsenkungsprogramms
Warnung!
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Bei diesem Zirkus zwischen VW und Gewerkschaft bzw. Betriebsrat
sollte man das Sparprogramm von VW nicht mit Fragen seiner tarif-
konformen Abwicklung verwechseln:
- Für einen VW-Arbeiter ist es nämlich scheißegal, ob ihm Geld
gestrichen wird aufgrund "betriebsinterner" Regelungen oder auf-
grund einer Änderung des Tarifvertrages. Für den eigenen Geldbeu-
tel macht es keinen Unterschied, w i e das Geld eingespart
wird, das einem hinterher fehlt.
- Für einen VWler ist also doppelte Vorsicht geboten, wenn die IG
Metall vor der Verletzung von Tarifverträgen warnt. Zum einen:
Was hilft es denn ihnen, wenn das Kürzungsprogramm in schönster
Übereinstimmung mit allen Tarifverträgen der Welt über die Bühne
geht? Zum anderen: Bei der IG Metall muß man auf das hören, wor-
über sie sich n i c h t beschwert, und das sind alle Spar-
maßnahmen, die "betriebsintern" geregelt werden können!!!
- Als VWler hat man deshalb auch nichts von gewerkschaftlichen
"Siegen", die in der Regel eine abgekartete Sache sind und sich
für Arbeiter genau umgekehrt buchstabieren, nämlich als ihre Nie-
derlage in Sachen Lohn und Leistung.
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